»Ach, keine Ursache. Du kannst zur Versammlung mitkommen. Allerdings mußt du Gorm überreden, deine Anwesenheit zu gestatten. Ich hoffe, du verstehst mich.«
»Mach dir keine Sorgen um mich«, erwiderte Trödler. »Ich komme schon zurecht.«
Er folgte Töricht über die Mäusestraßen, die zwischen den Wänden verliefen. Bald erreichten sie das Gwenllian-Loch. Von da aus war es nur ein kurzer Spurt zum Schrank unter der Treppe, dem Versammlungsort der Mäuse des Hauses. Sie quetschten sich durch den Spalt unter der Tür. Drinnen war es dunkel, aber Trödler gewöhnte sich schnell daran. Bald konnte er seine Umgebung und die anderen Mäuse erkennen.
Da waren kleine Hausmäuse, rauhe Burschen, ein oder zwei Feldmäuse und einige Gelbhälse wie er selbst. Töricht schien die einzige Waldmaus unter den Anwesenden zu sein. Sie setzte sich in Nase-unten-Position an den Rand des Kreises, und Trödler ließ sich neben ihr nieder.
»Du kommst spät, Unsichtbare«, bemerkte eine Hausmaus barsch. Sie saß mit zwei anderen, die wie ihre Doppelgänger wirkten, oben auf dem Gaszähler. »Wen hast du da mitgebracht?«
Trödler schüttelte den Kopf, da er eine Sehstörung vermutete, doch die drei identischen Mäuse blieben an Ort und Stelle. Selbst ihre Narben waren vollkommen gleich. Es sah aus, als säße der Sprecher zwischen zwei Spiegeln.
Töricht antwortete: »Das ist Trödler, er kommt von draußen.«
»Was hat er dann hier zu suchen?« grollte das kampflustige Trio. »Haben wir nicht schon genug Mäuse hier drinnen?«
Töricht ging über die Frage hinweg. »Ich bin wegen Trödler zu spät gekommen. Er ist dem Kopfjäger entwischt, und ich mußte ihm den Weg ins nächste Loch zeigen. Als Außenmaus konnte er .«
»Dem Kopfjäger entwischt?« rief ein älterer Gelbhals aus. »Das ist doch unmöglich.«
»Nein«, erwiderte Trödler, der nun für sich selbst sprechen wollte, »denn wie du siehst, bin ich ja hier. Vor kurzem saß ich noch in einem Käfig mit Käse, der hinter mir zugeschnappt war.«
»Eine Falle des Kopfjägers!« bemerkte eine Hausmaus.
Trödler fuhr fort. »Ja, das war es wohl. Jedenfalls ...« Und er erzählte ihnen die Geschichte seiner Flucht.
»Klingt ein bißchen weit hergeholt«, grollte die Mitte des Trios. Trödlers Nackenhaare sträubten sich.
»Hör zu, ich weiß nicht, wer du bist, und es ist mir auch egal - du und deine Brüder interessieren mich nicht die Bohne -, aber ich lasse mich nicht als Lügner bezeichnen.«
»Ich bin Gorm der Alte«, knurrte die Hausmaus. »Halte deine Zunge gefälligst im Zaum, oder ich beiße sie dir ab.«
Gorm! Der Anführer der Wilden. Er würde einen ernstzunehmenden, aber keineswegs unbesiegbaren Gegner abgeben.
»Ich komme aus der Hecke«, erklärte Trödler. »Tyrannen werden dort nicht geduldet.«
»Die Hecke«, höhnte Gorm. »Die Heimat der Landpomeranzen und Bauern, der Hagebutten- und Mehlbeerenfresser.«
»Achte auf das, was du über meinen Geburtsort sagst«, entgegnete Trödler mit zuckenden Schnurrhaaren. »Die Hecke ist ein wunderbares Land und die Heimat hervorragender Mäuse.«
»Rübenfresser«, höhnte Gorm. »Nußknacker.«
»Jetzt hör mir mal gut zu . «, setzte Trödler an, doch da spürte er Törichts Schwanz an seiner Schulter.
Eine andere Maus meldete sich zu Wort. Trödler erkannte ihre ruhige Stimme. Es war Skrang, die Kriegerpriesterin der Totenköpfe. Sie sagte: »Nicht so voreilig, Gorm. Trödler hat schließlich ein Unentschieden im Zweikampf mit Tunnelgräbe-rin erreicht.«
Gorm war nun doch beeindruckt. »Kann sein. Habe etwas in der Richtung gehört. Macht für mich aber keinen Unterschied.
Wenn er Prügel will, kann er sie haben. Habe schon einige Großmäuler weichgeklopft.«
»Ich bin nicht auf einen Kampf aus«, erklärte Trödler, »aber du kannst nicht mit mir reden wie mit jeder Kellermaus.«
»Klaro, Mann«, witzelte ein Scherzbold.
In den hinteren Reihen ertönte leises Lachen. Der Witz hatte die Spannung gelöst.
