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Kellogs Erzfeind unter den Unsichtbaren war Nichtschwimmer. Kellogs Nest lag zwischen der Außenmauer und dem Wassertank. Nichtschwimmer schwamm mit Vorliebe im Tank herum, wenn dessen Wächter nicht in der Nähe war. Kellog hatte geschworen, die mutige Waldmaus zu töten, doch bisher war sie ihm stets entwischt.

Kellog hatte sein Nest unter anderem dort angelegt, weil er von diesem strategisch günstigen Ort aus die Wasserversorgung des gesamten Dachbodens kontrollieren konnte. Wer trinken wollte, mußte damit rechnen, es unter Kellogs scharfem Blick zu tun. Jene Mäuse, die bei ihm in Ungnade gefallen waren, mußten warten, bis er einen seiner Spaziergänge durchs Haus unternahm. Erst dann konnten sie es wagen, ihren Durst zu stillen. Mäuse müssen nicht oft trinken, aber es war trotzdem ärgerlich, von der Gnade eines anderen abzuhängen. Nichtschwimmer konnte grundsätzlich nicht trinken, wenn Kellog zu Hause war. Dies erzürnte den großen Schwimmer immer wieder aufs neue.

Als Trödlers Ohren unter den sirupsüßen Tiraden des Kleinen Prinzen litten, schwamm Nichtschwimmer gerade entschlossen durch den Wassertank. Seine Beine strampelten wie wild und trugen ihn über die weite Wasserfläche.

Bisher hatte er sich damit zufriedengegeben, Spuren um Kel-logs Nest zu hinterlassen: Anzeichen, daß er da gewesen war, die das Ungeheuer ärgern und an seine eigene Verwundbarkeit erinnern sollten: ein Stückchen Watte, ein Knopf mitten im Nest. Kellog hatte erst vor kurzem das Nest von Nichtschwimmer und seiner Gefährtin Töricht zerstört. Das schrie nach Rache. Beim nächsten Mal mußte er die Lage seines Zuhauses geheimhalten, um einen erneuten Vergeltungsschlag zu verhindern.

In der Mitte des Tanks war es still und dunkel. Er schwamm so geschickt, daß sich die Wasseroberfläche kaum kräuselte. Seine großen, aufmerksamen Augen nahmen jede Bewegung in der Nähe war: Spinnen, Insekten und selbst dahintreibende Staubkörner. Er wollte nicht auf Kellogs Territorium erwischt werden, denn die Ratte war mit Sicherheit ein ausgezeichneter Schwimmer.

Am anderen Ufer des Tanks angekommen, krabbelte er aus dem Wasser. Da war schon der abstoßende Geruch von Kellogs Nest, schal, muffig, insgesamt unerfreulich. Nichtschwimmer rümpfte die Nase und zuckte mit den Schnurrhaaren, während er das Wasser aus dem Fell schüttelte. Dann wischte er sich mit den Pfoten übers Gesicht und warf einen näheren Blick auf das potentielle Angriffsziel.

So, so, Kellog glaubte also, er könne ungestraft das Nest eines Unsichtbaren verwüsten.

Das Rattennest erinnerte an einen Eichhörnchenkobeclass="underline" rund, mit einem einzigen Loch. Der große, hohle Ball bestand aus Pappstreifen, Gummi, Stücken von Elektrokabeln, Schnur, altem Filz, Papier, Stoff und Holzsplittern. Lauter Fetzen, die Kellog irgendwo losgenagt oder -gerissen hatte. Die südliche Wand war mit einem schönen roten Seidenband geschmückt, das so gar nicht zum Rest der finsteren, unheilverkündenden Festung paßte.

Zitternd schaute Nichtschwimmer zum Loch hinüber. Zum Glück hatte er Kellog selbst dabei beobachtet, wie er an diesem Morgen das Nest verließ. Sonst wäre das Risiko, der Ratte über den Weg zu laufen, einfach zu groß gewesen. Schon der Gedanke daran jagte der Maus einen Schauer über den Rücken.

»An die Arbeit!« ermunterte sich Nichtschwimmer. Er zerrte mit den Zähnen an den Drähten und Schnüren, die das Nest zusammenhielten, bis sie sich vom Hauptgerüst lösten. Es war äußerst mühsam, da Kellog sich aufs Flechten verstand und die Bestandteile seines Hauses fest miteinander verbunden hatte.

Bald jedoch war Nichtschwimmer schon bis zu den Papierstreifen vorgedrungen, die schnell nachgaben. Das Nest sank allmählich in sich zusammen.

Nichtschwimmer rang nach Atem, trat einen Schritt zurück und betrachtete sein Werk. »Sabotage!« beglückwünschte er sich selbst. Nach getaner Arbeit schnappte er sich das rote Band als Trophäe und glitt wieder ins kühle Wasser. Lautlos schwamm er zurück ans andere Ufer. Das Flüstern der Spinnen war lauter als seine Bewegungen, das Murmeln der Käfer ein tosender Lärm dagegen. Triefend kletterte er an Land und verschwand geistergleich in den Schatten zwischen den Bodendielen.

