»Nein, nein, er lebt noch, auch wenn er sich nicht bewegt. Siehst du? Da hat sich was gerührt. Die Haut auf dem Rücken ist nicht seine eigene - die stehlen sie irgendwo. Wir wissen, daß sie Dinge aus Schafwolle tragen, manche ziehen auch Fuchspelze über - eben alle möglichen Felle anderer Tiere. Seine echte Haut ist das weißgraue Zeug im Gesicht und am Hals. Es gibt weiße Nacktlinge wie ihn, und einige der älteren Buchfresser behaupten, manche seien sogar schwarz. Dazwischen liegen viele Schattierungen, auch die Größe variiert ein wenig.«
»Ich habe gehört, hier läuft auch ein geschrumpfter Nacktling herum, der Kopfjäger heißt.«
»Nein, nein, Kopfjäger ist ein junger Nacktling. Das ist wieder etwas anderes«, erwiderte der erfahrene Wächter. »Kopfjäger wird mal so groß wie der da unten.«
»Bloß nicht«, murmelte Skrang.
Trödler verlor das Interesse an dem Nacktling und schaute sich in der Bibliothek um. Dabei fiel sein Blick auf einen Gegenstand unter einem Stuhl, der verdächtig nach einem schlafenden Hund aussah. Dann ließ er die Augen durch den ganzen Raum wandern. Ein außergewöhnlicher Ort voller interessanter Dinge.
Die wenigen Möbel bestanden aus Hartholz, das auf Hochglanz poliert war. Trödler hatte von reisenden Artgenossen etwas über Möbel gelernt und kannte daher die gewöhnlichen Dinge wie Tische und Stühle, Teppiche, Vorhänge und Betten. Manches in der Bibliothek war ihm jedoch fremd. Es gab eigenartige Riesenblumen, die aus kleinen Tischen wuchsen und vom Wächter als Lampen bezeichnet wurden. Sie verbreiteten künstliches Licht wie das im Keller.
An den Wänden ringsherum standen komische Blöcke. Sie sahen aus wie der, auf dem Trödler Platz genommen hatte. Die Außenseiten waren in verschiedenen, meist gedämpften Farben gehalten. Sie rochen vermodert und ledrig. Trödler erahnte die Geister des Waldes in ihnen, die jedoch nur noch ein trauriger Hauch ihrer selbst waren.
»Bücher«, erklärte Skrang. »Daher auch der Name Buchfresser-Stamm. Bücher werden aus Papier hergestellt. Das sind dünne Blätter, die ein wenig holzig schmecken. Und auf diesen Blättern finden sich überall tote Insekten, die in Reihen angeordnet sind. Die Nacktlinge kommen oft in die Bibliothek, um sich aus irgendeinem Grund die Bücher anzuschauen. Da es sie nicht weiter zu erregen scheint, kann es wohl nichts mit Sex zu tun haben. Und sie essen die Bücher auch nicht wie wir, so daß es sich nicht um Futter handeln kann. Sie scheinen einfach einen geheimnisvollen Nutzen daraus zu ziehen, wenn sie die toten Insekten auf der Seite anstarren. Manchmal bewegen sich ihre Lippen dabei, und sie geben Töne von sich. Ganz schön gruselig.«
Trödler schaute sich staunend um. Alles in diesem Raum war von einer dünnen Staubschicht bedeckt, durch die sich Mäusespuren zogen. Selbst im Lichtstrahl, der durch die verschmierte Fensterscheibe fiel, tanzten Staubkörnchen. Diese Bibliothek war ein stiller Ort, an dem eine Maus ausgezeichnet schlafen konnte.
Eine weitere Buchfresser-Maus kam herbei, um ihn nach un-ten zu führen. Während ihres Abstiegs bewegte sich das Wesen unter dem Stuhl. Es war tatsächlich ein Hund.
»Dort liegt ein Hund«, warnte Trödler seine Begleiter.
Der Führer sah ihn verächtlich an. Skrang kam ihm zu Hilfe. »Er ist noch nicht lange hier.«
Skrang erklärte Trödler die Lage. »Das ist Hirnlos, der Spaniel. Jede Nacht streift er durchs Haus und hat noch niemals eine Maus gefangen. Insekten liegen ihm anscheinend mehr. Wespen und Fliegen kann er ganz gut aus der Luft schnappen, aber wenn es um die Mäusejagd geht, ist er ein hoffnungsloser Fall. In letzter Zeit versucht er es gar nicht mehr.«
»Verstehe.« Trödler bemerkte, wie tief unter ihm eine Maus an dem dösenden Hund vorbeischlenderte, der sie kaum eines Blickes würdigte.
