Aus Ibans Kehle drang nur ein trockenes Krächzen. Astrids Geruch überflutete ihn. Er war überwältigend. Iban konnte nichts sagen. Er empfand eine tiefe Zärtlichkeit für Astrid, obwohl ihm derartige Gefühle untersagt waren. Ein Schauer durchzuckte seinen Körper. Er sah, wie auch sie zitterte, und wollte sie beschützen. Er wollte sie für sich, sie festhalten, sich um sie kümmern. »Du bist so wunderbar«, keuchte er.
Noch nie war er einer Maus so nahe gekommen, obwohl er beinahe vierhundert Nächte erlebt hatte. Eine himmlische Erfahrung. In seinem Kopf zuckten gleißende Lichter, Blitze tanzten vor seinen Augen. Er nahm Gerüche wahr, die unbekannte Gefühle von Freude und Staunen freisetzten. Er liebte ihr weiches Feil und die seidigen Schnurrhaare, mit denen sie über sein Gesicht strich.
Astrid kam es wie ein Traum vor, als sie so in die Leidenschaft eines anderen eintauchte. Wenn sie mit Gorm zusammen war, schien er nur darüber nachzudenken, wen er in dieser Nacht auf Wache schicken sollte. Von Iban hingegen wurde sie verehrt. Leider hatte er geschworen, enthaltsam zu leben.
Schließlich richtete er sich auf und schaute auf sie hinunter. »Sollen - sollen wir uns wiedersehen?«
»Sehr gern«, sagte Astrid und bemerkte nebenbei, wie kräftig seine Muskeln im Mondlicht wirkten. »Kannst du wirklich nicht noch ein wenig bleiben?«
»Lebe wohl, Priesterin.«
»Lebe wohl, Totenkopf.«
Nachdem Iban hinter den Küchengeräten verschwunden war, flüsterte Astrid seinem Schatten zu: »Führe deinen Herrn wieder zu mir.« Dann schlüpfte sie in ihr Nest, wo sie herrliche Träume erwarteten.
Roule
Im Lager der 13-K herrschten Freude und Kummer. Alle außer dem Krieger, der im Eintopf sein Leben gelassen hatte, waren in den Holzschuppen zurückgekehrt. Der Tod des Kriegers war zwar bedauernswert, aber Mäuse trauern nicht im herkömmlichen Sinn. Einige unter ihnen hätten es insgeheim sogar amüsant gefunden, den Nacktlingen beim Essen des Eintopfs zuzuschauen. Leider beschränkte sich ihr Lebensraum weitgehend auf den gemauerten Holzschuppen, der an die Küche gebaut war.
Das erbeutete Futter wurde ausgegeben - nicht immer gerecht, Hauptsache, jeder bekam überhaupt etwas. Ulf und Drenchie erhielten ein leckeres Stück Weichkäse. Sie brachten einen Toast auf ihren verlorenen Kameraden aus, während sie sich zwischen den Holzstapeln ausstreckten und das Faulenzen nach dem großen Angriff genossen.
Dann richtete sich Ulf in Nase-Hoch-Position auf dem höchsten Holzscheit auf. »Freunde, ihr habt heute nacht ganze Arbeit geleistet. Wir können richtig fressen, anstatt auf vertrockneten Spinnenbeinen und toten Holzläusen herumzukauen. Heute gibt es Käse für die Sieger!«
Seine jugendlichen Anführer jubelten ihm zu. Die 13-K-Bande bestand ausschließlich aus jungen Mäusen, die den anderen Stämmen davongelaufen waren. Ulf gehörte ursprünglich zum Stamm der Wilden, Drenchie zu den Buchfressern, Seiltänzer war ein Unsichtbarer vom Dachboden. Sie steckten voller Eifer und wußten genau, wie eine bessere Welt auszusehen hatte. Ihre Weltanschauung war die Philosophie der unzufriedenen, desillusionierten Jugend. Wenn sie erst einmal das Haus beherrschten, würde es sich dort auch besser leben lassen.
»Die alten Anführer müssen uns Platz machen«, sagte Ulf gern und oft. »Ihre Vorstellungen sind überholt. Sie haben Spinnweben im Hirn. Wir sind das leuchtende Beispiel für Mäuse, die wissen, was gut und richtig ist in dieser Welt.«
Die 13-K saßen mit Vorliebe in Gruppen herum und sprachen von Gerechtigkeit und geistiger Erleuchtung. Sie wünschten sich eine Welt, in der nur Friede herrschte, in der jeder jeden liebte, in der es keine Tyrannen und Despoten gab, in der Mäuse gerecht und weise regierten als Gleiche unter Gleichen. In ihrer Welt nahm das Lernen nach der mündlichen Überlieferung eine wichtige Stellung ein. Ein Geschichtenerzähler wurde als Stammesangehöriger hochgeschätzt. Die Historiker, Mathematiker, Philosophen - jene klugen Mäuse, die Wissen in ihren Köpfen trugen und es anderen mündlich weitergeben konnten - wurden sehr verehrt.
