Es gab auch außergewöhnliche Beweise des Mutes und der Opferbereitschaft. Ein Totenkopf unternahm eine Selbstmordexpedition, indem er in ein Abflußrohr kroch und es mit seinem Körper blockierte. Die Belohnung erwartete die Maus im Totenkopf-Himmel. Adlerauge, ein Unsichtbarer, verfing sich in den Sprungfedern einer Matratze und mußte acht Stunden dort verweilen. Währenddessen schlief über ihm ein Nacktling und tat unaussprechliche Dinge (das heißt, unaussprechlich für jeden außer Furz und Fusel). Als Adlerauge schließlich die Freiheit wiedererlangte, dauerte es weitere acht Stunden, bis sich seine Lungen wieder erholt hatten.
In der zweiten Nacht der Vertreibung starb Cadwallon, der Buchfresser. Er besaß schöne, starke Zähne, die er an zahlreichen Büchern gewetzt hatte. Ihm gelang es als erstem, ein Stromkabel durchzunagen.
Zeugen sprachen später von zuckenden blauen Blitzen und einem Funkenregen. Cadwallons Gliedmaßen wurden steif wie Äste, sein Fell knisterte und qualmte, dann verbreitete sich ein Schmorgeruch, der noch Stunden später in der Luft hing. Zu seinen Ehren legte man ein neues Loch an.
Niemand wußte, wer das Feuer gelegt hatte, das in einem Schlafzimmer ausbrach und diesen Raum, ein Badezimmer und einen Teil des Treppenabsatzes vernichtete. Manche behaupteten, Hywel der Böse habe eine Litze durchgenagt; Jago hingegen rühmte sich, er habe in einem derart atemraubenden Tempo Löcher in ein Bettlaken gefressen, daß die Reibung das Feuer entfachte.
Wer es auch war, die Flammen loderten furchterregend in die Höhe. Wie Ungeheuer verschlangen sie knackend und knisternd alles, was sich ihnen in den Weg stellte. Die Zimmer waren erfüllt von Glut, Rauch und Gestank.
Der Geruch von Rauch setzte in den Mäusen tiefverwurzelte Ängste frei, die in Gedächtnisnischen die graue Vorzeit ihrer Rasse überdauert hatten. Damals vernichteten riesige Steppenbrände große Grasflächen, den Lebensraum ihrer Vorfahren. Später kamen dann Waldbrände und in noch jüngerer Zeit die Infernos, bei denen ganze Städte in Schutt und Asche gelegt wurden - die Häuser stammten aus einer Zeit, in der die Riesenschnecken noch mit Holz gebaut hatten.
Die Gedächtnisnischen öffneten sich, und ihr Inhalt überflutete die Mäusehirne. Die Erinnerungen waren grauenhaft: blin-des Herumrennen ohne Ziel, Nasen und Lungen, in denen die heiße Luft brannte, schmorendes Fell und Fleisch, verzehrender Schmerz.
Aber das jetzige Feuer hatten sie selbst entfacht, um sich die Nacktlinge vom Hals zu schaffen.
Diese waren in heller Aufregung. Sie drehten die Wasserhähne auf und hielten hoffnungsvoll Eimer darunter. Nach einer Weile quoll grünlicher, stinkender Schleim heraus - Kel-logs Werk. Der Gestank verbreitete sich im ganzen Haus.
Dann kamen weitere Nacktlinge mit glänzenden Metallhelmen. Sie löschten das Feuer mit Schläuchen und verursachten dabei beträchtlichen Schaden. Das Schlafzimmer war schwarz verkohlt, nun kamen noch Wasser und Löschschaum hinzu. Da sich dort keine Mäusenester befanden, nahmen die Nager wenig Schaden. Die Treppe wurde überflutet, Wasser floß in die Schränke; das Wohnzimmer lag genau unter dem Brandherd, und die Decke wurde so durchnäßt, daß der Putz herunterfiel. Abgesehen von einigen überschwemmten Gängen in der Zwischendecke blieben die Mäuse von der Zerstörung verschont.
Trödler begeisterte sich wie alle anderen für die Sabotageakte. Er trug einen Teil der Verantwortung für die Verwüstung der Aspidistra im Salon. Er zernagte die Blätter und urinierte auf die Wurzeln, was der Pflanze den Rest gab. Das Haus schwappte über vor Mäusestolz. Zum ersten Mal seit Mäusegedenken herrschte Eintracht unter den Stämmen, waren sie durch ein gemeinsames Ziel zusammengeschweißt. Sie fühlten sich alle wie Brüder und Schwestern und rieben die Nasen aneinander.
Selbst den Stinkmorcheln brachte man eine gewisse Achtung entgegen, da sie das Siegel an einem Faß durchnagten und den Keller überfluteten.
»Ganze Arbeit, was, Meister?« sagte Furz mit stolzgeschwellter Brust zu Gorm. »Nimmst mich bald in deinen Stamm auf, was?«
»Nur über meine Leiche«, brummte Gorm.
