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Trödler war von Grimmig beeindruckt. Obwohl dieser durch den Aufruhr in seinem Nest verwirrt war, hatte er fest und entschlossen den Eigentümer herausgekehrt. Allmählich fragte sich Trödler, ob Grimmig wirklich so feige war, wie er vorgab. Ihm dämmerte langsam, daß die anderen Grimmig wohl gar nicht richtig kannten.

Während Fusel Grimmigs Vorräte verschlang, fragte der Gastgeber den Gelbhals: »Was hältst du von der Vertreibung der Nacktlinge? Ist es eine gute Idee?«

Trödler fand die Vorstellung der Mäuseherrschaft zwar aufregend, wog die Antwort jedoch vorsichtig ab. »Nun, das ganze Futter in der Speisekammer würde uns gehören. Wie ich hörte, sind manche Mäuse etwas zurückhaltend. Eine Priesterin Astrid prophezeit eine Hungersnot. Ein oder zwei andere sind auch skeptisch, doch die meisten halten es für eine gute Idee.«

»Klingt wie die Lösung aller Probleme. Ich fürchte aber, ich bin auch skeptisch. Habe Angst vor drastischen Veränderungen. Man weiß nie, was danach kommt, nicht wahr?«

»Jede Menge tolles Futter«, fiel Fusel ein. Er sprach mit vollem Mund, so daß ein Schauer von Krümeln auf die anderen Mäuse niederging. »Werd' Käse fressen bis zum Kotzen.«

»Was geschieht, wenn die Speisekammer leer ist?« fragte Trödler. »Hat jemand darüber nachgedacht?«

»Sie ist nie leer«, antwortete Grimmig. »Irgendwie füllt sie sich immer wieder auf. Ich weiß auch nicht, wie das kommt.«

Trödler war daran gewöhnt, daß auf dem Land nur zu bestimmten Jahreszeiten Futter wuchs. »Ich war bisher nur im Sommer hier. Wächst im Winter in der üppigen Speisekammer auch Futter?«

»Doch, wächst immer«, erklärte Fusel. »Weil es warm ist im Haus mit den ganzen Heizungen. Drum wächst es draußen auch nicht, bei dem Eis. Im Haus ist es tierisch warm.«

Grimmig stimmte ihm zu. »Ich bin geneigt, ihm recht zu geben, Trödler. Die Bedingungen im Haus sind im Winter ganz anders als draußen. Das könnte der Grund für die stets überquellende Speisekammer sein.«

Als Fusel aufgehört hatte, sich vollzustopfen, schickte Grimmig ihn hinaus. Dann besuchten er und Trödler eine Dachbodenversammlung, bei der Töricht sprechen würde. Sie informierte ihren Stamm über die geplante Vertreibung der Nacktlinge und wollte Meinungen hören.

Als der Stamm in die Erörterung des Plans vertieft war, ergriff Trödler die Gelegenheit, die Stammesmitglieder einer näheren Betrachtung zu unterziehen. Da war Wisperer, der Anführer: ein bodenständiger Charakter, der ein wenig an die vernünftige Töricht erinnerte. Dies war die Maus, die ihn aus der Falle gerettet hatte. Dort saß Zaghaft, anscheinend der Hauptunruhestifter unter den Unsichtbaren. Er sprach zwar nicht so laut wie Wisperer, aber ausführlich und mit großer Leidenschaft. Nichtschwimmer beteiligte sich ebenfalls eifrig am Gespräch.

Dann gab es noch zwei Weibchen, die befreundet zu sein schienen: Tolpatsch und Leichtfuß. Leichtfuß war einer der wenigen Gelbhälse unter den Unsichtbaren. Die beiden standen nah bei Trödler. Leichtfuß schaute dann und wann zu ihm hin und wandte den Kopf ab, sobald er sie ansah. Beiden war bewußt, daß sie vom anderen beobachtet wurden.

Auch Skrang und I-kucheng waren zugegen.

Nachdem er selbst schon Nichtschwimmers Unwillen erregt hatte, war Trödler nicht weiter überrascht, daß jener sich lautstark mit Zaghaft stritt. Die beiden Unsichtbaren schienen einander aus tiefster Seele zu hassen. Der eine widersprach den Vorschlägen des anderen, und beide zettelten wegen irgendwelcher Bagatellen Streit an. Wisperer mußte mehrmals einschreiten, um sie zu beruhigen. Andere Mäuse waren dieser Fehde offensichtlich überdrüssig, allen voran Töricht. Sie wollte verhindern, daß sich ihr Gefährte zum Narren machte.

Diese peinliche Situation dauerte eine ganze Weile. Irgendwann murmelte Zaghaft: »In ein paar Stunden bist du tot!« Entsetztes Keuchen unter den Zuhörern und ein Tadel des Anführers folgten.

