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Trödler hatte noch nie zuvor eine Prophezeiung gehört und fand die Sache recht dramatisch. Ihm liefen kalte Schauer über den Rücken. Er fragte sich, ob dies alles vielleicht etwas mit seiner Rolle als der Eine, der mit den Vielen geht, zu tun hatte. Die Prophetin hatte sehr echt geklungen. Trödler glaubte nur allzu gern, daß in der fünfmillionenundzehnten Stunde etwas Derartiges geschehen würde, und sprach Ethil darauf an.

Sie verzog das Gesicht und schüttelte den Kopf. »Erstens weiß niemand, wann die fünfmillionenundzehnte Stunde sein wird, weil das Alter des Hauses nicht feststeht. Und wenn nichts geschieht, ziehen sie sich geschickt aus der Affäre. >Ach, dann muß das Haus wohl jünger sein, als wir dachtenc, oder etwas in der Art. Warte nur ab.«

Trotz allem fand Trödler die Szene sehr bewegend. Noch nie zuvor war er mit Magie in Berührung gekommen. Der Buchfresser-Stamm schien unter ihrem Einfluß zu stehen, obwohl es eigentlich nichts Greifbares, keinen Beweis für Hexenkunst gab. Außer ... außer dieser Atmosphäre, die die ganze Biblio-thek durchdrang und sie zu einem geheimnisvoll verwunschenen Ort machte. Zwischen den staubigen Büchern, in den Ek-ken des Raumes lauerte verborgenes, verbotenes Wissen. Fremdartige Wörter hingen in der Luft, finstere, unergründliche Wörter, die anders als jede Fremdsprache klangen, die Trödler je gehört hatte.

Er war sich nicht sicher, ob ihm die Bücher gefielen: weder ihr Geschmack noch der Inhalt. In der Bibliothek lagen mehrere Bände, die Nacktlinge in die Hand genommen, aufgeschlagen und dann vergessen hatten. Die meisten von ihnen enthielten die üblichen seltsamen Symbole, die wie Insekten aussahen, doch manchmal gab es auch Bilder. Trödler hatte in einem der aufgeschlagenen Bücher voller Entsetzen ein Bild entdeckt, auf dem zwei Mäuse in Nacktlingskleidung gehüllt waren. Waren es nun Mäuse, die versuchten, wie Nacktlinge auszusehen, sogar welche zu werden? Oder hatten sich Nacktlinge in Mäuse verwandelt? Beim Anblick dieses bizarren Bildes zitterte er am ganzen Körper; sein Fell sträubte sich. Dies war der machtvollste Beweis von Zauberei, den er bisher erlebt hatte. Hier drinnen spielte sich etwas Gräßliches, Beunruhigendes ab.

Die Tanzzeremonie fand ein eindrucksvolles Ende, als sich eine arme, verstörte Maus in Raserei steigerte, zu Boden fiel und Laute in einer unverständlichen Sprache stammelte. Trödler machte sich auf die Suche nach Futter. Hier in der Bibliothek wurde er einfach nicht satt. Als Gelbhals war er größer als die Hausmäuse des Buchfresser-Stammes und besaß einen längeren und natürlich eleganteren Schwanz. Daher brauchte er nahrhafteres Futter als Buchseiten. Anscheinend mußte er den Schutz der Bibliothek verlassen, um sich woanders im Haus nach besserer Nahrung umzuschauen.

Trödler verließ die Bibliothek durch eines der bewachten Löcher in der Wand. Er sagte dem Wächter, daß er in einer Stunde zurück sei. Diesem schien ohnehin alles egal zu sein. Trödler lief zwischen den Wänden und unter den Fußbodenbrettern hindurch und schlüpfte durch das Gwenllian-Loch in die Halle.

Allmählich fand er sich in der Geographie des Hauses zurecht und hielt sich in sicherer Entfernung des Wohnzimmers, des Lieblingsortes der Katzen. Auch wagte er sich nicht in die Nähe der Küche, denn ein Zusammenstoß mit dem Stamm der Wilden schien ihm beinahe so gefährlich wie die Begegnung mit einer Katze. So beschloß er, sich oben in den Schlafzimmern umzusehen. Er hatte gehört, daß Nacktlinge oft Essensreste an ihren Schlafplätzen zurückließen.

Er lief die Fußleiste zum oberen Treppenabsatz hinauf. Er hatte keine Ahnung, was ihn hinter der ersten Tür erwarten würde, und huschte einfach ins Zimmer. Drinnen schnüffelte er. Der Raum roch muffig und war ziemlich dunkel. Er lief über einige Teppiche und fand eine Stelle, an der einige kaum genießbare Krümel lagen, die er schnell verschlang und dabei immer wieder zur Tür blickte. Satt werden konnte man von ihnen jedenfalls nicht.

