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»Ich habe jetzt keine Zeit für Nettigkeiten. Du bist der Angreifer. Ich möchte wissen, warum.«

Gorms Augen verengten sich zu Schlitzen. Er scharrte mit den Füßen. »Weil ich dein kleines Spiel durchschaut habe, Außenmaus. Ich weiß, daß du geheime Beziehungen zu der Hohepriesterin Astrid unterhältst. Dafür wirst du sterben.«

Trödlers Überraschung wirkte so echt, daß man einfach nicht an seiner Unschuld zweifeln konnte. Er wirkte völlig verwirrt. Gorm begriff, wie weit er mit seiner Behauptung danebenlag, und zog seine Anschuldigungen mehr und mehr zurück. »Na ja, Astrid sprach von einem Gelbhals, einem, der gut zu kämpfen wisse ... Es hörte sich nach einem Fremden an. Jedenfalls meinte sie, ich würde es nie erraten, also dachte ich, sie treffe sich mit einer Maus, die ich ihrer Ansicht nach nicht kenne.«

»Oder die normalerweise kein Nest mit anderen Mäusen teilt«, unterbrach ihn Skrang.

»Was?« fragte Gorm. »Was soll das heißen, Skrang?«

»Nichts Besonderes. Ich habe da so einen Verdacht, doch den werde ich dir nicht auf die Nase binden. Eines aber weiß ich ganz genau: Trödler hat nicht das geringste mit Astrid zu tun. Ich erwähnte letzte Nacht seinen Namen, und sie hat überhaupt nicht darauf reagiert. Statt dessen fragte sie mich, ob es für sie zu spät sei, ein Totenkopf zu werden.«

»Ha!« brüllte Gorm. »Sie hat versucht, dich abzulenken.«

»Das glaube ich nicht - ich bin mir dessen sogar sicher. Als spirituelle Kriegerin kann ich gut beurteilen, ob jemand die Wahrheit sagt, indem ich ihm in die Augen sehe. Beispielsweise kann ich erkennen, daß du, entgegen deiner Behauptung, heute abend nicht allein hergekommen bist.«

»Was?« empörte sich Gorm. »Du nennst Gorm den Alten einen Lügner?«

»Willst du es weiter bestreiten? Muß ich dich vor Trödler bloßstellen?«

Gorm scharrte wieder mit den Füßen, peitschte mit dem Schwanz hin und her und senkte den Kopf, als wolle er angreifen. Dann besann er sich offensichtlich darauf, daß er es mit einem Totenkopf zu tun hatte, der in den tödlichen Kampfkünsten ausgebildet war. Skrang konnte einen Ik-to-Biß anbringen, bevor Gorm den ersten Schritt gemacht hatte. Trödler sah zu, wie sich der Anführer allmählich entspannte.

Schließlich ergriff Gorm das Wort. »Ich lasse mich nicht beleidigen. Wenn der Gelbhals hier unschuldig ist, muß ich das hinnehmen. Ihr Totenköpfe geltet als unparteiisch und vollkommen sachlich. Dieser Gelbhals kann uns, ich meine mich, jetzt verlassen.«

»Und du pfeifst deinen Mörder zurück?« wollte Skrang wissen.

»Ich rufe Jarl Gabelbart zurück«, knurrte Gorm.

Skrang wandte sich Trödler zu und sah ihn fragend an.

Er hatte während der Auseinandersetzung geschwiegen und mußte nun das Wort ergreifen. »Ich bin zufrieden, obwohl eine Entschuldigung ganz nett wäre. Ich hätte schließlich sterben können.«

»Ich entschuldige mich bei niemand. Es war ein Fehler, ba-sta. Wenn du eine Entschuldigung willst, müssen wir darum kämpfen . «, murmelte Gorm und stieß dem Gelbhals sein ergrautes Gesicht entgegen.

»Vergiß es«, sagte Trödler. »Jetzt ist nicht die Zeit für kleinliche Streitereien. Wir haben Wichtigeres zu tun. Die Vertreibung der Nacktlinge steht bevor. Hast du eigentlich schon den Konflikt mit deinem Sohn beigelegt?«

»Die 13-K haben ihren Konflikt mit mir noch nicht beigelegt«, betonte Gorm.

»Irgend jemand sollte sie überreden, sich der Revolution anzuschließen.«

»Wie wäre es mit dir?« rief Gorm. Endlich konnte er dieses Großmaul als Feigling hinstellen.

Trödler sah dem Anführer in die Augen. »In Ordnung«, meinte er vorsichtig. »Ich mache es. Ich komme demnächst in die Küche, dann kannst du mich zum Holzschuppen führen.«

»Genau!« schnappte Gorm. Er wollte es als Sieg betrachten, doch sein Triumph hielt sich in Grenzen.

»Komm, wir müssen gehen«, sagte Skrang zu Trödler.

Die beiden verließen Gorm.

»Wenn es nicht die Außenmaus war, wer dann? Astrid macht mich lächerlich. Das wird ihr noch leid tun«, murmelte der Anführer des Stamms der Wilden vor sich hin.

