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Der Hadal vollführte einen unmöglichen Sprung auf den olivfarbenen Felsvorsprung. Alle Scheinwerfer richteten sich auf ihn. Er war geisterhaft weiß und, wie es aussah, mit Schuppen oder Schmutz überkrustet.

Walker rannte an der Felswand entlang und feuerte ununterbrochen auf das davonhastende Wesen. Es hielt auf den Wasserfall zu. Doch entweder waren die Steine dort von der Gischt glitschig, oder eine von Walkers Kugeln hatte ihr Ziel getroffen. Der Hadal stürzte. Walker und seine Männer waren sofort da, und dann sah Ali nur noch das Aufblitzen von Mündungsfeuer.

Benommen rappelte sich Ali langsam auf und ging auf die Gruppe aufgeregter Soldaten zu. Ihrem Jubel nach musste es der erste lebendige Hadal sein, den sie jemals gesehen, geschweige denn besiegt hatten. Walkers Spezialistenteam war mit dem Feind keinen Deut besser vertraut als diejenigen, die sie schützen sollten.

»Zurück zu den Booten«, sagte Walker zu ihr.

»Was haben Sie vor?«

»Sie haben unsere Zylinder geklaut«, sagte er.

»Wollen Sie da etwa rein?«

»Erst wenn wir den Wasserfall im Griff haben.«

Sie sah, dass einige Soldaten die größeren Maschinengewehre, mit denen ihre Flöße bestückt waren, in Stellung brachten. Sie waren so eifrig und verbissen bei der Arbeit, dass Ali vor ihrem Enthusiasmus erschrak. Von ihren Aufenthalten in afrikanischen Bürgerkriegsgegenden wusste sie nur zu gut, dass das Ungeheuer, war es erst einmal losgelassen, nicht mehr zurückzurufen war. Das alles passierte viel zu schnell. Sie wollte Ike um sich haben, jemanden, der das Territorium kannte und den Vergeltungsschlag des Colonels verhindern konnte. »Aber zwei von Ihren Leuten sind noch da drin.«

»Gute Frau«, antwortete Walker, »mischen Sie sich nicht in militärische Angelegenheiten.« Auf eine knappe Handbewegung hin führte sie einer der Söldner am Arm zu der Stelle, an der die letzten Wissenschaftler gerade ihre Flöße bestiegen. Ali kletterte an Bord, dann legten sie ab und betrachteten das Spektakel aus sicherer Entfernung.

Walker ließ sämtliche Scheinwerfer auf den Wasserfall richten. Die hohe Wassersäule war jetzt so hell erleuchtet, dass sie wie ein gläserner Drache aussah, der sich heftig atmend am Fels festgekrallt hatte. Walker wies seine Leute an, direkt in den Wasserfall zu feuern.

Ali fühlte sich an den König erinnert, der versucht hatte, den Meereswogen Einhalt zu gebieten. Das Wasser verschlang die Geschosse. Das mächtige Rauschen schluckte die Geräusche fast vollständig, verwandelte das Geschützfeuer in patschendes Feuerwerksgeknatter. Sie verstärkten das Feuer, rissen hier und dort aufplatzende Löcher ins Wasser, die sich jedoch sofort wieder schlossen. Einige der speziell angefertigten Lucifer-Geschosse trafen mit ihren Uraniumköpfen auf den nackten Fels und rissen große Steinsplitter heraus. Ein Soldat feuerte eine Rakete in den Schlund hinter dem Wasserfall, woraufhin sich die flüssige Säule nach außen stülpte und für einen kurzen Moment eine verschwommene Lücke dahinter freigab. Fast im gleichen Augenblick schloss sich die Lücke wieder unter den unablässig herabrauschenden Wassermassen.

Und dann fing der Wasserfall an zu bluten. Im Strahl der mächtigen Scheinwerfer färbte sich das Wasser rot. Kurz darauf war auch der kleine Seitenarm blutrot, die Färbung ergoss sich in den Hauptstrom und wurde flussabwärts mitgerissen. Ali dachte, dass die Farbe Ike zurückrufen müsste, wenn er schon nicht durch den Lärm der Schüsse alarmiert worden war. Das Ausmaß der Aktion, die Walker befohlen hatte, jagte ihr Angst ein. Die mörderischen Hadal niederzuschießen war eine Sache, aber wie es aussah, hatte er soeben die Schlagadern einer gewaltigen Naturkraft aufgerissen. Sie spürte ganz deutlich, dass er etwas Grauenhaftes entfesselt hatte.

»Was in Gottes Namen war dort drin?«, keuchte jemand.

Auf Walkers Signale hin schwärmten seine Soldaten aus. In ihren geschmeidigen Rettungsanzügen wateten sie vorwärts und stellten sich links und rechts vom Wasserfall auf. Dann trat die Hälfte von Walkers Kontingent von beiden Seiten her in den wirbelnden Nebel, während die andere Hälfte direkt von vorne auf die herab stürzende Wasserwand zurobbte, bereit, jederzeit weitere Salven hineinzupumpen. Die Wissenschaftler sahen mit angehaltenem Atem auf ihren schaukelnden Flößen zu.