Während der Versammlung fragte sich Trödler ernsthaft, wie diese Mäuse eine Revolution bewerkstelligen wollten, wenn sie einander pausenlos bekriegten. Er nutzte die Zeit, sich zu putzen, leckte sein Fell an den erreichbaren Stellen und zupfte einige Flöhe heraus. Dies galt keineswegs als unhöflich, viele andere Mäuse taten dasselbe. Man konnte zuhören, sich beteiligen und gleichzeitig seine Zeit sinnvoll nutzen.

»Soll ich die anderen Stellen übernehmen?« fragte eine Stimme in seiner Nähe.

Trödler drehte sich um und sah sich Leichtfuß gegenüber.

Tolpatsch stieß ein hörbares Keuchen aus. »Leichtfuß! Ein Fremder! Wie kannst du nur?«

Leichtfuß kümmerte sich nicht weiter um ihre Freundin. Sie fand ihre Frage keineswegs zu vertraulich. Als sie fertig war, sagte sie: »Schon viel besser, nicht wahr? Was ist mit deinem Schwanz passiert?«

Trödler warf einen Blick über die Schulter. »Ach, ich bin in eine Mausefalle geraten.«

»So ein schöner Schwanz! Wir Gelbhälse haben die schönsten, gleich nach den Feldmäusen. Nichts geht über einen Feldmausschwanz, oder?«

»Das stimmt. Wie elegant sie herunterhängen, ist schon toll«, meinte Trödler.

Sie waren furchtbar höflich zueinander. Tolpatsch stieß ihre Freundin dauernd an, vor allem als Trödler Leichtfuß fragte, ob er ihr Fell putzen dürfe. Sie lehnte dankend ab und erklärte, ihre Freundin habe das bereits erledigt.

Nachdem die Unsichtbaren Gorms Plan zugestimmt hatten, löste sich die Versammlung auf. Zum ersten Mal seit vielen Nächten herrschte Friede unter den Stämmen. Wenn des Wanderers Freude schließlich dem Bart des alten Mannes wich und die Heizungen eingeschaltet würden, sollte die Vertreibung der Nacktlinge beginnen. Bis dahin würden die Stämme ihr gewohntes Leben weiterführen und einander in Ruhe lassen. Je-der Stamm bereitete sich auf die Aktionen vor, die ihnen die Freiheit bringen sollten.

»Ein komisches Gefühl, keine Assundoon-Schreie mehr im Haus zu hören«, meinte Grimmig.

»Was ist das genau?« wollte Trödler wissen. »Was bedeutet es?«

»Es ist die Anderwelt des Stamms der Wilden, der Ort, an den sie nach ihrem Tod gelangen. Sie verwenden den Namen als Schlachtruf. Allerdings ist es ziemlich schwierig, dorthin zu kommen. Du mußt mit den Zähnen im Fleisch deines Feindes sterben.«

»Also schaffen es die meisten nicht?«

»Das würde ich nicht sagen«, murmelte Grimmig. »Ein barbarischer Haufen. Ich wundere mich, daß sie diesem Frieden oder Waffenstillstand zugestimmt haben. Gorm und seine Leute scheinen nichts lieber zu tun, als ihre Zähne in das Fleisch anderer Mäuse zu graben.«

Die Menge zerstreute sich langsam. Leichtfuß huschte mit ihrer Freundin davon, warf Trödler aber noch einen Blick über die Schulter zu. Er sah ihr nach, während er sich mit seinem Gastgeber unterhielt.

»Was haben die Totenköpfe mit all dem zu tun? Ich dachte, sie fressen nur harte Krumen.«

»Es geht ihnen nicht um Macht. Sie wollen einfach nur ein Teil des Lebens hier drinnen sein, damit sie uns zur Seite stehen können. I-kucheng würde im Gegensatz zu Stone niemals sagen: >Du mußt dieses oder jenes tun.< Er deutet höchstens an, daß ein Weg besser ist als ein anderer. Die Totenköpfe sind unsere geistigen Lotsen, unsere Lehrer und Berater. Sie steuern uns sanft durch die Ströme der Moral; sie leiten uns, wenn wir uns verirrt haben.«

Trödler erwiderte zweifelnd: »Klingt mir zwar verdächtig nach Machtausübung, aber ich gehöre ja auch nicht zu euch.«

»Nein«, pflichtete ihm Grimmig mit sanfter Stimme bei, »du bist eine Außenmaus. Ihr könnt das nur schwer begreifen.«

»Ach, übrigens, hat Leichtfuß einen Gefährten?« fragte Trödler beiläufig.

Grimmig runzelte die Stirn. »Nein, ich glaube nicht. Natürlich ist sie ein Gelbhals. Kam zu uns, weil sie kein Totenkopf werden wollte. Wisperer hat die meisten Gefährtinnen, ihm steht als Anführer des Stammes die freie Auswahl zu ... Warum fragst du?«

»Einfach so. Ich war bloß neugierig. Habe sie mit Tolpatsch gesehen. Die beiden schienen sich nahezustehen.«