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Nichtschwimmer riß bei ihren letzten Worten die Augen auf. »Also ist es soweit?«

Seine Gefährtin antwortete mit feierlicher Stimme: »Im Prinzip ist die Vertreibung der Nacktlinge beschlossene Sache. Heute nacht müssen wir mit unserem Stamm reden und die Reaktion abwarten.«

»Sie hat auf der Versammlung sehr gut gesprochen. Ich wäre stolz auf sie«, erklärte Trödler.

»Ich bin stolz auf sie«, sagte Nichtschwimmer und peitschte mit dem Schwanz. »Du brauchst mir nicht zu sagen, wann ich stolz auf sie zu sein habe.«

»Natürlich nicht«, meinte Trödler versöhnlich. »Tut mir leid. Aber ich war dabei und du nicht. Ich dachte, es würde dich interessieren.«

»Jetzt weiß ich ja Bescheid, oder nicht?«

»Und du brauchst Zaghaft nicht mehr zu töten, da ich gesund und munter zurückgekehrt bin«, flötete Töricht.

»Nein, vermutlich nicht«, grollte Nichtschwimmer und zog sich zum Schmollen in eine Ecke zurück. Es sah beinahe aus, als sei er enttäuscht, daß ihm nun ein Grund fehlte, ein Mitglied seines Stammes umzubringen.

Töricht verließ das Nest, um Wisperer von der Versammlung zu berichten. Während ihrer Abwesenheit wechselte NichtSchwimmer kein Wort mit Trödler, der darüber ganz froh war. Glücklicherweise kam Töricht bald in Begleitung einer anderen Maus wieder, eines nervösen Geschöpfs, das sich stotternd an Trödler wandte.

»Nun, hm, Töricht sagte, du wolltest ein Nest mit jemand teilen, also, hm, würdest du - ich meine, du kannst, hm, in meinem Nest schlafen, wenn du willst, hm.«

Töricht machte sie miteinander bekannt. »Trödler, das ist Grimmig. Er lebt allein in seinem geräumigen Nest und ist bereit, es mit dir zu teilen. Manche Unsichtbaren sind verständnisvoll und gastfreundlich«, fügte sie mit einem Blick auf Nichtschwimmer hinzu, der angestrengt seine Zehen betrachtete.

»Das ist sehr nett von dir, Grimmig.«

»Gut, gut«, murmelte dieser. »Na, dann - also gut, komm mit. Ich zeige dir den Weg.«

»Vielen Dank für die Hilfe«, sagte Trödler zu Töricht.

»Keine Ursache.«

Trödler folgte Grimmig und wunderte sich wieder über die natürliche Tarnung, über die diese Waldmäuse verfügten. Grimmig glitt ebenso nebelhaft dahin wie Töricht. Trödler mußte sich konzentrieren, um seinem neuen Nestpartner zu folgen. Alles blieb ruhig, bis sie über einen Balken huschten.

Der Dachboden verdunkelte sich plötzlich. Grimmig blieb stehen und schien mit den Dachbalken und der Teerpappe zu verschmelzen. Instinktiv tauchte Trödler ebenfalls im Schatten unter. Eine Sekunde später lag der Dachboden wieder im üblichen Zwielicht.

Trödler bemerkte eine Gestalt, die lautlos durch die Luft schwebte und die dünnen Sonnenstrahlen durchschnitt. Ein kurzes Rascheln weicher Flügel, dann herrschte wieder Stille in der staubflirrenden Luft unter dem Dach. Nach einer Weile flüsterte Trödler: »Was war das?«

»Gnadenvoll die Eule«, antwortete Grimmig. »Sie ... sie ist da oben, auf ihrem Sitz. Noch ... noch nicht bewegen.«

Trödler dachte auch gar nicht daran, sich zu bewegen, bevor sein Führer sich in Gang setzte. Der Gedanke an eine lautlose, tödliche Feindin ganz in seiner Nähe reichte aus, um ihn fürs erste zu lähmen.

Nach einer Ewigkeit bemerkte Trödler, daß sich Grimmig ganz langsam den Balken entlang bewegte. Er folgte der Waldmaus, und sie kamen zu einem Nest in der Tournüre eines alten Kleides, das über einer Schneiderpuppe hing. Noch nie hatte sich Trödler so über einen Unterschlupf gefreut.

»Hier drinnen kann sie uns nicht erwischen«, meinte Grimmig. »Sie fliegt über das Gebirge aus Gerumpel, kriecht aber nie hinein.«

»Gott sei Dank«, stöhnte Trödler erleichtert, dessen Beine noch immer zitterten.

