Cooper trat ein, gefolgt von seinem Sohn. Die Ähnlichkeit zwischen den beiden war erschreckend, allerdings hatte der Sohn die Nackenmuskeln eines Quarterbacks. Mit den beiden Coopers trat eine große attraktive Frau Ende vierzig mit kurz geschnittenem pechschwarzem Haar ein.
»Eva Shoat«, stellte sie Cooper den Anwesenden vor. »Meine Frau. Und das ist mein Sohn, Hamilton Cooper.« Im Unterschied zu Montgomery Shoat, dachte Vera. Dem Stiefsohn.
Cooper gesellte sich zu Sandwell und den BeowulfGelehrten. Er erkundigte sich nicht nach ihren Namen. Er entschuldigte sich nicht für sein Zuspätkommen.
»Ihr gerade entstehendes Land tanzt aus der Reihe«, sagte Foley.
»Keine Nation stellt sich außerhalb der internationalen Ordnung.«
»Dann denken Sie einmal an die Ordnung, die ich durch meine Inbesitznahme der Unterwelt garantiere«, antwortete Cooper liebenswürdig. »Dieser Abgrund unter unseren Füßen wird nie mehr von unbekannten Schrecken heimgesucht werden. Er wird nie wieder von diesen Kreaturen beherrscht sein.« Er zeigte auf den Videoschirm des Stadions. Der Hadal schlürfte sein eigenes Erbrochenes vom Spielfeld auf. Eva Shoat zitterte angeekelt.
»Sobald unsere koloniale Strategie einsetzt, brauchen wir uns nicht mehr vor irgendwelchen Ungeheuern zu fürchten. Kein Aberglaube mehr. Keine nächtlichen Heimsuchungen und Ängste. Für unsere Kinder und Kindeskinder wird die Unterwelt nichts anderes als eine große Immobilie sein. Sie werden Ferienreisen zu den Naturwundern unter unseren Füßen buchen. Ihnen werden sämtliche bislang ungenutzten Quellen des gesamten Planeten zur Verfügung stehen. Ihnen wird die Freiheit vergönnt sein, an einem Utopia zu arbeiten.«
»Das ist nicht der Abgrund, den die Menschen fürchten«, protestierte Vera. »Es ist der Abgrund hier drin.« Sie legte die Hand auf die Rippen über ihrem Herzen.
»Abgrund ist Abgrund«, sagte Cooper. »Bringt man Licht in den einen, wird auch der andere hell. Sie werden sehen, dass wir alle wesentlich besser damit fahren.«
»Propaganda!« Vera drehte angewidert den Kopf zur Seite.
»Ihre Expedition«, mischte sich jetzt Thomas ein. Er war ziemlich geladen. »Wo ist sie hin?«
»Ich fürchte, ich habe keine besonders guten Nachrichten«, antwortete Cooper. »Wir haben den Kontakt zur Expedition verloren. Sie können sich unsere Sorge bestimmt vorstellen. Ham, hast du unsere Karte dabei?«
Coopers Sohn klappte seine Aktentasche auf und zog eine zusammengefaltete Karte des Meeresbodens hervor. Sie war zerknittert und mit einem Dutzend unterschiedlicher Kugelschreiber und Buntstifte beschriftet. Cooper fuhr mit den Fingern über Längen- und Breitengrade. »Ihre letzte bekannte Position war südsüdwestlich von Tarawa, der Hauptinsel der Gilben Islands. Natürlich ändert sie sich ständig. Hin und wieder fangen wir Nachrichten aus dem Grundgestein auf.«
»Sie hören immer noch Nachrichten von ihnen?«, fragte January.
»Im Prinzip ja. Allerdings sind die Berichte seit drei Wochen nicht mehr als Fetzen älterer Berichte. Die Übertragung wird von den Gesteinsschichten gestört. Bei uns kommen nur noch Echos an. Elektromagnetische Rätsel. Daraus können wir nur ungefähr bestimmen, wo sie sich vor Wochen aufgehalten haben. Wo sie heute sind, kann niemand mit Gewissheit sagen.«
»Mehr wissen Sie nicht?«, fragte January.
»Wir werden sie finden«, meldete sich Eva Shoat plötzlich zu Wort. Sie war wütend.
Cooper warf ihr einen strengen Blick zu.
»Sie müssen krank vor Sorge sein«, sagte Vera mitfühlend. »Ist Montgomery Ihr einziges Kind?« »Ja«, antwortete Eva und schaute dann zum Sohn ihres Mannes.
»Ich meine, nein. Ich mache mir Sorgen. Ich würde mir auch Sorgen machen, wenn Hamilton da unten wäre. Ich hätte Monty niemals erlauben dürfen mitzugehen.«
»Er hat sich selbst dafür entschieden«, bemerkte Cooper streng.
»Aber nur, weil er verzweifelt war«, konterte Eva. »Wie hätte er sich sonst in dieser Familie behaupten können?«
Vera sah, wie Thomas ihr mit einem kaum wahrnehmbaren Lächeln dankte. Sie hatte ihre Sache gut gemacht und die Coopers zum Reden gebracht.
