Iban kam zu dem Entschluß, daß Selbstmord der einzig ehrenhafte Ausweg war. Er mußte sich umbringen, und zwar mit Hilfe einer sicheren Methode. Also beschloß er, sich Augapfel vor die Krallen zu werfen. Nichts konnte tödlicher sein als die Waffen des perfektesten aller Mörder. Wenn überhaupt jemand mit einem Schlag sein trauriges Los beenden konnte, dann die furchterregende Königin der Katzen.
Iban schlich durch die offene Tür ins Wohnzimmer. Im Sessel am Feuer fand er einen zusammengefalteten Nacktling vor, der in eine Zeitschrift schaute. Ein anderer Nacktling stand am Kamin und stocherte mit einer Eisenstange in den Kohlen. Ein dritter machte sich an Blumen in einer Vase auf der Anrichte zu schaffen und summte dabei vor sich hin. Aus dem Radio auf dem kleinen Tisch drang leise Tanzmusik, doch Iban war noch niemals weniger nach Tanzen zumute gewesen.
Ein vierter Nacktling kam ins Zimmer und knallte die Tür hinter sich zu. Die schwere Holzplatte fiel krachend in den viereckigen Rahmen, und ein heftiger Luftzug zerzauste Ibans Fell.
Der gerade eingetretene Nacktling öffnete den Mund und stieß dröhnende Laute hervor. Die anderen dröhnten eine Antwort. Es schien ihnen wichtig zu sein.
Iban schaute sich um.
Hirnlos lag schnarchend auf dem Teppich zu Füßen des ersten Nacktlings. Auf der Fensterbank unter der hübschen Spitzengardine hatte sich Augapfel die Schreckliche zusammengerollt.
Auch sie hatte die Augen geschlossen, aber Iban wußte genau, daß Katzen niemals richtig schliefen. Viele Geräusche überhörten sie einfach, doch im richtigen Augenblick - beim Klirren ihres Futternapfes, dem Kratzen einer Maus, dem Rascheln einer Schachtel Flohpulver - rissen sie die Augen auf und waren sofort bereit zum Angriff. Gerade noch ruhig und entspannt, verwandelten sie sich rasch in wilde, blitzschnelle Ungeheuer.
Mutig rannte Iban auf die Fensterbank zu und bezog unter seiner Feindin Stellung.
Augapfel war zwar nicht besonders groß, aber furchteinflößend. Unter dem weichen Fell schlug ein unerbittliches Herz ohne jeden Funken Mitgefühl. Iban schaute zu, wie sich ihre Brust hob und senkte. Er nahm allen Mut zusammen und kratzte mit der Pfote über das Linoleum.
Augapfel riß die Augen auf.
Sie starrte ihn ungläubig an: eine Maus, die in Nase-HochPosition vor einer Katze hockte, als erwarte sie die wohlverdiente Strafe. Dann schnellte Augapfel mit gezückten Krallen nach vorn.
Für Iban liefen ihre Bewegungen in Zeitlupe ab. Die große, pelzige Gestalt schien sich nur widerwillig von der Fensterbank zu lösen. Iban erwartete den tödlichen Angriff. Er war bereit für den Abschied von dieser Welt.
Unglücklicherweise mischte sich das Schicksal an dieser Stelle ein. Die Katze war mit ausgestreckten Krallen abgesprungen, um ihre Waffen in Ibans Brust zu schlagen. Leider verfingen sich einige dieser gebogenen Dolche im Saum der Spitzengardine.
Mit einem Krachen gab der Stoff nach, die gesamte Gardine riß aus ihrer Halterung und schwebte wie ein Schleier zu Boden. Augapfel verhedderte sich in dem zarten Gewebe, fauchte und kratzte und versuchte verzweifelt, sich daraus zu befreien. Je heftiger sie kämpfte, desto enger zog sich der dünne Stoff um ihren Körper.
Dank ihrer trägen Gehirne bemerkten die Nacktlinge erst jetzt, daß etwas nicht stimmte. Sie schrien, brüllten und fluchten durcheinander. Hirnlos entdeckte, daß zwei seiner Todfeinde in der Falle saßen und sauste - erstaunlich flink für einen so alten Hund - quer durchs Zimmer. Er verpaßte der Katze mit funkelnden Augen einen herzhaften Biß. Augapfel stieß wilde Drohungen in Richtung des Spaniels aus, der seine Chance nutzte und noch einmal zuschnappte.
Einer der Nacktlinge hatte einen Besen ergriffen und schlug damit auf den Kopf des Hundes ein. Iban spürte den Luftzug, als die Waffe an ihm vorübersauste. Klugerweise zog sich Hirnlos nach dem ersten Schlag zurück, so daß die nächsten Treffer mit dem Besen auf dem Rücken der Katze landeten. Sie geriet nun völlig außer sich und stieß einen schrillen Schrei aus.