»Jetzt können wir uns ausruhen.«

Das ließ sich Trödler nicht zweimal sagen. Er rollte sich zusammen, seine Abenteuer hatten ihn völlig erschöpft. Hier in diesem fremden Nest fühlte er sich endlich sicher. Er spürte die angenehme, vertraute Nähe einer anderen Maus, den Schutz der Dunkelheit, die Weichheit des Nestes, die ihn umhüllte. Die Welt da draußen war voller Eulen, Ratten und Nacktlinge, aber hier drinnen gab es Geborgenheit. Entspannt versank er in tiefen Schlaf.

Pipo Crem

Im Holzschuppen fand eine weitere Versammlung statt. Die drei führenden Mäuse der 13-K-Bande, Ulf, Drenchie und Gunhild, sprachen bereits seit über einer Stunde, und noch immer stand es zwei gegen eins.

Gunhild war erst kürzlich vom Stamm der Wilden zu ihnen gestoßen. Man hatte ihr versprochen, daß sie für Disziplin und Drill verantwortlich sein würde, die sie über alles liebte. Als Gorm von ihrer Flucht erfuhr, erteilte er den Befehl, »die verdammte Verräterin aufzuspüren und ihr die Beine auszureißen«. Um den Rest würde er sich selber kümmern. Gorm haßte Verräter beinahe so sehr wie seinen Sohn. Gunhild hatte jedoch nicht die Absicht zurückzukehren.

Ulf legte ihnen die Gründe seiner Entscheidung dar, sich den anderen Mäusen im Kampf gegen die Nacktlinge nicht anzuschließen. »Es ist nicht so, als hätte ich sie gern«, eröffnete er seinem zweiköpfigen Publikum, »aber diese Revolution verstößt gegen alles, wofür wir stehen.«

»Wofür stehen wir denn?« fragte seine Gefährtin Drenchie. Sie beobachtete ihn mit gesenkter Nase und hätte ihn vermutlich lieber gebissen, als mit ihm zu sprechen. »Wenn wir nicht für die Revolution stehen, wofür denn sonst?«

»Wir sind Rebellen«, erklärte Ulf voller Leidenschaft. »Daher haben die dreizehn Gründer unserer Bande ihre Stämme überhaupt erst verlassen - wir konnten uns nicht mit diesen Graubärten einigen. Wir sind gegangen, weil wir für neue Ideen stehen, neue Pläne, neue Wege. Was soll aus unserem Protest werden, wenn wir uns wieder mit ihnen vereinigen? Wie können wir Revolutionäre sein, wenn wir uns der Gesellschaft anschließen, die wir verachten?«

»Du Dummkopf, die Vertreibung der Nacktlinge ist doch eine neue Idee«, fauchte Drenchie. »Wenn wir für neue Ideen sind, müssen wir sie auch erkennen und unterstützen.«

Gunhild mischte sich ein. »Du verstehst nicht, worum es geht, Drenchie. Es muß unsere neue Idee sein, nicht die Gorms. Gorm gehört zur alten Garde, er ist die Verkörperung überholter Taktiken und Strategien. Was ihm auch einfällt, wir müssen dagegen sein.«

Gunhild betrachtete grundsätzlich alles vom militärischen Standpunkt aus. Sie hatte die Wilden verlassen, weil sie »eine Horde« und keine straff organisierte Armee darstellten. Die 13-K waren zwar keine so barbarischen Kämpfer, doch fehlte es auch ihnen an Ordnung und Disziplin. Sie waren geprägt vom Übereifer, der Unfähigkeit und Gedankenlosigkeit der Jugend. Wenn es nach Gunhild ginge, würden die 13-K in Regimenter und Bataillone eingeteilt. Sie würden strammstehen, bis sie ihnen gestattete, sich zu rühren. Sie war überaus streng und verachtete die schlampige Drenchie, ihr genaues Gegenteil. Drenchie war undiszipliniert und träge. Sie hielt nichts davon, sich einer straffen Organisation zu unterwerfen, geschweige denn den ganzen Stamm.

Allerdings hatte sie einen Vorzug - ihre Klugheit. Sie konnte Ideen miteinander verknüpfen und gleichzeitig in zwei Richtungen denken. »Es gibt eine Möglichkeit, uns daran zu beteiligen«, behauptete sie nun. »Wir können eine eigene neue Idee vorschlagen. Ich meine, wir verwerfen seinen Plan zunächst als veraltete Idee. Wenn sie dann anfangen, nach Wegen zur Vertreibung der Nacktlinge zu suchen, machen wir einen Vorschlag und nennen ihn eine neue Idee. Damit sind wir nicht nur Rebellen, sondern Gegenrebellen.«

Ulf gefiel jeder Plan, der keine sofortige Aktivität erforderte. Drenchies Vorschlag schien genau das Richtige für ihn zu sein. Sie würden warten, bis die schwierigen ersten Schritte getan waren und Gorms Plan in einer Sackgasse landete. Dann würden sie schnell eine kluge Idee ins Spiel bringen, die Lage retten und den Ruhm einheimsen.