In diesem Augenblick begann der Kleine Prinz zu schreien: »Herr! Herr! Herr!«
Trödler sah zu der weißen Maus hinüber. Sie kauerte in einer Ecke des Käfigs und war völlig von Sinnen. Trödler schaute in dieselbe Richtung wie der Kleine Prinz und bemerkte, daß Augapfel ins Zimmer schlich. Es schien, als habe es die Katze auf die gekochte Wühlmaus abgesehen. Vermutlich hatten die Kochdünste das Ungeheuer angelockt. Augapfel schob sich zentimeterweise ins Zimmer und bemerkte die beiden Käfige erst, als der Kleine Prinz losbrüllte.
Der Kopfjäger achtete nicht darauf. Er hatte den Kopf der toten Wühlmaus in seine Holzvorrichtung gelegt, die dazu diente, den Kiefer weit zu öffnen. Als das Maul wie zu einem unnatürlichen, lautlosen Schrei geöffnet war, entfernte der Nacktling den Kopf aus dem Apparat und schlitzte mit einem scharfen Federmesser den Bauch von der Schnauze bis zum Schwanz auf. Er zog die Haut ab. Darunter kam eine weiche rosa-graue Masse zum Vorschein. Der Duft von gekochtem Fleisch erfüllte das ganze Zimmer.
Augapfel ließ sich unter dem Bett nieder. Sie nutzte das Wechselspiel von Licht und Schatten, um sich zu tarnen. Gespannt und geduldig wartete sie auf ihre Chance.
»O Gott, Hilfe!« gellte der Kleine Prinz. »Warum sieht mein Herr sie denn nicht? Sie wird meinen zarten Körper in ihr schmutziges Maul nehmen ...«
»Wieso jammerst du eigentlich?« fragte Trödler. »Sie kann uns nichts tun, wir sitzen doch im Käfig. Reiß dich zusammen.
Hast du denn gar keine Selbstdisziplin?«
»Nein«, bestätigte die weiße Maus. »Ich will nicht sterben. Ich bin viel zu schön zum Sterben.«
Der Kopfjäger war ganz ins Häuten der Wühlmaus vertieft. Brocken von Organen fielen auf die untergelegte Zeitung, als er mit dem Federmesser im Bauch der Maus herumfuhr. Wenn die Klinge auf Knochen oder Knorpel traf, hörte man ein grauenhaftes Schaben.
Schließlich war die Haut abgezogen. Es wirkte äußerst makaber, wie der Kopf daran herunterbaumelte. Der Kopfjäger schaute Trödler an und zeigte wieder die Zähne. Dann zog er sich den glitschigen Balg über den Zeigefinger, wobei der Nagel aus der klaffenden Schnauze hervorragte, und wackelte mit dem Mäusekopf, als sei das Tier noch am Leben. Die Fingerpuppe führte einige Scheinangriffe auf Trödlers Käfig aus, und der Besitzer der Hand gab die dazu passenden Geräusche von sich.
Trödler konnte sich nicht vorstellen, welche Befriedigung der Kopfjäger aus diesem gräßlichen Spiel zog. Sein Gesicht verriet eine zügellose Freude, als die Wühlmauszähne an den Gitterstäben rüttelten. Von dieser ekelerregenden Folter sah Trödler seinen Verstand bedroht. Er brabbelte sinnloses Zeug vor sich hin, als sei die Puppe lebendig und wolle in den Käfig eindringen.
Als der Kopfjäger seines Spiels überdrüssig geworden war, zerschnitt er das Fleisch des gehäuteten Körpers und verfütterte es stückchenweise an den Kleinen Prinzen.
Trotz der Angst vor Augapfel verschlang der Kleine Prinz die gekochten Bröckchen in wilder Gier.
Plötzlich landete etwas draußen auf dem Sims vor dem bleiverglasten Fenster und lenkte den Kopfjäger ab. Er drehte sich um und starrte durch die dicken Scheiben. Dort saß ein Rotkehlchen, scheinbar angelockt von der züngelnden blauen Flamme des Bunsenbrenners, der noch immer auf dem Tisch vor sich hin zischte.
In diesem Augenblick sprang Aufapfel auf den Tisch, schnappte sich die Überreste der gekochten Wühlmaus und sauste wie der Blitz zur Tür hinaus. Der Kopfjäger stieß einen durchdringenden Schrei aus. Er griff nach einem hölzernen Schläger und schleuderte ihn der Katze hinterher. Der Schläger traf Trödlers Käfig, der polternd zu Boden fiel. Beim Aufprall sprang die Tür auf.
