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»Attention!« schrie ein junger Mäuserich, der vermutlich am falschen Buch gekaut hatte. »Marchez!«

Gunhild, die in Trödlers Nähe stand, war offensichtlich schwer beeindruckt. »Marchez!« murmelte sie vor sich hin. Die Knappheit dieses Befehls gefiel ihr sehr. Es klang professionell; jeder würde dabei strammstehen.

Trödler schaute zu, wie sie neben den jungen Mäuserich trat, der weiter aus voller Kehle brüllte. »Marschieren oder sterben, marschieren oder sterben! Die Fremdenlegion, sie lebe hoch!«

»Kennst du noch mehr davon?« fragte Gunhild.

»Zum Angriff!« brüllte der Mäuserich, ermutigt durch so viel Aufmerksamkeit.

Trödler beobachtete, wie Gunhild dem Burschen bis ans Ende des Regals folgte, wo er mit Schaum vor dem Mund zusammenbrach, und machte sich kopfschüttelnd auf den Weg zum Ausgang.

Als er wieder im Nest angekommen war, fragte ihn Leichtfuß über die Zauberei und ihre Wirksamkeit aus.

»Ich bin mir nicht so sicher. Es sah eindrucksvoll aus. Mich überwältigen die langen, fremdartigen Wörter der Bibliotheksmäuse immer wieder aufs neue. Wenn ich nur wüßte, was sie bedeuten.« Während er noch darüber nachdachte, überfiel ihn der Schlaf.

Als Leichtfuß und Trödler eng aneinandergekuschelt dalagen, schlich eine Maus am Eingang ihres Nestes vorbei. Sie spähte hinein und sah neidvoll auf das zufriedene Paar. Dann huschte sie zum Wassertank.

Zaghaft war auf dem Weg zu einer Verabredung mit Kellog.

Dieser hatte soeben wieder den täglichen Tribut bei den Küchenmäusen eingefordert. Seine massige Gestalt zeichnete sich vor dem Nest ab: ein dunkles Ungeheuer, das beinahe mit den Schatten verschmolz. Er war der finstere Herrscher des Dachbodens. Bald würde er frei im ganzen Haus herumstreifen und nach Lust und Laune plündern und zerstören. Nichtschwim-mers Tod stand ganz oben auf der Tagesordnung.

Zaghaft blieb diesmal auf seiner Seite des Tanks sitzen und zitterte trotzdem vor Angst. Nur ein kleiner Teich trennte ihn von Tod und Verderben. Kellog konnte glücklicherweise nicht schnell genug schwimmen, um eine Maus am anderen Ufer zu erlegen.

»Wann lieferst du mir Nichtschwimmer?« grollte Kellog.

»Bald«, erwiderte Zaghaft. »Ich bringe ihn dir bald. Weißt du, ich muß erst sein Vertrauen zurückgewinnen. Wir waren eine Weile verfeindet. Damit er mit mir kommt, muß ich mich erst wieder bei ihm einschmeicheln. Das braucht Zeit und Geduld ...«

»Ich bin kein geduldiger Nager«, murrte Kellog. »Ich will seine Augen und seine Leber. Warum zeigst du mir nicht einfach sein Nest? Den Rest besorge ich selbst.«

»Er - er zieht ständig um. Selbst ich weiß nie genau, wo er gerade steckt. Mein Plan ist der beste, glaub mir. Wir locken ihn ins offene Gelände, weit weg von allen Schlupflöchern, dann kannst du zuschlagen.«

»Na schön. Aber du solltest ihn bald haben, sonst nehme ich deine Augen und deine Leber.«

Zaghaft eilte davon. Er war froh, dem Anblick und Geruch der riesigen Ratte, deren Bosheit wie eine dunkle Wolke über dem Wassertank hing, entflohen zu sein. Er lief zum Nest von Nichtschwimmer und Töricht, das geschickt im Winkel zwischen zwei Balken verborgen lag. Von außen war es mit alten Sägespänen getarnt und sah aus wie ein Stück Holz. Zaghaft rief mit leiser Stimme: »Nichtschwimmer, ich bin's - Zaghaft. Ich wollte mich entschuldigen, weil ich dich so oft geärgert habe . Bist du da, Nichtschwimmer?«

»Was willst du wirklich von mir?« rief dieser unfreundlich.

Dann mischte sich Töricht ein. »Hören wir uns an, was er zu sagen hat! Kann doch nicht schaden, oder?«

»Warum hängt er ständig hier herum?« knurrte Nicht-schwimmer.

»Vermutlich weil es ihm leid tut. Komm herein, Zaghaft.«

Zaghaft ließ sich das nicht zweimal sagen.

