Выбрать главу

Ulf bedachte sie mit seinem arrogantesten Blick. »Das werde ich demnächst auch tun. Im Augenblick werde ich aber hier gebraucht, als Anführer.«

»Ha!« war Drenchies kurzer Kommentar.

Diese abtrünnige Buchfresserin verwirrte Ulf wie schon so oft. Er wandte sich von ihr ab und mischte sich unter die ande-ren Bandenmitglieder. Viele von ihnen lümmelten sich auf den Holzscheiten und Kienspänen. Meistens machten sich die 13-K nicht die Mühe, Wachen um den Holzschuppen aufzustellen, da sie nichts besaßen, was ihnen andere Mäuse hätten rauben können. Der Holzschuppen war daher ein ziemlich sicherer Ort. Ab und zu holten die Nacktlinge Feuerholz, doch Augapfel hatte sich nur einmal vor vielen, vielen Nächten in den Schuppen geschlichen.

Es gab zwei Eingänge und somit auch Ausgänge - zur Küche und zu Tunnelgräberins Labyrinth. Der eine Weg führte in die Schlacht, der andere zu einer schlechtgelaunten Torwächterin, die Futter für freien Durchgang verlangte. Die Lage der 13-K war nicht ideal, doch sie befanden sich nah bei der Küche mit ihrer übervollen Speisekammer. Darin lag der feine Unterschied zwischen Leben und Tod. Gelangte jedoch eine Katze in den Holzschuppen, hatten sie schlechte Karten.

Sicher, Augapfel hatte während ihres Kurzbesuchs vier 13-K in vier Sekunden getötet. Ulf wußte aber auch, daß man nicht vierundzwanzig Stunden in Alarmbereitschaft sein konnte, nur weil alle Jubeljahre einmal eine Katze den Schuppen überfiel. Das war eine vom großen Schöpfer gesandte Heimsuchung, genau wie eine Seuche. Man saß ja auch nicht herum und fragte sich, ob eine Seuche ausbrechen würde. Man vergaß es einfach, bis es wirklich passierte, und machte sich dann erst Sorgen. Außerdem gab es keinen Schutz vor Augapfel. Sie war das schnellste Wesen auf vier Beinen. Die blaue Burmakatze verbarg sich gern im Schatten. Ihre aufgerissenen Augen waren das letzte, was Mäuse sahen, bevor sie der Tod ereilte.

Ulf schlenderte zwischen seinen zechenden Kriegern hindurch. Ihm stieg der beruhigende Duft von trocknendem Apfelholz in die Nase, und ihm fiel ein, daß für die nahe Zukunft eine Expedition zum zweiten Schrank auf dem Treppenabsatz anstand. Dieser besondere Schrank gehörte den 13-K, da sie ihn erobert hatten. Alle Schränke und Schubladen im Haus gehörten unterschiedlichen Stämmen, und zwar ungeachtet des Territoriums, auf dem sie sich befanden. Gelegentlich mußte geprüft werden, ob derartige Außenposten des eigenen Reiches nicht von rivalisierenden Stämmen benutzt wurden. Verstöße wurden durch Überfälle geahndet.

Gewöhnlich fand sich in den Schränken und Schubladen nichts, das für die Mäuse interessant gewesen wäre. Sie dienten lediglich als sicherer Unterschlupf, wenn ein Stamm Vorstöße in unbekannte Gegenden des Hauses unternahm. Die 13-K wußten, daß sie in eine Schublade oder einen Schrank huschen konnten, wenn sie sich vor Augapfel oder einem frei herumlaufenden Nacktling in Sicherheit bringen mußten. Gleiches galt für die Wilden, die Unsichtbaren, die Stinkmorcheln und die Buchfresser, die alle Schutzräume besaßen. Nur die Totenköpfe streiften frei und ungebunden durchs Haus.

Ulf rief zwei neue Mitglieder zu sich, langschwänzige Zwergmäuse, die erst vor kurzem aus den Feldern ins Haus gekommen waren, und erklärte ihnen seine Pläne. Dann überraschte er sie mit der Nachricht, daß sie die nächste Expedition übernehmen würden.

»A-aber«, stammelte eine der beiden Auserwählten verschreckt, »wir kennen doch gar nicht den Weg zum Schrank.«

»Ich werde euch natürlich nicht allein losschicken«, erwiderte Ulf lachend. »Ihr bekommt einen Führer. Miskie wird euch bis oben an die Treppe bringen. Sie zeigt euch den Schrank, und ihr müßt nur noch über den Treppenabsatz huschen und euch durch die Schranktür quetschen. Überhaupt kein Problem.«

»Kein Problem«, echote die andere Zwergmaus dumpf.

