»Das ist wirklich verdammt gut, Drenchie, manchmal bist du ein echtes Genie .«
»Nun«, meinte Gunhild pikiert, »du hast vermutlich keine weitere Verwendung für mich, General.«
»Was? Ach, nein. Danke, Gunhild. Noch eins: Ich finde, die Auserwählten haben ihre Sache beim letzten Kampf gegen die Wilden gut gemacht. Haben wir nur deinem Drill zu verdanken. Wüßte nicht, was wir ohne dich tun sollten - du nimmst deine Pflichten wenigstens ernst. Meinst du nicht, wir sollten einige Mäuse innerhalb der Auserwählten umgruppieren? Als persönliche Leibwache ist die Truppe zu groß geworden. Wie wäre es, wenn wir einige, vielleicht sechs, zu deiner persönlichen Garde ernennen? Such dir einen Namen aus - wie wäre es zum Beispiel mit >Die Gefährten?< Ich selbst werde noch immer von den gesamten Auserwählten beschützt, und dir stün-den dann sechs von ihnen zur persönlichen Verfügung. Was hältst du davon?«
Immer wenn sie alles hinschmeißen wollte, kam Ulf mit einem derartigen Bonbon an und trieb Gunhild Tränen der Dankbarkeit in die Augen. Sie schnüffelte, obwohl das eher Drenchies Art war. Dieser wunderbare Anführer konnte in ihr Herz blicken und beweisen, daß er sie nicht vergessen hatte, daß sie nützlich und notwendig für die 13-K-Bande war. Bande. Wie sie dieses Wort verabscheute. Vielleicht sollte sie im geeigneten Augenblick eine Namensänderung vorschlagen, etwas wie »Streitkräfte« oder »Legion«. Besser ein andermal, wenn Drenchie nicht anwesend war, die wie ein nasser Lappen über dem Rand eines Eimers hing.
»Danke, mein General«, erwiderte Gunhild leise. »Ich werde deine Befehle ausführen.«
Als Gunhild verschwunden war, ahmte Drenchie sie mit hoher, wimmernder Stimme nach. »Danke, mein General. Möchtest du das Nest mit mir teilen, mein General? Ich wäre eine viel bessere Gefährtin als Drenchie. Ich tanze nach deiner Pfeife.«
»Sei nicht unfair«, tadelte Ulf. »Du weißt, sie ist komisch, aber es ist so leicht, ihr eine Freude zu machen.«
»Ich weiß genau, was sie will«, schnaubte Drenchie. »Sie will dich mir wegnehmen. Sie will dich in ihr Nest zerren.«
»Drenchie, das ist wirklich nicht fair«, protestierte Ulf. Doch er dachte über ihre Worte nach. Wollte Gunhild wirklich das Nest mit ihm teilen? Daran hatte er noch gar nicht gedacht. Vielleicht irgendwann einmal? Natürlich würde Drenchie ihn dann umbringen, weil sie es als persönliche Beleidigung betrachtete. Er konnte jedes Weibchen in der Bande wählen, aber nicht Gunhild. Während er darüber nachgrübelte, wurde ihm bewußt, daß sie ihn als einzige erregte. Sie war so militärisch. Eine Beziehung zu ihr wäre mal etwas ganz anderes.
Aber nein, Drenchie würde ihm nie verzeihen.
»Das Leben ist lausig und schnell vorbei«, seufzte er, rollte sich auf den Rücken und starrte zu den Deckenbrettern des Holzschuppens hinauf.
Feta
Trödler wurde von einem unangenehm lauten Rülpser geweckt. Ein fauliger Geruch hing in der Luft, als hätte sich etwas aus der Jauchegrube auf den Dachboden verirrt. Er hörte auch Stimmen, die ihm irgendwie bekannt vorkamen.
»Himmelarsch«, schrie eine der Stimmen in freudiger Erleichterung, »ich denk' schon, jetzt sind wir platt, was, Furz? Hättest uns sehen sollen, Grimmig, drinnen in dem verdammten Regenrohr. War die schlimmste Reise meines Lebens.«
Trödler öffnete widerwillig die Augen, als er begriff, wer die Gäste waren.
Furz setzte den Bericht fort: »War wie der Weg zum Himmel, wo du erst durch die Hölle mußt - verstehst du, Grimmig? Weißt ja gar nicht, wie diese Rohre sind. Dreck, Käfer, die ganze Chose. Dann sind wir oben, und genau in dem Augenblick schießt dieses Ding aus dem Loch ...«
Fusel fiel mit erregter Stimme ein. »Ding ist genau richtig -war ein echtes Ding. Gnadenvoll persönlich. Hab' mich glatt bepißt, Grimmig, hab' mich bepißt, ganz ehrlich.« Er brach in Tränen aus.
