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Trödler wandte sich wieder dem Käse zu. Da die Falle zugeschnappt war, konnte er ihn beruhigt fressen. Er zwang sich, das Brett noch einmal zu betreten. Nach dem grauenhaften Zuschnappen des Drahtbügels fiel ihm das nicht leicht. Sein Instinkt befahl ihm, sich von solchen Fallen fernzuhalten. Für den Augenblick jedoch war der Käse zu köstlich, ein himmlischer Genuß.

Als er sich sattgefressen hatte, stopfte er etwas Käse in seine Backentaschen, um ihn Ethil und Rhodri in der Bibliothek zu bringen. Plötzlich jedoch ging eine dramatische Veränderung mit dem Licht vor. Er schaute hoch und sah eine riesige, gefiederte Gestalt, die quer über den Dachboden segelte, geradewegs auf ein Loch am Ende des Hauses zu. Sie landete auf einem Balken und sah sich um. Anscheinend bereitete sie sich sorgfältig auf die Jagd vor.

Die Eule!

Trödler hatte viele Geschwister und andere Verwandte durch Eulen verloren. Sie besaßen im Gesicht und an den Füßen zahlreiche Waffen, glitten mühelos durch die Luft und konnten auch im Halbdunkel ausgezeichnet sehen. Hatten sie sich eine Maus als Beute ausgeguckt, konnte sich diese nur noch von ihren Liebsten verabschieden und der Welt adieu sagen.

Trödler blieb mit klopfendem Herzen stehen.

Die Eule bewegte sich zeitlupenartig über einen Stützbalken.

Ihre Augen glühten orange im kargen Licht, das durch das Loch hereindrang. Es handelte sich um eine Zwergeule. Die charakteristischen weißen Flecken am Hals bildeten ein V. Sie kroch geduckt über den Balken. Ein wahres Ungeheuer.

Trödler verhielt sich mucksmäuschenstill und wagte nicht einmal zu atmen.

Als die Kreatur schließlich abhob und durch das Loch flog, kroch er davon und duckte sich unter einen Balken. Er wand sich wie eine Schlange zwischen verrosteten Nägeln hindurch, die aus dem Holz ragten. Erst als er den Dachboden durch das Loch verlassen hatte und wieder zwischen den Wänden saß, atmete er durch. Jetzt konnte er seinem Zorn über Furz freien Lauf lassen.

Er war so außer sich, daß er eine unschuldige Streichholzschachtel zertrümmerte, die ein Nacktling zwischen den Wänden verloren hatte. Er sprang darauf herum und zerfetzte sie, dann verstreute er die Überbleibsel in der langen, schmalen Höhle. Die Schachtel war etwa so groß wie der Anführer der Stinkmorcheln und gab einen guten Ersatz ab. Danach verspürte Trödler eine gewisse Erleichterung. Er machte sich wieder auf den Weg und hoffte, im Labyrinth der Wände irgendwo die Bibliothek zu finden.

Als er zwischen den Büchern ankam, bemerkte er zu seinem Erstaunen, daß sich die Welt hier unten nicht verändert hatte. Alles war beim alten, während er selbst um ein Haar dem Tod entronnen war. Es schien, als lebe das Haus nach einem eigenen Rhythmus, auf den Trödlers Ankunft keinen Einfluß hatte. Tatsächlich begrüßte ihn Ethil so fröhlich, als habe er die Bibliothek überhaupt nicht verlassen!

Rhodri hingegen warf einen Blick auf seinen Schwanz. »Was ist denn mit dir passiert?« fragte die Bibliotheksmaus. »Du siehst aus, als hätte es einen Kampf gegeben.«

»Kampf ist nicht das richtige Wort«, meinte Trödler. Es gefiel ihm gar nicht, daß er die Spitze seines schönen, langen Schwanzes eingebüßt hatte. »Wird er wieder nachwachsen?«

Leider war Rhodri eine überaus ehrliche Maus. »Manchmal ja, manchmal nein. Meistens wachsen sie nicht nach.«

»Vielen Dank, wie tröstlich«, erwiderte Trödler.

»An deiner Stelle würde ich Frych die Gefleckte bitten, ihn gesund zu zaubern. Sie ist eine ausgezeichnete Schamanin. Kann manchmal einen Zauber hinlegen, daß einem die Tränen in die Augen treten.«

»Ich will keine Tränen in den Augen, ich will meinen Schwanz wiederhaben«, jammerte Trödler. Trotzdem ging er später zu Frych und bat sie, sich um seine Schwanzspitze zu kümmern.

