In Trödler erwachte neue Hoffnung. Er preßte sich dicht an den Käfig, Nase an Nase mit der üblen Stinkmorchel, und versuchte, den Mundgeruch und die Ausdünstungen des feuchten Fells unbeachtet zu lassen.
»Was muß ich tun, Furz? Sag es mir. Ich verzeihe dir auch, daß du mich in die Schnappfalle gelockt hast. Sag mir, wie ich schlau sein kann, Furz.«
»Zuerst mußt du mir den Käse holen, Meister.«
Trödler warf einen Blick über die Schulter. Jetzt erst fiel ihm der Käse wieder ein. Der Köder. Deshalb saß er jetzt in diesem Käfig. Statt zu denken, war er nur seiner Nase, seinen Augen und seinem Magen gefolgt. »Was willst du damit?« fragte er.
»Wie bitte? Fressen, was sonst?«
»Furz, du bringst mich hier raus oder ...«, fauchte Trödler.
»Aber, aber, Meister«, gluckste Furz, »zuerst holst du mir den Käse. Quetsche ihn bröckchenweise durch das Gitter, kapiert, und dann hole ich dich raus. Ist doch fair, oder? Ich brauche den Käse, um zu denken.«
Trödler begriff, daß er den Käse opfern mußte, um etwas zu erreichen. »Woher weiß ich, daß du mir hilfst?«
»Überhaupt nicht. Mußt mir schon vertrauen, Meister. Das ist alles. Habe meinen Großvater ja auch rausgelassen ...«
». den großen und ehrenwerten Rotz«, vollendete Trödler den Satz.
»Genau, Mann!«
Trödler war jetzt klar, daß seine Zeit knapp wurde. Wer den Käfig auch aufgestellt hatte, er würde bald herkommen. Ja, er, Trödler, mußte Furz wohl oder übel vertrauen.
Er schleppte Käsestückchen herbei und schob sie Furz durch das Gitter zu. Dieser fraß gierig und behielt dabei den Treppenabsatz im Auge. Noch nie hatte Trödler Futter so schnell verschwinden sehen. Als das hastige Hin und Her seinen Höhepunkt erreicht hatte, vernahmen sie ein Geräusch auf der Treppe. Die Schritte eines Nacktlings.
Furz erstickte beinahe an einem Käsebrocken.
»Schnell«, zischte Trödler, »laß mich jetzt raus!«
»Geht nicht«, Furz hustete Trödler winzige Käsestückchen ins Gesicht, »weiß nicht, wie.«
Trödlers Hoffnungen stürzten in sich zusammen wie ein Kartenhaus. »Aber du hast doch gesagt, du hättest deinen Großvater .«
Die Zimmertür ging auf, Nacktlingsstiefel polterten über den Fußboden.
»Habe gelogen«, erwiderte Furz schlicht. Dann verschmolz die Stinkmorchel mit den Schatten am Treppenabsatz, schlüpfte in ein Loch zwischen den Bodendielen und war verschwunden.
»Du - du - du - verfluchter . «, keuchte Trödler, doch es war zu spät.
Ein riesiger Schatten senkte sich auf den Käfig. Trödler blickte hoch und entdeckte einen Nacktling, der auf ihn herunterschaute. Furchteinflößende Zähne blitzten in seinem Gesicht. Eine dunkle Haartolle fiel ihm in die Stirn. Die Augen waren brennendes Eis, die Nasenöffnungen tiefe Mauselöcher im teigigen Oval. Er starrte Trödler an, kratzte sich mit einem dicken Finger an der Nase und stieß ein schreckliches Grunzen aus.
Dann faltete sich der Nacktling in der Mitte zusammen und streckte den Arm nach dem Käfig aus. Trödler wurde so schnell hochgehoben, daß sein Magen einen Purzelbaum schlug. Eine Körperlänge vor ihm gähnte der grauenvolle Mund. Die dicke Zunge rollte durch die Höhle wie ein monströser Wurm. Der Atem verbreitete ein süßliches Aroma von Marmelade und Rinderbrühe. Trödler mußte sich beinahe übergeben und flüchtete in die andere Ecke des Käfigs.
Von dort aus konnte er den ganzen schrecklichen Kopf des Nacktlings erkennen, der ihn gefangen hatte. Es mußte der Kopfjäger sein! Es gab keinen Grund, an den Worten des Kellermäuserichs zu zweifeln. Er befand sich in den Händen des berüchtigten Mäusemörders, des Meisters der Folter. Sein Ende konnte nicht mehr weit sein. Nun mußten die Stimmen der Vorfahren eine andere Maus erwählen, die seine Rolle übernahm.
