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»Ja, sie sind gute Freundinnen. Soll ich - hm - mit Leichtfuß - hm - über irgend etwas sprechen?«

Trödler spielte mit seinem Schwanz, als sei er das Interessanteste auf der Welt. »Nein, nein. Wollt's nur wissen. War bloß neugierig, das ist alles. Bloß neugierig.«

»Alles klar.«

Trödler sah zu, wie eine Maus in ein Messingteleskop ohne Linse kroch, während eine andere von einem Dachbalken aus in eine ausgediente Kohlenkiste sprang. Zwischen den Gerüm-pelbergen und -tälern wimmelte es von Nestern. Der Dachboden war ein wahrhaft magischer Ort mit geheimnisvollen Schatten, durch die staubige Sonnenspeere drangen. Eine Dämmerwelt, ein Land im Zwielicht.

Taleggio

Wenige Stunden später startete Kellog seinen Angriff auf den Feind. Seit er Nichtschwimmer Rache geschworen hatte, wartete er auf den richtigen Zeitpunkt. Er war eine geduldige Ratte, doch bis zum Jüngsten Gericht wollte er nicht ausharren. Er hatte die Aktivitäten der Unsichtbaren mit einer Mischung aus Neugier und Vorsicht beobachtet. Er machte sich grundsätzlich nie zum Sklaven seiner Neugier, da dies viel zu gefährlich war. Er wollte ewig leben.

Sein Körper war ein kompakter Block aus Knochen und angespannten Muskeln, beherrscht vom Selbsterhaltungstrieb, sein Verstand vernebelt von heißen Rachegelüsten. »Ich werde ihn kriegen«, knurrte er mehrmals vor sich hin. »Ich fresse sein Hirn.«

Nachdem die Versammlung ihre historische Entscheidung getroffen hatte, suchten die Mäuse nach Futter. Nun war die Zeit für Kellog gekommen. Er erspähte sein Ziel von hinten und pirschte sich heran. Dabei verließ er sich mehr auf seinen Instinkt als auf Augen, Nase oder Ohren. Es war nicht leicht, sich an Unsichtbare heranzuschleichen.

Der Hüter des Sees entstammte einer Familie hervorragender Fährtenleser. Seine Vorfahren hatten lange Seereisen auf überfüllten Schiffen unternommen. In den Nächten an Bord hatten seine Ururgroßeltern Mäuse eher aus Hunger denn aus Feindschaft erlegt, doch ihre Fähigkeiten waren in das Gedächtnis ihrer Nachkommen übergegangen. Das Anpirschen lag Kellog im Blut, und er nutzte sein intuitives Talent aus.

Außerdem konnte auch er Licht und Schatten verwenden, um seine Schritte zu tarnen. Er bewegte sich leicht und lautlos wie eine Spinne in ihrem Netz. Auch er war unsichtbar.

Als die nichtsahnende Maus in ein Loch im Boden schlüpfen wollte, schnellte Kellog vor und schlug seinem Opfer die Zähne ins Genick. Es war augenblicklich gebrochen, trotzdem schüttelte er den Leichnam heftig durch. Vor seinen Augen tanzte roter Nebel. Dann warf er den Körper hoch in die Luft und ließ ihn auf den Boden plumpsen. Triumphierend beäugte er seinen toten Feind. Dieses Etwas im Staub war einmal der unverschämte Nichtschwimmer gewesen.

Leider handelte es sich aber doch nicht um seinen Erzfeind, wie Kellog bei näherem Hinsehen feststellen mußte.

Die Maus, die er getötet hatte, sah Nichtschwimmer aller-dings täuschend ähnlich - Kellog hatte nämlich dessen Bruder Elend erwischt. Sie glichen einander nicht nur äußerlich, auch ihre Bewegungen schienen vollkommen identisch, und so hatte Kellog die falsche Waldmaus erlegt.

Bitter wallte die Enttäuschung in ihm auf. Er drehte die Maus ein paarmal um. Vielleicht war es doch das richtige Opfer. Nein, vor ihm lag tatsächlich die Leiche von Elend. Wütend biß Kellog die tote Maus in die Brust. Dann huschte er davon, um neue Pläne zu schmieden.

Samsoe

Die Unsichtbaren konnten dank ihrer unfehlbaren Einschätzung von Licht und Schatten auf einem Dachboden überleben, den sie mit einer Eule teilten. Gnadenvoll war ein Gewohnheitstier, das am Tag schlief und nachts auf die Jagd ging. Sie orientierte sich bei ihren Beutezügen am Abendlicht und der Morgendämmerung. Bei bewölktem Himmel verließ sie den Dachboden früher als sonst und kam zeitiger zurück.

