»Sollen wir Ulug Beg um Rat bitten?« fragte Skrang.
»Es hat immer seinen Preis, den alten Weisen zu befragen«, meinte I-kucheng. »Wäre aber vielleicht das Beste.«
Gorm schüttelte den Kopf. »Ich werde ihn nur im Notfall hinzuziehen. Wir wissen nicht einmal, ob er überhaupt noch am Leben ist.«
»Er ist immer noch so gerade am Leben«, murmelte I-kucheng.
Trödler hatte interessiert diese geheimnisvolle Unterhaltung verfolgt und war enttäuscht, als der Vorschlag abgelehnt wurde. Er wollte mehr über Ulug Beg erfahren. Wie es aussah, war das Thema »alter Weiser« jedoch abgehakt.
Töricht die Unsichtbare, seine neue Freundin, meldete sich nun zu Wort. »Ich möchte die Versammlung fragen, nein, ich möchte Gorm fragen, was Astrid von der Vertreibung der Nacktlinge hält.«
Gorm schnitt eine Grimasse. Er wirkte gereizt. »Astrid ist in letzter Zeit nicht sie selbst. Ich glaube, sie verliert die Gabe.«
»Deiner Antwort entnehme ich, daß ihr der Plan nicht gefällt«, erwiderte Töricht.
Gorm fühlte sich spürbar unbehaglich. »Na ja, eigentlich nicht, aber sie ist nicht mehr die Mystikerin, die sie einmal war. Ich glaube, sie verliert allmählich ihre visionären Kräfte.«
»Visionäre Kräfte verliert man nicht einfach«, unterbrach ihn Skrang. »Du weißt so gut wie ich, daß Astrid Gold wert ist. Sie steht dir ruhig und fest zur Seite, ohne den Mond anzuheulen oder Gesänge anzustimmen. Und bisher ist jede ihrer Prophezeiungen in Erfüllung gegangen. Wenn Astrid dagegen ist, hatte sie auch eine echte Vision.«
Skrang verkniff sich die Worte: »Im Gegensatz zu den Bibliotheksmäusen, die nur ein Haufen von Stümpern sind.« Schließlich waren Frych die Gefleckte, Owain und Jago unter den Anwesenden.
»Bis wir herausgefunden haben, was der Grund ist, werden die Unsichtbaren sehr zurückhaltend sein mit ihrer Zustimmung. Wir empfinden großen Respekt vor Astrid«, meinte Töricht.
»Kann ich auch mal was sagen?« erkundigte sich Hakon. »Ich habe Astrid in letzter Zeit beobachtet. Ich glaube, sie hat, hm, sie hat einen Gefährten gefunden.«
Gorm schoß herum und starrte seinen wichtigsten Doppelgänger an. »Was meinst du damit? Ich bin ihr Gefährte.«
Hakon rutschte unbehaglich hin und her. Trödler kam es seltsam vor, daß die beiden Mäuse sogar die gleiche Sitzposition wie ihr Anführer eingenommen hatten. Es war, als sehe er dreifach.
»Ja, Gorm, das wissen wir, aber sie hat vielleicht einen heimlichen Gefährten - sie trifft sich mit ihm auf dem Pfannenregal.« Hakon räusperte sich. »Alle außer dir wissen Bescheid.«
»Warum hat mir das niemand gesagt?« donnerte Gorm. »Ich reiße ihm die Leber heraus! Wer ist der Kerl?«
»Das weiß keiner«, erwiderte Hakon heiser. »Keiner hat ihn gesehen, aber man erkennt es an ihrem Verhalten ...«
»Ich bringe sie um! Ich bringe auch ihn um, wer es auch ist!«
I-kucheng unterbrach ihn ärgerlich: »Hier ist weder die Zeit noch der Ort, deine privaten Streitigkeiten auszutragen. Du hast uns eingeladen, damit wir die Vertreibung der Nacktlinge besprechen. Wir haben keine Lust, unsere kostbare Zeit mit deinen Affären zu verschwenden.«
Zum ersten Mal hatte jemand den Plan die »Vertreibung der Nacktlinge« genannt. Da es so gut klang, wurde dieser Name für die Zukunft übernommen und entwickelte sich zu einem historischen Begriff. Niemand bezeichnete die Aktion als »Krieg«, da man gegen so beschränkte Kreaturen wie die Nacktlinge keinen echten Krieg führen konnte. Es war, als würde man Kühen oder Schafen den Krieg erklären. Man vertrieb sie einfach. Die Mäuse hatten die Absicht, das Haus von der Pest zu säubern und die Nacktlinge in die Wildnis zu jagen. Sollten sie doch sehen, wo sie blieben! Vielleicht konnten sie auf den Feldern hinter dem Haus grasen oder sich im Wald von Pilzen und Moos ernähren. Den Mäusen war es egal. Sie führten Krieg gegen Artgenossen, andere Lebewesen wurden schlicht und einfach vertrieben.