Als sie auf halber Höhe des Bücherregals angelangt waren, ließen sie sich zwischen die Tapete und die Rücken einer Reihe dicker Bücher fallen. Diesen Raum zwischen Wand und Büchern hatte der Stamm zu seinem geheimen Territorium erkoren.
Überall lag Mäusekot. Trödler war etwas Kot in der Nähe seines Nestes gewöhnt, doch hier stapelten sich ganze Berge davon. Er kam an einigen Nestern aus Papier vorbei, in denen Mütter ihre Jungen säugten. Insgesamt schien der BuchfresserStamm eine kleine Truppe zu sein. Ob dies wohl der richtige Ort für ihn war? Auch fragte er sich, ob diese Buchfresser tatsächlich »die Vielen« waren, von denen in der Traumbotschaft seiner Vorfahren die Rede war.
Schließlich stießen sie auf ein Nest, in dem ein Weibchen seine Jungen säugte. Skrang machte Trödler mit der Mutter bekannt.
»Dies ist Frych die Gefleckte«, sagte er, »die Anführerin des Buchfresser-Stamms und eine der gefürchtetsten Mäuse im ganzen Haus. Selbst Gorm der Alte hat Angst vor ihr.«
Die Mutter zuckte mit den Schnurrhaaren und starrte Trödler wortlos an. Sie schien auf einer kochenden Masse aus rosigen Körpern zu sitzen, die sich überall unter und neben ihr wanden. Das Gewimmel schien sie jedoch nicht weiter zu stören, und sie bewegte sich hin und her, damit alle an die Milch kamen.
»Ich habe von dir gehört«, sagte Trödler aufgeregt. »Meine Mutter hat mir von Frych der Gefleckten erzählt. Bist du nicht eine berühmte Hexe oder so etwas? Du mußt wirklich uralt sein.«
Skrang erklärte, daß Frych wie ihre Mutter und Großmutter eine angesehene Hexenmeisterin sei. Ihre Zaubereien waren legendär. Sie steckten bis zu den Krallenspitzen voller Magie.
»Wer ist dieser Gelbhals?« fragte Frych. »Gib mir seinen Namen, und ich erkenne die Geheimnisse seines Herzens.«
Die Zauberin schaute Trödler durchdringend an. Ihm lief ein Schauer über den Rücken, als er entdeckte, daß Frychs Fell am Kopf mit weißlichen Punkten übersät war, den Überbleibseln irgendeiner Krankheit. Vermutlich rührte ihr Namenszusatz von diesen Flecken. Ihre Gegenwart und Ausstrahlung beeindruckten ihn, und er zweifelte keine Sekunde daran, daß sie ihn mit dem leisesten Schwanzzucken in eine Mücke verwandeln konnte.
»Ich heiße Trödler«, stieß er heiser hervor.
»Tröd-ler«, sie schien die Silben einzeln auszukosten wie einen besonderen Leckerbissen. »Ein seltener Name - ein Hek-kenname.«
»Ja, ja, von dort komme ich her.«
»Trödler«, sagte sie langsam, schaute ihm tief in die Augen und nickte, »du bist zu Großem auserwählt.«
»Das hat meine Mutter auch gesagt«, schrie er aufgeregt, »damals, als der Maikäfer mit den Flügeln geraschelt hat.«
»Aha, die knisternden Maikäferflügel?« fragte die Seherin. »Dann bist du sicher dazu ausersehen, große Taten zu vollbringen.«
»Frych«, unterbrach Skrang die beiden, »ich kann nicht lange bleiben. I-kucheng wartet auf mich. Trödler kommt von draußen und gehört zu meiner eigenen Gattung, aber er möchte mit deinem Stamm leben. Er hat mit Tunnelgräberin bis zum Unentschieden gekämpft. Kannst du ihn aufnehmen?«
Frych rutschte ein wenig zur Seite, damit ihre Sprößlinge besser an die Zitzen kamen, und wandte sich dann wieder an Trödler. »Du hast Tunnelgräberin besiegt?«
Allmählich wünschte sich Trödler, er hätte Tunnelgräberin den Garaus gemacht. Dann hätte er sich viele Erklärungen sparen können.
»Nicht besiegt. Es war unentschieden.«
»Das genügt doch schon, oder nicht? Held ist Held. Wenn du dich von Tunnelgräberin trennst und noch alle Körperteile beisammen hast, mußt du zweifellos ein Held sein. Willkommen, Apodemus flavicollis, in der bescheidenen Residenz von Mus musculus, der Maus unter den Folianten. Du erscheinst mir wie ein baumstarker Kriegsmann. Wesen wie du entrollen das Banner der Freundschaft, sind auf ewiglich wünschenswert, und ich übermittle meine hochgeschätzten Grüße.«
»Wie bitte?« fragte Trödler verblüfft.