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Im Nest angekommen sagte Trödler zu Leichtfuß: »Ich bin froh, daß es vorbei ist. Kann das auch zweimal hintereinander passieren?«

»Habe ich noch nie gehört.«

Beide wußten, daß sie Zeugen eines Ereignisses geworden waren, das in die Annalen der Mäusehistorie eingehen und von Generation zu Generation überliefert werden würde. Zweifellos würden sich mit der Zeit immer neue Ausschmückungen darum ranken, bis Helden und Heldinnen aus ihnen wurden, die einzigartige Taten vollbracht hatten, bis sich Fakten in Fiktion und Geschichte in Mythologie verwandelte.

Sage Derby

Wie alle anderen stammübergreifenden Versammlungen wurde auch diese im mittlerweile reparierten Schrank unter der Treppe abgehalten. Gorm der Alte führte selbstverständlich den Vorsitz. Jeder Stamm hatte mindestens drei Vertreter entsandt. Trödler spürte, daß die Revolution in eine Krise geraten war, und wartete gespannt auf neue Vorschläge.

Gorm eröffnete die Versammlung auf seine übliche brummige Art. »Wir scheinen auf der Stelle zu treten«, verkündete er. »Das Feuer hätte sie eigentlich vertreiben sollen. Der Fehlschlag der Vergasung war zwar ein großer Triumph für uns Mäuse, brachte unser Vorhaben aber nicht voran. Daher würde ich jeden Vorschlag begrüßen -«, er hielt inne und warf den Stinkmorcheln einen strengen Blick zu, »- das heißt jeden vernünftigen Vorschlag, wie wir mit der Revolution fortfahren sollen. Wir haben es mit Gasexplosionen, Feuer, Überschwemmungen und organisiertem Nagen probiert. Nichts hat ausgereicht, die Nacktlinge aus dem Haus zu vertreiben. Was nun?«

»Magie«, meinte Frych die Gefleckte. »Schwarze Magie, Macumba, Voodoo - alle Formen der Zauberei. Gruffydd Grünzahn ist in der Hexenkunst erfahren. Zweifelsohne könnte er ein Blendwerk heraufbeschwören, mit dem sich die Nacktlinge vertreiben ließen.«

Gorm nickte. »Das können wir versuchen, obwohl ich nie viel übrig hatte für diese Gaukelei. Was noch? Wisperer, wie wäre es mit einem Vorschlag von seilen der Unsichtbaren?«

»Wir haben unser Bestes getan«, dröhnte Wisperer. »Wir können eine weitere Überschwemmung organisieren, indem wir den Stöpsel des Wassertanks durchnagen. Allerdings würde das Kellog nicht sonderlich gefallen. Er betrachtet den Tank als seinen persönlichen See und hat bereits ein - mißlungenes – Attentat auf Nichtschwimmer verübt.«

»Also bleibt uns nur der faule Zauber. Na gut. Wenn die Magie versagt, müssen wir Ulug Beg zu Hilfe rufen. Ist Tolpatsch bereit, über die Wäscheleine zu laufen und den Weisen auf dem Rücken zu uns zu tragen?« fragte Gorm.

Da Tolpatsch anwesend war, konnte sie für sich selbst sprechen. »Huckepack über eine Wäscheleine ist ein gefährliches Unternehmen, aber wenn es sein muß, werde ich es tun.«

»Sonst noch Ideen?« fragte Gorm.

Astrid richtete sich auf. Ihr Anführer stöhnte.

»Du weißt vermutlich, was ich dir sagen will, weil du es schon einmal gehört hast. Ich betrachte es als meine Pflicht, dich immer wieder zu warnen. Solltest du weiterhin versuchen, die Nacktlinge zu vertreiben, wird blanker Terror unter den Mäusen ausbrechen. Ich sehe schreckliche Zeiten kommen, düstere Zeiten. Ich höre die mitleiderregenden Schreie gequälter Mäuse, denen niemand hilft. Ich sehe die ausgemergelten Gesichter, die hohlen Augen, die mageren Schwänze. Ich höre Mütter um ihre Jungen weinen. Ich sehe, wie sich Maus gegen Maus wendet. Es wird Pest und Entbehrung, Furcht und Haß, Hunger und Tod geben. Ein Wehklagen wird aus den Nestern dringen. Elend und Trauer werden herrschen.«

»Schön«, meinte Gorm gähnend. »Sonst noch jemand? Gut. In diesem Fall versuchen wir es mit Magie, und wenn das nicht hilft, holen wir Ulug Beg.«

Die Versammlung löste sich auf, und die Mäuse kehrten zu ihren Stämmen zurück.