Während er sich wortreich dafür entschuldigte, daß er Nichtschwimmer so oft in Schwierigkeiten gebracht hatte, huschte eine andere Maus am Nest vorbei, ohne hineinzuschauen. Sie hatte weder das Nest noch die Stimmen darin bemerkt, weil sie nicht hören konnte. Sie hieß Lauscherin und war unterwegs zur Standuhr in der Halle.

Lauscherin war die einzige Maus im Haus, die sich gern im Inneren der Uhr aufhielt. Tatsächlich war sie darin geboren worden. Eines Nachts hatte sich ihre trächtige Mutter vor Augapfel hineingeflüchtet. Der blaue Schatten lauerte am Schrank unter der Treppe und hatte bereits drei Mäuse überfallen. Lau-scherins Mutter konnte als einzige fliehen und gebar sieben Junge, als die Standuhr Mitternacht schlug. Sie brachte die Kleinen später auf den Dachboden, vergaß aber, Lauscherin mitzunehmen. Als sie die Jungen zählte und zu ihrem Entsetzen feststellte, daß eines fehlte, war es schon zu spät. Lauscherin war inzwischen stocktaub, da sie neben dem Glockenspiel gelegen hatte.

Seither stattete sie der Standuhr regelmäßige Besuche ab. Sie schlüpfte von hinten hinein, kletterte an den Ketten ins Uhrwerk hinauf und atmete genießerisch den Ölgeruch ein. Dort zwischen den Sperrklinken und Zahnrädern, den Ankern und Federn ließ sie sich auf dem Glockenspiel nieder und wartete, bis es zwölf schlug. Wenn es soweit war, konnte sie zwar nichts hören, doch der ganze Uhrkasten zitterte, und die Schwingungen durchfluteten ihren Körper. Sie liebte dieses Beben, war süchtig danach und hätte für diesen Genuß sogar ihr Leben aufs Spiel gesetzt.

Bisher spielte sie nur eine untergeordnete Rolle bei der Vertreibung der Nacktlinge. Da sie taub war, lebte sie in ihrer eigenen Welt, einer Welt der Stille, einer anderen Wirklichkeit.

Obwohl sie das Lippen- und Körperlesen beherrschte, war sie sehr isoliert: eine einsame Maus, die nur wenig Kontakt zu ihresgleichen fand. Nun jedoch sollte sie eine tragende Rolle in der Vertreibung der Nacktlinge spielen und zur Heldin der Stunde werden.

Gruyere

So beeindruckend die magische Vorführung auch war, der Zauber funktionierte einfach nicht. Die Ohren der Nacktlinge verschrumpelten nicht, ihr Köpfe wirbelten nicht im Kreis herum, und sie führten ihr schweineähnliches Leben weiter wie zuvor.

Die Bibliotheksmäuse entdeckten noch ein anderes Buch. Darin waren Nacktlinge abgebildet, die in Behältern übers Meer fuhren. Die Mäuse folgerten, daß dieses Zauberbuch dazu diente, die Nacktlinge auf lange Reisen ins Unbekannte zu schicken, von denen sie nie mehr zurückkehrten. Jago fraß etwas davon und rülpste den folgenden, ehrfurchtgebietenden Zauberspruch hervor: »Die Möglichkeit, eine Positionslinie durch die Beobachtung eines Himmelskörpers festzulegen, basiert auf der fundamentalen Tatsache, daß für jeden gegebenen Zeitpunkt Höhe und Scheitelkreis eines Himmelskörpers im Verhältnis zum Horizont einer angenommenen Breite durch den Gebrauch von Formeln und Tabellen berechnet werden können, die der Astronom den Seeleuten zur Verfügung stellt.«

Nachdem Jago dieses Meisterstück der Rhetorik geliefert hatte, erwarteten die Mäuse, daß die Nacktlinge hinter besagtem Horizont verschwanden. Ein so komplizierter Zauber mußte einfach funktionieren! Doch wie bei Gruffydd Grünzahns Magie geschah auch diesmal nichts.

Ein Chor von Stimmen erhob sich. »Ulug Beg muß her!«

Und so nahm Tolpatsch, die große Balanciererin, ihr Training auf und wärmte die Beine, damit die Muskeln geschmeidig wurden. Andere Mäuse schauten zu, als sie den Hals drehte und die Schultern kräftigte, auf denen sie Ulug Beg hoch über dem verwilderten Garten die Wäscheleine entlang tragen würde.

Um auf die Leine zu gelangen, die zwischen der Hauswand und dem verlassenen Baumhaus gespannt war, in dem Ulug Beg sein Einsiedlerdasein fristete, mußte Tolpatsch Gnaden-volls Einflugloch benutzen. Daher warteten die Mäuse, bis die Eule die Flügel spannte und am purpurfarbenen Himmel auf die Jagd ging.