»Danke, Chef«, erwiderte Furz demütig. »Hab's doch gut gemacht.«
Insgesamt waren die Stämme mit Freude bei der Arbeit, allen voran die 13-K, die als anerkannte Abtrünnige besonders froh waren, am Krieg teilzunehmen.
Rutland
Trödler sauste durch die Luft und fiel schmerzhaft auf den Rücken. Er blieb einen Augenblick betäubt liegen, bevor er sich mit klopfendem Herzen aufrappelte. Staubwolken vernebelten den ganzen Dachboden. Mäuse krochen aus Nestern und Löchern, wo sie stillvergnügt an irgend etwas genagt oder vor sich hin gedöst hatten.
»Was ist los?« schrie jemand.
»Keine Ahnung«, rief eine andere Maus. »Ist jemand verletzt? Wo sind meine Jungen?«
In Trödlers Ohren dröhnte es noch. Als er wieder klar denken konnte, machte er sich auf die Suche nach Leichtfuß. Die Unsichtbare war seine Nestgefährtin geworden, und sie bewohnten ein maßgeschneidertes Heim in einer Höhle unter den Dachziegeln. Sie lag wie tot neben dem Wassertank. Trödler stieß sie mit der Nase an, und Leichtfuß schlug die Augen auf.
»Wo bin ich?« fragte sie verwirrt.
»Du warst ohnmächtig. Alle Knochen heil?«
Sie rollte sich auf den Bauch und lag zitternd da. »Ich glaube, ja«, murmelte sie.
»Keiner weiß, was passiert ist. Möglicherweise hat es etwas mit der Vertreibung zu tun. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, daß Gorm in der Lage ist, solche Kräfte zu entfesseln. Das war vielleicht ein Knall! Ich sehe mich mal um. Du bleibst hier und ruhst dich aus.« Trödler nahm das nächste Ausgangsloch und huschte durch verschiedene Tunnel, bis er einen starken Luftzug spürte. Als er durch das Gwenllian-Loch in die Halle schlüpfte, bot sich ihm ein Bild der Zerstörung.
Überall türmten sich zersplitterte Holzstücke und andere Trümmer. Ein bleichgesichtiger Nacktling starrte auf die klaffende Öffnung, die einmal der Schrank unter der Treppe gewesen war.
Die dreieckige Tür war verschwunden, oder besser gesagt, sie lag in kleinen Stücken und Splittern in der ganzen Halle verteilt. In der Luft hing ein starker Gasgeruch. Ein Nacktling hatte die Tür zum Garten geöffnet, damit das Gas abziehen konnte. Allem Anschein nach war die Leitung explodiert.
Die Nacktlinge betrachteten den ehemaligen Versammlungsort der Mäuse und brabbelten einander etwas zu. Kurz darauf kamen andere aus dem Obergeschoß und gingen geradewegs auf die Überreste des Schrankes zu. In den Händen trugen sie seltsame Metallgeräte. Trödler hörte, wie sie sich im Schrank zu schaffen machten, um die zerstörte Leitung zu reparieren. Dann ging er zum Dachboden.
Leichtfuß hatte sich bei seiner Rückkehr vollkommen erholt. Trödler berichtete, was er in der Halle gesehen hatte, und fand immer mehr interessierte Zuhörer. Selbst Kellog saß auf seiner Seite des Tanks und lauschte Trödlers Geschichte. Gnadenvoll hatte im Augenblick der Explosion den Dachboden verlassen. Daher behielten alle ihr Einflugloch im Auge. Die Menge hörte sich Trödlers Bericht über die Vorkommnisse unten im Haus an. Danach zogen sich alle in ihre Nester zurück, um die Lage zu erörtern.
In den nächsten Stunden herrschte fieberhafte Aktivität. Botschafter rannten zwischen den Stämmen hin und her und informierten über den Stand der Dinge unten im Haus. Gorm prophezeite einen frühen Sieg der Mäuse.
Währenddessen erfreuten sich der Kopfjäger und sein kanni-balisches Kuscheltier an den herumliegenden Mäuseleichen. Oft klangen die seidenweichen Worte des Kleinen Prinzen aus dem Zimmer: »Köstliches Mäusefleisch, o wie lieblich! Koche es mir weich und zart, mild und süß.«
Die Stromleitungen hatten Schaden genommen, die Wasserversorgung war stellenweise zusammengebrochen, und es war zu Überschwemmungen gekommen. Das Gas hatte erstklassige Arbeit geleistet, von den Schäden an der Einrichtung ganz zu schweigen. Einer der alten Nacktlinge hatte das Haus bereits verlassen - in einem weißen Kasten auf Rädern. Die anderen Nacktlinge legten wie im Rausch überall Gift aus und stellten Fallen auf. Doch so dumm waren die Mäuse nicht. Sie kannten diese Mittel bereits. Manche Gifte hinterließen nur eine leichte Übelkeit. Man konnte sie fressen, ohne größeren Schaden zu nehmen.