Bei den Bibliotheksmäusen sah es natürlich anders aus, und deshalb hielt sich Kellog auch fern von ihrem Territorium. Unter ihnen hatte einmal ein Verseschmied gelebt - Snurb der Reimer war sein Name. Irgendwann hatte er sein behagliches Heim verlassen und dem Drang nachgegeben, ein echter Poet zu werden, der einsam Berg und Tal durchwandert. Kellog war außer sich vor Freude gewesen.
Sollte man seine geheime Schwäche entdecken, würde Kel-log die Buchfresser aus dem Haus vertreiben. Hörte er irgendwann von einer einzelnen Maus, die ebenfalls reimen konnte, würde er sie töten, bevor sie ein Wort sagen konnte.
Den Nacktlingen bezeugte Kellog sehr viel mehr Respekt als die Mäuse, und sie waren sich seiner Gegenwart nicht bewußt. Sollte ihn einer erspähen, würde die Hölle losbrechen. Zuvor schon hatte er ihre Angst vor Angehörigen seiner Art erlebt. Sie würden alle Hebel in Bewegung setzen, um ihn zu töten. Nacktlinge mochten Mäuse nicht allzu gern, doch das war nichts gegen den Haß, den sie Ratten entgegenbrachten.
Die Mäuse hielten Nacktlinge für dumme, schweineähnliche Kreaturen, doch Kellog wußte es besser. Wenn es um das Aufspüren und Vernichten von Ratten ging, konnten sie ebenso erfinderisch wie rücksichtslos sein. Eine Bibliotheksmaus wür-de es vielleicht so ausdrücken: Im Ausrotten räudiger Ratten waren Nacktlinge recht rabiat.
Kellog fühlte sich zwischen den Holzbalken zu Hause. In sich trug er die Erlebnisse und Träume seiner Vorfahren - verschwommene, schattenhafte Erinnerungen einer ganzen Rasse, Bilder aus den schwankenden Bäuchen hölzerner Schiffe. Der Geruch von Teer, der zum Kalfatern verwendet wurde, hatte sich tief in seine Gene gegraben. Ebenso der Geruch von Schießpulver und Eisen, Hanftauen und Segeltuch, der Klang von Holz auf Holz, der Geschmack des Salzwassers, der Käse, Mehl und Äpfel tränkte. In seinem erregten Rattenhirn war das Muster der Quermasten unauslöschlich eingeprägt, das Geflecht der Seile, das von der Klampe zum Spier verlief, das Gewirr der Taue zwischen Besan- und Großmast - lauter Fluchtwege für aufgescheuchte Ratten.
Kellog selbst war keine Schiffsratte, doch sein Großvater war auf einem Nacktlingsschiff zur See gefahren. Schiffsratten haßten - im Gegensatz zu ihren gewöhnlichen Artgenossen - die Kälte. Daher ließ sich die Kolonie schließlich auf dem gemütlichen Dachboden des Hauses nieder.
Sofort brach ein Krieg zwischen den Nacktlingen und den Ratten aus. Kellogs Familie fiel einem grausamen Massaker zum Opfer.
Die meisten Ratten starben einen qualvollen Tod, zuckend und japsend, bis sie sich zu einer steifen Kugel zusammenrollten. Gift war die Todesursache: Pulver, das man an den zugänglichsten Stellen des Hauses gestreut hatte. Allmählich wurden die Überlebenden immun und fraßen das Pulver mit großem Genuß und ohne Nachwirkungen. Kellog gehörte zu ihnen, er war eine der drei letzten Ratten im Haus. Eine starb an Altersschwäche. Die zweite im Bunde wurde irgendwann vom Küchennacktling mit dem Fleischklopfer zermatscht, als sie Kuchen stehlen wollte.
Jetzt war Kellog ganz auf sich allein gestellt. Diese Existenz paßte zu seinem düsteren Naturell. Eigentlich sind Ratten gesellige Wesen, und jede andere wäre vermutlich an Einsamkeit zugrunde gegangen, doch Kellog war eben Kellog und damit keine gewöhnliche Ratte.
Kellog streckte sich und gähnte mit weit offener Schnauze. Dann ließ er sich mit einem hörbaren Geräusch vom Balken zu Boden plumpsen und lief zu seinem Nest. Er freute sich schon auf sein gemütliches Heim, in dem er sich einrollen und seinen Rattenträumen hingeben konnte.
Er schwamm durch den Wassertank und verschaffte seinen Flöhen ein ordentliches Bad. Da war auch schon sein Nest. Sein Nest!