Sie erwiderte, er müsse aber an sie glauben. Dann folgte eine seltsame Zeremonie, bei der die uralte Sprache verwendet und viele magische Bewegungen und Tänze um Trödlers reglosen Körper aufgeführt wurden. Ihm selbst war es eher peinlich, als Frych Gedichte in Richtung seines Schwanzes vortrug. Mühsam verbiß er sich das Lachen. Frych wäre sicher tödlich beleidigt gewesen, da sie ihre Hexenkünste sehr ernst nahm.

Als alles vorbei war, erkundigte sich Trödler bei Frych, wie er sich dafür revanchieren könne.

»Du wirst Mittel und Wege finden, Frych zu assistieren, bevor sich die Epoche selbst verbrannt hat.«

»Tatsächlich? Dann erst mal vielen Dank.«

Die nächsten Stunden verbrachte er damit, seine Schwanzspitze zu begutachten und auf eine Veränderung zu hoffen. Schließlich vergaß er sie und dachte nur noch daran, wenn jemand anderes die Sache zur Sprache brachte.

Caerphilly

»Assundoon! Assundoon!« Der Schlachtruf des Stammes der Wilden hallte über die Küchenfliesen, als die Hausmäuse aus ihren Löchern stürmten. Das Mondlicht strömte durch die hohen Fenster und fiel auf Töpfe, Pfannen, Messer, das kostbare Porzellan auf der Anrichte und das Alltagsgeschirr im Regal.

»Zerstört ihre Nester!« erscholl die Antwort der Eindringlinge. »Raubt ihre Jungen!«

Dieser Überfall der 13-K-Bande, die Schlacht, hatte wie alle Schlachten im Haus nur eine einzige Ursache, eine köstliche Leckerei - Käse, Käse von unschätzbarem Wert -, die immer in der Küche zu finden war. Käse war das Salz, die Trüffeln und der Kaviar der Mäusewelt. Sein Aroma war geheimnisumwobener, wunderbarer als Myrrhe oder Weihrauch. Sein Geschmack war erlesen. Junge wie alte Mäuse konnten Stunde um Stunde über seine Beschaffenheit sprechen. Eine Maus würde die Vorzüge des einen gegenüber dem anderen so lange preisen, bis sie alt und grau war. Eine Maus würde öffentliche Debatten über den besten Käse führen. Der Himmel - so verkündeten sie von der Fußleiste hinab - bestand aus Feldern von Hartkäse und tropfenden Käsespringbrunnen. Die Hölle war ein käseloses Land, durch das nur ab und zu ein quälender Hauch von überreifem Käse wehte und seine Bewohner folterte. Für Käse würde eine Maus sterben. Für Käse würde sie töten. Käse war das Nahrungsmittel schlechthin. Nichts kam den Käsesorten dieser Welt mit ihren mannigfaltigen Geschmacksrichtungen, ihren blauen Schimmeladern und roten Rinden, ihren ganzen, himmlischen Unterschieden gleich.

Für Käse kämpften Mäuse auf Leben und Tod.

Ein oder zwei Scharmützel fanden am Durchgang vom Holzschuppen zur Küche statt, doch das Hauptziel der Angreifer war die Speisekammer. Dorthin eilten nun auch die Verteidiger des Stammes der Wilden. Gorm der Alte ging mit drohender Miene sofort an die vorderste Front und vergrub seine Zähne in der Flanke eines 13-K-Kriegers. Die Kreatur stieß einen gequälten Schrei aus.

An seiner rechten Flanke agierte Hakon, ein Doppelgänger von Gorm. Seine Aufgabe bestand darin, den Feind zu verwirren, indem er sich als der große Anführer ausgab. Hakon benutzte die gleichen Wörter, ahmte Gorms Bewegungen nach und wirkte wie ein Spiegelbild seines Herrn. Unglückliche Feinde, die diesem Duo begegneten, gerieten in Panik und Verwirrung. Die meisten machten kehrt und liefen davon. Sie wollten gar nicht wissen, wer der echte Gorm war. Diejenigen, die mutig genug waren, vor Ort zu bleiben, fielen dem gemeinsamen Angriff und den scharfen Zähnen des Mäusepaars zum Opfer.

Ein Berserker der 13-K rannte mit aller Wucht auf Gorm los, wurde aber vom flinkeren Hakon hochgerissen und quer über die Fliesen geschleudert. Hakon und sein Zwillingsbruder To-stig, ein zweiter Doppelgänger von Gorm, kämpften stets voll Wut, um ihren Herrn vor Schaden zu bewahren. Dafür gab es einen praktischen Grund. Alle Wunden, die Gorm während der Schlacht erlitt, würde man ihnen, seinen Doppelgängern, nachher ebenfalls zufügen. Andererseits mußten sie auch Vorsicht walten lassen, um selbst keine Verletzungen davonzutragen: Gorm war nicht gerade erfreut, wenn man ihm im Gegenzug die Wunden jener beibrachte.