Kellog hatte ihnen mehrmals über den Tank zugerufen, daß sich der Plan seiner Meinung nach gut entwickle. »Vielleicht schafft ihr verrückten Mäuse es tatsächlich«, meinte er.
Ein Buchfresser, der zu Besuch gekommen war, schaute von seinem Aussichtspunkt auf einem Schrankkoffer zu Kellog hinüber. »Verrückt? Und das aus dem Munde eines Neuroti-kers mit soziopathischen Tendenzen.«
Kellog genoß die Situation. Es gab immer genug zu fressen, doch noch mehr wäre auch nicht schlecht gewesen. Wenn die Nacktlinge und ihr rattenjagender Spaniel verschwunden waren, würde er die uneingeschränkte Herrschaft übernehmen. Er konnte kommen und gehen, wie es ihm gefiel, Mäusekinder fressen und bei Bedarf die eine oder andere erwachsene Maus töten. Der Herr der Finsternis würde aus seiner Burg herabsteigen und das Gebiet der armen Untertanen verwüsten. Und kein Nacktling würde ihn je wieder bedrohen.
Und wie stand es mit Gnadenvoll? Wer wußte schon, was in ihrem Kopf vorging? Welche eisigen Wüsten erstreckten sich hinter den unergründlichen Augen dieses Raubvogels? Wer begriff den tieferen Sinn des flinken Angriffs von gebogenem Schnabel und nadelspitzer Kralle, der aus dem Nichts kam und sekundenschnellen Tod bedeutete?
Folglich interessierte sich niemand für Gnadenvolls Ansichten zur Vertreibung der Nacktlinge. Keiner wußte, ob sie überhaupt bemerkte, was im Haus geschah. Ihr Tagesablauf blieb immer gleich, sie schlief und tötete und fragte niemand nach seiner Meinung.
Trödler war tief in Gedanken versunken und soeben zu dem Schluß gelangt, daß es ihm eigentlich Spaß machte, »der Eine« zu sein, als ein Bote von unten den Dachboden betrat.
»Da passiert etwas!« schrie Nichtschwimmer aufgeregt. »Die Nacktlinge haben das Haus verlassen und stehen jetzt am Ende des Gartens. Sie haben die Haustiere mitgenommen. Und ein Nacktling kommt aufs Haus zu. Er sieht böse aus.«
Trödler bemerkte Angst in Nichtschwimmers Stimme. Ihn überlief ein kalter Schauer. Was meinte die Maus mit »böse«?
Nichtschwimmer fuhr aufgeregt in seinem Bericht fort: »Der Nacktling ist schwarz gekleidet und trägt eine Art Tonne auf dem Rücken. Aus der Tonne kommt ein Schlauch mit einer dicken Schnauze am anderen Ende. Und dann sein Gesicht -und die Augen -«
»Was ist damit?« schrie Leichtfuß, offensichtlich angesteckt von Nichtschwimmers Angst.
»Sie sind hinter diesen Glaskreisen. Ich meine, der Nacktling trägt so eine Art Gummigesicht mit Glasscheiben und ein Ding, mit dem er atmen kann.«
»Moment mal«, fiel Trödler ein. »Ich begreife das alles nicht. Anscheinend habt ihr vor irgend etwas Angst. Kennt ihr solche Wesen? Gibt es Geschichten von ihnen?«
Leichtfuß schaute ihn voller Entsetzen an. »Aber ja! Nichtschwimmer beschreibt gerade einen unserer schlimmsten Alpträume. Den Gasmacher. Die Maske schützt den Nacktling vor dem Gas, aber wir werden alle sterben!«
In diesem Augenblick erscholl ein gemeinsamer Schrei auf dem Dachboden und im ganzen Haus, da Erinnerungen wie Seifenblasen in die Mäusehirne stiegen.
»Gas! Das Gas kommt!«
»Schnell«, rief Trödler, als habe er sich ein Leben lang auf diesen Notfall vorbereitet, »wir müssen alle ins Labyrinth hinunter. Diesmal wird uns Tunnelgräberin nicht angreifen.«
»Ja, wir müssen auf dem schnellsten Weg dorthin«, stimmte Leichtfuß zu.
Mäuse strömten aus allen Löchern, huschten durch Zimmer, über Dachbalken, hinter Fußleisten entlang. Auch Kellog hatte die allgemeine Panik bemerkt und sich ebenfalls auf den Weg zum Labyrinth unter dem Haus gemacht.
