Er lag in seinem behaglichen Tunnel und träumte von Sommerfeldern mit goldener Spreu und Getreidekörnern, Beeten mit reifem Gemüse, Nüssen und anderen Knabbereien. Sicher, das Haus war gemütlich, doch Behaglichkeit hatte er auch in der Wildnis erlebt. An einem sonnigen Tag konnte es nichts Schöneres geben, als auf weichem Moos zu liegen.
Ja, er vermißte noch immer seine alte Heimat. Seltsamerweise fehlten ihm auch die Stimmen seiner Ahnen, die in den Hek-kennächten zu ihm gesprochen hatten. Sie hatten ihn schließlich hergeführt. Die weiteren Schritte mußte er selbst tun. Er war der Eine. Wo steckten die Vielen, die angeblich auf ihn warteten? Mit diesem Gedanken kroch Trödler wieder aus seinem Nest hervor.
Er kam an zwei schwatzenden Mäusen vorbei, die ihre Worte selbst nicht verstanden, da sie sich in einer Verdauungstrance befanden und sich einfach ihrem Redefluß hingaben.
»Gaspedal, Bremsbelag, Schalthebel, Differential, Zündkerzen, Verteilerkappe, Auspuffkrümmer und Kolbenringe mit Spindellenkgetriebe«, sagte eine Maus.
»Füge eine Prise Salz, Thymian und Rosmarin hinzu«, erklärte die andere, »und lasse es zwei Minuten köcheln. Durch ein Sieb streichen und die Flüssigkeit für den Fond verwenden. Auf diese Weise bleibt das Aroma des Gemüses erhalten.«
Das brachte das Faß zum Überlaufen. Anscheinend hatten diese Mäuse vollkommen unterschiedliche Bücher gefressen. Trödler entschied, daß es an der Zeit war, einen anderen Teil des Hauses mit all seinen Gefahren und Geheimnissen zu entdecken.
Er verließ die Bibliothek durch den Kamin. Natürlich brannte im Sommer kein Feuer, doch der Abzug war völlig verrußt. Die anderen Mäuse hatten ihm erzählt, daß das Feuer nur bei großer Kälte entfacht wurde, weil es überall im Haus eiserne Heizkörper gab. Der große Boiler im Heizungsraum hinter der Küche wurde im Herbst angeschaltet. Danach wurden die Heizkörper und die Rohre so heiß, daß man sie kaum betreten konnte.
Trödler kletterte den Kaminschlot hinauf und tauchte als schwarze Maus in einem Schlafzimmer auf. Unter dem Bett und auf dem rosa Teppich hinterließ er eine Rußspur. Er schlüpfte durch ein Loch in der Fußleiste und gelangte an einen kalten, ungemütlichen Ort, von dem man ihm schon berichtet hatte. Dies mußte eine Toilette oder ein Badezimmer sein. Anscheinend gab es dort nichts, was eine nähere Untersuchung gelohnt hätte. Er glitt unter der Tür hindurch auf den Treppenabsatz - und hatte Glück.
In einer besonders finsteren Ecke fand er Futter. Da war wieder der köstliche Duft von Käse, der sich diesmal nicht auf einer Schnappfalle befand, sondern in einer Art Drahtkiste.
Trödler lief um die Drahtkiste herum, beschnüffelte sie, suchte vergeblich nach gespannten Federn oder Guillotinen aus Draht. Nichts erinnerte an die grausame Falle auf dem Dachboden. Diese Kiste wirkte vollkommen harmlos.
Er war schon öfter in Kisten gekrochen, ohne Schaden zu nehmen. In der Bibliothek gab es einen Pappkarton, in dem die jungen Mäuse spielten. Manche Mütter suchten ihn auf, um darin ungestört ihre Jungen zur Welt zu bringen. Im Keller hatte er bei seiner Ankunft eine Holzkiste gesehen, in der Furz und Fusel gewöhnlich ihren Rausch ausschliefen. Kisten schie-nen harmlose Gegenstände zu sein, die die Nacktlinge einfach im Haus herumliegen ließen.
Trotzdem war sich Trödler bei diesem Exemplar nicht ganz sicher und wollte alles überprüfen, bevor er sich hineinwagte. Bei dem Käseduft lief ihm das Wasser im Mund zusammen, aber er blieb vorsichtig. Schließlich hätte es ihn auf dem Dachboden beinahe erwischt; das sollte nicht noch einmal passieren. Über den Käseträumen durfte er nicht die möglichen Gefahren vergessen. Er mußte sich einen Fluchtweg offenhalten, falls ein Nacktling oder eine Katze auf der Bildfläche erschien.
Die Tür zur Drahtkiste stand weit offen. Was sollte schon passieren, wenn er flink hineinlief und sich den Käse schnappte? Es wäre der reine Wahnsinn, auf dieses köstliche Futter zu verzichten. Er nahm allen Mut zusammen und schlüpfte hinein.
