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»Was machst du da?«, erkundigte sich Ali. »Was hast du ihnen gesagt?«

»Ich habe ihnen meinen Hadal-Namen genannt«, sagte Ike.

»Aber du sagtest doch, es sei verboten, ihn laut auszusprechen.«

»Das war es auch. Bis ich ihr Volk verließ. Ich wollte herausfinden, wie schlimm es wirklich um mich steht.«

»Kennen sie dich denn?«

»Sie wissen einiges über mich.«

Der Reaktion der Hadal nach zu urteilen, war sein Ruf nicht der Beste. Sogar die Kinder hatten Angst vor ihm.

Das Walkie-Talkie verkündete, dass zwei der Zylinder geöffnet seien und Shoat eine Verbindung nach oben hergestellt hatte. Ali konnte es Walker vom Gesicht ablesen, dass er von dem Hin und Her genug hatte.

»Das reicht jetzt«, sagte er.

»Lassen Sie sie einfach in Ruhe«, rief ihm Ali zu.

»Ich bin ein Mann, der zu seinem Wort steht«, erwiderte Walker. »Ihr Freund Crockett hat doch selbst die Parole ausgegeben, keine Gefangenen zu machen.«

»Colonel«, sagte Ike, »die Hadal zu töten, ist eine Sache, aber ich habe hier einen Menschen bei mir. Wenn Sie sie abknallen, haben Sie einen Mord am Hals.«

Ali nahm an, dass er von ihr redete. Doch er griff zwischen die Hadal und packte eine der Kreaturen, die sich hinter den anderen versteckt gehalten hatte. Sie kreischte auf und biss ihn, doch Ike hielt ihre Arme fest und zog sie heraus. Ali hatte keine Gelegenheit, sie zu sehen. Die anderen klammerten sich an ihre Beine und ließen erst von ihr ab, als Ike nach ihnen trat. »Los«, sagte er zu Ali. »Lauf, solange wir noch können.«

Die Hadal stießen ein durchdringendes Geheul aus. Ali war sicher, dass sie jeden Moment hinter Ike und dem Wesen, das er aus ihrer Mitte gerissen hatte, herstürmen würden.

»Lauf!«, rief Ike und sie rannte in Richtung der Soldaten, die eine Lücke für sie, Ike und seine Beute bildeten. Sie stolperte und fiel hin. Ike stürzte quer über sie.

»Im Namen des Vaters«, intonierte Walker. »Fackelt sie ab.«

Die Soldaten eröffneten das Feuer auf die Überlebenden. Der Lärm war in der kleinen Grotte ohrenbetäubend. Ali hielt sich beide Ohren zu. Das Morden dauerte weniger als zwölf Sekunden. Der ganze Raum stank nach den Ausdünstungen der Waffen, und Ali hörte immer noch eine Frau schreien.

»Hier entlang.« Ein Soldat packte sie am Arm.

»Aber Ike ...«

»Der Colonel sagte sofort«, antwortete er. Ali sah aus dem Augenwinkel, dass an der Höhlenwand ein Handgemenge stattfand, Ike mittendrin. In der anderen Ecke lagen die Reste ihres Massakers. Warum nur, dachte sie und ließ sich von dem Soldaten wegbringen, zurück auf den Boden der ersten Höhle und durch den Wasserfall.

Die nächsten paar Stunden verbrachte Ali wartend in der Nähe der Gischt. Jedes Mal, wenn ein Soldat herauskam, fragte sie nach Ike. Die Leute wichen ihrem Blick aus und gaben keine Antwort.

Endlich tauchte Walker auf. Hinter ihm, von Söldnern geführt, ging das von Ike gerettete Mädchen. Sie hatten die Arme der Frau mit Stricken gefesselt und ihr den Mund mit Klebeband zugeklebt. Auch die Hände waren mit Klebeband aneinander gebunden, außerdem trug sie eine Drahtschlinge wie eine Hundeleine um den Hals, und die Füße waren mit einem Stück Kabel in ihrer Bewegungsfreiheit behindert. Ihre mit geronnenem Blut verschmierte Haut wies Schnitte und Kratzer auf. Trotzdem schritt sie wie eine Königin einher, nackt wie Eva im Paradies.

