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Gute Nacht, Astrid.

Double Gloucester

Töricht sprach weit offener über die Geheimnisse des Hauses als alle anderen Mäuse, denen Trödler begegnet war. Sie sagte ihm, was er wissen wollte und noch viel mehr. Auf dem Weg zum Dachboden, der sich durch Tunnel und Ritzen wand, zeigte sie ihm verschiedene Löcher und nannte die Namen dazu.

»Thyras Loch - sie hat es angelegt, um einen verbotenen Gefährten namens Svyen Drehschwanz zu besuchen. Einmal wurden sie von Cynan dem Zynischen, einem ehemaligen Anführer der Wilden, auf frischer Tat ertappt. Er brachte Svyen einen so schlimmen Biß bei, daß dieser aus dem Haus stürmte und nie wieder in seinen Mauern gesehen wurde. Thyra verbrachte den Rest ihres Lebens mit Warten ... Skulis Loch ... Idwallons Loch ... Und das hier ist Tangwystls Loch. Tangwystl war eine Art Abenteurer, ein Buchfresser, aber nicht so stocksteif wie der Rest seines Stammes. Er war bei allen beliebt. Konnte sehr schnell laufen. Eines Nachts setzte er sich in den Kopf, Augapfel im Langstreckenlauf zu schlagen - jedenfalls bis zum Ende des Treppenabsatzes. Er nagte sich also am Ziel dieses Loch hier. Hat es natürlich nie geschafft. Augapfel erwischte ihn auf halbem Weg und . nein, der Rest der Geschichte ist einfach zu blutrünstig. Ach ja, Llanduds Loch! Llandud war auch ein Buchfresser, aber ein völlig anderes Kaliber als Tangwystl. Er legte sein Loch an, weil er als Eremit leben wollte. Es führt nur in eine Höhle in der inneren Wand. Wir nennen so etwas Einsiedl erlöcherc. Sie sind im ganzen Haus verstreut und werden meistens von Totenköpfen angelegt, die allerdings den Ort ihrer Löcher geheimhalten .«

Trödler war tief beeindruckt von den Löchern und den Geschichten, die sich hinter ihnen verbargen. In der Hecke hatte er nichts Vergleichbares erlebt. Dort traf man keine Vorkehrungen für die Zukunft, sondern dachte nur an die Gegenwart.

In den Gräben buddelte man sich ein Loch. Irgendwann verließ man es, und ein anderes Lebewesen zog dort ein. Verlassene Kaninchenbauten wurden beispielsweise oft von Enten übernommen. Oder aber Wind und Regen füllten diese Löcher mit Erde, Zweigen und altem Laub. Die Hecke wurde beschnitten, die Gräben ausgehoben, die Felder gepflügt. Ständige Wechsel prägten das Leben auf dem Land. Alles wurde von den Jahreszeiten beherrscht: Gras wuchs, Weißdornblätter welkten und starben, Beeren fielen zu Boden und wurden gefressen. Neues Leben kam, altes Leben ging.

Hier im Haus wurde die Zeit verehrt. Sie sprach mit der Stimme der Standuhr. Die Zeit war ebenso geregelt wie das Zusammenleben der Mäuse, die sich in Stämmen organisiert hatten und sich eines langen Lebens erfreuten. Hier im Haus existierte eine Gesellschaft, nicht nur eine zufällige Ansammlung von Mäusen in willkürlich angelegten Nestern. Diese Erkenntnis flößte Trödler Ehrfurcht vor den Kräften ein, die ihn hierhergeführt hatten.

»So viele berühmte Mäuse«, sagte Trödler zu Töricht. »Ich habe noch nie jemand Berühmtes getroffen. Wer ist übrigens Ulug Beg? Alle schienen von ihm sehr beeindruckt zu sein. Ist das ein Geheimnis?«

»Nein, eigentlich nicht. Er ist ein uralter Mäuserich. Manche behaupten, er sei sechshundert Nächte alt. Er lebt in dem verlassenen Baumhaus im Garten. Ich selbst habe ihn noch nie gesehen, da der Weg zu ihm sehr gefährlich ist. Man muß von einem Fensterbrett an der Rückseite des Hauses auf die Wäscheleine springen. Das andere Ende ist am Baum festgebunden.«

»Kannst du nicht einfach in den Garten laufen und am Baum hochklettern?«

»So einfach ist die Sache nicht. Das Baumhaus ist um den Stamm herum gebaut worden. Wenn du am Stamm hochläufst, hast du irgendwann diese flache Platte vor der Nase - den Fußboden des Baumhauses. Es ist das Gleiche, als wenn du mit dem Kopf nach unten an einer Decke entlangrennen willst. Das schafft keine Maus, jedenfalls nicht auf einer glatten Fläche.«

Trödler nickte. »Also muß jemand über die Leine balancieren - ist das nicht genauso schwer?«

»Für die meisten schon, daher bitten wir gewöhnlich Tolpatsch darum. Sie kann hervorragend balancieren.«

»Und Ulug Beg ist sicher ganz schön weise, nicht wahr?«

»Er weiß einfach alles«, erklärte Töricht.