Die Unsichtbaren konnten Gnadenvolls Verhalten nachvollziehen. Sie standen mit ihr auf und kehrten mit ihr ins Nest zurück. Sie lebten und überlebten unter ihrem kalten Blick.

Elend war kurz vor Gnadenvolls Heimkehr gestorben. Daher wurde die Leiche von Nichtschwimmers Bruder auch erst Stunden später entdeckt. Die Maus, die seine sterblichen Überreste fand, konnte auch ohne besondere Fähigkeiten feststellen, wer die Tat begangen hatte. Am Körper klebten borstige schwarze Haare - Rattenhaare. Und die großen Löcher in Elends Kehle stammten nicht von Mausezähnen.

Als Nichtschwimmer vom Tod seines Bruders erfuhr, begriff er sofort, daß dem Mörder ein Irrtum unterlaufen war. Ihm wurde bang ums Herz, da eigentlich er dort im Staub liegen sollte.

Niemand entfernte die Leiche, da Mäuse ihre Toten nicht bestatten. Wenn der Geist den Körper verlassen hat, zerfällt die leere Hülle zu Staub oder wird von Aasjägern gefressen. Der Geist der Maus lebt in anderen Mäusen weiter und wird so geehrt.

»Kellog«, sagte Nichtschwimmer zu sich selbst, »die Vertreibung der Nacktlinge hin oder her, zuerst muß ich mit dir abrechnen. Solche Taten schreien nach einer Abrechnung.«

Büche de Chevre

Eine dunkle Gestalt glitt über einen Balken zum Wassertank. Kellog hatte eine geringfügige Veränderung des Lichtes bemerkt und wußte, daß sich dort drüben etwas seinem kostbaren Wasser näherte. Er starrte durch den Eingang seines Nestes und wartete ab. Die Unsichtbaren wußten, daß er um diese Zeit zu Hause war. Da ihnen ihr Leben lieb war, konnte der Störenfried kaum einer von ihnen sein.

Außer natürlich . Kellog spähte prüfend in die Dunkelheit. Außer natürlich, eine Maus wollte ihm ans Leder! Kellog erinnerte sich an den Irrtum, der ihm bei seinem Anschlag auf Nichtschwimmer unterlaufen war. Würde es diese Maus wagen, ihn in seinem eigenen Nest anzugreifen?

Nun konnte er die Gestalt erkennen, sie riechen, das Kratzen ihrer Krallen auf dem Holz hören. Das war nicht Elends Bruder, sondern dessen Erzfeind Zaghaft. Kellog saß sprungbereit in seinem Nest. Er rief leise: »Solange ich zu Hause bin, trinkst du auf eigene Gefahr, Maus.«

Zaghaft war am gegenüberliegenden Rand des Wassertanks sitzen geblieben. »Ich komme nicht zum Trinken. Ich will mit dir reden«, antwortete er und warf einen nervösen Blick über die Schulter.

»Warum schaust du dich um? Ist noch jemand da?«

»Nein«, entgegnete Zaghaft. »Ich wollte mich nur davon überzeugen, daß mir niemand gefolgt ist.«

Dies hörte sich vielversprechend an. Kellog führte ein ziemlich langweiliges Leben. Er fraß, schlief, schlich durchs Haus, und nur selten passierte etwas Außergewöhnliches. Das Ansinnen einer Maus, die ihn unter vier Augen sprechen wollte, erschien ihm recht spannend.

»Schwimm zu mir herüber«, sagte Kellog. »Ich möchte dich hier bei mir haben.«

Zaghaft zögerte.

»Komm schon«, meinte die Dachratte. »Ich tu' dir nichts.«

»Versprochen?«

»Versprochen.« Doch bei sich fügte er hinzu: »Was das auch heißt.«

Nach kurzer Überlegung schwamm Zaghaft hinüber, kletterte aus dem Tank und trippelte auf Kellog zu.

Die Maus starrte die ungeheure Ratte an: den buckligen Rük-ken mit dem groben schwarzen Haar, den dicken, gewundenen Schwanz, den großen Kopf mit den stechenden Augen, die Schnauze mit den scharfen, dolchartigen Zähnen. Zaghaft zitterte am ganzen Leib, da er sich an die grauenhaften Taten dieses Giganten erinnerte. »Hallo, Kellog«, grüßte er.

»Was hast du noch zu sagen, bevor du stirbst?« knurrte die Ratte. »Schnell.«

»Du hast versprochen ...«, erwiderte Zaghaft wütend.

»Versprochen?« fragte die Ratte mit glitzernden Augen. »Glaubst du etwa, ich müßte mich daran halten? Ich bin eine Dachratte und du eine Waldmaus. Scheren sich Dachratten um Waldmäuse?«

»Gewöhnlich nicht«, keuchte Zaghaft, »außer die Mäuse bringen ihnen etwas Wertvolles.«