»Süße Zuckermaus«, krähte eine Stimme aus einem der Schlafzimmer. »Der Kleine Prinz riecht dein saftiges Fleisch. Süßes Honigmäulchen ...«
Kellog kauerte sich auf die Schwelle und schaute zum Käfig mit der weißen Maus hin.
». liebliche - hm - äh - Ratte?«
Kellog machte einen Buckel und fletschte die Zähne.
Die weiße Maus starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an und sagte verwirrt: »Zeit zum Schlafen, Kleiner Prinz.« Sie legte sich auf ihr Bett aus Sägespänen und schloß die Augen.
Kellog beobachtete sie noch eine Weile und lief dann wieder auf den Treppenabsatz hinaus. Er glitt die Stufen in die Halle hinunter, von wo aus er durch das Gwenllian-Loch in den Schutz der Wände und Zwischendecken zurückkehren wollte. Er ging ein Risiko ein, doch er hatte sich etwas beweisen müssen: daß er nun vor den Nacktlingen keine Angst mehr hatte.
Plötzlich schleppte sich ein triefäugiger Spaniel durch die Wohnzimmertür. Er blieb auf der Schwelle stehen, blinzelte und starrte Kellog verwundert an. Dann zuckte er mit den seidig glänzenden Schlappohren.
Kellog wollte losrennen. Da fiel ihm ein, daß es sich um den alten Hirnlos handeln mußte, von dem die Mäuse immer sprachen. Er war angeblich das langsamste Geschöpf auf Erden und hatte noch niemals eine Maus gefangen. Seine Zähne waren vermutlich stumpf und vollkommen nutzlos.
»Steck deinen blöden Kopf woanders hin!« fauchte Kellog.
Die wenigen Worte verliehen dem Hund ungeahnte Dynamik und Energie. Hirnlos startete durch wie eine abgeschossene Kugel. Sein Maul stand offen, das Gesicht erstrahlte in grenzenloser Freude. Seine Augen wirkten plötzlich klar und funkelten. Die Arthritis schien aus den Gelenken gewichen. Die Nasenlöcher blähten sich. Von einer Sekunde zur anderen hatte sich Hirnlos in einen angriffslustigen Jäger verwandelt.
Kellog sauste die Treppe hinauf, dicht gefolgt von Hirnlos, der nach seinem Schwanz schnappte. Kellog hämmerte das Herz in der Brust. Seine Beine wirbelten wie Trommel stöcke, die Füße berührten kaum die Stufen. Vor Anstrengung quollen ihm die Augen aus dem Kopf. Er wußte, daß er einen schrecklichen Fehler begangen hatte. Hirnlos verfügte über eine geheime Kraftreserve, die durch den Anblick Kellogs schlagartig freigesetzt wurde. Der Höllenhund war direkt hinter ihm - mit loderndem Blick, schnappenden Kiefern, kraftvollen Beinen. Er dachte nicht nach, wurde nur von seinem Instinkt getrieben, der sich bei den Rattenjagden seiner Jugendjahre gebildet hatte.
Die ruhmreichen Stunden der Vergangenheit waren der Grund für die Geschmeidigkeit und Vitalität des Spaniels: Stunden in den Gräben, in denen ihn sein Herr mit den Worten »töten, töten, töten« vorantrieb. Damals hatte er Dutzende von Ratten erlegt. Er war ein hervorragender Rattenjäger gewesen, und der Klang bestimmter Worte konnte ihn noch immer in äußerste Erregung versetzen. Ein Nacktling mußte nur leise den magischen Befehl flüstern, und schon schnüffelte Hirnlos in jeder Ecke des Zimmers und stieß dabei polternd die Möbel um.
Kellog schoß durch die Beine des Hundes in eine Ecke der Halle. Hirnlos schlug einen makellosen Salto und jaulte in Ekstase. Seine Pfoten schlitterten quietschend über das Linoleum. Er interessierte sich nicht sonderlich für Mäuse und jagte sie eher halbherzig. Doch wenn Ratten in der Nähe waren, vergaß er alle Altersbeschwerden und machte sich verjüngt an die Jagd.
Kellog rannte japsend wieder in Richtung Treppe. Hirnlos schnappte nach seinen Hinterbeinen. Die Dachratte sprang alle Stufen auf einmal hinunter und landete mit einem hörbaren Plumpsen. Hirnlos stürzte hinterher, doch Kellog hatte sich schon aufgerappelt, schoß erneut durch die Halle und verschwand im Gwenllian-Loch. Eigentlich war es den Mäusen vorbehalten, doch die große Ratte glitt mühelos hinein.
Unter den Dielenbrettern angekommen, rang Kellog nach Luft. Er lag flach auf dem Bauch und hörte, wie der Hund über ihm jaulte und auf dem Boden scharrte. Eine Maus kam vorbei und starrte die Ratte neugierig an.