Mehrere Minuten vergingen. Dann kehrte einer der Männer in seinem glänzenden Neopren-Amphibienanzug zurück und rief:

»Alles klar!«

»Was ist mit den Zylindern?«, schrie ihm Walker zu.

»Sind hier drin«, antwortete der Soldat. Walker und die verbliebenen Männer erhoben sich und gingen ohne ein Wort an die Zurückbleibenden in den Wasserfall.

Schließlich paddelten die Wissenschaftler ans Ufer zurück. Einige hatten Angst davor, dass noch mehr Hadal sich auf sie stürzen könnten. Eine kleine Gruppe, der sich auch Ali anschloss, ging zu dem getöteten Hadal, um ihn sich näher anzusehen. Viel war von dem Wesen nicht mehr übrig. Die Kugeln hatten es praktisch von innen nach außen gewendet.

Zusammen mit den anderen ging Ali dann durch den Wasserfall. Ali knipste ihre Stirnlampe an und schob sich zwischen Wasser und Fels vorwärts. Schließlich erreichten sie eine kugelförmige Grotte.

Die vermissten Zylinder lagen alle drei gleich am Eingang, bedeckt von einem Gewirr dicker Kabel. Vollbeladen wog jeder Zylinder über vier Tonnen - wie hatten die Hadal sie nur in dieses Versteck schleppen können? Zwei der Kabel liefen nach oben in den Wasserfall, was die Vermutung nahe legte, dass ihre Verbindung zur Oberfläche noch intakt war.

Seitlich auf einem Zylinder schimmerten unter der fast gänzlich abgeschliffenen Inschrift HELIOS die Buchstaben NASA geisterhaft durch. Die Außenhülle war von Gewehrkugeln und Granattreffern eingedellt und zerschrammt, sonst aber unversehrt. Die Hadal hatten versucht, den Zylinder mit Steinen und Eisenstäben zu knacken, doch es war ihnen lediglich gelungen, einige der dicken Bolzen abzubrechen. Die Luken waren nach wie vor fest verschlossen. Ali kletterte um einen Haufen Seile und Kabel herum und erkannte in dem ersten Leichnam, den sie entdeckte, Walkers ersten Freiwilligen, den hünenhaften Teenager aus San Antonio. Sie hatten ihm mit bloßen Händen die Kehle herausgerissen.

Weiter drinnen hatten Walkers Leute chemische Fackeln auf Vorsprünge gelegt oder in Felsspalten geklemmt, von wo aus sie jetzt im gesamten Gewölbe einen grünen Schimmer verbreiteten. Der Rauch von den Explosionen hing wie nasser Nebel in der Luft. Die Soldaten umkreisten die Toten. Ali warf einen raschen Blick auf die großen Haufen aus Fleisch und Knochen, hob den Kopf jedoch sofort wieder, um die aufkommende Übelkeit zu ersticken. Die Wände schienen in dem grünen Licht Feuchtigkeit auszuschwitzen, doch was da schimmerte, war Blut. Es war überall.

Einige Soldaten starrten Ali mit großen Augen an. Von ihrem früheren Übereifer war nicht viel übrig geblieben.

»Das sind alles Frauen«, murmelte ein Soldat.

»Und kleine Kinder.«

Ali musste genauer hinsehen, als ihr lieb war, hinter die tätowierte Haut und die Gesichter mit den buschigen Augenbrauen. Sie musste nach ihren Geschlechtsorganen und nach ihrer Zartheit suchen, doch dann sah sie, dass die Worte des Soldaten der Wahrheit entsprachen.

»Säue und Ferkel«, scherzte einer in dem Versuch, die Schmach ein wenig herunterzuspielen. Aber niemand lachte. So etwas gefiel ihnen nicht: Keine Waffen, kein einziger Mann. Sie hatten Unschuldige abgeschlachtet.

Über ihnen tauchte ein Soldat in der Öffnung einer Seitenhöhle auf, brüllte etwas herunter und wedelte mit den Armen. Beim Rauschen des Wasserfalls war er unmöglich zu verstehen, doch Ali bekam das Gespräch aus einem Walkie-Talkie gleich neben ihr mit.

»Sierra Victor, hier Fox Eins. Colonel«, berichtete eine aufgeregte Stimme, »wir haben hier Überlebende gefunden. Was sollen wir mit ihnen tun?«

Ali sah, wie Walker sich zwischen den Toten erhob und die Hände nach seinem eigenen Walkie-Talkie ausstreckte, und sie ahnte, welchen Befehl er geben würde. Er würde den Soldaten einfach befehlen, ihren Job zu beenden. Walker hob das Walkie-Talkie an den Mund.