Tomme au Raisin
Trödler genoß selbstverständlich freien Durchgang im Gebiet der Wilden, bis zum Loch, das in den Holzschuppen führte. Einige Küchenmäuse blieben in der Nähe, um zu beobachten, wie er hindurchschlüpfte. Sie waren fest davon überzeugt, daß dieser Weg eine Einbahnstraße war. Trödler sah die rundlichen, wohlgenährten Gestalten und dachte: Bald sehen wir alle so aus.
Als er das Loch erreichte, versammelten sich die Zuschauer um den Ausgang. Erwartungsfrohe Stimmung lag in der Luft. Ulf hatte geschworen, jeden ungebetenen Gast anzugreifen, der sich auf das Gebiet der 13-K wagte. Sie konnten dieses Spektakel zwar nicht sehen, doch die Geräusche würden deutlich hörbar sein. Sensationslüsterne Bande, dachte Trödler, die warten nur auf meine Schreie.
Trödler blieb vor dem Loch stehen und rief dem Wächter auf der anderen Seite zu: »Hallo, da drüben! Hier ist Trödler, der Gelbhals aus der Hecke. Ich komme jetzt.«
Auf der anderen Seite entstand Unruhe, dann ertönte eine Stimme: »Wie viele seid ihr?«
»Nur einer.«
»Einer kann kommen, doch viele werden gehen«, kicherte die Stimme.
Eine Sekunde dachte Trödler an sein Schicksal, das ihm die Stimmen der Vorfahren prophezeit hatten. »Was soll das heißen?« fragte er die nächste Küchenmaus.
»Es heißt, du kommst in kleinen Stücken wieder heraus«, erläuterte Elfwin.
»Kein guter Anfang«, murmelte Trödler. »Jedenfalls komme ich jetzt«, rief er den 13-K zu. Er sauste flink durch das Loch und wurde auf der anderen Seite sofort von jungen Mäusen umringt.
Sie kauerten in Nase-Unten-Position vor ihm, bereit zum Angriff. Trödler warf einen schnellen Blick in die Runde und entdeckte weitere Stammesmitglieder, die auf Holzstapeln und zwischen Scheiten hockten und zuschauten.
Er tat das einzig Richtige und stellte sich vor. »Trödler die Außenmaus ist gekommen, um mit Ulf, dem Anführer der berühmten 13-K-Bande, zu sprechen. In der Hecke übrigens auch als Ulf der Kaltblütige bekannt.«
»Ulf der Kaltblütige?« fragte dieser ebenso überrascht wie erfreut. »In der fernen Hecke kennt man meinen Namen?«
»Sicher doch. Dein Ruhm hat sich sogar noch weiter verbreitet. Bis hinein in die Weizenländer, zu den Feldmäusen. Sie pflegen zu sagen: >Ulf der Kaltblütige ist der beste Kämpfer diesseits der Straße.c«
»Ulf der Kaltblütige, das gefällt mir. Viel besser als Ulf, der Sohn Gorms. Vielleicht bin ich endlich aus dem Schatten meines Vaters herausgetreten.«
»Das würde ich meinen«, bestätigte Trödler. »Aber wie stehst du zu der Vertreibung der Nacktlinge, von der alle sprechen? Jeder weiß, daß die gesamte Mäusenation im Haus davon profitieren wird. Und trotzdem weigerst du dich hartnäk-kig, daran teilzunehmen, nur weil dein Vater mitmacht.«
»Das stimmt«, grollte Ulf.
»Ich möchte dir eine Frage stellen. Willst du Zugang zur Speisekammer?«
»Natürlich wollen wir das!« ertönte ein Chor von Mäusen.
»Warum kämpfst du dann gegen Gorm? Warum bist du gegen die Vertreibung der Nacktlinge? Es geht doch nur darum, die Nacktlinge und ihre Haustiere loszuwerden. Dann kann der Inhalt der Speisekammer unter allen Mäusen im Haus aufgeteilt werden.«
Ulf schüttelte bedächtig den Kopf. »Glaubst du wirklich, Gorm würde das Futter mit uns teilen? Denkst du, er würde uns auch nur einen einzigen Käsekrümel abgeben? Wenn wir die Nacktlinge losgeworden sind, zettelt er wieder seine alten Schlachten an. Es liegt ihm einfach im Blut. Er ist ein Kriegstreiber und wird sich niemals ändern. Ich kenne ihn, er ist mein Vater. Wenn er nicht mit den Zähnen im Fleisch eines Feindes stirbt, gelangt er nicht nach Assundoon - wozu er fest entschlossen ist.«
Trödler nickte. »Da ist was dran. Aber zum ersten Mal haben sich alle Stämme zur Nation der Hausmäuse zusammengeschlossen. Die Nächte, in denen Gorm auf Interessenkonflikte zählen konnte, sind vorbei. Gorms Wilde konnten nur überleben, weil alle anderen Mäuse miteinander im Streit lagen. Wenn ihr zu uns stoßt, müßte er sich schon mit dem ganzen Haus anlegen - er kann die Speisekammer nicht einfach für sich behalten.«
Ulf wandte sich an Drenchie und Gunhild. »Nun?«
»Was er sagt, klingt vernünftig«, meinte Drenchie.
