»Klappe!« brüllte Trödler.
Der Kleine Prinz blinzelte mit den rosageränderten Augen und fuhr in seiner eigenartigen Litanei fort: »Sprichst du nicht gerne mit mir, du leckeres Mäuschen? Ärgere ich dich, Süßer? Darf ich das Mark aus deinen Knochen saugen, wenn du tot und in Brühe gekocht bist? Darf ich? Darf ich? Darf ich das Hirn aus deinem Schädel lecken und deine Zehen beknabbern? Darf ich?«
»Du bist abstoßend«, erwiderte Trödler verächtlich. Er wandte sich von der weißen Maus ab und schaute zur Wand.
Als der Kleine Prinz wieder das Wort ergriff, klang seine Stimme halbwegs normal. »Ich bin schon lange hier. Mein ganzes Leben. Ich weiß nicht, seit wann ich schon in diesem Käfig sitze. Vermutlich wurde ich darin geboren. Ich heiße Kleiner Prinz, bin aber der Kaiser meines Reiches. Ich herrsche über die Gefangenen in ihren Käfigen. Du mußt mir gehorchen. Du mußt nett zu mir sein. Mein Herr wird dich erst töten, wenn ich dich ansehe und mir die rosa Lippen mit meiner kleinen rosa Zunge lecke. Dann erst sticht er dir eine Nadel in die Augen, direkt ins Gehirn, und kocht dich in der Brühe. Er weiß nämlich, daß ich dich fressen möchte. Er sieht gern zu, wenn ich das Fleisch meiner Artgenossen verschlinge. Es gefällt ihm.«
Trödler fragte: »Wirst du es nicht irgendwann leid, dir selber zuzuhören?«
»Doch, sicher. Deshalb sollst du mir ja zuhören. Dann lasse ich dich noch ein bißchen leben.«
Trödler stieß einen schweren Seufzer aus. »Was willst du mir sagen?«
»Alles, einfach alles«, schrie der Kleine Prinz fröhlich. »Komm, wir spielen. Ich denke mir etwas Leckeres zu fressen aus, und du mußt raten, was es ist. In Ordnung?«
»Käse«, sagte Trödler.
»Neiiiiin!« schrie der Kleine Prinz.
»Kuchen.«
»Neiiiiin! Ich gebe dir einen Tip. Es ist das Allerköstlichste auf der Welt.«
»Eine Maus«, grollte Trödler.
»Etwas ganz Besonderes.«
»Das Herz einer Maus.«
»Ja, ja«, rief der Kleine Prinz erfreut. »Wie bist du so schnell darauf gekommen? Ich hebe mir das Herz gerne für den Schluß auf, weil es so weich und süß ist. Sollen wir noch ein Ratespiel machen?«
»Nein«, schnappte Trödler, »lieber würde ich sterben. Selbst ein langsamer Tod ist besser, als dein Gewäsch zu ertragen. Eine schlimmere Folter habe ich noch nie erlebt.«
»Du tust mir weh«, erwiderte der Kleine Prinz tadelnd. »Schämst du dich nicht, du boshafte Kreatur? Ich habe eine liebliche Stimme. Ich singe das Lied der Singdrossel. Du solltest froh sein, daß ich dir deine letzten Augenblicke verschönere. Wie kannst du süßes Mäuschen dich nur beschweren?«
Trödler stöhnte und drehte sich wieder zur Wand. Du bist der Eine, der mit den Vielen geht, dachte er. Sollte es das nun gewesen sein? War er der Eine und die bereits gefressenen Mäuse die Vielen, denen er folgen würde? Die Stimmen der Vorfahren hatten ihm mit ihren Prophezeiungen und ihrem Drängen in der Fremde ein furchtbares Ende beschert.
Pfefferkranz
»Das Licht bei dem Balken dort drüben hat sich ein wenig verändert. Bist du das, Grimmig?« fragte eine körperlose Stimme. »Ja - wer ist da?«
»Ich bin's, Tolpatsch. Bin gerade unterwegs zum anderen Ende des Dachbodens.«
»Wo bist du, neben dem alten Sessel?« fragte Grimmig.
»Nein, hier drüben bei der kaputten Uhr.«
»Kann dich immer noch nicht sehen. Egal, wir treffen uns später. Bin auf der Suche nach Futter.«
»Viel Glück.«
Die beiden Mäuse, Angehörige des Stamms der Unsichtbaren, gingen ihrer Wege, ohne einander gesehen zu haben.
Eigentlich waren die Unsichtbaren Waldmäuse mit großen, runden Ohren und riesigen Augen. Ihre Größe lag zwischen der einer Hausmaus und der eines Gelbhalses. Sie verbrachten die meiste Zeit ihres Lebens im Dunkeln, ja, sie liebten die Finsternis geradezu. Dachböden eigneten sich hervorragend für ihr nächtliches Leben. Sie gebrauchten Nase und Ohren viel stärker als die anderen Sinne, konnten aber auch Formen in der Dunkelheit wahrnehmen, die anderen Mäusen nicht aufgefallen wären. Der Schöpfer hatte sie mit der Gabe des Verschwindens bedacht. Sogar wenn man wußte, daß sie da waren, wenn sie sich selbst bemerkbar machten, erschienen sie irgendwie körperlos, wie ein Teil der Finsternis. Sie waren die samtweichen Phantome des Hauses. Selbst Gorm bewunderte ihre geschickte Tarnung.
