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Der General grinste sie sardonisch an. »Als sie hier oben ankamen, waren es noch zweiundfünfzig. Bei der letzten Zählung gestern waren es noch neunundzwanzig. Inzwischen sind es wahrscheinlich noch weniger.«

»Sechshundert Meter?«, fragte January. »Das ist so gut wie an der Oberfläche. Handelte es sich vielleicht um eine Invasionseinheit?«

»Keinesfalls. Eher um einen Herdenzug. Die meisten von ihnen sind Weibchen und Jungtiere.«

»Aber was wollen sie bloß hier oben?«

»Keine Ahnung. Wir können uns nicht mit ihnen verständigen.

Der Patrouillenführer sagte jedoch, die Gruppe sei eindeutig in Richtung Erdoberfläche unterwegs gewesen. Sie waren kaum bewaffnet. Es sah fast danach aus, als suchten sie etwas. Oder jemanden.«

Die Beowulf-Gelehrten verstummten. Ihre Augen reichten die Frage von einem zum anderen weiter. War dieser Hadal, der dort unten über das mit Raureif überzogene Gras des Stadions kroch, auf einer ähnlichen Mission wie sie selbst? Wollte er Satan finden? Hatte dieser verlorene Stamm seinen entschwundenen Anführer gesucht? Und zwar auf der Erde?

Sie hatten in der vergangenen Woche über diese Möglichkeit diskutiert. Gault und Mustafah hatten die Theorie aufgestellt, dass seine satanische Majestät womöglich ein Wanderer zwischen den Welten sei, der gelegentlich Ausflüge an die Oberfläche unternehme und die menschliche Entwicklung schon seit Ewigkeiten verfolge. Abbilder - meist in Stein gehauen - sowie die mündliche Überlieferung von Völkern auf der ganzen Welt zeichnen ein erstaunlich einheitliches Bild seiner Person. Er tauchte aus dem Nichts auf und verschwand ebenso plötzlich wieder. Er war ein Meister der Verkleidung und der Täuschung.

Gault und Mustafah hatten die Theorie bei einem gemeinsamen Aufenthalt in Ägypten zusammengebastelt. Seither hatten sie eine diskrete Telefonkampagne durchgeführt, mittels derer sie ihre Kollegen davon überzeugen wollten, dass der wahre Satan wahrscheinlich nicht in einem dunklen Loch tief im Inneren des Subplaneten lauernd aufzufinden, sondern eher davon auszugehen sei, dass er sich inmitten seiner Feinde aufhielt und sie aus nächster Nähe studierte. Sie waren der Ansicht, der historische Satan verbringe die Hälfte seiner Zeit drunten bei den Hadal, die andere Hälfte bei den Menschen. Wenn er sich so oft bei den Menschen aufhielt, war es wahrscheinlich, dass er ihnen stark ähnelte. Wenn Satan wirklich unter den Menschen weilte, welche Verkleidung würde er wohl wählen? Bettler, Dieb oder Despot? Gelehrter, Soldat oder Börsenmakler?

Thomas verwarf diese Theorie. Wir müssen mehr über diese Gestalt in Erfahrung bringen, hatte er gesagt. Wir müssen seine Wünsche und seine Bedürfnisse kennen, seine Schwächen und seine Stärken, müssen wissen, welchen Mustern er unbewusst folgt, welche Wege er aller Wahrscheinlichkeit einschlagen wird. Sonst würden sie niemals einen Vorteil über ihn erringen. Und dabei hatten sie es belassen und die Gruppe hatte sich in alle Winde verstreut.

Foley blickte von Thomas zu de l’Orme. Das gnomenhafte Gesicht war wie eine Chiffre. De l’Orme hatte dieses Treffen mit Helios erzwungen und jedes erreichbare Mitglied von Beowulf mitgezerrt. Er hatte ihnen versprochen, dass die Vorgänge im Stadion das Resultat ihrer Arbeit beeinflussen würden, jedoch nicht verraten, in welcher Hinsicht.

Von all dem hatte Sandwell keinen Schimmer. Vor ihm sprachen sie kein einziges Wort über Beowulf. Sie waren immer noch dabei herauszufinden, wie viel Schaden der General seit seinem Wechsel zu Helios vor fünf Monaten angerichtet hatte.

Die verglaste Loge diente Sandwell zurzeit als Büro. Das Stadion wurde völlig umgebaut. Helios errichtete hier eine Biotech-Forschungsstation, die darauf angelegt war, nach ihrer Fertigstellung fünfhundert SLF - Subterrane Lebensformen - gleichzeitig zu beherbergen.

Unten auf dem Feld hatte sich der Hadal wieder in Bewegung gesetzt und kroch jetzt auf die übereinander gestapelten Röhren zu, die seinen Artgenossen vorübergehend als Unterkunft dienten. Es würde wohl noch ungefähr ein Jahr dauern, bis der Umbau des Stadions abgeschlossen war.

