»Na, na, ich habe dich schon bei den Mülleimern gesehen. Du hast nichts dagegen, sie zu plündern, nicht wahr?«
Die Feldmaus betrachtete angestrengt ihre Zehen und zog es vor, die Frage nicht zu beantworten.
»Ich habe gehört, daß Gorm der Alte einen Aufstand gegen die Nacktlinge plant«, bemerkte eine andere Feldmaus. »Sie sollen aus dem Haus vertrieben werden.«
»Wer hat das erzählt?« wollte Stone wissen. Er hörte heute zum ersten Mal, daß andere seine Ideen bezüglich der Nacktlinge übernommen hatten.
»Ich«, meldete sich eine Feldmaus, die an einem Kerbelsten-gel schaukelte.
»Nein, nein - ich meine, von wem stammt diese Nachricht ursprünglich? Wie bist du dieser Information teilhaftig geworden?«
»Du redest wie ein Buchfreser«, bemerkte die Feldmaus. »Nun, jeder weiß davon. Jeder weiß, daß die Vertreibung der Nacktlinge stattfinden wird, wenn der Bart des alten Mannes auf der Hecke liegt ...«
Nach diesen historischen Worten wurde der Feldmaus ganz schwindlig, und sie plumpste von ihrem Stengel. Es war, als hätten die Götter ihr die Worte in den Mund gelegt.
Stones Augen leuchteten. »Stimmt das wirklich? Na ja, ich wußte, daß irgendwann die Stunde der Befreiung schlagen würde. Endlich haben wir es geschafft - die Nacktlinge werden besiegt, das Haus kehrt in seinen natürlichen Zustand zurück, und die Mäuse fügen sich ihrem wahren Schicksal.«
»Wie?« fragte eine Feldmaus. »In welchen natürlichen Zustand? Welchem wahren Schicksal sollen sie sich fügen?«
Stone schüttelte nur den Kopf. »Egal, du Grünschnabel.« Erst mußte er selbst einmal über diese wunderbaren Neuigkeiten nachdenken. »Ihr seid entlassen, Freunde.«
»Entlassen? Für wen hältst du dich eigentlich?«
Doch Stone hörte gar nicht mehr zu. Er wanderte zum Klo hinüber, setzte sich in die Sonne und hing in aller Ruhe seinen Gedanken nach. Er wußte, daß die Nacktlinge im Haus - mit einer Ausnahme - entweder alt oder uralt waren. Alle hatten weiße oder graue Haare oben auf dem Kopf, und einer hatte sogar gar keine Haare. Alle bewegten sich steif und ungeschickt; einer konnte kaum noch laufen. Die Möbel im Haus, die Teppiche und Läufer, die Betten und die Nacktlinge selbst rochen unangenehm nach Alter und Zerfall. Der Hund und die Katzen waren ungepflegt, Hirnlos wurde nie gebadet. All das waren Anzeichen der Dekadenz unter den Nacktlingen.
Der wichtigste Beweis für die Nachlässigkeit, mit der sie sich und ihre Umgebung betrachteten, lag jedoch in der Tatsache, daß das Haus voller Mäuse steckte. Daneben beherbergte es auch noch eine Ratte und eine Eule.
Dann war da noch der Kopfjäger, der halbwüchsige Nacktling. Er war letzten Winter eingetroffen und galt in Stones Augen nur als vorübergehender Bewohner. Die anderen konnten ihn aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters einfach nicht mehr unter Kontrolle halten.
Irgend etwas stimmte nicht mit ihm, da er nicht bei seinen Eltern lebte. Vielleicht hatten fleischfressende Nacktlinge sie erlegt. Stone wußte nicht, ob es so etwas gab, aber die Nacktlinge schienen sich ständig zu fürchten. Warum sonst schlossen sie sich in den gigantischen Schneckenhäusern ein und kamen nur ab und zu heraus?
Gorm und sein wilder Haufen hatten also beschlossen, die alten Nacktlinge aus ihrem Schneckenhaus zu vertreiben? Stone hatte von solchen Plänen noch nie gehört, obwohl er sich mit vielen Nagern unterhalten hatte. Er kannte Ratten, Wühlmäuse, Spitzmäuse und war sogar einmal einem wandernden Nutria begegnet. Aber die Nacktlinge waren reif für die Vertreibung.
Ganz tief in seinem Inneren hegte Stone die Vorstellung, daß die ganze Aktion auch, auf Kosten der Hausmäuse, nach hinten losgehen konnte. Natürlich wünschte er Gorm und seinen Leuten nichts wirklich Schlimmes, aber vielleicht würde die kommende Revolution auch die Mäuse aus dem Haus und zurück in die Natur treiben.
Stone hielt dies für eine wunderbare Sache. Nun konnte er sich von Herzen auf die Vertreibung der Nacktlinge freuen.