Ein zweiter Nacktling bückte sich, um die Katze aus der Gardine zu befreien, erntete aber nur Bisse und Kratzer für seine Bemühungen. Von seiner Hand tropfte Blut, und er wich zurück. Hirnlos war zweifellos der Ansicht, daß sich Augapfel die Nacktlinge nun zu Feinden gemacht hatte, und schlich heran, um einen weiteren Biß zu landen. Und wieder traf ihn ein Schlag auf den Kopf.
Aus anderen Teilen des Hauses strömten weitere Nacktlinge herbei, darunter auch der Kopfjäger. Das Zimmer erbebte in einer ohrenbetäubenden Kakophonie. Der verletzte Nacktling wurde von zwei schweineähnlichen Helfern davongeleitet, den beiden fetten Küchennacktlingen. Der Kopfjäger schien sich sehr für die gefesselte Katze zu interessieren und drängte sich vor, um besser sehen zu können. Iban entdeckte in seinen Augen den unverhohlenen Wunsch, die Katze zu kochen und an den Kleinen Prinzen zu verfüttern.
Hirnlos sah hocherfreut zu und lief zwischen den Nacktlingsbeinen hin und her, wagte aber keinen Angriff mehr.
Es war offensichtlich, daß dieses Chaos noch eine Weile andauern würde.
Iban schlich davon, beschämt über den Tumult, den er verursacht hatte, und entkam ungehindert durch die Wohnzimmertür. Er lief auf schnellstem Wege zum Gwenllian-Loch und von dort aus durch einen Gang, der bis in Tunnelgräberins Territorium führte. Er hatte die Absicht, sich im Garten einem vorbeifliegendem Turmfalken zum Fraß anzubieten. Oder er würde warten, bis Gnadenvoll aus ihrem Loch herabstieß.
Unterwegs traf er auf Kellog, der seinen täglichen Tribut beim Stamm der Wilden kassieren wollte.
»Töte mich!« rief Iban und versuchte, der Ratte den Weg zu verstellen.
»Verdammte Mäuse«, brummte Kellog und schubste den Totenkopf beiseite. »Hab' keine Lust auf Witze.« Er verschmolz mit den Schatten unter den Bodenbrettern.
Iban rappelte sich auf, klopfte die Spinnweben ab, seufzte und setzte seine Wanderung durch das Labyrinth fort. Auf dem Weg ins Innere stand er plötzlich Tunnelgräberin gegenüber.
»Wo willst du eigentlich hin?« fragte die Torwächterin.
»Ich ... hm ... nach draußen«, stammelte Iban.
»Nicht ohne zu zahlen«, erwiderte die schreckliche Spitzmaus.
Iban verließ der Mut. Er hatte tatsächlich den Wegezoll vergessen. Ohne Käse führte kein Weg an Tunnelgräberin vorbei. »Kein Käse, kein Durchgang«, pflegte sie oft und gern zu sagen.
Iban riß sich zusammen. »Dann mußt du mich töten.«
Tunnelgräberin sah ihn mißtrauisch an. »Und wenn ich dich einfach nur windelweich prügle und wieder hineinschicke?«
»Das reicht nicht«, meinte Iban. »Was meinst du, wenn ich verspreche, dir nachher ein Stück Käse zu bringen?«
»Und wenn ich dir statt dessen ins Ohr beiße?«
»Ich kann Ik-to«, warnte Iban die Spitzmaus.
»Versuch's doch«, fauchte Tunnelgräberin, die gegen Drohungen allergisch war.
Iban seufzte erneut. Er konnte die Außenwelt schon riechen, vor allem Primeln und die Blätter der Kirschpflaumen. Die frische Luft mit all ihren Gefahren war nur wenige Tunnel entfernt, vorausgesetzt, er verirrte sich nicht in irgendwelchen Sackgassen. Doch Tunnelgräberin stand vor ihm wie ein Fels, der seinen Weg zum Selbstmord blockierte. Gehörte man nicht zu den reichen Küchenmäusen, war der Weg nach draußen das reinste Hindernisrennen. Schließlich kehrte Iban um. Besiegt schlich er ins Haus zurück.
Als er aus dem Gwenllian-Loch auftauchte, kam ein Nacktling aus dem Wohnzimmer und ging durch die Eingangshalle. Iban schaute zu, wie er die Haustür öffnete, hinaustrat und sie hinter sich schloß. Es wirkte so leicht und mühelos. Für eine Maus hingegen bedeutete die Reise in die Außenwelt ein schwieriges Unterfangen. Es war einfach nicht gerecht.