Trödler war gespannt, was die Buchfresser nun unternehmen würden. Er verabschiedete sich daher von Leichtfuß, die sich nicht weiter für Zauberei interessierte, schlüpfte durch das Gwenllian-Loch und lief zwischen den Böden und Wänden zur Bibliothek. Seit dem Beginn des Waffenstillstands hatte man die Sicherheitsmaßnahmen in der Bibliothek gelockert. Die Wachen ließen alle Besucher durch. Das Loch, das Trödler benutzte, war sogar völlig unbewacht, da sich der Wächter auf die Suche nach einem schmackhaften Buch gemacht hatte.

Wenn Trödler die Bibliothek nach längerer Abwesenheit betrat, war er immer wieder beeindruckt. Um ihn herum standen Tausende von Büchern in allen Größen, Farben und Gerüchen.

Huschte er zwischen ihnen entlang, kam er sich klein und unbedeutend vor, denn sie ragten empor wie Säulen, die das Universum tragen. Einige waren so massiv, daß sie hundert Mäuse unter sich begraben konnten. Doch da er einmal zwischen ihnen gelebt hatte, betrachtete er sie andererseits auch als mögliche Nahrung.

Die Spannungen der Revolution machten ein normales Leben unmöglich. Trödler freute sich daher, einfach mal wieder mit einigen alten Bekannten Neuigkeiten auszutauschen: Rhodri, Nesta und Ethil. Owain und Mefyn rief er einen flüchtigen Gruß zu. Cadwallon war natürlich zum Märtyrer geworden, und man verehrte seine Gebeine, doch Marredud und Hywel der Böse waren noch sehr lebendig. Außer den Buchfressern befanden sich auch Mäuse aus anderen Stämmen in der Bibliothek. Gytha Schönbart von den Wilden, Furz die Stinkmorchel, und selbst Gunhild hatte sich hereingeschlichen. Sie horchte im Hintergrund und behielt die anwesenden Wilden im Auge. Viele Zuschauer erwarteten die große Magievorstellung.

Gruffydd Grünzahn saß in Nase-hoch-Position auf dem Regal mit den schwarzen Lederbänden. Er hatte zur Vorbereitung bereits einige Seiten eines Bandes gefressen, der sich seiner Aussage nach ausschließlich mit Zauberei befaßte. Murmelnd betrachtete er das zerkaute Papier, um die in Frage kommenden Zaubersprüche aufzuspüren.

»Woher weiß er, welches Buch er nehmen muß?« flüsterte Trödler Nesta zu, während sie einen Kreis um den Magier bildeten.

»Durch die Bilder. Wenn Nacktlinge mit spitzen Hüten drauf sind, ist es ein Zauberbuch. Oder Nacktlingsschädel ohne Fleisch. Solche Dinge eben. Man weiß es einfach.«

Gruffydd Grünzahns Augen verschleierten sich, und er stimmte einen monotonen Gesang an: »Zauberspruch für Schmerzen in den Eingeweiden und im Magen - wenn du einen Mistkäfer entdeckst, der Mist zu einer Kugel rollt, ergreife ihn und die Kugel mit beiden Händen und wiederhole dreimaclass="underline" >ipso, skipso, facto, frum.< Dann wirf den Käfer weg, behalte jedoch den Mist, stecke ihn in einen Tabaksbeutel und lege diesen nachts unter dein Kopfkissen.«

Trödler war von dieser magischen Vorführung sehr beeindruckt, zumal er kaum ein Wort verstanden hatte. Bevor er weiter darüber nachdenken konnte, stimmte Gruffydd einen neuen, ebenso faszinierenden Gesang an: »Um die Gicht zu heilen und schwere Blähsucht zu lindern, nimm das Blut einer Schnecke, tränke damit ein Leinentuch und drehe einen Lampendocht daraus; gib ihn dem Leidenden, auf daß er den Docht entzünde. Danach wird er ohne Schmerzen gehen und die Winde lassen können.«

Trödler verspürte einen Schauder, als ihn die Worte durchfluteten. Magie schwängerte die Luft. Gruffydd Grünzahn hatte einen grauenhaften, unheimlichen, überirdischen Bann verhängt. Falls dieser die Nacktlinge nicht aus dem Haus trieb, würde nichts sie verjagen. Wenn ihn dieser Fluch getroffen hätte, wäre er jedenfalls in Windeseile in die Hecke gesaust.

Um Gruffydd bei seiner ungeheuren Aufgabe zu unterstützen, tanzten einige junge Mäuse (unter Anleitung von Frych der Gefleckten) auf den Regalen, peitschten einander mit ihren Schwänzen und sangen mit hoher Stimme und fremden Worten vom Herannahen des Winters. Manche von ihnen übertrieben ein wenig und stürzten hin, während sie in fremden Zungen sprachen. Diese Schau hatte Trödler schon mehrmals genossen. Die Hexenkunst schien alle in ihren Bann zu schlagen, die sich in die Nähe der Zauberer wagten.