»Egal«, übernahm Furz den Faden und warf seinem schwächeren Gefährten einen verächtlichen Blick zu. »Wir hocken also am Ende des Regenrohrs, und sie sieht uns nicht. Mußten warten, bis sie die Platter gemacht hatte. Als sie nicht wiederkam, sind wir durch ihr Loch rein in den Dachboden.«
Trödler starrte die Kreatur an, der er seine Qualen in der Falle verdankte. Vermutlich hatte ihn der Kellermäuserich noch nicht gewittert, da seine Nase erfüllt war von den Gerüchen des Regenrohrs.
»Und so sind wir hergekommen«, schluchzte Fusel erleichtert. »Bin so hungrig, könnte glatt eine tote Spinne fressen.«
Furz schaute sich suchend um. »Ihr habt nicht zufällig was zu fressen? Nettes Häppchen Käse für zwei tapfere Abenteurer, die aus der Fremde zurück sind? Wie sieht's aus, Grimmig? Hab' kein Häppchen Käse mehr gehabt seit ...«
»Seit wann?« wollte Grimmig wissen.
Furz kicherte. »Seit ich so einem Trottel im Käfig was gemopst hab'. Manche Mäuse«, er schüttelte lachend den Kopf, »manche Mäuse sind eben doof geboren.«
»Aber nicht zahnlos!« fauchte Trödler und schoß aus seiner dunklen Ecke hervor. Er biß Furz ins Ohr - nicht tief, aber an einer sehr empfindlichen Stelle.
Fusel hatte aufgehört zu schluchzen und dachte vermutlich, er sei der nächste. Also rollte er sich auf den Rücken und streckte die Beine in die Luft. »Laß mich in Ruhe!« kreischte er. »Hau ab!«
»Ich komme dir schon nicht zu nahe«, erwiderte Trödler verächtlich.
Grimmig hatte diese Vorgänge entsetzt mitangesehen und sagte nun zu seinem Mitbewohner: »Das war aber nicht nett von dir. Du bist zwar mein Gast, Furz und Fusel aber auch. Ich will nicht, daß meine Gäste angegriffen werden.«
»Furz hat es nicht besser verdient«, sagte Trödler schlicht. »Ich werde nicht schnell wütend, aber durch ihn bin ich vor kurzem in Todesgefahr geraten. Dann hat er meine Lage auch noch ausgenutzt, um an Käse zu kommen. Tut mir leid, aber wenn er hier bleibt, werde ich gehen.«
»Stimmt das, Furz?« fragte Grimmig mit zitternder Stimme.
Furz rieb sein blutendes Ohr an der Wand des Nestes. »Keine Sorge, bin schon weg«, höhnte er. »Bleib' doch nicht mit einem Irren im Nest, selbst wenn du mir Fressen anbietest.«
»Das wollte ich gerade«, meinte Grimmig.
Furz hörte auf zu reiben. »Und wenn ich mich entschuldige, Trödler?«
Trödler biß die Zähne zusammen. »Hau ab, Furz, bevor ich mich wirklich an dir vergreife! Los! Das nächste Wort könnte dein letztes sein.«
Furz starrte ihn kurz an und schlüpfte aus dem Nest. Aus einiger Entfernung rief er ihnen etwas zu, doch die Mäuse drinnen konnten es nicht verstehen.
»Ich glaube, das war nicht gerade eine Liebeserklärung«, murmelte Trödler.
Ein Schnüffeln drang aus einer Ecke. Fusel hockte noch immer da. Er keuchte. »Hab' nichts getan. Hab' das mit dem Käse nicht mal gewußt.«
»Was getan?« fragte Trödler argwöhnisch.
»War doch nicht mein Fehler«, beteuerte Fusel. »Hatte nichts damit zu tun. Bin bloß wegen der Zauberpilze hinaus, dann das verdammte Regenrohr hoch, scheißdunkel und verdreckt, dann Gnadenvoll auf mich los -«
»Das stimmt nicht«, unterbrach ihn Grimmig. »Wenn sie dich angegriffen hätte, wärst du nicht hier.«
»Beinahe angegriffen«, berichtigte sich Fusel. »Um Schnurrhaarbreite kann ich euch sagen. Oder noch knapper. Ich -«
»Fusel?« rief eine Stimme aus dem Dunkel. »Kommst du jetzt?«
Fusel bewegte sich zum Ausgang. »Hau ab!« brüllte er. Dann kam er zurück und erklärte: »Ich bleib' jetzt hier - der prügelt mich doch windelweich, wenn ich hinausgehe.«
Und so durfte Fusel bei Grimmig und Trödler bleiben, auch wenn der Gelbhals über die Gesellschaft einer Kellermaus alles andere als glücklich war.