»Wir erfahren es«, schrie jemand, »und du kannst dir absolut sicher sein, daß dich die gerechte Strafe ereilt, Gorm!«
Alle Köpfe wandten sich I-kucheng und Skrang zu, die sich mit Iban zu ihnen gesellt hatten. Drei Totenköpfe. Ein Totenkopf allein konnte ein Dutzend Wilde überwältigen. Es brauchte schon sehr mutige Küchenmäuse, um es mit drei von ihnen aufzunehmen.
Gorm runzelte die Stirn und wandte sich an seinen Sohn.
»Was hast du mir zu sagen ... Sohn?«
Das letzte Wort troff förmlich von Sarkasmus.
»Was ich zu sagen habe? Du hast mir einen Waffenstillstand angeboten, hier bin ich. Mir war natürlich klar, daß du dein Wort nicht halten würdest - wie immer. Aber Trödler hier wollte mir weismachen, du hättest dich geändert, hättest einen
Funken Ehre im Leib. Ich war so dumm, ihm zu glauben, aber
-«
»Hör auf mit dem Geplapper«, grollte Gorm. »Du bist geschwätziger als eine Kröte. Also Waffenstillstand.«
»Gut«, meinte I-kucheng. »Darauf haben wir immer gehofft. Der Stamm der Wilden und die 13-K-Bande schließen sich zusammen -«
In diesem Augenblick erklangen schwere Schritte, und die Küche wurde in grelles Licht getaucht. Die Mäuse zerstreuten sich in alle Richtungen. Ulf und Trödler schossen in einen Spalt zwischen Spüle und Wand.
Ein Nacktling in Nachtkleidung tappte durch die Küche und riß den höhlenartigen Mund auf. Er öffnete die Speisekammer und ging hinein. Kurz darauf kam er mit einem großen Stück Kuchen und einer Milchflasche wieder heraus. Er trank die Milch in hastigen Schlucken - von denen zwei Dutzend Mäuse satt geworden wären - und rammte den Kuchen in die riesige Mundöffnung.
Danach machte er sich an der Spüle zu schaffen. Trödler konnte von seinem Versteck aus einen großen, nackten Fuß sehen. Die Haut unter der Sohle war hart und rissig, auf dem Spann hingegen weich und runzelig. Der Fuß verströmte einen eigenartigen Geruch, Die Zehen waren mit groben, gekräuselten Haaren bewachsen und wirkten wie lebendige Tiere, die der häßliche Monsterfuß gefangen hatte.
Trödler verspürte den Drang, hervorzuschießen und das Ungeheuer zu beißen, damit es endlich verschwand. Er fand die ganze Gestalt einfach abstoßend. Inzwischen teilte er die unter Mäusen verbreitete Ansicht, daß ein Nacktling aus der Nähe betrachtet eigentlich mehr als ein einziges Lebewesen sein müsse. Die einzelnen Teile waren riesig und wirkten wie eine Anhäufung grotesker Kreaturen, die sich aus unerfindlichen Gründen zusammengefügt hatten. Noch nie war er einem ausgewachsenen Nacktling so nahe gekommen. Das ganze Gebilde war einfach ekelhaft!
Nach einer Weile bewegte sich der Fuß, und das Patschen nackter Fußsohlen auf Fliesen entfernte sich. Schließlich ging das Licht aus. Die Mäuse quollen aus ihren Verstecken hervor.
»Habt ihr das gesehen?« knurrte Gorm. »Hat genug für eine ganze Armee gefressen. Wir müssen sie einfach loswerden.«
Trödler erschauerte. »Und dieser Geruch!«
»Das sind erst die Füße«, bemerkte Hakon, der neben ihm stand. »Du solltest mal eine Nase von ihrem Atem nehmen. Ich stand mal auf einem Regal und -«
Hakon vollendete den Satz nicht mehr. Er stieß einen Schrei aus und war verschwunden. Eine mächtige Kraft hatte ihn nach oben gerissen. Trödler konnte sie riechen, aber nicht sehen. Als der Nacktling die Küche verließ, war ein blau-graues Ungeheuer hereingeschlüpft und hatte sich Hakon geschnappt.
Die Mäuse stoben davon. In ihren Ohren hallten Hakons schrille Schreie wider. »Helft mir! Helft mir doch! Aaaaaaah!«
Hakon war weg. Er lebte zwar noch, doch man mußte versuchen, ihn zu vergessen, die Ohren vor den furchtbaren Schreien verschließen, nicht an die Qualen denken, die Ängste. Einige Mäuse redeten über Belanglosigkeiten, denn Hakon war unrettbar verloren.
Er steckte zwischen Augapfels Kiefern. Sie lag mit glitzernden Augen auf dem Küchenboden und hielt die zappelnde Maus fest. Eine Zeitlang würde sie mit ihr spielen, sie herumwerfen, mit den Pfoten anstoßen, an den Boden pressen. Im Augenblick begnügte sie sich noch damit, selbstzufrieden in die Finsternis zu starren. Irgendwann jedoch würde sie zubei-ßen und Hakon zermalmen.