Kellog starrte auf das Durcheinander vor seinen Füßen - zunächst verwirrt, dann mit wachsendem Zorn. Schließlich überkam ihn große Traurigkeit, als er bemerkte, daß das wunderschöne rote Seidenband verschwunden war. Es war sein einziger Schmuck gewesen, der einzige zweckfreie Bestandteil seines Nestes. Dieses Band hatte er wie einen Talisman gehütet. Kellog wurde schlecht vor Wut. Sein Schwanz peitschte durch den dicken Staub. Sein Magen brannte vor Übelkeit, die sich in seinem ganzen Körper ausbreitete. Die Augen funkelten, und die Zähne klapperten aufeinander, als er seinen Zorn mühsam im Zaum hielt. Er stieß nur ein einziges Wort hervor: »Nichtschwimmer!«
Saint Paulin
Wisperer hatte eine Ratsversammlung einberufen, zu der alle Unsichtbaren, die älter als sechzig Nächte waren, erscheinen mußten. Der Anführer bat um Ruhe. Die Ratsmitglieder traten ins graue Licht, nannten ihre Namen und zogen sich wieder ins Dunkel zurück. Als er die Vollzähligkeit der Versammlung festgestellt hatte, wandte er sich mit dröhnender Stimme an seinen Stamm. »Ihr werdet sicher bemerkt haben, daß uns Tostig vom Stamm der Wilden in der vergangenen Stunde einen Besuch abgestattet hat ...«
»War ja kaum zu überhören«, erwiderte Tolpatsch. »Trampelt wie ein Nacktling über unseren Dachboden und will sich mit einer Lumpenpuppe unterhalten.«
Allgemeines Gelächter.
»Nun«, meinte Wisperer, »andere Mäuse verstehen sich nicht so auf das Unsichtbarmachen wie wir. Tostig hatte bestimmt das Gefühl, sich absolut lautlos zu bewegen.«
Erneutes Gelächter. Die Unsichtbaren hatten eine kleine Schwäche. Sie waren manchmal zu selbstzufrieden, wenn es um ihre eigenen Talente ging.
»Tostig überbrachte eine Botschaft von seinem Anführer, Gorm dem Alten. Er möchte sich mit mir treffen, um eine Angelegenheit zu besprechen, die von größter Wichtigkeit für das gesamte Haus sei.«
Zaghaft stand im Schatten eines Balkens am Rande der Versammlung und äußerte ein hörbares Knurren.
»Hast du etwas zu sagen, Zaghaft?« erkundigte sich Wisperer bei seinem ewigen Rivalen um die Führung des Stammes.
Zaghaft, eine ungehobelte, gewalttätige Waldmaus, deren eines Auge von einem milchigen Schleier überzogen war, erwiderte: »Ich weiß, ich sollte mit dir über jedes Wort streiten, Wisperer. So muß es zwischen Rivalen sein. Du redest meistens ohnehin nur Blech. Das hier geht jetzt aber wirklich zu weit. Gorm ist ein Barbar .«
»Und das aus deinem Mund!« brüllte Wisperer. Wer von Zaghaft weiter entfernt stand, wagte ein Lachen.
Zaghaft stieß ein kehliges Grollen aus. »Mag sein, Wisperer. Ich will damit nur sagen, du kannst ihm nicht vertrauen. Du kannst keinem Wilden trauen. Sie sind hinterhältige, tückische Kreaturen. Oh, du weißt nur allzu gut, wieviel Ärger sie uns schon bereitet haben.«
Wisperer nickte bedächtig. »Da hast du recht. Wir haben gelegentlich Probleme mit den Wilden gehabt. Trotzdem neige ich dazu, dieses Mal mit ihnen zu reden. Einer von uns wurde zu ihrer Versammlung eingeladen. Angeblich existiert ein Plan, durch die Vertreibung der Nacktlinge einen utopischen Staat zu verwirklichen. Die Mäuse sollen dann in Frieden miteinander leben. Ohne die Nacktlinge gebe es genügend Futter für alle .«
»Mann, du glaubst doch nicht diesen Schwachsinn?« schrie Zaghaft. Visionen lagen ihm nicht. »Der Unsichtbare, der sich zu dieser Versammlung wagt, verschwindet auf Nimmerwiedersehen, darauf verwette ich meinen Schwanz. Es ist nur ein Trick, um einen von uns in die Küche zu locken. Dort findet dann ein Ritualmord statt.«
»Die Buchfresser kommen auch«, dröhnte Wisperer.
»Das bestätigt nur meine Worte«, erklärte Zaghaft.
»Hexerei. Schwarze Magie. Sie brauchen dazu einen Unsichtbaren. Er wird gefoltert, und dann reißen sie ihm die Kehle auf. Das Blut verwenden sie für ihre unaussprechlichen Zeremonien. Schick doch gleich einen Jugendlichen hin. Ein nettes, unschuldiges Opfer für ihre diabolischen Riten.«