»Ach, noch etwas«, fügte Ulf nachdenklich hinzu. »Falls ihr Augapfel begegnet - nein, vergeßt es einfach.«

»Oh, was denn, was? Sag es uns!« schrie die erste Maus und richtete sich auf.

»Nein, ist egal.« Ulf schlenderte davon. »Viel Glück euch beiden. Wir sehen euch hoffentlich in ein, zwei Stunden wieder. Ich schicke Miskie sofort zu euch.«

Die beiden Mäuse sahen aus, als hätte man ihr Todesurteil gesprochen. Wahrscheinlich bedauerten sie, das Haus jemals betreten zu haben. Vermutlich hatten sie nicht die geringste Chance, wieder ins Freie zu gelangen. Sie besaßen nichts, mit dem sie Tunnelgräberin hätten bestechen können, da sie kaum genug Futter für sich selbst fanden.

Kurz darauf schlichen sie mit Miskie über das verlassene Schlachtfeld in der Küche. Nur so konnten sie in die anderen Räume des Hauses gelangen. Sie rechneten damit, daß jederzeit der Alarm losgehen und ein Dutzend Wilder über sie herfallen und sie in Stücke reißen würde.

Eine von ihnen zitterte so sehr, daß sie sich kaum auf den Beinen halten konnte. In den Holzschuppen zu gelangen war eine Sache, ins Haus selbst einzudringen eine ganz andere. Die verängstigte Maus schoß mit klopfendem Herzen und hervorquellenden Augen aus dem Schatten des Tischbeins zum Stuhlbein und dann zur Anrichte.

Nach einer Ewigkeit erreichten sie die Halle und rannten das Treppengeländer hinauf. Hier befanden sie sich auf angeblich neutralem Territorium, doch die Hauskatze und der Hund hielten sich nicht an die Spielregeln. Die Standuhr schlug die halbe Stunde, und die ängstlichere der beiden schreckte zusammen, rutschte ab und fiel auf die Treppe. Flaschen klirrten aneinander, als der Milchmann seine Lieferung vor der Tür abstellte, was zur weiteren Verwirrung der gestürzten Maus beitrug. Sie brauchte zwei Minuten, um sich zu sammeln und wieder aufs Geländer zu klettern, wo ihre Gefährten auf sie warteten.

Als die drei das Ende der Treppe erreicht hatten, rutschten sie am Pfosten hinunter.

»Hier werde ich euch verlassen«, erklärte Miskie. »Unser Schrank steht dort drüben.«

Die beiden Zwergmäuse schauten über den Treppenabsatz, der scheinbar in die Unendlichkeit führte, und entdeckten die bewußte Tür.

»Was machen wir, wenn wir drinnen sind?« fragte eine.

»Ihr müßt nach Kot suchen«, erklärte ihre Führerin. »Wenn ihr welchen findet, prüft ihr, wie frisch er ist. Dann sucht ihr nach Anzeichen, von wem er stammen könnte. Papierreste darin beweisen, daß Buchfresser in unser Territorium eingedrungen sind. Satte Färbung und üppiger Geruch sind ein Hinweis auf den Stamm der Wilden - sie fressen viel Obstkuchen.«

»Verstehe«, sagte die zweite Maus. »Und wenn wir nun feststellen, daß Eindringlinge in eurem, ich meine: unserem Territorium waren?«

»Dann überfallen wir den schuldigen Stamm, um die Eindringlinge zu bestrafen. Ich muß jetzt gehen.« Miskie warf einen nervösen Blick über die Schulter. »Wir sehen uns dann im Holzschuppen.«

Die beiden Neuen blieben allein im ersten Grau des Tages zurück. Sie kauerten lange am Eckpfosten des Geländers und schauten im Halbdunkel die Fußleiste entlang. Irgendwo dort hinten stand der Schrank. Bei jedem Geräusch, jedem Knarren und Stöhnen des alten Hauses preßten sie sich fester an den Pfosten.

Ein leiser Singsang drang an ihr Ohr. »Hübsche, honigsüße Mäuschen - kommt her zum Kleinen Prinzen.«

In diesem Augenblick ertönte ein lautes »Klack« an der Haustür, und sie sprangen vor Schreck in die Luft. Jemand hatte die Zeitung durch den Briefschlitz geschoben, und sie war stecken geblieben. Ein frischer Luftzug wehte durch die Klappe und die Treppe hinauf. Die Späherinnen rochen das Gras und die Bäume, den Duft von Blumen und Erde. Das alles erinnerte sie an die Welt draußen im Garten, weit hinter der Haustür. Schließlich waren sie doch Mäuse von draußen. Dort lebten Artgenossen, die ihre sonnenvergoldeten Nester im hohen Gras bauten und über die moosigen Fleckchen der großen Ebene tollten.

Da kam das Wunder!