Die Maus eilte weiter und fragte sich, welches Geschöpf die Ratte wohl in diesen Zustand versetzt hatte. Eine Katze? Oder ein Fuchs? Die Ratte mußte Entsetzliches durchgemacht haben.
Der Ausflug hatte Kellog beinahe das Leben gekostet. Er schleppte sich mühsam zu seinem Nest und schwor dabei, daß er den Schutz der Wände und Zwischendecken erst wieder verlassen würde, wenn die Nacktlinge endgültig das Haus verlassen hatten. Sie und ihr Höllenhund.
Das Haus war wie geschaffen für die Bemühungen der Stämme, die Nacktlinge aus seinen Mauern zu vertreiben. Einige Mäuse meinten, das Haus selbst sei auf ihrer Seite und biete sich für Sabotageakte förmlich an. Wasser floß ungehindert aus seinen Wunden, Stromkabel sprühten Funken, Gas zischte aus verschiedenen Löchern. Manche Teile des Hauses waren über die Jahre hinweg von selbst verrottet. Sie wurden eine Gefahr für jedes Lebewesen, das größer als ein durchschnittliches Nagetier war. Dachziegel rutschten herunter, Abflußrohre waren mit Haaren verstopft, Wasserbehälter durch klebrige Klumpen blockiert.
»Schicksal!« schrie Frych die Gefleckte. »Es mußte so kommen!«
In den ersten Stunden der Revolution starben zwei Mäuse. Eine fiel Augapfel zum Opfer, die mit der Leiche spielte, bis der Kopfjäger sie für seine ruchlosen Zwecke beschlagnahmte. Die andere wurde vom Küchennacktling mit einem Brotmesser aufgespießt. Er warf den Körper in den Abfalleimer, wo Spuck ihn entdeckte. Zum Abscheu und Entsetzen der verborgenen Zuschauer verschlang der Kater die noch zuckende Maus und erbrach sich prompt auf den Küchenboden. Hirnlos eilte herbei und schnüffelte mit offensichtlichem Interesse an dem Gegenstand in der Lache, bis man ihn davonjagte.
»Niemand hat gesagt, es sei ungefährlich«, brummte Gorm, der in einem Schrank eine Versammlung einberufen hatte.
»Niemand hat behauptet, wir brauchten keinen Mut für diese Aktion.«
»Aber«, flüsterte Tostig, »schon zwei Mäuse.«
»Du feiger Fettsack!« brüllte Gorm seinen Bruder an. »Wer bist du eigentlich? Niemand in meinem Stamm jammert über die Gefallenen, kapiert? Einer, zwei oder auch drei - was bedeutet das schon für die Wilden? Aber ich werde dich ausnahmsweise nicht züchtigen und dich deinem Gewissen überlassen. Wir stimmen ab, ob die Revolution fortgesetzt wird. Alle, die weitermachen wollen, verlassen die Versammlung
.«
Kurze Pause, Füßescharren, Stille.
Gorm kreischte los: »Was, du bist noch hier, Tostig? Hau ab, bevor ich dich in den Hintern beiße.«
»Aber du hast gesagt -«
»Was ich sage und was ich meine, sind zwei völlig verschiedene Dinge«, fauchte Gorm. »Wir sind als einzige übriggeblieben - ich nehme an, du hast gesehen, wie rasch die anderen verschwunden sind. Sie drängten sich schon am Ausgang, bevor ich meinen Satz beendet hatte. Warum wohl, Tostig? Etwa nur, weil sie unbedingt die Vertreibung fortsetzen wollen?«
»N-nein, Gorm - weil sie Angst vor dir haben.«
»Bemerkenswerte Erkenntnis für ein Gehirn deiner Größe. Und du hast keine Angst vor mir, was?«
»Ich g-gehe jetzt, Gorm«, wimmerte Tostig.
»Ich wußte, daß ich mich auf dich verlassen kann, Bruder«, grunzte Gorm.
Solche Szenen waren typisch für die Frühzeit der Revolution, doch bald widmeten sich die Mäuse wieder ganz ihren Aufgaben. Sie nagten an Stromkabeln, rissen Kissenfüllungen heraus, gruben sich durch Matratzen, knabberten die Kleider in Schubladen und Schränken an, zernagten Teppiche und Matratzen, arbeiteten sich durch Holz und Gips. Im ganzen Haus tauchten neue Löcher auf, und alte wurden wiederentdeckt und vergrößert. Die Korkfliesen im Badezimmer wurden völlig zerstört. Im Wohnzimmer hing das Tischtuch in Fetzen herunter. In den Schlafzimmern wurden die Vorhänge von den Haken genagt.