»Meine Truppen sind allzeit bereit - jetzt oder später. Ja, ich glaube, der Gelbhals hat tatsächlich was im Kopf«, erklärte Gunhild.
Der Anführer der 13-K-Bande schien noch immer nicht ganz überzeugt.
»Sieh mal«, startete Trödler einen erneuten Versuch, »du hast gesagt, du wolltest dich der Vertreibung der Nacktlinge nicht anschließen, weil du Gorm nicht traust. Ich stehe persönlich dafür gerade, daß Gorm keinen Ärger macht, wenn die Nacktlinge weg sind. Wenn ja, kämpfe ich selbst gegen ihn.«
»Du würdest gegen Gorm kämpfen?« fragte Ulf. »Ist dir klar, daß du auch gegen seine Doppelgänger antreten mußt - seine Brüder Hakon und Tostig?«
»Das ist mir klar«, meinte Trödler, ohne sich seine Furcht anmerken zu lassen. »Ich gebe euch mein Wort. Notfalls kämpfe ich mit Gorm auf Leben und Tod. Reicht das?«
Ulf stieß ihn freundschaftlich mit der Nase an. »Mir reicht es, Kumpel. Wir schließen uns eurer Vertreibung der Nacktlinge an.«
Plötzlich erwachten die übrigen 13-K zum Leben, sprangen vom Holzstoß herunter und umringten unter Freudenschreien Ulf und Trödler. Sie hatten so lange am Hungertuch genagt, daß ihnen alles wie ein Traum vorkam. Schnurrhaare zuckten, Schwänze wackelten, die Nasen schnupperten in Erwartung der wunderbaren Schlemmerei.
Als sich der Tumult ein wenig gelegt hatte, sagte Trödler zu Ulf: »Du solltest dich besser mit Gorm treffen ...«
Ulfs Blick wurde mißtrauisch. »Ich soll Gorm treffen - etwa allein?«
Trödler nickte. »Darum geht es doch, oder nicht? Du solltest mit den Küchenmäusen Frieden schließen. Dann können wir gemeinsam den Vorstoß wagen.«
»Das ist eine Falle«, knurrte Gunhild. »Laß mich gehen, Ulf. Ich nehme drei zuverlässige Mäuse und gehe.«
»Nein«, erwiderte Trödler entschieden. »Ulf muß gehen. Nur er und ich. Wenn du mir vertraust, brauchst du keine Angst zu haben.«
Ulf sah Trödler lange und tief in die Augen. »Ich weiß zwar nicht, warum, Gelbhals, aber ich vertraue dir. Ich hoffe nur, daß ich diesen Gang überlebe.« Er warf der Menge ein schiefes Lächeln zu. »Ich kann es kaum erwarten, ihre Gesichter zu sehen, wenn wir zusammen in der Küche aufkreuzen.«
Die 13-K-Bande stieß erneut Jubelrufe aus, als Ulf und Trödler durch das Loch schlüpften.
Der Stamm der Wilden drängte sich noch immer auf der Küchenseite des Loches. Als Ulf und Trödler auftauchten, traten alle ein wenig zurück.
Plötzlich erdröhnte aus dem Hintergrund eine Stimme. »Aus dem Weg, aus dem Weg!« Gorms zerfurchtes Gesicht erstrahlte im Triumph, als er seinen rebellischen Sohn mit blitzenden Augen betrachtete. Sie waren verfüllt von unverhohlenem Rachedurst.
»Wir haben die Zustimmung der 13-K - Friede unter den Mäusen - Ulf ist gekommen, um den Bedingungen des Vertrages zuzustimmen.«
Gorm schenkte Trödlers Worten keine Beachtung und baute sich vor seinem Sohn auf. »Endlich!« zischte er mit entblößten Zähnen. »Packt ihn! Packt den Abtrünnigen! Endlich habe ich dich erwischt, du Zwerg!«
Einige Krieger rückten vor, doch Trödler erhob die Stimme. Er sprach mit einer für Heckenmäuse seltenen Autorität, die bewies, wie sehr er sich seit dem Ruf der Vorfahren weiterentwickelt hatte. »Halt!« rief er. »Ich habe mein Wort gegeben. Wenn du das tust, Gorm, werden sich alle Stämme des Hauses gegen dich wenden.«
»Wenn wir dich auch umbringen, erfährt es keiner, oder?« fragte Gorm.