An seinem brandneuen Nest in der Kabine eines Spielzeuglasters angekommen, verstaute er zunächst die seidene Trophäe unter dem Nestboden. Dann gesellte er sich zu Töricht, die schon seinen Bericht erwartete.

»Alles in Ordnung?« fragte sie.

»Alles bestens«, antwortete er und ließ sich tropfnaß neben sie plumpsen. »Du hättest mitkommen sollen.«

»Wenn ich so gut schwimmen könnte wie du, hätte ich es glatt gemacht«, entgegnete sie. »Keiner der Unsichtbaren schwimmt so wie du.« Stolz fügte sie hinzu: »Du bist der beste Schwimmer des Stammes.«

»Ach, ist nur ein glücklicher Zufall«, sagte Nichtschwimmer bescheiden.

Das Nest war warm und roch gut. Ihn überkam eine angenehme Mischung aus Befriedigung und Schläfrigkeit. Es war zwar eine gute Stunde Arbeit gewesen, doch man würde sie in den Stammeslegenden verewigen.

»Habe ich euch jungen Leuten schon erzählt, wie vor langer, langer Zeit eine tapfere Maus namens Nichtschwimmer das Nest der bösen Dachratte zerstörte? Das war so ...«

Mascarpone

Kellog kauerte sich auf einen Balken. Sein schwarzer Rücken wölbte sich in einem vollendeten Bogen. Er hatte gerade einige Äpfel gefressen, die im Gartenschuppen lagerten. Der Tribut, den ihm die Wilden entrichteten, reichte zwar für Notfälle, aber nicht zum Sattwerden.

Kellog und Tunnelgräberin hatten das Haus zwischen sich aufgeteilt. Die Ratte beherrschte den oberen Bereich, die Wühlmaus saß am unteren Ende. Beide verlangten Tribut und waren sich in Kellogs Augen daher ziemlich ähnlich. Die Wühlmaus hätte auf Anfragen jedoch darauf hingewiesen, daß man bei ihr auch eine Gegenleistung erhielt - das Recht des freien Durchgangs. Kellog hätte bestimmt gekontert, daß auch er den Mäusen etwas schenkte: ihr Leben.

Die Wilden mußten ihm schlicht und einfach deshalb etwas geben, weil nur sie etwas zu geben hatten. Die anderen waren arm wie Kirchenmäuse. Auf vertrocknete Krusten und zerkaute Bücher konnte Kellog gut verzichten.

Die gefährliche Reise vom Dachboden in den Garten verlief von Gnadenvolls Einflugloch aus an der Wand hinunter und auf demselben Weg zurück. Nachdem Kellog diesen Weg zurückgelegt hatte, freute er sich auf eine Ruhepause.

Gnadenvolls Loch zu benutzen war riskant, selbst in der Nacht. Wenn sie ihn erwischte, war es um ihn geschehen. Aber nun wurde Kellog arrogant und herrisch. Es hatte mit seinem Status im Haus zu tun. Er war der Unbesiegbare, dessen großes, finsteres Nest jeder Maus Angst einflößte. In seiner Ansammlung von Dachbodenmüll lebte er als Herrscher, den jeder fürchtete, von den Anführern der Stämme bis hin zum kleinsten Mäusekind.

Kellog empfand nur wenig Angst. Sicher, die Eule war gefährlich, doch solange er in der Dämmerung, dem bedrohlichen Zwielicht, Vorsicht walten ließ, würde sie ihn nicht erwischen. Die Nacktlinge hingegen machten ihm Sorgen. In ihrer Gegenwart ließ er sich nie sehen und glitt zwischen Wänden und unter Dielen entlang. Die Katzen störten ihn, und deshalb hielt er sich von ihren Gebieten fern.

Kellog kannte nur eine einzige echte Angst: daß man ihn zu Tode reimen könnte. Alle Ratten der Welt leben mit der Furcht, von einem schlauen Reimer zu Tode gereimt zu werden.

Kellog hatte gehört, was geschah, wenn einer der zahllosen Reime über ihn und seine Artgenossen erklang. Die Ratte wurde augenblicklich steif. Ihr Unterkiefer klappte herunter, die Augen wurden glasig, und das Herz blieb stehen.

»Ratz muß weg,

Macht nur Dreck.

Wird ganz bleich,

Ist 'ne Leich. Augen zu, Weg bist du.«

Wenn man diesen Reim in seiner Gegenwart laut aussprach, würde Kellog tot umfallen. Allerdings hatte er wenig zu befürchten, da keine Maus diesen wunden Punkt kannte. Außerdem waren die Dachbodenmäuse nicht schlau genug, sich solche Reime auszudenken. Ihnen fehlte das Gehör für Rhythmus oder Reim. Sie kannten kein Metrum und konnten nicht skandieren. Sie waren taub für Poesie und zudem überaus unmusikalisch.