Der Nacktling trug das Abzeichen mit dem Mäuseschädel, das Fusel einmal erwähnt hatte. Mit einem dröhnenden Geräusch trug er Trödler im schwankenden Käfig über den Trep-penabsatz ins Schlafzimmer. Er stellte das Gefängnis mit lautem Knall auf einen Tisch, so daß es Trödler von den Füßen fegte. Er schaute hoch und wünschte sich sofort, er hätte es nicht getan. Ihm bot sich ein makabrer Anblick. Auf einem Regal in Augenhöhe waren furchterregende Schädel und Knochen fein säuberlich aufgereiht.
Die skelettierten Überreste von Mäusen!
Trödler war außer sich vor Angst. Neben den Mäuseköpfen gab es auch Vogelschädel. Flügelknochen waren wie Schmetterlinge an die Wand geheftet, auf einer Pinnwand aus Kork steckten aufgespießte Käfer. Dann waren da noch ein Kaninchenschädel, der Schwanz eines Eichhörnchens, der Brustkorb eines Wiesels . Das Regal bildete einen Friedhof voll ausgebleichter Knochen. Hier und da lagen auch Pelzfetzen und einzelne Federn herum.
Auf einem anderen Regal drängten sich versiegelte Gläser mit einer Flüssigkeit, in der seltsame Gegenstände schwammen. Manche waren unerkennbar, nichts als grau-rote, wolkige Klumpen, doch bei anderen handelte es sich eindeutig um ganze Mäuse. Trödler kamen sie sehr friedlich vor, wie sie da in ihren Gläsern schwebten. Friedlich - und tot.
»Süße, süße Maus, fleischiges Mäuschen, zeige mir deinen molligen kleinen Körper .«
Trödler schoß herum. Glitzernde, rosageränderte Augen starrten ihn an. Eine fette weiße Maus saß in einem silbernen Käfig, der direkt neben seinem auf dem Tisch stand. Sie hatte einen kurzen rosa Schwanz und eine rosige Nase. Sie saß in Nase-Hoch-Position und fixierte ihn mit einem seltsamen Gesichtsausdruck.
»Bist du auch gefangen worden?« fragte Trödler, um den Blick von sich abzulenken.
Die Maus wimmerte. »Hast du etwa noch nicht vom Kleinen Prinzen gehört?«
»Ja, ich habe von dir gehört«, erwiderte Trödler, »aber ich kann mich nicht an den genauen Zusammenhang erinnern.«
»Ich werde deinem Gedächtnis auf die Sprünge helfen«, bot der Kleine Prinz in seiner Singsangstimme an. »Wie wäre es mit - Kannibalismus? Klingelt da ein Glöckchen, Gelbhals? Haben sie dir nicht erzählt, daß ich andere Mäuse fresse?«
Trödlers Fell sträubte sich. »Du - du machst doch Witze.«
Der Kleine Prinz stieß ein Übelkeit erregendes Lachen aus. »Natürlich mache ich gerne Witze, du Zuckerstück, aber nicht, wenn es ums Futter geht. Darüber mache ich grundsätzlich keine Witze.«
Trödler schluckte und schaute sich um.
Der Nacktling fuchtelte an einem Regal herum. Dann drehte er sich um, warf einen Blick auf Trödler und ging aus dem Zimmer. Trödler blieb nur die Gesellschaft dieser undurchsichtigen Kreatur, die das Fleisch ihrer Artgenossen liebte.
»Wo kommst du her?« fragte er. »Warum hast du so eine komische Farbe?«
»Komische Farbe?« flötete der Kleine Prinz. »Du hast hier die komische Farbe. Ich bin die perfekte zahme Maus, perfekt gezüchtet mit perfektem Fell. Die Nacktlinge lieben mich. Mein Herr streichelt mir gern mit dem Finger übers Fell. Er singt mir in den Tönen der Nachtigall vor. Ich bin sein Haustier, sein wunderschöner Kleiner Prinz, und er schenkt mir Zärtlichkeit und Verständnis.«
»Anderen Mäusen nicht?«
»Jedenfalls keinen schmutzigen, gewöhnlichen Hausmäusen und Gelbhälsen mit ihren dreckigen Fellen und abscheulichen Manieren ...«
»Wir sind weder dreckig noch abscheulich«, japste Trödler empört.
»Schlampig und schäbig, schmierig und ungepflegt - boshafte, kleine Wesen, aber mit zuckersüßem Fleisch - o ja, mit honigsüßem Fleisch. Ich liebe eure Lenden, Lungen, Lebern. Ich begehre eure Backen. Ich koste eure Kehlen. Ich hänge an eu-ren Herzen. Eure Milz mag ich sehr. Euer Hirn ist hinreißend. Euer -«