Um eine solche Welt voller Licht und Liebe zu verwirklichen, mußten die 13-K natürlich kämpfen und töten.
Im Gegensatz zu vielen seiner Kameraden wäre Ulf nur zu gern ein Totenkopf gewesen, einer der heiligen Krieger des Hauses, die auf alle weltlichen Güter und Begierden verzichteten und sich Unn, der Göttin des Lichts und der Weisheit, weihten. (Allerdings verschrieb sich der eine oder andere außergewöhnliche Totenkopf wie Iban auch Yo, dem Gott der Finsternis und Unwissenheit.) Sie tranken nur Regenwasser und fraßen steinharte Krumen, die seit tausend Nächten im Staub gelegen hatten. Die Anhänger Unns strebten nach der Auslöschung des Ichs, die Anhänger Yos nach der Auslöschung ihres Gedächtnisses. Aufgrund der hohen Selbstmordrate blieb die Gruppe der Totenköpfe stets klein.
Das Hauptziel dieser spirituellen Krieger war die Reinheit von Geist und Körper. Ihr bekanntester Vertreter hieß I-kucheng - der Vermittler, Schlichter oder (mit den Worten seiner Feinde) der »infernalische Richter«.
Schon oft hatte Ulf zu Drenchie gesagt, er würde gern eine Nacht als Totenkopf verbringen. Allerdings ging der spirituellen Erleuchtung eine lange und harte Schulung von Geist und Körper voraus. Die Totenköpfe mußten nächtelang meditieren, Verzicht üben, Gesänge und Gedichte auswendig lernen, Kampfkünste erwerben, die Angst vor der Isolation überwinden. Darüber hinaus mußten sie wirkliche Freude an Keuschheit und Abgeschiedenheit entwickeln. Für Lebewesen, die von Natur aus größten Spaß am Fressen, an müßigen Spielen und der übermütigen Gesellschaft ihrer Mitmäuse hatten, war das keine leichte Aufgabe.
Und schließlich brauchte man dreihundertfünfzig Nächte, um ein Totenkopf zu werden. Den meisten 13-K erschien das wie ein ganzes Leben. Wenn sie schon keusch und demütig sein sollten, dann auf der Stelle, und nicht erst wenn sie zu alt waren, um mit diesen Eigenschaften zu prahlen und Bewunderung einzuheimsen. Ulf war ebenso ungeduldig wie der Rest seiner Bande. Trotzdem sprach er unablässig von seiner Absicht, »jede Stunde« mit dem Totenkopf-Training zu beginnen.
Selbstverständlich erzählte er seinen Anhängern sogar von seinen Plänen, während er seinen Anteil an der Beute fraß. »Ein Totenkopf erkennt den Weg zur Wahrheit durch die Lehren von Unn«, eröffnete er ihnen. »Diesen Weg findet man nur, wenn man das Ich auslöscht. Ein wahrer Totenkopf weiß nicht, wer oder was er ist - er befindet sich in einem Zustand völliger Unwissenheit.«
Drenchie hing schlaff über einem Kienspan und bemerkte säuerlich: »Ich dachte, der Weg zur Unwissenheit führe durch Yo, nicht durch Unn.«
Ulf starrte seine ständige Begleiterin und gelegentliche Bettgefährtin an. »Ja, das stimmt natürlich, aber es ist eine andere Art von Unwissenheit. Beim Gott der Finsternis weißt du einfach nichts, während du bei Unn absichtlich alles vergessen hast.«
»Hört sich völlig gleich an«, meinte Drenchie und erregte allgemeine Aufmerksamkeit. »Wenn dein Kopf leer ist, ist er halt leer, oder nicht?«
Ulf kaute angestrengt auf einem Stückchen Schweinefleisch. »Der Weg zu dieser Leere ist das Entscheidende - um der Reinheit der Seele willen. Drenchie, du siehst einfach nur den geistigen Zustand, aber du mußt auch den spirituellen Zustand betrachten. Du kannst unwissend sein und eine rabenschwarze Seele voller Sünde haben, oder du kannst unwissend und rein sein.« Er war sehr stolz auf diese Worte, die ihm gerade eingefallen waren. »Verstehst du, was ich meine?«
»Ja, dein Kopf ist voller Mäuseküttel«, erwiderte seine Gefährtin.
Ulf antwortete mit der Herablassung, die sie auf die Palme brachte: »Das ist wohl kaum ein vernünftiges Argument.«
»Es interessiert mich nicht den Käse, ob es vernünftig ist oder nicht«, schnappte Drenchie. »Ich kenne dich. Ich weiß genau, wann du nur redest, um deine Stimme zu hören. Wenn du ein Totenkopf werden willst, dann geh doch und werde einer, aber rede nicht die ganze Zeit darüber.«