»So berühmte Mäuse mit so außergewöhnlichen Fähigkeiten ...«, seufzte Trödler beschämt.

»Wo kommst du genau her?« wollte Töricht wissen.

Trödler zuckte die Achseln. »Ach, bloß aus einer Hecke mit einem Graben daneben. Es ist ein netter Ort, er fehlt mir. Aber -« Doch Trödler konnte es nicht über sich bringen, die Stimme der Vorfahren zu erwähnen, die ihn ins Haus geführt hatten, und schon gar nicht seine Rolle als »der Eine«. »Aber ich liebte schon immer die Abwechslung. Irgendwann hatte ich die Mehlbeeren satt und versuchte sie bei den Mäusen weiter oben am Graben gegen Brombeeren einzutauschen.«

»Das ist eine gute Geschichte. Also kennst du doch eine berühmte Maus. Du selbst bist eine. Ich kenne niemanden, der wie du eine Expedition ins Unbekannte unternommen hat. Du hast dich einfach auf die Pfoten gemacht und bist losgezogen. Ein Abenteurer. Darauf kannst du stolz sein.«

»Mag sein«, räumte Trödler ein und war von sich beeindruckt, »auch ich kenne niemand, der so etwas getan hat.«

Auf dem Dachboden angekommen, bewegte sich Trödler in tiefer Finsternis. Ihm stiegen die Urinmarkierungen der Unsichtbaren in die Nase, die neben dem leichten, staubigen Geruch von getrocknetem Kot das einzige Anzeichen für die Anwesenheit von Mäusen waren. Trödler konnte sie selbst weder sehen noch hören.

Bisher war er nur einmal in die Nähe des Dachbodens gelangt, zusammen mit Furz. Er dachte beschämt an sein damaliges Verhalten, als ihn der Geruch von Käse alles um sich herum vergessen ließ. Die Atmosphäre auf dem Dachboden wirkte beklemmend gespenstisch. Hier war das Land des Flüsterns.

»Dort drüben steht der Wassertank«, murmelte Töricht. »Kellog die Ratte lebt in einem Nest auf der anderen Seite. Hat geschworen, meinen Gefährten Nichtschwimmer zu töten.«

Trödler erschauerte. Eine Ratte war als Gegner nicht zu unterschätzen.

Töricht glitt leicht wie ein Schatten durch das Gerumpel. Obwohl sie ganz in seiner Nähe war, konnte Trödler sie kaum erkennen. Normalerweise reichten seine Sinne aus, um sich in dieser undurchdringlichen Finsternis zurechtzufinden, doch Töricht schien ihre Gestalt zu verändern und tauchte irgendwo anders wieder auf. Kein Schritt war zu hören. Ihre Pfoten tappten weich wie Pflaumenblüten über den Boden.

Trödler trabte hinter ihr her, so gut er konnte. Er versuchte gar nicht erst, ihre Bewegungen nachzuahmen, und kam sich plump und ungeschickt vor, fast wie ein Nacktling.

Schließlich erreichten sie ein Nest, und Töricht rief leise einen Namen. Sie schlüpfte hinein und forderte Trödler auf, ihr zu folgen.

Im Nest saß ein Männchen, dessen Fell sich bei Trödlers Anblick sträubte.

»Was soll das?« fragte der Herr des Nestes. »Was geht hier vor?«

»Nichtschwimmer, dies ist Trödler. Er ist um Haaresbreite dem Kopfjäger entwischt. Außerdem hat er mit Tunnelgräberin bis zum Unentschieden gekämpft.«

»Will er jetzt auch noch mein Nest übernehmen?«

»Er will doch gar nicht mit dir kämpfen. Er ist nicht als mein Gefährte mitgekommen. Trödler will einfach nur auf dem Dachboden leben. Ich werde Wisperer um Erlaubnis bitten, denn er wird ein wertvolles Mitglied unseres Stammes abgeben.«

»Er ist nicht einmal eine Waldmaus«, schrie Nichtschwimmer beleidigt.

Trödler begriff, warum sich sein Gegenüber so aufregte. Bei Mäusen war es nicht üblich, Artgenossen mit nach Hause zu bringen. In der Hecke hatte man noch nie davon gehört, und auch hier auf dem Dachboden war es sicher nicht anders.

»Schau mal«, warf Trödler ein, »ich will niemand ärgern. Vielleicht sollte ich einfach .«

»Du wirst gar nichts«, erwiderte Töricht streng. »Du bist unser Gast, basta. Wenn sich Nichtschwimmer lächerlich machen will, kann er das gerne tun. Hier oben gibt es ohnehin schon zu viel Mißtrauen. Es ist an der Zeit, offener miteinander umzugehen, wenn wir uns gegen die Nacktlinge zusammenschließen wollen.«