Leichtfuß räusperte sich und sagte: »Wisperer, es stimmt, daß die Buchfresser im Mondlicht Kinder schlachten und das Blut trinken .«
Wisperer stampfte mit dem Fuß auf und trommelte ungeduldig mit dem Schwanz. »Das erzählt man uns. Hat einer von euch es jemals gesehen?«
»Ein Onkel von mir hat gehört -«, hob Leichtfuß an, wurde jedoch von Töricht unterbrochen.
»Bigotte Vorurteile! Wir wissen doch gar nicht, was sich in der Bibliothek abspielt. Solange es niemand mit eigenen Augen gesehen hat, sollten wir diese Schauermärchen unbeachtet lassen. Vermutlich erzählen die Buchfresser ihren Kindern ähnli-che Geschichten über uns. Diese barbarische Unwissenheit muß ausgemerzt werden.«
»Wenn sie Geschichten über uns verbreiten, dürfen wir das auch«, meinte Zaghaft.
Töricht fiel über ihn her. »Schwachsinn! Wir sollten lieber ein Beispiel geben und keine neuen Unsinn produzieren. Sonst wird der Teufelskreis von Mißtrauen und Haß nie durchbrochen. Dies ist eine ernste Angelegenheit. Wir haben jetzt die Chance, die anderen Stämme kennenzulernen und mit eigenen Augen zu sehen, daß die Wilden nicht nur blutrünstige Zerstörer und Plünderer sind. Endlich können wir herausfinden, ob uns die Buchfresser nicht ähnlich sind, nur ein wenig mystischer und gelehrter .«
Zaghaft meldete sich scheinheilig zu Wort. »In diesem Fall sollte Töricht unsere Botschafterin sein. Schließlich ist sie wild auf gute Beziehungen unter den Stämmen. Was hältst du davon, Grimmig?«
Der schüchterne Grimmig, der sich vor seinem eigenen Schwanz und vor allem vor Zaghaft fürchtete, flüsterte: »Oh, sicher, sicher.«
»Nein!« schrie Nichtschwimmer und trat aus dem Schatten hervor. »Sie ist trächtig. Sie wird nirgendwo hingehen.«
Töricht selbst gab die Antwort. »Ja, das stimmt. Trotzdem bin ich die richtige Maus für die Aufgabe. Es ist eine gefährliche Unternehmung, aber es wird schon gehen. Wisperer, ich möchte gerne Botschafterin sein.«
Nun mußte jeder seiner Meinung Ausdruck verleihen.
»Töricht sieht das alles nicht so emotional.«
»Sie hört sich die Argumente aufmerksam an und trifft dann mit gesundem Mäuseverstand eine Entscheidung. Sie ist wie geschaffen für die Aufgabe.«
»Damit wäre das geregelt«, sagte Töricht. »Würdest du uns bitte die Gründe für diese Versammlung nennen, Wisperer?«
»Wie gesagt, eine Revolution liegt in der Luft. Wir Unsicht-baren möchten nicht außen vor bleiben. Es könnte die Befreiung von den Nacktlingen bedeuten! Tostig sagte mir, die Buchfresser seien sehr aufgeregt, und die Wilden sind ohnehin dafür.«
»Wie steht es mit Ulf und seinen 13-K?« fragte Grimmig.
»Ah, da liegt wohl die erste Schwierigkeit. Ulf und Drenchie haben sich kategorisch geweigert, etwas mitzumachen, an dem Gorm beteiligt ist. Trotzdem, man kann ja nie wissen, vielleicht überlegen sie es sich noch. Sonst müssen wir eben auf sie verzichten. Stellt euch nur ein Haus ohne Nacktlinge vor! Sie würden die Katzen und den Hund mitnehmen. Dann leben wir in Frieden mit unseresgleichen und wandern ungehindert durchs Haus .«
Viele Mäuse schwiegen ehrfürchtig bei so anarchischen Vorstellungen.
»Kellog und Gnadenvoll werden wohl kaum verschwinden, oder?« fragte Zaghaft.
Wisperer antwortete dröhnend: »Für Gnadenvoll habe ich mir schon etwas überlegt.«
Die Unsichtbaren stießen ein fasziniertes Keuchen aus. Eine Maus, die es mit einer Eule aufnahm? War das möglich?
»Im Augenblick kann ich noch nicht viel dazu sagen«, erklärte Wisperer bedeutungsschwer.
»Himmelarsch«, grollte Zaghaft, »spinnst du? Gegen Gnadenvoll kämpfen? Du tust mir wirklich leid. Wenn du mir mit einem Plan kommst, wie du Gnadenvoll töten willst, verlasse ich freiwillig das Haus. Und wie steht es mit Kellog? Hast du da auch irgendwelche Ideen?«
»Kellog ist Bestandteil meines Planes, wie wir Gnadenvoll loswerden können«, antwortete Wisperer. »So viel kann ich dir jetzt schon sagen.«
»Ob Kellog das wohl weiß?« murmelte Zaghaft.