Gouda
Auf dem Dachboden wunderte sich niemand außer Trödler, daß Leichtfuß ständig in seiner Nähe herumwuselte. Er fand es ein wenig ungewöhnlich, doch da er ihre Gesellschaft schätzte, sagte er nichts dazu. Als sie gerade eifrig auf irgendwelchen Krumen herumkauten, geschah etwas ganz Ungewöhnliches. Eine unbekannte Hausmaus kam auf Trödler zu und griff ihn unvermittelt an. Nur die schnelle Reaktion des Gelbhalses rettete seine Kehle vor ihren Zähnen.
Trödler trat mit den Hinterbeinen nach dem Angreifer. Es gelang ihm zwar, diesen zu vertreiben, doch er war völlig aufgewühlt.
Leichtfuß sauste zu ihm herüber. »Ich habe es mitangesehen!« rief sie schockiert. »Was sollte das?«
»Vielleicht ein gedungener Mörder?«
Diese seltsame Vermutung stammte von Nichtschwimmer, der den Vorgang ebenfalls beobachtet hatte. »Jemand will dich loswerden, Gelbhals. Hast du irgendwen beleidigt? Um genauer zu sein, welches Mitglied der Wilden hast du beleidigt? Ich weiß nämlich, wer das eben war. Sein Name ist Jarl Gabelbart, und er gehört zu Gorms Truppe.«
»Die wollen dich wirklich loswerden. Sie schicken einen Mörder, obwohl sie eigentlich mit den Plänen für die Vertreibung der Nacktlinge beschäftigt sind«, warf Leichtfuß ein.
»Schade, daß du ihn nicht festgehalten hast«, meinte Nichtschwimmer. »Wir hätten ihn durch Folter zum Reden bringen können.«
Trödler erschauerte. Er wußte, warum Gorm und sein Haufen es auf ihn abgesehen hatten. Er war der »Eine«. Trotzdem beschloß er, das einzig Mögliche zu tun und Gorm den Alten persönlich aufzusuchen. Trödler glaubte an die Wirksamkeit einer Begegnung und wollte alle offenen Fragen mit dem Anführer des Stammes der Wilden regeln. Es gefiel ihm nicht, daß er jederzeit einem gedungenen Mörder zum Opfer fallen konnte, der aus dem Schatten hervorsprang und sich mit gefletschten Zähnen auf ihn stürzte. Er wollte nicht in ständiger Angst leben. Nachdem er Skrang gebeten hatte, ihn zu begleiten, machte er sich auf den Weg zu Gorm.
Bel Paese
Skrang von den Totenköpfen hatte die Zusammenkunft ermöglicht. Sie war angesehen, eine hervorragende Führerin und kannte sich mit gedungenen Mördern aus. Sollte jemand aus der Dunkelheit auf Trödler losspringen, würde sie ihm einen schmerzhaften Ik-to-Biß an einer Stelle verpassen, wo er es gar nicht gern hatte. Gorm hatte aus Gründen, die nur er selbst kannte, den Kamin im Wohnzimmer als Treffpunkt gewählt. Sie würden sich dort um Mitternacht treffen, wenn Augapfel sicher im ersten Stock am Fußende eines Nacktlingsbettes schlief. Spuck suchte nachts immer den Garten heim. Gorm hätte zwar nichts gegen ein kleines Blutbad gehabt, doch sollte es nicht gerade sein Blut sein, das von den Lefzen eines kaltblütigen Mörders tropfte.
Der Kamin strahlte noch Wärme aus. Am Tag hatte das Feuer gebrannt, doch um Mitternacht lag nur noch graue Asche im Kamin. Es war nicht schwer, sich am Rost vorbeizuquetschen und auf die Simse im verrußten Mauerwerk hochzuklettern.
Skrang und Trödler hatten den Weg im sicheren Schutz der Warmwasserleitungen zurückgelegt, die zu den Heizkörpern führten. Von dort aus liefen sie quer durchs Wohnzimmer, durch den Dschungel der Stuhl- und Tischbeine, und nutzten dabei die Tischplatte und die Sitzflächen der Stühle als Dek-kung.
Als die Standuhr Mitternacht schlug, erreichten sie den Sims, auf dem Gorm sie erwartete.
Dieser lachte höhnisch. »Ich dachte, wir hätten abgemacht, uns allein zu treffen, Außenmaus. Ich bitte zu beachten, daß ich mein Wort gehalten habe und ohne Begleitung gekommen bin. Aber ich bin ja auch kein Feigling.«
Trödler beachtete die letzte Bemerkung nicht und kam gleich zur Sache. »Was ist los? Warum schickst du mir deine Mörder auf den Hals?«
»Lassen wir doch die lange Vorrede! - Natürlich brauchst du mich nicht zu begrüßen«, grollte Gorm sarkastisch.