»Ich bin eine Mäusemörderin«, schienen ihre Augen zu sagen. »Ich bin unbesiegbar, unverletzlich, allmächtig.«
Und so war es auch. In der Mäusewelt gab es keine größere Macht. Die Katze verkörperte den Tod. »Ich bin ein schrecklicher Gott, unüberwindlich, ohne Mitleid oder Gnade. Seht, Nager, mein Gesicht an und verzweifelt.«
Doch sie verzweifelten nicht. Sie verdrängten die Katze einfach aus ihren Gedanken, beschäftigten sich mit anderen Dingen, besprachen die kommende Revolution, aktuelle Intrigen, Stammesangelegenheiten, erwähnten alles außer der Mitleidlo-sigkeit der Katzen.
Einige Zeit später hörten sie das Knirschen von Knochen und stießen einen gemeinsamen Seufzer aus. Hakons irdische Qualen hatten ein Ende. Gorm hatte einen Bruder und damit einen Doppelgänger verloren. Als er die Beileidsbezeugungen entgegennahm, sagte er: »Zur Zeit brauche ich eigentlich keine Doppelgänger, da kein Krieg herrscht. Also ist es kein großer Verlust - trotzdem vielen Dank für euer Mitgefühl.«
Das Leben obsiegte. Hakon war nicht mehr als eine tragische Randbemerkung in der Geschichte des Hauses. Entweder weilte er nun im Käsehimmel oder im Dunst der Hölle, basta.
2. TEIL.
Die Vertreibung der Nacktlinge
Mozzarella
Die Heizkörper waren eingeschaltet worden. In der Welt draußen verhüllte der Bart des alten Mannes die Hecke. Rasch verbreitete sich unter den Mäusen die Nachricht vom Wechsel der Jahreszeiten. Die Außenmäuse trugen den Hausbewohnern die Neuigkeit zu. Die Revolution stand unmittelbar vor dem Ausbruch und würde auf das ganze Haus übergreifen. Die Botschaft verbreitete sich wie ein Lauffeuer von Mund zu Mund, von Nest zu Nest, von Stamm zu Stamm. Die Mäuse krochen aus ihren Löchern und Schatten ans Licht. Alle Stämme erhoben sich wie eine einzige Nation. Sie verfolgten ein gemeinsames, wahrhaftes und gerechtes Ziel.
Und so begann die Vertreibung der Nacktlinge.
Jeder Stamm führte die Aktionen durch, die man ihm zugewiesen hatte. Die Buchfresser zernagten die elektrischen Leitungen, die unter den Bodenbrettern und zwischen der Decke und dem oberen Stockwerk verliefen. Die Wilden zerbissen Mehlsäcke, verschütteten Bohnen, verstreuten Getreidekörner. Die Totenköpfe knabberten an den Gasleitungen. Die 13-K richteten als waschechte Rebellen Verwüstungen in den Schränken und Schubladen an und nagten Löcher in Kleidungsstücke. Die Unsichtbaren kümmerten sich um die Wasserleitungen auf dem Dachboden und hofften auf eine große Überschwemmung. Die Stinkmorcheln wurden von Gorm ins Wohnzimmer getrieben. Zitternd verbargen sie sich unter der Porzellanvitrine, bis sie wieder zurück in ihren Keller durften.
Selbst Kellog schloß sich der Revolution an und vergiftete das Wasser im Tank mit toten Schnecken, Würmern, Unkraut, Erbrochenem, Mäusekot und unidentifizierbaren Schleimklumpen. Fäulnis und Gestank waren seine Sache. Er empfand höchste Befriedigung, wenn etwas verrottete und üble Gerüche verströmte. Er schaute mit Begeisterung zu, wie sich das Wasser in ein häßliches Gelb verfärbte. Er bevorzugte stehende Gewässer, da sie sich nahtlos in die Philosophie seiner Art einfügten: Kloaken und Jauchegruben.
Mit dem Fortschreiten der Vertreibung der Nacktlinge wuchs auch Kellogs Anmaßung. Er träumte von seiner zukünftigen Machtstellung. Nach der Revolution, wenn die Nacktlinge verschwunden waren, würde er der unbestrittene Herrscher des Hauses sein. Kellogs Ego wuchs ins Unermeßliche, und er sah sich als Erwählten der Götter, als König der Ratten.
Eines Nachts verstieß er gegen seine eigenen Regeln, quetschte sich durch Claudes Loch und schlüpfte ins Innere des Hauses. Die Nacktlinge schliefen, und die Katzen hielten sich um diese Zeit im Garten auf. Die Mäuse waren damit beschäftigt, an Kabeln und Leitungen zu knabbern. Kellog schlenderte über den Treppenabsatz, als gehöre er ihm bereits. In seinem Geist stoben die Nacktlinge in alle Richtungen davon.