Trödler kroch unter das Nacktlingsnest und stöberte in den Staubflocken herum, fand aber nur eine tote Spinne. Sie lag schon so lange hier, daß sie bei der geringsten Berührung zerfiel. Er kam auf der anderen Seite wieder hervor. Durch die bleiverglasten Fenster fiel rosiges Abendlicht. Er kletterte auf eine geschnitzte, hölzerne Kommode und schaute auf die Welt da draußen. Der vertraute Anblick beruhigte ihn.

Die Sonne versank langsam in einem blutroten Teich. Schwalben segelten durch die Luft und webten ihre Muster in den Himmel. Der verwilderte Garten erschien ihm von hier oben aus ziemlich klein. Dahinter lagen die braunen und grünen Felder, die sich in einem fernen Schleier verloren, aus dem Bäume emporragten und ihre Köpfe schüttelten.

Die Welt draußen quoll über von plappernden, glücklichen Lebewesen. Hier drinnen, in dieser modrigen, verstaubten Welt, wehte kein frischer Wind, fiel kein süßer Regen, schien ihm keine wärmende Sonne aufs Fell. Die Hausbewohner nahmen das Leben anscheinend tödlich ernst.

Er seufzte schwer und dachte sehnsüchtig an sein altes Nest aus warmem Heu und vertrockneten Schwarzdornblättern. Die Wände hatten sich an seinen Körper geschmiegt, und alles dort drinnen roch nach Trödler. »Diddycoy, ich hoffe, du hattest recht«, sagte er zu sich. »Ich hoffe es wirklich.«

Dann tauchten Erinnerungen an den guten alten Tinker in der Kammer nebenan auf, der sich stets um Trödlers Ahnenstimmen sorgte. Jetzt hatten ihn die Vorfahren in eine schöne Lage gebracht! Und noch immer hatte er nicht die »Vielen« gefunden, die ihn brauchten.

»Nichts für ungut, Meister«, krächzte eine Stimme hinter dem Vorhang. »Kannst irgendwann nach Hause gehen.«

Trödler fuhr heftig zusammen. Dann roch er den fauligen Atem, den Wein und die ranzigen Ausdünstungen eines ungepflegten Fells. Vor Ekel zuckte er mit den Schnurrhaaren und schob den Vorhang mit der Schnauze beiseite. Dort saß Furz und knabberte an etwas herum.

»Schön, dich zu sehen«, sagte Furz und blinzelte ihn mit seinen rotgeränderten, blutunterlaufenen Augen an. »Habe gehört, du lebst jetzt mit den Buchfressern. Komischer Haufen. Haben dich mit ihren langen Wörtern vollgequatscht, was? Sehen aus, als würden sie dich in eine Katze verwandeln, bevor du piep sagst.«

»Sie waren sehr freundlich zu mir«, sagte Trödler. »Du solltest nicht so über sie herziehen, Furz.«

Furz richtete sich auf und sah ihn hochmütig an. »Dir fehlt unser Futter, was? Bücher sind nur was für den Notfall, wie Staub in der Schnauze, nicht wahr?«

Trödler nickte. »Da muß ich dir recht geben.«

»Habe gedacht«, Furzens Blick schweifte in die Ferne, »du hättest vielleicht Spaß an einem bißchen Käse. Schon mal gefressen? So gelbes Zeug aus Milch.«

»Ich habe gehört, er sei sehr nahrhaft«, erwiderte Trödler.

»Nähr ... was?« rief Furz und fiel vor Erstaunen über diese Untertreibung auf alle Viere. »Er ist das Lebensblut der Mäuse! Käse ist, na ja, krümelig und weich zugleich. Käse hat so einen Geschmack, da wird dir ganz schwindlig. Käse ist . na, eben Käse.«

»Du weißt nicht zufällig, wo es hier welchen gibt?« fragte Trödler, dem das Wasser im Mund zusammengelaufen war.

»Ich? Denke schon. Bin doch die Quelle des Wissens, kapiert? Hast doch wohl draußen gehört, was?«

»Nein, das nicht. Kannst du mich nun zum Käse führen?«

Furz nickte verschwörerisch. Sein mottenzerfressenes Gesicht näherte sich Trödlers gepflegten Schnurrhaaren. Die stinkenden Ausdünstungen stiegen in Trödlers sensible Nasenlöcher.

»Folg einfach Furz, Meister. Der findet Käse. Kannst dir den Wanst damit vollschlagen.«

Furz führte Trödler durch Claudes Loch, unter den Fußbodenbrettern und zwischen den Wänden hindurch. Der Anführer des Stinkmorchel-Stammes bewegte sich außerhalb seines eigenen Territoriums sehr vorsichtig. Trödler verlor beinahe die Geduld und befürchtete, sie würden überhaupt nicht mehr zum Käse gelangen. Schließlich kamen sie in einen dunklen, offenen Raum mit weichem Filz auf dem Boden. Über ihnen ragten Balken aus der Decke. In dem Raum war es ziemlich kühl.