I-kucheng wollte auf diese Weise die Versammlung wieder auf ihr eigentliches Thema lenken.
Gorm war jedoch so erbost, daß er diese Beleidigung seiner Ehre nicht einfach hinnehmen konnte. Ihm war sein verwundetes Ego wichtiger als dieses einzigartige Treffen der Stämme. Astrid hatte seinen Stolz verletzt, und dafür sollte irgend jemand zahlen. Der Hausfriede interessierte ihn nicht mehr. »Diese Priesterin war mir untreu! Ist euch das etwa egal? Ich bin der größte Anführer, den dieser Stamm jemals hatte. Meine Ruhmestaten in der Schlacht sind ohne Zahl. Ich kämpfe bis zum letzten Blutstropfen. Und ich - ich sehe auch nicht schlecht aus. Warum hat sie sich von ihrem Herrn abgewandt? Gilt Treue in diesen Stunden gar nichts mehr?«
»Gorm, wir wollen doch beim Thema bleiben«, fiel Frych die Gefleckte ein. »Wenn Astrid ihre Leidenschaft für einen anderen entdeckt hat, ist ihre Urteilskraft nicht nur geschmälert, sie ist geradezu nicht vorhanden. Wir können nicht erwarten, daß sich Astrid wie eine wahre, von Schatten heimgesuchte Visio-närin aufführt, wenn sie erst kürzlich einem willigen Partner begegnet ist und zwischen kulinarischen Gerätschaften tugendhaften Verkehr pflegt.«
»Kann mir jemand sagen, was dieses Geschwätz bedeutet?« knurrte Gorm mit einem Blick auf Tostig.
»Sie sagt, wenn Astrid mit jemand zwischen den Töpfen und Pfannen herumschmust, ist bei ihr wohl 'ne Schraube locker.«
»Nun, es geht hier nicht um ihr Urteilsvermögen, sondern um Betrug.«
»Du redest von Treue, als wärst du ein Musterbeispiel dafür, Gorm. Gerade du, der seine Nestpartnerinnen nach Lust und Laune wechselt«, meinte Skrang.
Gorm sah sich drohend um. »So, das reicht! Ich lasse mir diese Beleidigungen nicht länger bieten! Los, Frych, wie wär's mit dir? Oder du, Skrang! Was interessieren mich deine Ik-to-Bisse? So redet man nicht mit Gorm.«
Trödler hatte den Eindruck, er müsse ein wenig Öl auf die Wogen gießen, damit sich die Versammlung nicht zur größten Schlacht der Mäusegeschichte entwickelte. Deshalb richtete er nun zum ersten Mal als rechtmäßiger Teilnehmer das Wort an die Versammlung. »Ich dachte, hier herrsche allgemeine Eintracht«, sagte er. »Ich meine, wir erörtern hier doch Fragen von allgemeinem Interesse.«
»Halt dich da heraus, Gelbhals, oder es wird dir noch leid tun«, fauchte Gorm.
I-kucheng sagte in seiner ruhigen Art: »Die Außenmaus hat recht. Wir schweigen eine Minute, um uns zu sammeln.«
Nach kurzem Schweigen brach Gorm die Stille. »Na ja«, knurrte er und nickte Töricht zu. »Meinst du immer noch, wir brauchen Astrids Zustimmung?«
Töricht schüttelte den Kopf. »Nein, Skrang hat vermutlich recht. Wenn Astrid einen Gefährten gefunden hat, ist ihr Urteilsvermögen zweifelhaft. Ich denke, die Unsichtbaren werden einer Warnung von seiten Astrids unter diesen Umständen nicht allzu viel Beachtung schenken.«
»Gut«, brummte der alte Krieger. »Die Vorteile sind offenkundig. Wenn die Nacktlinge gehen, verschwinden auch ihre Kreaturen - Katzen, Hunde, vor allem aber der Kopfjäger. Das Futter wird ganz allein uns gehören .«
»Was ist mit Kellog?« gab Töricht zu bedenken. »Er wird doch merken, daß die Nacktlinge weg sind?«
»Ach ja, die Dachratte«, murmelte Gorm. »Ich glaube, Kel-log ist so gut genährt, daß er die Mäuse im Haus nicht belästigen wird. Selbst wenn er es sich anders überlegt, haben wir genügend Futter. Gegen die Eule können wir nicht viel unternehmen, außer ihr aus dem Weg zu gehen.«
»Meinst du nicht, daß Kellog andere Ratten ins Haus holt, wenn die Nacktlinge verschwunden sind?« meinte Skrang. »Er braucht sich nicht mehr zu verstecken. Du zahlst ihm aus der Speisekammer Tribut, um ihn ruhig zu halten, doch nach der Vertreibung der Nacktlinge wird er das nicht mehr nötig haben. Er kann sich nehmen, was er will, und wird uns gnadenlos schikanieren. Er wird grenzenlos herrschen.«