Trödler und Leichtfuß erreichten mit als letzte das Loch in der Eingangshalle und sahen, wie der schreckliche Gasmacher durch die Haustür kam und sie hinter sich zuknallte. Trödler blieb stehen und schaute an der gigantischen Gestalt mit ihrem monströsen Gesicht aus Gummi und Glas empor. In den Glasscheiben spiegelte sich das Lampenlicht. Aus dem Inneren der Maske drang lautes Atmen. Der Gasmacher schaute sich um. Trödler konnte einfach nicht den Blick von dem häßlichen Tank und der schwarzen Rüsselschnauze abwenden, aus der das Gas strömen würde. Er stand wie festgefroren und starrte auf die grauenhafte Erscheinung. Leichtfuß riß ihn aus seiner Trance, und er folgte ihr rasch in den Keller. Von dort aus eilten sie in die Mitte des Labyrinths.
Der Gasmacher verstand sich auf seine Arbeit und hatte den Ausgang zum Garten bereits versperrt. Irgendwann konnte man den Stöpsel durchnagen und die alten Wege wieder freimachen, doch im Augenblick war den Mäusen der Weg in den Garten und damit in den besten Schutz vor der Vergasung verwehrt.
In der zentralen Höhle des Labyrinths saß Tunnelgräberin, die ebensolche Angst vor dem Gas hatte wie alle anderen. Sie kauerte reglos da, während sich die anderen Mäuse um sie versammelten. Normalerweise hätte sie geschrien und wilde Drohungen ausgestoßen, doch dieser Tag war kein normaler Tag. Heute hockte sie einfach wie betäubt da und wartete mit allen anderen auf das Gas.
Auch Kellog hatte sich in einem der zahlreichen Tunnel verkrochen.
In der Menge herrschte allgemeiner Friede. Nur wenige Mäuse erhoben die Stimme. Die meisten kauerten wie Tunnel-gräberin auf dem Boden und warteten auf das Ende der tödlichen Bedrohung. Sie hatten sich nach Stämmen zusammengefunden: Die Buchfresser drängten sich um Frych die Gefleckte, die 13-K um Ulf und Drenchie, Gorm der Alte war von seinen Wilden umgeben, die Unsichtbaren lagen bei Wisperer, die Totenköpfe und Stinkmorcheln kauerten von den anderen entfernt in ihren Ecken.
Alle spürten es instinktiv, als der Gasmacher den Keller betrat. Jeder stellte sich den Schweineschnauzenrüssel vor, der das Gas in dichten Wolken hervorrülpste. Jeder malte sich aus, wie das Gas durch das Labyrinth kroch, den runden und ovalen Gängen folgte und einen aufspürte. Trotz des verstopften Ausgangs drang an anderen Stellen durch winzige Risse und Spalten Luft aus der Außenwelt herein. Dieser kühle Hauch wehte durchs Labyrinth und formte sich zu einem Luftzug, der ausreichte, um das Gas von der Mitte des Labyrinths fernzuhalten.
Dann kam der Augenblick, in dem die Mäuse, die am Rand des Labyrinths hockten, das Gas riechen konnten. Es mußte sehr nahe sein.
Sie warteten.
Irgendwann begriffen sie, daß die Gefahr vorüber sein mußte. Das Gas war nicht bis zu ihnen vorgedrungen. Ein allgemeiner Seufzer erscholl. Der Geruch hing noch in den Gängen des Labyrinths, doch der Gasmacher war nicht mehr da. Der Luftzug hatte sie tatsächlich vor dem Tod bewahrt.
Leichtfuß streichelte Trödlers Hals. Flüstern und Gemurmel zeigten die allgemeine Erleichterung an, und bald erfüllten Freude und Triumph die Luft. Selbst Gorm verzichtete darauf, seine Nachbarn anzufauchen, und pries ihre wunderbare Rettung.
Sie mußten noch eine ganze Weile unten bleiben. In dieser Zeit nagten Ulf und Drenchie schon an dem Stöpsel zum Garten. Das Loch wurde zwar nicht groß genug, um eine Maus durchzulassen, aber der Wind pfiff durch die Tunnel und wehte den letzten Rest des tödlichen Gases davon.
Schließlich gingen sie in den Keller zurück. Furz rief: »Hier entlang, durchs Stinkmorchel-Gebiet! Haben nichts dagegen, wenn ihr unsern Keller benutzt, was, Fusel? Ist unser Geschenk für die Mäusenation ...«
»Halt die Klappe«, knurrte Gorm.
Nicht alle Mäuse konnten wie auf dem Hinweg durch die Halle und die Treppen hinauflaufen, da jetzt zu viele Nacktlinge im Haus waren, ganz abgesehen davon, daß sich Augapfel und Spuck dort herumtrieben. Also mußten sie einzeln oder paarweise den Rückweg antreten, von Schatten zu Schatten huschen, bis sie das Loch erreicht hatten, das ins Innere der Wände führte.