Trödler wandte sich an Gorm. »Wenn du etwas gegen meine Anwesenheit hast, weil ich nicht dazugehöre, könntest du mich vielleicht als Vertreter der Außenmäuse hinnehmen.«
»Klingt gut - der Stamm der Außenmäuse«, meinte Skrang schnell.
»Hört sich blöd an«, grunzte Gorm, »aber ich habe nicht mehr die Kraft, mich zu streiten. Laßt uns weitermachen.«
Allmählich kehrte Ordnung unter den Mäusen ein. Die meiste Zeit sprach Gorm. Der Anführer der Wilden schien den Klang seiner eigenen Stimme zu lieben und ließ nur selten jemand anders zu Wort kommen. »Also«, sagte er, »von jedem Stamm ist ein Vertreter anwesend. Selbst die Außenmäuse sind vertreten, wie es scheint«; dabei warf er einen Blick auf Trödler. »Alle außer den 13-K sind hier.«
»Was ist mit den Stinkmorcheln?« erkundigte sich Trödler. »Ich sehe sie nicht.«
»Die Stinkmorcheln?« grollte Gorm. »Die sind viel zu degeneriert, um ein Stamm zu sein.«
»Stimmt. Aber wenn du eine Aktion gegen die Nacktlinge starten willst, brauchst du die Hilfe aller Mäuse im Haus. Wenn du mich einbeziehst, kannst du die Stinkmorcheln nicht ausschließen«, entgegnete Trödler.
I-kucheng erhob seine Stimme. »Trödler hat recht. Ich werde nachher selbst mit den Stinkmorcheln sprechen.«
»Wenn sie noch am Leben sind«, kicherte Tostig.
»Wie meinst du das?« wollte I-kucheng wissen.
»Na ja, als letztes hörte ich, daß sie Stone draußen im Garten besuchen wollten. Es gelang ihnen nicht, wieder hereinzukommen. Vermutlich hat Tunnelgräberin kurzen Prozeß mit ihnen gemacht. Oder sie wurden in der Wildnis aufgefressen.«
I-kucheng sah Tostig ernst an. »Und das findest du auch noch lustig, was?«
Tostig schrumpfte förmlich unter dem Blick des älteren Totenkopfes zusammen.
In diesem Augenblick erscholl in der Küche der Schrei eines Nacktlings.
Gorm, Hakon und Tostig sprangen vom Gaszähler herunter. Die anderen Mäuse zerstreuten sich in die Ecken des Schran-kes. Trödler folgte der Menge. Irgend etwas war im Haus geschehen.
Als sie sich in den äußersten Winkeln verkrochen hatten, öffnete sich die Tür, und ein Nacktling beleuchtete mit einer Lampe den Gaszähler. Ein Arm wurde hereingestreckt. Die Hand umklammerte einen glänzenden Gegenstand, den sie in einen Schlitz am Zähler steckte. Die großen Finger betätigten einen kleinen Griff. Ein Klicken ertönte, und in der Küche erklang erneut ein Schrei. Der Arm verschwand, und die Tür wurde verschlossen und verriegelt.
Gorm nahm seine ursprüngliche Position wieder ein und fuhr fort, als sei nichts geschehen: »Gehen wir nun zum nächsten Punkt über.«
Trödler hörte nicht zu. Sein Herz klopfte ihm noch immer bis zum Hals. »Was war das denn?« fragte er Skrang leise.
»Ach, das kommt manchmal vor - nicht oft, aber man weiß nie, wann es soweit ist. Hat was mit dem Küchenofen zu tun.«
»Oh«, erwiderte Trödler. Er war genau so schlau wie vorher. In der Hecke kannte man solche Dinge nicht.
Gorm brachte die 13-K auf die Tagesordnung. »Scheinbar möchten sich die 13-K uns nicht anschließen bei der großen Aufgabe, die Welt von den Nacktlingen zu befreien. Sie haben meinen Boten letzte Nacht unter Beschimpfungen davongejagt. Für diese Beleidigung werde ich Ulf noch bestrafen.«
Die Standuhr in der Halle schlug drei. Eine schöne Melodie erklang im Haus und hallte wie in einem verlassenen Tempel wider.
»Warum reden wir nicht mit ihnen? Ich kann sie sicher zur Vernunft bringen. Sie würden sich nicht trauen, mich zu beschimpfen«, meinte Skrang.
Gorm der Alte zuckte die Achseln. Seine Schnurrhaare hingen traurig herunter, seine Schultern waren gebeugt. Er war von der Bürde seiner Aufgabe gezeichnet, als er von seinem Sohn und den 13-K sprach. Sein Sohn hatte ihn nicht nur zurückgewiesen, sondern sich gegen ihn aufgelehnt. Gorm hatte natürlich zahlreiche Söhne und Töchter, doch es war Ulf, der rebelliert hatte. Astrid hatte einmal etwas Kluges gesagt. Wenn sich Ulf nicht von seinem Vater losgesagt hätte, wäre er heute ein kleines Licht in einem Bataillon der Armee. Sein Vater interessierte sich nur deshalb für ihn, weil er davongelaufen war. Sein Ego war gewaltig, und er nahm Dinge nur wahr, wenn sie ihn persönlich betrafen.