»Ich habe dir mehr als einmal gesagt, dass er ein Teil davon ist, Eva. Du hast keine Vorstellung davon, wie wichtig sein Beitrag einmal für uns sein wird.«
»Mein Sohn muss also sein Leben aufs Spiel setzen, um dir wichtig zu sein?«
Cooper winkte ab. Sie führten diese Auseinandersetzung offensichtlich nicht zum ersten Mal.
»Worum handelt es sich hier eigentlich genau, Mr. Cooper?«, fragte Foley.
»Das sagte ich Ihnen doch bereits«, schaltete sich Sandwell wieder ein. »Eine Forschungseinrichtung.«
»Wofür genau brauchen Sie lebende Hadal? Welche Art von Forschung betreiben Sie?«, erkundigte sich Vera.
Cooper presste mit ernster Miene die Handflächen fest aufeinander. »Wir fangen endlich damit an, Langzeituntersuchungen und daraus resultierende Daten über die Kolonisierung zu sammeln«, sagte er. »Die erste Gruppe, die in nennenswerter Anzahl hinunterstieg, waren die Soldaten. Sechs Jahre später waren sie die Ersten, bei denen sich schwere Nebenwirkungen bemerkbar machten.«
»Die Knochenauswüchse und der graue Star?«, fragte Vera. »Das ist doch schon bekannt. Diese Veränderungen verschwinden mit der Zeit wieder.«
»Das hier ist anders. In den vergangenen vier bis zehn Monaten haben wir den Ausbruch bisher unbekannter Symptome beobachtet. Vergrößerte Herzen, Höhenödeme, skelettale Dysplasie, akute Leukämie, Sterilität, Hautkrebs. Was uns am meisten beunruhigt, ist die Tatsache, dass wir diese Symptome auch bei den Neugeborenen der Unterweltsveteranen feststellen. Fünf Jahre lang hatten wir nur normale Geburten. Und auf einmal zeigen ihre Kinder morbide Defekte. Mutationen.«
»Warum habe ich davon noch nichts gehört?«, fragte January misstrauisch.
»Aus dem gleichen Grund, aus dem Helios fieberhaft an einem Heilmittel arbeitet. Sobald etwas davon an die Öffentlichkeit dringt, wird kein Mensch mehr im Subplaneten bleiben wollen. Stellen Sie sich doch einmal die Folgen vor! Nach so vielen Anstrengungen und Investitionen würden wir den Subplaneten eventuell doch noch verlieren. Darauf legt Helios absolut keinen Wert.«
»Was geht denn da unten vor sich?«
»Der Subplanet verändert uns.« Cooper wies mit einer Geste auf die Gestalt auf dem Stadionschirm. »In das da.«
Eva Shoat legte eine Hand auf ihren langen Hals. »Du hast das alles gewusst, und trotzdem hast du meinen Sohn dort hinuntergehen lassen?«
»Die Effekte treten nicht immer und nicht bei jedem auf«, sagte Cooper. »Bei den Veteranen ist das Verhältnis etwa fünfzig zu fünfzig. Die Hälfte von ihnen hat überhaupt keine Symptome, die andere Hälfte hat mit diesen verspätet auftretenden Mutationen zu kämpfen. Alles Symptome, die auch die Hadal entwickeln, sobald sie an die Erdoberfläche kommen. Etwas schaltet irgendetwas in der DNA an und aus. Verändert den genetischen Code. Ihre Körper fangen an, Proteine zu produzieren, Proteinchimären, die das Gewebe auf radikale Weise verändern.«
»Und Helios muss eine Lösung finden«, bemerkte Foley. »Sonst wird aus dem Reich unter dem Meer eine Geisterstadt, noch bevor das Projekt richtig in Gang kommt.«
»Genau so ist es.«
»Offenbar glauben Sie, die Lösung in der Physiologie der Hadal selbst zu finden?«, vermutete Vera.
Cooper nickte. »Die Gentechniker nennen es >den gordischen Knoten zerschneidenc. Wir müssen die Komplexität aufdröseln, Viren und Retroviren sowie Gene und Erscheinungsbilder isolieren. Die Umweltfaktoren untersuchen, das ganze Chaos systematisch erfassen. Deshalb stampft Helios hier ein milliardenschweres Forschungszentrum aus dem Boden und deshalb bringen wir lebende Hadal hierher.«
»Das verstehe ich nicht ganz«, sagte Vera. »Forschung und Entwicklung wären doch dort unten viel unkomplizierter zu betreiben. Sie müssten ihre Versuchskaninchen nicht durch den Transport an die Oberfläche gefährden. Sie könnten die gleiche Einrichtung für einen Bruchteil der Kosten als unterirdische Station bauen lassen. Hier oben müssen Sie das gesamte Labor künstlich auf subplanetaren Druck bringen. Warum die Hadal nicht gleich dort unten studieren? Die Sterblichkeitsrate wäre wesentlich niedriger. Und ihre Kolonisten könnten Sie ebenfalls gleich vor Ort testen.«