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Als er aufwachte, war er furchtbar durstig. Es gab nur eine Wasserquelle, den Tank. Hoffentlich war Kellog nicht zu Hause. Die Ratte machte ihn immer ganz nervös, so daß er sein Wasser zu schnell hinunterschluckte und husten mußte. Kellog war ihm nie zu nahe gekommen, da er seine Feinde sorgfältig auswählte. Wer nicht zum Kreis der Auserwählten gehörte, war schlichtweg uninteressant. Natürlich liebte Kellog grundsätzlich keine Maus, stand aber den meisten von ihnen gleichgültig gegenüber.

Grimmig erreichte den Tank und entdeckte zu seinem Entsetzen, daß Kellog am anderen Ende herumlümmelte. Er konnte den Durst aber nicht länger ertragen und mußte einfach trinken. Vorsichtig schlich er sich zum Rand des Tanks. Leider war der Wasserpegel ziemlich niedrig, so daß ein Sprung in die Tiefe unvermeidlich schien.

Grimmig zögerte eine Weile und ließ sich schließlich hineinfallen. Er tauchte auf, strampelte mit den Beinen und schaute ängstlich zu Kellog hinüber. Die riesige Dachratte hatte sich nicht von der Stelle gerührt. Grimmig stillte seinen Durst.

Dann krabbelte er aus dem Tank heraus und schüttelte das Wasser aus dem Fell. Noch immer zeichnete sich die Silhouette der Ratte reglos im Dämmerlicht ab. Plötzlich drehte sich der mächtige Kopf. Die Augen starrten durchdringend über das schwarze Wasser. Grimmig erschauerte, als sich der Blick auf ihn richtete. Konnte er noch verschwinden? Wie zur Salzsäule erstarrt fixierte er das Monster jenseits des Wassers.

Monster war genau der richtige Ausdruck. Kellog war einfach ungeheuer groß. Ein plumpes Wesen mit eisenharten Muskeln.

Seine schrecklichen Kiefer zerknackten die Knochen der stärksten Waldmaus. Kellog konnte vorsätzlich verstümmeln und morden. Er fraß zwar keine erwachsenen Mäuse, schreckte aber nicht vor einem Angriff zurück.

Grimmig stand zitternd im Bannkreis der furchtbaren Augen.

»Wohin schaust du, Ameise?« fragte die Ratte barsch.

Der Mäuserich klapperte mit den Zähnen. »N-nirgendwo hin, Kellog.«

»Dann hau ab, bevor ich dir was zum Anschauen gebe. Wie wär's mit deinen Eingeweiden?«

»N-nein, Kellog, bi-bitte nicht!«

Kellog rutschte auf seinem Aussichtsplatz hin und her und sagte dann mit gräßlicher Stimme: »Du kannst Nichtschwimmer von mir bestellen, daß er so gut wie tot ist. Ich bringe ihn um, bevor der Herbst kommt. Ich reiße ihm die Gliedmaßen ab, dann den Kopf und verteile die Stücke auf dem ganzen Dachboden. Richte ihm das von mir aus.«

Endlich erwachte Grimmigs Körper wieder zum Leben. Er drehte sich um und eilte davon. Was hatte sein Mitmäuserich Kellog der Dachratte nur angetan? Wie gut, daß er in seiner eigenen und nicht in Nichtschwimmers Haut steckte.

Camembert

Furz und Fusel sahen sich Tunnelgräberin gegenüber. Fusel bebte vor Angst. Furz war aus anderem Holz geschnitzt und zitterte nur ein wenig. Er stand mit erhobener Nase da und hielt einen undefinierbaren Brocken mit den Pfoten umklammert. Seine Schnurrhaare zuckten. »Wir haben dir ein bißchen Fleisch mitgebracht«, sagte er zu Tunnelgräberin. »Du mußt uns vorbeilassen.«

»Mußt?« schrie die kleine Wühlmaus. Sie lag in Lauerstellung und konnte jeden Augenblick zu einem ihrer tödlichen Sprünge ansetzen. »Mußt?«

Furz lächelte gequält. »Ich meine, hättest du wohl die Güte, uns in den Garten zu lassen?«

»Ja«, quietschte Fusel zähneklappernd, »in den Garten, bitte schön.«

Tunnelgräberin schnaubte verächtlich in Richtung der Kellermäuse, die das schöne Labyrinth durch ihre bloße Anwesenheit besudelten. Die beiden stanken und verteilten überall ihren Dreck. Sie waren in jede Sackgasse gelaufen und allen falschen Fährten gefolgt, bis Tunnelgräberin sich erbarmte und ihnen den Weg zeigte. Am besten, sie nahm das gekochte Fleisch an und führte sie so schnell wie möglich aus ihren geliebten Tunneln hinaus. »Gebt mir den Tribut«, knurrte sie.