Ali erkannte, dass sie keine Hadal war. Vom Hals abwärts waren die meisten Vertreter der Spezies Homo in den letzten hunderttausend Jahren einander ziemlich ähnlich geblieben. Ali wusste das und konzentrierte sich auf die Schädelform. Sie war schmal und sehr sapiens. Abgesehen davon erinnerte jedoch wenig an die menschliche Herkunft des Mädchens. Ihre Tätowierungen stellten selbst Ike in den Schatten. Sie waren im wahrsten Sinne des Wortes blendend. Vor lauter Details war der Körper kaum zu sehen. Die Pigmente, die in ihre Haut appliziert worden waren, hatten ihre natürliche braune Hautfarbe so gut wie getilgt. Ihr Bauch war rund, ihre Brüste geschwollen. Sie war von Kopf bis Fuß tätowiert, mit Edelsteinen geschmückt und bemalt. An jeder Zehe trug sie einen dünnen Eisenring. Ali schätzte sie auf nicht älter als vierzehn.

»Unser Kundschafter hat uns davon überzeugt«, sagte Walker, »dass dieses Kind hier womöglich weiß, was uns bevorsteht. Wir brechen auf. Sofort.«

Bis auf den Verlust der drei Soldaten sah es ganz so aus, als seien sie ohne größeren Schaden entkommen. Sie hatten für weitere sechs Wochen Lebensmittel und Batterien erhalten und Helios in einer kurzen Botschaft an die Oberfläche mitgeteilt, dass sie noch am Leben waren. Von einer Verfolgung war nichts zu bemerken, abgesehen davon, dass Ike sie dreißig Stunden ohne Nachtlager weitertrieb. Er machte ihnen Angst.

»Wir werden gejagt«, warnte er immer wieder.

Am 2. Oktober blieben zwei Söldner, die die Nachhut bildeten, spurlos verschwunden. Ihr Fehlen wurde erst zwölf Stunden später bemerkt. Walker war davon überzeugt, dass die Männer ein Floß entwendet und sich auf eigene Faust auf den Rückweg gemacht hatten. Er schickte fünf Soldaten los, die sie verfolgen und zurückbringen sollten. Ike riet ihm davon ab. Kurze Zeit später änderte der Colonel seine Meinung, aber nicht auf Grund von Ikes Warnungen, sondern weil eine Nachricht über das Walkie-Talkie kam. Alle im Lager verstummten, denn man war sicher, dass die beiden Vermissten sich melden und Bericht erstatten würden.

»Vielleicht haben sie sich nur verlaufen«, mutmaßte einer der Wissenschaftler.

Die Nachricht war von vielen Gesteinsschichten verzerrt, doch es war eindeutig eine männliche Stimme mit britischem Akzent, die da aus dem Gerät zu hören war. »Jemand hat einen schlimmen Fehler begangen«, sagte die Stimme. »Ihr habt mir meine Tochter genommen.«

»Wer spricht da?«, wollte Walker wissen.

Ali wusste es. Es war Mollys nächtlicher Liebhaber.

Auch Ike wusste es. Die Stimme gehörte demjenigen, der ihn einst in die Dunkelheit geführt hatte.

Isaak war zurückgekehrt.

Jeder Löwe kommt aus seiner Höhle,

Alle Schlangen beißen;

Lauernde Dunkelheit, schweigende Erde,

Ruhend ihre Schöpfer im Lichtland.

»Die Große Hymne an Aten«, 1350 v. Chr.

20

Tote Seelen

SAN FRANCISCO, KALIFORNIEN

Der Hadal schob sich mit dem Kopf zuerst aus einem der vielen Höhlenausgänge. Vor Hunger wie benommen, kämpfte er gegen einen Schwächeanfall an. Raureif verkrustete die kreisrunden Öffnungen der Zementröhren. Der Nebel war kalt. Aus den übereinander geschichteten Röhren konnte er die Kranken und Sterbenden hören. Die Krankheit war so tödlich wie eine Pestepidemie oder ein vergifteter Fluss.

Aus seinen Augen rann Eiter. Diese Luft. Dieses schreckliche Licht. Wie ein Leprakranker zog er sich Stofffetzen über den Kopf. In den zerschlissenen Umhang gekauert, fühlte er sich besser. So konnte er auch besser sehen. Sein Stamm brauchte ihn. Alle anderen erwachsenen Männer waren tot. Jetzt hing alles von ihm ab. Waffen. Nahrung. Wasser. Ihre Suche nach dem Messias würde warten müssen.