Die Versammlung ging allmählich in ein aufgeregtes Durcheinander über. Niemand außer Grimmig interessierte sich noch für Zaghaft. Grimmig nickte und sagte leise: »Ich bin auf deiner Seite, Zaghaft.«
Dieser betrachtete angewidert den schüchternen Mäuserich. »Solltest du auch, du Laus, sonst beiße ich dir die Ohren ab.«
Plötzlich glitt ein Schatten von hinten neben Zaghaft. »Falls meiner Töricht etwas zustößt, bist du dran«, zischte eine Stimme.
Zaghaft ließ sich von dieser Drohung nicht beeindrucken. »Du weißt, wo du mich findest, Nichtschwimmer. Schleif schon mal die Zähne, die wirst du brauchen.«
Nichtschwimmer blitzte ihn an. »Denk an meine Worte. Wir kämpfen auf Leben und Tod. Nur einer von uns wird überleben.«
»Hau ab, Wasserratte«, schnappte Zaghaft und rollte das blinde Auge. »Ich kann mich nicht mit dir abgeben. Komm wieder, wenn du Zähne statt Worte gebrauchst.«
»Worauf du dich verlassen kannst.«
Nichtschwimmer verschwand wie ein Nebelfetzen im Wind.
Grimmig saß mit klappernden Zähnen da und fragte sich, ob er nun in den Konflikt zwischen seinem Freund Zaghaft und dem zu allem entschlossenen Nichtschwimmer verwickelt sei. Eigentlich wollte er mit solchen Kämpfen nichts zu tun haben. Der Sieger würde mit Sicherheit in der Verbannung enden. Es war besser, sich auf den großen Plan zu konzentrieren.
Grimmig entfernte sich verwirrt aus der Versammlung. Das Gerede von der Vertreibung der Nacktlinge hatte ihm Angst gemacht. Sicher, er fürchtete sich vor beinahe allem und betrachtete sich selbst als größten Feigling, doch hier ging es um die Gesamtheit aller Stämme, um die bestehende Ordnung. Er konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, daß das ganze Haus auf eine Katastrophe zusteuerte. Schon öfter hatte er Vorahnungen gehabt, und sie hatten sich immer bestätigt.
Was aber sollte er tun? Zu Wisperer gehen und sagen: »Hör mal zu, alter Freund, ich habe da so ein komisches Gefühl bei der Vertreibung der Nacktlinge. Ich glaube, wir sollten es lieber lassen«?
Keine gute Idee, dachte er. Wisperer würde ihn zur Abhärtung in den Wassertank schleudern. Das war das Problem bei empfindsamen Wesen: Niemand nahm einen ernst, niemand glaubte, daß man nur dem Allgemeinwohl dienen wollte. Alle dachten nur, man habe Angst um sich selbst, was leider auch stimmte. Die anderen konnten einfach nicht begreifen, daß er sich um sie und um sich selbst sorgte.
Grimmig war einfach zu sensibel. Sein ganzes Leben lang hatte man ihn deswegen gehänselt und gequält. Als Junges schlossen ihn die anderen Mäuse von ihren Spielen aus, machten sich über ihn lustig. Er hatte keine glücklichen Erinnerungen an seine Kindheit. Es kam, wie es kommen mußte. Grimmig verkroch sich in seinem Schneckenhaus, wurde zum Einzelgänger und dachte folglich viel mehr nach als andere Mäuse. Auch war er weitaus empfänglicher für mögliche Bedrohungen seines Stammes.
Nun erkannte er, daß die neuen Pläne Gorms des Alten ihre Welt bedrohten. Leider konnte er das nicht laut aussprechen, da Gorm ungefähr so empfindsam wie ein Ziegelstein war. Selbst ein Gespräch mit Augapfel war leichter, als Gorm seine Gefühle darzulegen. Grimmig wagte ohnehin nicht, dem Anführer der Wilden zu widersprechen, und konnte nur sich selbst seine Angst eingestehen. »Wo unter uns gibt es den einen, der die Mäuse durch die Revolte zum Frieden führen kann?«
In Gedanken versunken wanderte er durch die drei Dachräume voller Pappkartons mit Nacktlingsgerümpel. Er bewegte sich geistergleich und nutzte die dunklen Schatten als Tarnung. Er mochte zwar ein Feigling sein, doch gehörte er zu den Unsichtbaren und konnte mit der Finsternis um ihn herum verschmelzen. Wollte man nicht den schrecklichen Tod in den Fängen einer Eule erleiden, mußte man schon automatisch lautlos und unsichtbar wie ein Gespenst werden. Schließlich ließ er sich in einer mit Watte ausgepolsterten Schachtel nieder, in der ein paar billige Schmuckstücke lagen. Die Watte fühlte sich weich und tröstlich an. Er schlief ein.