Furz ließ das Stück Fleisch fallen. Fusel hatte auch eins, doch das war für den Rückweg bestimmt. Nach Vollendung ihrer Mission mußten sie erneut Wegezoll zahlen, um wieder in den Keller zu gelangen.

»Nun«, zischte Tunnelgräberin, »ihr nehmt den Gang da drüben und haltet euch rechts. Ihr wißt doch, wo rechts ist, oder?«

Fusel hob die linke Vorderpfote.

»Die andere, du Trottel«, erklärte Furz überheblich und übernahm die Führung.

»Wenn ihr euch verirrt, lasse ich euch elend verhungern!« brüllte die Wühlmaus zum Abschied.

»Danke vielmals«, rief Fusel ohne jede Spur von Sarkasmus. Dann murmelte er vor sich hin: »Rechts halten, rechts halten ...«

Schließlich spürten die Kellermäuse einen Luftzug im Tunnel, der ihnen den ersehnten Geruch zutrug. Die Dunkelheit wich dem frühen Abendlicht. Sie hatten sich zeitig von ihrem muffigen Lager erhoben, um den Garten zu erreichen, bevor Gnadenvoll und ihre Artgenossen auf die Jagd gingen. Eulen gehörten zu den Schrecken, die Mäuse zur Salzsäule erstarren ließen. Furz und Fusel schlichen vorsichtig aus dem Labyrinth in die hohen Gräser an der Regentonne.

Sie befanden sich auf einer wichtigen Expedition. Sie wollten Stone aufsuchen, den weithin bekannten Haselmäuserich. Er wußte angeblich alles über die Natur hier draußen. Er sorgte sich um die Landschaft, liebte und hegte sie wie die Mutter das Kind - er war genau der Richtige, ihre große Frage zu beantworten.

Fusel hing zähneklappernd am Schwanz seines Anführers, obwohl es keineswegs kalt war. Die Sonne schien, die Luft war heiß und still und erfüllt vom Gesumm unzähliger Wespen, Bienen und anderer Insekten.

Fusel hatte einfach nur Angst. »Können wir nicht heimgehen?« jammerte er. »Ich hasse das Draußen. Ist zu viel Gegend auf einmal und ... Was ist das?«

Furz schoß vor Schreck in die Höhe und drehte sich um.

Ein Ungetüm wand sich durchs Gras.

»Muß eine Schlange sein«, flüsterte Furz.

»Eine was? Was ist das?«

»Sie fressen Mäuse«, erwiderte sein Kumpan und flüchtete sich ins höhere Gras.

Fusel rannte seinem Freund und Anführer hinterher. Er keuchte vor Anstrengung.

Auf ihrer Wanderung zum Gartenklo, die ihnen einfach endlos erschien, begegneten sie zahlreichen Ungeheuern - von der furchteinflößenden Elster bis zum aggressiven Rotkehlchen. Furz vermeinte ein Wiesel zu riechen, obwohl er weder wußte, wie es aussah noch wie es roch. Fusel stieß doch tatsächlich an ein »total furchtbares Krötenmonster« und erschreckte sich beinahe zu Tode.

Als die beiden Kellermäuse schließlich das Klo erreichten, waren sie mit den Nerven fertig.

Plötzlich huschte eine ungepflegte Gestalt aus den hohen Gräsern. Nach den Beschreibungen seines Onkels Galle zu urteilen, der einmal draußen gewesen war, mußte es sich um ein Zwergeichhörnchen handeln.

Da die Kreatur nicht größer war als Furz, ging er sofort zum verbalen Angriff über. »Was zum Teufel bist du denn?«

Das Wesen starrte ihn an. »Eine Haselmaus, du dämlicher Säuger. Ihr könnt nur Furz und Fusel sein, wenn mich meine Nase nicht täuscht. Igitt! Abscheulich!«

Furz rutschte das Herz in die Hose, als er begriff, daß sie dem Wächter des Gartens gegenüberstanden. Er ging auf ihn zu und richtete sich auf. »Haselmäuserich Stone, nehme ich an?«

Stone antwortete nicht.

»Tut mir leid, daß wir dich verwechselt haben - dachte, du wärst ein Eichhörnchen, wegen des Schwanzes.«

Stone warf einen Blick auf seinen zerzausten Schwanz und wies mit einem Kopfnicken in Richtung einer Eiche, deren knorrige Äste in den blauen Himmel emporragten. »Das da ist ein Eichhörnchen«, erklärte er.

Furz schaute nach oben und entdeckte einen rostbraunen Giganten in der Baumkrone. Er schluckte. »Meister, ich bin froh, daß du nicht so einer bist.«