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»Und was hast du mir mitgebracht?« fragte Kellog. »Ich nehme es mir sowieso.«

»Das geht nicht«, erwiderte Zaghaft schnell. »Es ist in meinem Kopf.«

»Dann knacke ich ihn und sauge es heraus!«

»Es ist ein Plan. Er existiert in meinem Kopf, in meinen Gedanken. Du kannst von dem Plan nur erfahren, wenn ich dir davon erzähle. Kennst du das Sprichwort: Der Feind meines Feindes ist mein Freund? Ich bin der Feind deines Feindes und muß folglich ein Freund sein .«

Dieser Satz klang für Kellogs Geschmack etwas zu poetisch, aber er ließ sich nichts anmerken. »Was soll das? Ein Vortrag?«

Zaghaft ging in Nase-Hoch-Position. »Nein, nein. Kein Vortrag. Ein Geschenk. Ein Geschenk in Gestalt eines perfekten Planes, mit dem du Nichtschwimmer fängst.«

Das klang nicht uninteressant. Kellog fragte mit sanfter Stimme aus der Dunkelheit seines Nestes: »Du meinst, du wirst zum Verräter? Zum Verräter an deinem Artgenossen?«

»Verräter ist nicht das richtige Wort«, entgegnete Zaghaft heftig. »Man kann nur seine Freunde verraten. Die Kreatur, die ich dir ans Messer liefere, hat mich schon zu oft gedemütigt, mir das ersehnte Weibchen weggeschnappt, meine Position im Stamm an sich gerissen. Nichtschwimmer ist weiß Gott nicht mein Freund.«

»Hört, hört. Weiter.«

Zaghafts Stimme klang nun etwas ruhiger. »Du haßt Nichtschwimmer ebenso, wie er dich haßt, aber du konntest ihn bisher nicht fangen. Ich liefere ihn dir frei Haus. Ich werde dafür sorgen, daß er sich zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort aufhält. Dann kannst du ihn überfallen und töten. Wir müssen ihn loswerden, bevor es zu spät ist. Dann können wir uns an unserer neugewonnenen Freiheit erst richtig erfreuen!«

Die Ratte ließ sich die Sache durch den Kopf gehen. Die Si-tuation war ungewöhnlich und erforderte besondere Vorsicht. Noch nie hatte ihn eine Maus aufgesucht, um einen Stammesangehörigen zu verraten. Allerdings hatte auch noch nie eine Maus eine andere so gehaßt wie dieser Zaghaft. Einen derartigen Haß konnte man einfach nicht vortäuschen. Der Konflikt zwischen Zaghaft und Nichtschwimmer saß offensichtlich sehr tief.

»Ich sorge dafür, daß du ihn bekommst«, beteuerte Zaghaft mit kaum verhüllter Bosheit.

»Schön, schön, also gut. Wenn du jedoch versagst, fresse ich dich.« Kellog zog sich in sein Nest zurück.

Stracchino

Der mächtige Gorm hatte Furz zu sich gerufen, was diesen furchtbar nervös machte.

Der Stamm der nach einem Pilz benannten Stinkmorcheln war früher viel zahlreicher gewesen. Irgendwann jedoch hatten sich alle Weibchen davongemacht und die betrunkenen Männchen zurückgelassen. Sie hatten genug von Festen, Trinkgelagen und faulen, prahlenden Männchen, die nur Kartoffeln fraßen und immerzu Wein und Bier in sich hineinschütteten.

Danach war der Stamm beständig geschrumpft. Die abtrünnigen Weibchen hatte man in die Reihen der Wilden aufgenommen, und schließlich blieben nur Furz und Fusel als Vertreter der Stinkmorcheln übrig. Furz übernahm die Führung, und Fusel hatte nicht das geringste dagegen.

Nun hatte Gorm ihn als Anführer seines Stammes zu sich befohlen. Furz suchte zitternd die verabredete Stelle auf. In Gedanken ging er die letzten Stunden durch und fragte sich, womit er den Unwillen Gorms erregt haben könnte. Doch ihm fiel nichts Außergewöhnliches ein. Wenn er etwas falsch gemacht hatte, war er sich dessen nicht bewußt.

»Du bist betrunken«, grollte Gorm voller Abscheu, als er sich mit Furz hinter dem Herd traf.

Furz stritt es erst gar nicht ab. »Entschuldigung, Meister«, murmelte er.

Gorm schüttelte seinen mächtigen Kopf und seufzte. Diese Kreatur war einfach hoffnungslos. »Furz, ich habe dich in deiner Eigenschaft als Anführer des Stinkmorchel-Stammes herbeordert. Wir brauchen dich. Leider benötigen wir alle lebenden, brauchbaren Mäuse, und man sagte mir, du gehörtest auch dazu .«

Gorm war wirklich in Hochform, doch Furz unterdrückte seine Belustigung.

