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»Warten Sie!«, schrie Ali und rannte auf ihn zu.

Sie sah, dass er genau wusste, was sie von ihm wollte.

»Hallo Schwester!«, begrüßte er sie.

»Tun Sie es nicht!«, erwiderte sie.

»Sie sollten mit den anderen wieder hinausgehen«, lautete seine Antwort.

»Nein.«

In diesem Augenblick brüllte ein Mann aus Richtung Eingang, und alle drehten sich zu ihm um. Es war Ike.

Vom tosenden Wasser eingerahmt stand er auf den Zylindern. »Was haben Sie bloß angerichtet?«

Er hob ungläubig die Hände und stieg von den Zylindern herab. Sie sahen zu, wie er auf eine Leiche zuging und vor ihr niederkniete. Er legte seine Flinte neben sich auf den Boden, zog die Leiche einer Frau an den Schultern hoch. Ihr Kopf fiel zur Seite, weißes Haar kräuselte sich um die Hörner, die Zähne waren gebleckt. Sie waren zu nadelscharfen Spitzen gefeilt. Ike ging fast zärtlich mit ihr um. Er richtete den Kopf wieder auf, blickte in das Gesicht, roch hinter ihrem Ohr und legte sie wieder auf den Boden. Direkt neben ihr lag ein kleiner Hadal. Ike wiegte ihn so behutsam in den Armen, als wäre er noch am Leben.

»Ihr habt keine Ahnung, was ihr da angerichtet habt«, sagte er mit hohler Stimme.

»Hier Sierra Victor, Fox Eins«, murmelte Walker in sein Walkie-Talkie. Er hielt die Hand vor Mund und Sprechmuschel, doch Ali konnte ihn trotzdem hören. »Feuer frei.«

»Was tun Sie da!«, schrie Ali, riss dem Colonel das Funkgerät aus der Hand und fingerte an der Sendetaste herum. »Auf keinen Fall schießen!«, stieß sie hervor und fügte rasch hinzu: »Verdammt noch mal!«

Sie ließ die Sendetaste los, und sofort war eine unsichere, verwirrte Stimme zu hören: »Colonel? Bitte wiederholen Sie, Colonel.«

Walker machte keine Anstalten, das Walkie-Talkie wieder an sich zu nehmen.

»Das konnten wir doch nicht wissen«, sagte einer der Soldaten zu Ike.

»Du warst nicht hier, Mann«, sagte ein anderer. »Du hast nicht gesehen, was sie mit Tommy gemacht haben!« »Was habt ihr denn erwartet?«, fuhr Ike sie grollend an. Sie verstummten sofort. Ali hatte ihn noch nie so aufgeregt gesehen. Und woher kam diese Stimme bloß?

»Ihre kleinen Kinder!«, polterte Ike.

Sie wichen ängstlich vor ihm zurück.

»Es waren Hadal«, sagte Walker.

»Genau«, erwiderte Ike. Er hielt das zerschmetterte Kind auf Armeslänge von sich und untersuchte das kleine Gesicht, dann drückte er den Körper an sein Herz. Er nahm sein Gewehr und erhob sich.

»Das sind wilde Tiere, Crockett.« Walker sprach so laut, dass alle ihn hören konnten. »Sie haben uns drei Mann gekostet. Sie haben unsere Zylinder gestohlen und hätten sie aufgebrochen. Hätten wir sie nicht angegriffen, hätten sie unsere Vorräte geplündert - und das wiederum hätte unseren Tod bedeutet.«

»Das hier«, entgegnete Ike und streckte ihm das tote Kind entgegen, »das ist euer Tod!«

»Wir sind ...«, hob Walker an.

»Damit habt ihr euch selbst umgebracht«, sagte Ike jetzt etwas ruhiger.

»Das reicht, Crockett. Schließen Sie sich der menschlichen Rasse an. Oder gehen Sie zu denen zurück!«

Das Walkie-Talkie in Alis Hand fing wieder zu quäken an. Sie hielt es hoch, damit Ike die Worte auch verstehen konnte. »Sie fangen an herumzulaufen. Bitte um Bestätigung. Sollen wir das Feuer eröffnen oder nicht?«

Walker entriss ihr das Gerät, doch Ike war ebenso schnell. Ohne zu zögern richtete er die Mündung seiner abgesägten Flinte auf das Gesicht des Colonels. Walkers Mund zuckte.

»Gib mir das Kind«, sagte Ali zu Ike und nahm ihm den kleinen Jungen ab. »Wir haben etwas anderes zu tun, finden Sie nicht, Colonel?«

Walker blickte sie mit vor Zorn aufgerissenen Augen an. »Nicht schießen«, schnarrte er in das Walkie-Talkie. »Wir sehen uns die Sache an.«

Der Steinboden unter ihren Füßen war uneben, und sie mussten tiefen Löchern ausweichen. Sie kletterten eine glitschige Schräge zu der höher gelegenen zweiten Grotte hinauf. Der tödliche Geschosshagel war, mit Ausnahme einiger Querschläger, die genug Unheil angerichtet hatten, nicht bis hier vorgedrungen. Bevor sie die obere Ebene erreicht hatten, kamen sie an weiteren Leichen vorbei.