Wie Trödler und seine Artgenossen lebten auch die Waldmäuse gewöhnlich in Wäldern und Hecken, Gärten und Feldern. Man nennt sie daher auch langschwänzige Feldmäuse. Manchmal jedoch treibt es sie in die riesigen Schneckenhäuser der Nacktlinge. Diesen Weg hatten auch die Urururgroßeltern der Unsichtbaren eingeschlagen. Sie kamen ins Haus, um den Unbilden eines besonders kalten Winters zu entfliehen, des schlimmsten seit vielen Nächten, und gründeten dort ihren Stamm. Als der Frühling ins Land zog, zögerten viele, wieder in die Wildnis zurückzukehren, da sie auf dem Dachboden geboren waren.
Eigentlich gab es drei Räume auf dem Dachboden. Die Mäuse hielten sich hauptsächlich im mittleren Dachraum auf. Ab und zu schlichen sie sich auch in Gnadenvolls und Kellogs Territorien.
Der mittlere Raum stand voller Gerumpel. Es gab da Truhen, Kisten mit alten Kleidern, Artefakte der Nacktlingskultur wie eine Schneiderpuppe, Fotoalben, Koffer, alte Möbel, Flaschen und zerbrochenes Spielzeug. Die Unsichtbaren liebten diesen Raum, weil er ihnen zahllose Verstecke bot.
Die Mäuselegende erzählt, daß der Schöpfer zuerst das Gerümpel erschuf. Erst danach verdarben es die Nacktlinge, indem sie die Dinge in etwas Nützliches verwandelten. Doch dieser Dachboden quoll über von unverfälschtem Gerümpel aus den Händen des Schöpfers. Ein ausgezeichneter Ort für den Nestbau.
Wisperer lebte im Schallstück einer Posaune, die an einem Nagel von einem alten Stützbalken hing; Zaghafts Nest lag tief im Herzen einer Seekiste; Elend hatte es sich in einer schaukelnden Hängematte im Netz eines Lacrosse-Schlägers gemütlich gemacht; die wunderbare Balancierkünstlerin Tolpatsch betrat ihr Nest durch das Ohrloch eines Taucherhelms und war somit die einzige Maus, die ein Panoramafenster besaß.
Ja, es war eine sehr abwechslungsreiche Landschaft, in der der Stamm der Unsichtbaren lebte und starb.
Er wurde allerdings nicht oft als Stamm bezeichnet; die meisten Mäuse, sprachen nur von »den Unsichtbaren«. Sie gingen verschlungene Wege, folgten geheimen Pfaden, und die mystische Stille ihres Kommens und Gehens war im ganzen Haus berühmt. Seit der Gründung ihres Stammes war noch keine von ihnen Spuck oder Augapfel zum Opfer gefallen. Tatsächlich erlegte nur die Eule Gnadenvoll Unsichtbare. Kellog stahl allerdings häufig die Jungen aus den Nestern.
Gnadenvolls dichtes, weißes Gefieder verursachte keinerlei Fluggeräusche. Sie galt als hervorragende, erbarmungslose Jägerin, deren scharfem Auge nichts entging. Einmal entdeckt, war die Beute schon so gut wie tot. Ihr Schnabel und die tödlichen Krallen rissen eine Maus in Sekundenschnelle auf. Zum Glück war der Dachboden nicht ihr einziges Jagdrevier. Nachts flog sie oft in die Wildnis hinaus, um dort nach Futter zu suchen. Sie war immer hungrig, und nur die klügsten Unsichtbaren erreichten das Erwachsenenalter.
Die Unsichtbaren pflegten die seltsame Angewohnheit, Lebewesen Namen zu geben, die im genauen Gegensatz zu ihrem Naturell standen. Daher trug die Maus mit der dröhnenden Stimme den Namen Wisperer, der Alleskönner im Wasser hieß Nicht-Schwimmer, die geschickteste Balancekünstlerin unter ihnen war Tolpatsch, der schüchternste der Gruppe wurde Grimmig genannt, und das geräuschvollste Wesen trug den Namen Leichtfuß. Sie war ein Gelbhals unter lauter Waldmäusen.
Gnadenvoll hatte ihren Namen erhalten, als die ersten Unsichtbaren den Dachboden bevölkerten. Die männliche Ratte Kellog teilte ihnen umgehend mit, er besitze bereits einen Namen und könne auf ihre Erfindungen gut verzichten. Die Mäuse zogen es daher vor, ihm seinen Namen zu lassen.