Ein Schritt. Nichts geschah. Ein weiterer Schritt. Noch immer keine Stacheln, die ihn aufzuspießen drohten, keine Schlingen, die ihn erdrosseln, keine Metallzähne, die zuschnappen konnten. Nur die offene Kiste und der Käse in der Mitte. Er griff danach, leckte daran und schoß zurück zum Eingang. Alles blieb ruhig.
Der Käse schmeckte herrlich. Er lief wieder hin, knabberte ein bißchen, schaute sich nervös um, suchte nach der tödlichen Guillotine. Nichts. Alles in Ordnung.
Am besten, er zog den Käse aus der Kiste und rannte damit in sein Nest auf dem Bücherregal zurück. Er schnappte nach dem Käse.
Ein lautes »Klack!« ertönte. Er fuhr hoch und mit dem Kopf an die Decke der Kiste, rannte zum Eingang, prallte dagegen und fiel hin.
Voller Panik startete er einen zweiten Versuch.
Nach weiteren vergeblichen Anläufen begriff er, was geschehen war. Eine Drahtklappe hatte die Kiste verschlossen. Er war gefangen. In wilder Panik nagte er an der Tür, an den Scharnieren, dem kleinen Riegel. Nichts rührte sich.
Als nächstes überprüfte er alle vier Ecken der Kiste auf einen zweiten Ausgang hin. Fehlanzeige. Die ganze Konstruktion bildete eine kleine, abgeschlossene Welt, und der einzige Fluchtweg führte durch die Öffnung, durch die er hereingelangt war.
Eine Katastrophe.
Trödler kauerte verschreckt in der Mitte der Kiste. Welches Schicksal erwartete ihn hier drinnen? Wie sollte er nun den Willen seiner Vorfahren erfüllen? Was wäre, wenn Spuck oder Augapfel ihn entdeckten? Würde es ihnen gelingen, die Kiste zu öffnen? Sicher war gar nichts mehr. Wozu sollte die Kiste überhaupt gut sein?
Während er in Gedanken versunken dahockte, trat ein Wesen vorsichtig aus den Schatten hervor und näherte sich der Kiste. Eine Maus! Trödler erkannte sie schon am Geruch. Das konnte nur Furz sein.
Der Anführer der Stinkmorcheln richtete sich auf, kratzte seine Flohstiche und schaute Trödler nachdenklich an. »Schöne Patsche, was, Meister? Wie bist du denn in den Käfig geraten?«
»Käfig?« schrie Trödler und klammerte sich am Maschendraht fest. »Das ist ein Käfig?«
»Klaro, du Blödmann«, höhnte der Kellermäuserich. »Mein Großvater, der große und ehrenwerte Rotz, wurde auch mal darin gefangen. Hätte es besser wissen sollen, war aber ein bißchen beschwipst. Kommt vor unter Einfluß von Alkohol. Du hast keine Entschuldigung.«
Trödler rüttelte am Draht. Er gab keinen Millimeter nach. Dann nagte er wie wild daran herum.
Furz schüttelte nur angewidert den Kopf. »So nicht, Kumpel. Keine Chance. Was glaubst du, was das ist? Papier? Von wegen. Das ist gottverdammtes Metall, Mann. Könnte selbst Augapfel nicht durchbeißen. Wenn ich du wäre, würde ich einfach aufgeben.«
»Furz, ich muß hier raus. Ich kann nicht ewig hier festsitzen. Ich habe - habe Dinge zu erledigen ...« Trödler wußte nicht weiter. Wie konnte er diesem Kellermäuserich klarmachen, daß er ein Erwählter mit einem Schicksalsauftrag war?
»Nicht ewig, Meister«, grinste Furz. »Der Kopfjäger stellt die Dinger auf. Kann jeden Augenblick kommen. Guckt nach, ob er was erwischt hat.«
Bei diesen Worten rastete Trödler völlig aus und rannte im Kreis herum, warf sich gegen das Drahtgitter, kratzte, biß, riß und drückte dagegen.
Furz betrachtete interessiert diese sinnlose Energieverschwendung. »Ihr Landmäuse seid echt in Form. Habe noch nie so eine Akrobatik erlebt. Wäre manchmal selbst gern ein Athlet. Bringt dir aber nicht viel, was?«
Trödler lag keuchend am Boden. »Du bist ein verdammtes Miststück, Furz. Irgendwann kriegst du die Rechnung dafür. Leider werde ich es wohl nicht mehr erleben.«
Furz preßte die Nase ans Gitter und blies Trödler seinen fauligen Atem ins Gesicht. »Vielleicht doch, Meister.« Er kehrte zu seiner früheren kriecherischen Höflichkeit zurück. »Könntest gemütlich zusehen, wie ich in Fett gebrutzelt werde. Könntest erleben, wie deine Kleinen groß und fett werden. Könntest vielleicht sogar mitkriegen, wie Augapfel steif wie ein Brett eines Morgens aus dem Haus getragen wird. Das heißt, wenn du sehr schlau bist. Ich weiß, das kannst du sein, Meister -sonst würde ich mich doch nicht mit dir abgeben, oder?«