»Wir planen, die Nacktlinge aus dem Haus zu vertreiben. Auch du wirst dabei eine Rolle spielen. Ich weiß allerdings noch nicht, welche.«

Die Tragweite von Gorms Erklärung drang allmählich in das alkoholvernebelte Hirn der Kellermaus. »Die Nacktlinge vertreiben, Meister? Wozu denn? Ich mein', wieso?«

»Das soll nicht deine Sorge sein«, meinte Gorm herablassend. »Du mußt nur wissen, daß wir deine Hilfe brauchen.«

»Klaro, Meister. Ich leb', um zu dienen.«

»Gut. Das war alles. Ab in den Keller! Ach, übrigens«, fragte Gorm beiläufig, »kennst du diesen Gelbhals namens Trödler?«

»Ja«, antwortete Furz vorsichtig.

»Was hältst du von ihm?«

Furz zuckte die Achseln. Mochte Gorm den Gelbhals, oder mochte er ihn nicht? Bis er das herausgefunden hatte, war Neutralität geboten. »Er ist eine Außenmaus. Ich mein', du weißt doch, wie die sind.«

»Unverschämte Burschen«, erklärte Gorm. »Diebe und Verschwender; locken unschuldige Weibchen an sich, stehlen Futter, schmeicheln sich bei Hausmäusen ein.«

»Ja, stimmt genau«, meinte Furz. »Verdammt unverschämte Mistkerle, wenn du mich fragst. Trödler ist auch nicht anders. Mit der Schlimmste, würd' ich sagen.«

»Dachte ich mir's doch«, nickte Gorm zufrieden. »So, das war's. Glotz mich nicht so an. Ich rufe dich, wenn die Pläne beschlossen sind.«

»Ja, Meister.«

»Schön, daß du dabei bist. Müssen doch zusammenhalten. Wir brauchen jede Maus, die wir kriegen können. Manche werden diese gefährliche Aktion vielleicht nicht überleben, doch unsere selbstlosen Taten dienen dem höheren Ruhm der Nation.«

Furz wurde bleich vor Angst. »Gefährlich?« murmelte er.

Gorm der Alte entblößte mit hämischem Grinsen die Zähne. »Ja.«

Furz schlich in den Keller zurück. Er fühlte sich wie betäubt. Trotz des Schreckens war ihm bewußt, daß Gorm bei ihrer Zusammenkunft eine Maus mit Namen genannt hatte. Die verfluchte Außenmaus, die sich Trödler nannte und andere Mäuse um ihren wohlverdienten Käse brachte. Als er seine trunkenen Überlegungen abgeschlossen hatte, war Furz von seinem Auftrag überzeugt. Gorm hatte ihm durch die Blume erklärt, er solle die Außenmäuse aus dem Weg räumen. Und er, Furz, war für diese Aufgabe auserwählt. Oder etwa nicht?

Der Stinkmorchel-Chef machte sich taumelnd auf die Suche nach Fusel. Er mußte mit ihm die Zukunft ihres illustren Stammes besprechen.

Chaumes

In der Wildnis des Gartens, inmitten wuchernder Gräser, hielt Stone einigen Feldmäusen, die mit ihren langen, biegsamen Schwänzen an den Halmen hingen, einen lehrreichen Vortrag.

Er mochte Feldmäuse, weil sie - anders als die Gelbhälse und Waldmäuse - nur selten Häuser bevölkerten. Sicher, gelegentlich schlugen auch sie ihre Zelte dort drinnen auf, aber sie unterschieden sich beträchtlich von den Hausmäusen, die am liebsten in ihren vier Wänden lebten. Feldmäuse fraßen abends gern Insekten, und die waren im Haus nun mal zu selten.

Obwohl sie von weitem sehr elegant wirkten, sahen sie bei näherem Hinsehen eher knochig aus, mit kleinen Körpern und großen Füßen. Im rotbraunen Rückenfell wuchsen einige schwarze Haare, der Bauch war weiß. Feldmäuse waren gute Zuhörer. Stone betrachtete sie als die Lieblinge der Natur, die die Gräser mit ihren zarten Körpern schmückten.

»Vor Tausenden und Abertausenden von Nächten kreuzten sich die Wege der Mäuse und der Nacktlinge. Es geschah in den Nebeln der Zeit, vor der Ankunft der Bäume«, erklärte Stone den herabbaumelnden Gestalten. »Die Nacktlinge schnitten die Gräser wie Getreide. Jetzt ist die ganze Welt voller Getreide und Gemüse. Eigentlich brauchen wir die Nacktlinge nicht mehr. Es wird Zeit, ihnen Adieu zu sagen.«

Eine Feldmaus, die am Stengel einer Lichtnelke schaukelte, warf selbstgefällig ein: »Wir brauchen sie ohnehin nicht. Wir teilen unser Futter nicht mit ihnen - wir sind doch keine Hausmäuse.«