»Lebendige Hadal sind so selten wie Marsmenschen«, erläuterte der General. »Sie intakt an die Oberfläche zu schaffen, bevor ihre Magenbakterien gerinnen oder ihr Lungengewebe zusammenfällt oder was sonst noch alles passieren kann, ist schwerer, als Haare auf einem Stein sprießen zu lassen.«

»Ich sehe nirgendwo Wasser. Auch keine Nahrung. Wovon sollen sie denn leben?«

»Das wissen wir nicht. Genau darin besteht ja das Problem. Wir haben ihnen eine Zinkwanne mit frischem Wasser hingestellt, aber sie haben sie nicht angerührt. Sehen Sie dort drüben das Klohäuschen für die Arbeiter? Gleich am ersten Tag haben es ein paar Hadal aufgebrochen und das Abwasser mitsamt den Chemikalien getrunken. Es dauerte Stunden, bis sie endlich zu zucken und zu schreien aufhörten.«

»Das heißt ... sie sind gestorben?«

»Entweder sie passen sich an oder sie sterben«, sagte der General. »Man nennt das Reifungsprozess.«

»Und diese Leichen drüben an der Seitenlinie?«

»Die Überreste eines Fluchtversuchs.«

Aus der Höhe konnten die Besucher sehen, dass die unteren Tribünen mit Soldaten besetzt und mit auf das Feld gerichteten Maschinengewehren bestückt waren.

Der Hadal kroch auf die Pyramide aus Abflussrohren zu. Er musste sich seinen Weg durch Skelette und halb verweste Kadaver bahnen.

»Warum lassen Sie die sterblichen Überreste einfach so herumliegen?«, fragte Thomas. »Meiner Meinung nach dürfte das eher ein Herd für Krankheiten sein.«

»Möchten Sie sie etwa beerdigen, Pater? Das hier ist kein Friedhof.«

Vera wandte sich ihm zu. Sandwells Wortwahl bewies eindeutig, dass er mittlerweile zur anderen Seite übergewechselt war. Er gehörte jetzt zu Helios. »Es ist auch kein Zoo, General. Warum bringen Sie sie hierher, wenn Sie ihnen doch nur dabei zusehen, wie sie sterben?«

»Wie ich bereits sagte: Alles nur für die Forschung und Entwicklung. Wir wollen endlich herausfinden, wie sie funktionieren.«

»Und welche Rolle spielen Sie dabei?«, fragte ihn Thomas. »Warum sind Sie hier? Bei Helios?«

Der General warf den Kopf nach hinten.

»Einsatzkonfiguration«, knurrte er.

»Aha«, sagte January, als hätte er ihr etwas Entscheidendes mitgeteilt.

»Ja, ich habe der Armee den Rücken gekehrt. Aber ich stehe immer noch an vorderster Front«, sagte Sandwell. »Ich stemme mich dem Feind immer noch entgegen. Nur dass ich es jetzt mit richtiger Unterstützung tun kann.«

»Sie meinen Geld«, konterte January. »Die Schatzkammer von Helios.«

»Womit, spielt keine Rolle. Hauptsache, wir halten Haddie auf. Nach all den Jahren, in denen mich Globalisten und lauwarme Pazifisten herumkommandiert haben, habe ich es jetzt endlich wieder mit echten Patrioten zu tun.«

»Das ist dummes Geschwätz, General«, erwiderte January. »Sie sind ein kleiner Angestellter, der Helios bei der Inbesitznahme des Subplaneten Hilfe leistet.«

Sandwell wurde rot. »Diese verdammten Gerüchte über eine neue Nation unter dem Pazifik! Das sind doch nur Sensationsmeldungen aus der Regenbogenpresse!«

»Als Thomas das zum ersten Mal erwähnte, dachte ich auch, er sei paranoid«, konterte January. »Ich dachte, niemand, der noch einigermaßen bei Trost ist, kommt auf die Idee, die Landkarte zu zerreißen, die Fetzen wieder neu zusammenzukleben und das Ganze ein Land zu nennen. Aber genau das geschieht, General, und Sie tragen Ihren Teil dazu bei.«

»Aber Ihre Landkarte bleibt doch noch völlig intakt«, sagte eine neue Stimme. Alle drehten sich um. Auf der Türschwelle stand C. C. Cooper. »Wir haben sie lediglich ein wenig angehoben und die blanke Tischplatte sichtbar gemacht. Wir haben dort neue Grenzen gezogen, wo es zuvor weder Land noch Grenzen gab. Sie können nach wie vor Ihren Geschäften nachgehen, als sei nichts geschehen. Und wir den unseren. Wir steigen einfach nur aus Ihrem Karussell aus, das ist alles.«