Die Überlebenden drängten sich in einer Nische aneinander. Es sah aus, als spürten sie die Lichtstrahlen auf der Haut. Ali zählte insgesamt sieben Hadal, zwei davon waren noch sehr jung. Sie waren stumm und bewegten sich nur dann, wenn jemand seine Stirnlampe zu lange auf sie richtete.

»Mehr nicht?«, fragte Ike die Soldaten, die den ängstlichen Haufen bewachten.

»Noch die dort drüben. Die wollten abhauen.« Der Mann zeigte auf elf oder zwölf Leute, die in der Nähe einer Tunnelmündung auf dem Boden lagen.

Die Hadal hielten die Gesichter vom Licht abgewandt, die Mütter schützten ihre Kinder. Ihre Haut leuchtete. Wenn sich die Muskeln bewegten, setzten sich die Tätowierungen und Narben wellenförmig in Bewegung.

»Sind die alle so schrecklich fett, oder was?«, fragte ein Söldner Walker.

Mehrere der Weibchen waren tatsächlich fettleibig. Genauer ausgedrückt waren sie steatopygisch, mit gewaltigen Fettreserven in Hinterbacken und Brüsten. In Alis Augen sahen sie genauso aus wie die in Stein gekratzten oder auf Felswände gemalten steinzeitlichen Venusfiguren. So dick und verziert und mit dem eingefetteten Haar sahen sie wahrhaftig prächtig aus.

»Diese Frauen sind heilig«, sagte Ike. »Sie sind geweiht.«

»Aus Ihrem Mund hört es sich an, als wären es vestalische Jungfrauen«, höhnte Walker.

»Ganz im Gegenteil. Das hier ist eine Art Brutstätte. Hier leben die Schwangeren und die Mütter, die gerade entbunden haben, die Säuglinge und die kleinen Kinder. Die Hadal wissen, dass ihre Rasse vom Aussterben bedroht ist. Deshalb werden die schwangeren Frauen an solche geschützten Orte wie diesen gebracht. Sie leben hier ungefähr so wie in einem Harem.« Er überlegte kurz und fügte dann hinzu: »Oder in einem Kloster.«

»Was wollen Sie uns mit all dem sagen?«

»Hadal sind Nomaden. Sie gehen je nach Jahreszeit auf Wanderschaft. Solange sie unterwegs sind, hält jeder Stamm seine Frauen, um sie besser schützen zu können, immer in der Mitte der Karawane.«

»Schöner Schutz«, meldete sich ein Soldat zu Wort. »Wir haben soeben ihre nächste Generation in Hackfleisch verwandelt.«

Ike antwortete nicht.

»Moment mal«, meinte Walker. »Heißt das, wir haben ihre Kette genau in der Mitte erwischt?«

Ike nickte.

»Das heißt, vor und hinter uns befinden sich die Männchen?«

»Pech«, sagte Ike. »Richtiges Pech. Ich glaube, wenn sie hier eintreffen, sollten wir verschwunden sein.«

»Na schön«, nickte Walker. »So, jetzt haben wir uns alles angesehen. Bringen wir die Sache hinter uns.«

Sofort stellte sich Ike zwischen die Hadal. Ali konnte seine Worte nicht deutlich genug hören, erkannte jedoch das Auf und Ab in seinem Tonfall, unterbrochen von gelegentlichem Zungenschnalzen. Die Frauen antworteten überrascht, und ebenso verdutzt richteten die Soldaten ihre Waffen auf sie. Walker warf Ali einen raschen Blick zu, und mit einem Mal hatte sie Angst um Ikes Leben.

»Wenn auch nur eine von ihnen versucht wegzulaufen, eröffnet ihr das Feuer auf die ganze Bande«, befahl Walker seinen Leuten.

»Aber El Cap ist noch da drin«, gab ein junger Bursche zu bedenken.

»Und zwar Dauerfeuer«, fuhr ihn Walker zornig an.

Ali löste sich von Walkers Seite, ging zu Ike hinüber und stellte sich ebenfalls in die Schusslime.

»Geh zurück«, flüsterte Ike.

»Ich tue es nicht für dich«, log Ali, »sondern für sie.«

Hände reckten sich, um Ike und sie zu berühren. Die Handflächen waren rau, die Fingernägel abgebrochen und verkrustet. Ike hockte sich zwischen sie, und Ali erlaubte Einzelnen, ihre Hände zu ergreifen und an ihr zu riechen. Sein Stammeszeichen erregte besonderes Interesse. Eine Greisin mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen klammerte sich an seinen Arm. Sie streichelte über die vernarbten Knoten und fragte ihn etwas. Als Ike ihr antwortete, hatte es den Anschein, als weiche sie angewidert zurück. Sie flüsterte mit den anderen, die sofort versuchten, hastig von ihm wegzukommen. Ike, der immer noch in der Hocke saß, senkte den Kopf. Er versuchte es mit einigen anderen Sätzen, doch sie bekamen nur noch mehr Angst.