»Das war sehr mutig von dir«, sagte Skrang, als sie außer Hörweite waren. »Willst du dich wirklich mit Ulf und seinem wilden Haufen treffen? Ich habe auch schon versucht, sie zu überreden, ohne jeden Erfolg.«

»Einer muß sie für diese Sache gewinnen. Alle Mäuse müssen daran beteiligt sein«, erwiderte Trödler grimmig. »Ich will, daß sie zu uns stoßen, wenn der Bart des alten Mannes auf der Hecke liegt.«

Als sich die beiden ein Stück vom Kamin entfernt hatten, blieb Skrang in der Deckung eines Tischbeins stehen. Sie bedeutete Trödler, ruhig zu sein. Ein Nacktling hatte ein Garnknäuel neben einem Stuhl auf den Boden fallen lassen. Skrang machte Trödler ein Zeichen, er solle sich dahinter verbergen.

»Du behältst ihn von dort aus im Auge«, flüsterte sie und deutete auf den Kamin. Trödler legte sich hinter dem Knäuel flach auf den Boden.

Er konnte Gorm den Alten sehen, der sich im Wohnzimmer umschaute. Dann wandte sich der Anführer des Stamms der Wilden um und rief: »Ihr könnt alle herauskommen. Sie sind weg.«

Aus dem Kamin plumpsten mehrere rußverschmierte Mäuse. Man konnte nur das Weiß ihrer Augen und die rosa Schnauzen erkennen. Sie husteten und spuckten Asche aus.

»Hakon, Tostig, Ketil und Skuli«, murmelte Skrang. »Aber wer ist der fünfte?«

Ein rußiger Klumpen fing an zu jammern. »Kann ich jetzt nach Hause, Meister? Hab' überall Ruß - in der Nase, im Ohr, im Mund . « Er rutschte unbehaglich auf den Hinterbeinen und zuckte mit dem Schwanz »Und auch noch anderswo ...«

»Ja, ja«, brummte Gorm gereizt. »Verzieh dich!«

»Ich bin bloß zu Besuch«, kreischte Furz. »Da werd' ich durch den Ruß geschleift. Ich mein', ich bin doch nicht mal ein Wilder, bin doch eine Stinkmorchel.«

»Du hast der Nation gedient und solltest stolz auf dich sein«, erklärte Skuli.

»Die Nation interessiert mich nicht mehr als ein Mückenarsch«, brüllte Furz, schon auf halbem Weg durchs Wohnzimmer. Er hinterließ schwarze Spuren auf dem weißen Teppich und verschwand im Miglan-Loch.

Trödler sah alles mit an. Er war versucht, sich bemerkbar zu machen, doch es hatte keinen Sinn, den Anführer der Wilden mehr als nötig zu provozieren. Gorm war unverbesserlich und würde sich niemals ändern. Also schlich er zu Skrang zurück.

Auf dem Weg zum Dachboden holte der Totenkopf I-kucheng am Rajang-Loch ab. Trödler mußte draußen warten, denn die genaue Lage, des Loches wurde von den Totenköpfen geheimgehalten. Als die alte Maus schließlich von Skrang her-beigeführt wurde, war Trödler schockiert. I-kucheng wirkte stark gealtert und schien beinahe blind zu sein. Er klammerte sich an Skrangs Schwanz und folgte ihr mit langsamen, steifen Trippelschritten.

»Hallo, I-kucheng, wie geht es dir?«

Der alte Mäuserich wandte sich der Stimme zu. »Danke, ganz gut, ganz gut. Wer ist da?«

»Trödler, die Außenmaus«, erklärte Skrang.

»Ach, Trödler. Verstehe, natürlich.« Dann murmelte I-kucheng vor sich hin: »Kenne ich einen Trödler? Egal, man ist nie zu alt, sich an neue Gesichter zu gewöhnen. Trödler: seltsamer Name.«

Trödler fand es bedauerlich, daß die Kräfte des alten Mäuserichs so nachgelassen hatten, und sagte dies auch leise zu Skrang.

»Er wird taub und blind, aber sein Verstand ist noch voller Energie. Mach dir keine Sorgen um ihn. Er wird uns noch alle überleben, warte nur ab.«

Trödler sagte nichts dazu. Die Sache war klar. Skrang wollte sich nicht eingestehen, daß I-kucheng alt war und bald sterben würde. Sie hatte dem spirituellen Krieger ihr ganzes Leben gewidmet und würde, so fürchtete Trödler, nach seinem Tod ebenfalls dahinschwinden.

Eine andere Maus wünschte sich in eben diesem Augenblick den Tod herbei - der völlig verzweifelte Iban. Er wußte, daß Gorm fest entschlossen war, den Liebhaber seiner Hohepriesterin ausfindig zu machen und zu töten. Als spiritueller Krieger hatte Iban keine Angst vor Gorm. Allerdings durfte er sich als Missetäter nicht gegen einen Angriff seines Gegners verteidigen. Er mußte dessen Bisse hinnehmen, ohne sich zu wehren, weil er gesündigt hatte und Strafe verdiente.