Obwohl stark mitgenommen, raste Trödler durch die Öffnung und verschwand unter dem Bett. Er kauerte sich in den tröstlichen Schatten und sammelte seine fünf Sinne. Im nächsten Augenblick preßte sich das Gesicht des Kopfjägers an den Boden und glotzte unter das Bett. Trödler gab sich einen Ruck und schoß an dem Nacktling vorbei durch die offene Tür und hinaus auf den Treppenabsatz.
Hätte Trödler schon länger im Haus gelebt, wäre er zu einem der Schlupflöcher gerannt. Nun stand er orientierungslos an der Treppe und wußte nicht, wohin. Der Kopfjäger trampelte schon durch die Schlafzimmertür.
»Schnell, hier lang!«
Trödler hörte den Ruf, wußte aber nicht, welche Richtung gemeint war.
»Hier lang, hier lang!« rief die Stimme.
Da entdeckte er eine Waldmaus, die bei einem Loch in der Nähe des Badezimmers wartete. Trödler lief auf sie zu, und schon sauste ein schwerer Stiefel genau auf die Stelle nieder, an der er eben noch gehockt hatte. Blitzschnell verschwand er im Loch und folgte der Waldmaus.
Als sie sich tief im verschlungenen Labyrinth hinter den Wänden befanden, blieb die Waldmaus plötzlich stehen und drehte sich um. »Alles in Ordnung? Der Kopfjäger hätte dich beinahe erwischt.«
»Beinahe?« keuchte Trödler. »Er hat mich erwischt, aber ich bin ihm wieder entkommen.«
Sein Gegenüber riß die Augen auf. »Er hat dich erwischt, und du bist davongekommen? Muß eine Premiere sein. Wie hast du das geschafft?«
Trödler richtete sich auf und sammelte seine Gedanken. »Seltsamerweise hat mir Augapfel bei der Flucht geholfen. Sie schnappte sich . etwas, das der Kopfjäger in einem Topf gekocht hatte. Dann warf er etwas nach ihr. Es traf meinen Käfig, und die Tür sprang auf. So bin ich entwischt.«
»Mein Freund, du bist wirklich ein Glückspilz. Sonst wärst du schon Futter für den Kleinen Prinzen.«
»Das kannst du laut sagen«, seufzte Trödler. »Ich habe wohl einen Schutzengel.« Er zitterte, da er sich noch nicht ganz von diesem Erlebnis erholt hatte. Das würde sicher auch noch eine Weile dauern. Der Begriff »Alptraum« reichte wirklich nicht aus, dachte er bei sich. Es mußte noch ein anderes Wort geben, das diese Hölle angemessen beschreiben konnte, doch ihm fiel nichts ein. Leid, Drangsal, Marter - alles völlig unzureichend.
»Du wirkst ein wenig durcheinander«, stellte die andere Maus fest. »Mußt du irgendwohin?«
Trödler schüttelte den Kopf. »Ich habe bei den Buchfressern gelebt, aber das ist vorbei. Man bekommt dort nie genug zu fressen. Wer bist du? Woher kommst du? Ich habe hier noch keine anderen Waldmäuse gesehen.«
»Mein Name ist Töricht«, erwiderte sie. »Ich bin eine Unsichtbare. Uns gehört der Dachboden. Du kannst gern mit mir kommen, aber wir müssen zunächst eine Versammlung besuchen - ein Treffen aller Stämme, das im Schrank unter der Treppe stattfindet. Ich bin die Abgesandte der Unsichtbaren.«
Im letzten Satz schwang ein gewisser Stolz mit.
»Eine Versammlung? Worum geht es?« wollte Trödler wissen.
Töricht wurde ganz aufgeregt. »Anscheinend existiert ein Plan, die Nacktlinge aus dem Haus zu vertreiben, damit es genug Futter für alle gibt. Beinahe alle Stämme schicken Abge-sandte dorthin.« Bei den nicht näher bezeichneten Ausnahmen handelte es sich um die geächteten und unberührbaren Stinkmorcheln und die rebellischen 13-K.
In Trödler zündete ein Funke. Er sah sich selbst als jungen Mäuserich vor dem Hasel schnörkel. Ihm war, als habe er das alles vor langer Zeit schon einmal gehört. Es schien, als sei es vorherbestimmt, daß er, Trödler, zu dieser Zeit an diesem Ort sein würde. Die Mäuse würden ihn in ihre Pläne einbeziehen, das spürte er: Sein Leben stand vor einer entscheidenden Wende. Warum? Trödler hatte keine Ahnung. Er wußte nur, daß er so viel wie möglich erfahren mußte. »Kann ich mitkommen?«
Töricht schaute ihn zweifelnd an. »Eigentlich ist das Treffen nur für die Abgesandten der Stämme.«
»Ich heiße Trödler. Ich komme von draußen und vertrete die Außenmäuse. Danke übrigens, daß du mir das Leben gerettet hast. Wenn du nicht gekommen wärst ...«