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Sie gaben ihr einen beträchtlichen Vorsprung, da Tolpatsch auf der Wäscheleine ein ausgezeichnetes Ziel bieten würde. Auch gab es keinen Schutz vor anderen Raubtieren. Wer konnte schon garantieren, daß nicht ein Waldkauz sie bei ihrem Balanceakt erspähte?

Als es schließlich soweit war, nickte Tolpatsch knapp in die Runde und machte sich auf den Weg. Nachdem sie durch das Loch verschwunden war, liefen die Mäuse zu der Seite des Dachbodens, an der die Leine befestigt war. Durch Ritzen in der Verschalung konnten sie ihre Heldin beobachten. Die einen schauten zu, wie die Maus auf das schaukelnde Seil trat, während die anderen den Himmel nach dem geflügelten Tod absuchten.

Da es nur wenige Ritzen und viele interessierte Zuschauer gab, berichteten diejenigen, die etwas sehen konnten, den anderen von den Ereignissen.

»Jetzt ist sie auf der Leine - nein, sie schwankt - alles in Ordnung - jetzt läuft sie los - ja, das solltet ihr sehen! Sie ist drüben!«

Tolpatsch verschwand in dem baufälligen Baumhaus, das früher von einem jungen Nacktling benutzt worden war. Inzwischen hatte es viele Sommer leer gestanden, und der Zahn der Zeit hatte daran genagt.

Tolpatsch blieb lange dort drinnen, bevor sie allein wieder auftauchte. Sie machte sich auf den Rückweg zum Haus, wo bereits die Spekulationen wucherten: »Ulug Beg ist krank.« -»Ulug Beg liegt im Sterben.« - »Ulug Beg ist tot und voller Maden.«

»Er kommt nicht«, erklärte Tolpatsch atemlos, als sie Gorm gegenüberstand. »Sagt, er sei zu alt für eine Reise über die Wäscheleine auf dem Rücken eines Dreikäsehochs.«

»Welches Dreikäsehochs?«

»Ich, vermutlich.«

Sofort wurde eine Versammlung einberufen. Die Mäuse beschlossen, daß jemand mit Tolpatsch zu Ulug Beg gehen sollte. Frych schlug Gorm vor, da er Ulug Beg noch aus seiner Zeit als Anführer der Küchenmäuse kannte.

»Wenn er zu alt ist, bin ich es auch«, grollte Gorm. »Außerdem kann mich Tolpatsch nicht tragen.«

»Schickt doch Thorkils Dreibein hinüber«, rief ein Witzbold. »Er hat so flinke Füße.«

Dieser Vorschlag wurde von allen außer Thorkils selbst überhört, der den Scherzbold am liebsten gestellt und grausam bestraft hätte. Gorm schlug vor, daß jemand den Auftrag übernehmen solle, der mit der Außenwelt und Ulug Begs Denkweise als Außenmaus vertraut war. Jemand, der bis vor kurzem eine Heckenmaus gewesen war, fügte er beiläufig hinzu.

»Dieser Soundso«, brummte Gorm und tat, als denke er angestrengt nach. »Dieser Vagabund.«

»Du meinst Trödler«, brüllte Wisperer.

»Ja, ich glaube schon«, erwiderte Gorm mit Unschuldsmiene. »Trödler heißt der Bursche. Kann andere Mäuse um den Finger wickeln, nicht wahr? Habe ich jedenfalls gehört. Ein Schmeichler vor dem Herrn. Ist doch sicher die richtige Maus für die Sache, oder? Wenn jemand Ulug Beg überreden kann, zu uns zu kommen, dann er. Ich habe gehört, dieser Trödler kriegt jede Maus rum - vor allem die Weibchen.«

»Ulug Beg ist ein Männchen«, warf Frych ein.

»Na ja, kommt aufs Gleiche raus«, knurrte Gorm zufrieden. »Ist doch dasselbe Prinzip. Schauen wir doch mal, ob dieser Trödler ebenso gut balancieren wie herumschleimen kann.«

»Und wenn er herunterfällt?« fragte Frych.

»Kein großer Verlust«, antwortete Gorm und stocherte zwischen seinen Schneidezähnen herum. »Dann nehmen wir eben jemand anders. Ich meine, es wäre natürlich sehr bedauerlich, und wir wären alle tief betrübt, aber das Wohl der Nation hat Vorrang. Patriotische Pflichten und so weiter. Ich vermute, der Bursche wird sich die Chance nicht entgehen lassen.«

Trödler brach bei der Vorstellung, die Wäscheleine zu überqueren, nicht gerade in Begeisterung aus. Mit großen Augen spähte er durch die Risse in der Verschalung. Die Wäscheleine hing wirklich hoch. Doch schließlich war er ein Heckenmäuse-rich und im Klettern nicht unerfahren. Gewöhnlich hatte ihn allerdings ein Geflecht aus Zweigen oder Getreidehalmen vor schweren Stürzen bewahrt. Andererseits spielte es keine Rolle, ob die Leine zehn oder zwanzig oder tausend Mäuselängen hoch hing. Wenn er stürzte, konnte er sich von der Welt verabschieden. »Gut, ich bin einverstanden«, sagte er zu Tolpatsch. »Du gehst voran.«

Die Sonne war inzwischen untergegangen, und der Mond schien. Tolpatsch schlüpfte durch Gnadenvolls Loch und kletterte in die Dachrinne. Trödler folgte ihr auf dem Fuß. Die beiden huschten durch das welke Laub.

Schließlich erreichten sie die Stelle, an der die Wäscheleine am Regenrohr festgebunden war. Trödlers Herz klopfte zum Zerspringen.

»So sieht es also von oben aus.«

»Keine Panik«, beschwichtigte ihn seine Begleiterin. »Denk einfach an etwas Schönes und vergiß die Gefahr. Alles hängt von der Schwanzspitze ab, Trödler. Das ist mein Geheimnis.

Eigentlich balanciere ich nicht besser als andere Mäuse.« Sie schwenkte den Schwanz wie eine Balancierstange.

»Ich habe keine Schwanzspitze«, stöhnte Trödler.

»Jeder hat eine Schwanzspitze, selbst Wesen ohne Schwanz wie die Nacktlinge. Es hat gar nichts mit dem Körper zu tun, sondern mit dem Geist.«

»Stimmt«, meinte Trödler zweifelnd. »An die Schwanzspitze denken und die Gefahr vergessen.«

»Vergiß auch das Balancieren. Denk einfach an Leichtfuß. Stell dir ihr schönes Gesicht mit den seidigen Schnurrhaaren vor.«

»Aber wenn ich mich nicht konzentriere, falle ich hinunter.«

»Du wirst nicht fallen. Tu einfach, was ich dir sage.«

Tolpatsch trat als erste auf die Leine hinaus. Trödler zögerte einen Augenblick, bevor er ihr folgte. Hinter der Verschalung ertönte ein unterdrücktes Keuchen, als die Leine gefährlich schwankte.

»Nicht nach oben oder unten sehen«, sagte Tolpatsch ruhig. »Schau nur zum Baumhaus hinüber. Wo hast du Leichtfuß eigentlich kennengelernt?«

Sie liefen nun über die Leine.

Trödler begann zu zittern. »Wie bitte? Was hast du gesagt?«

»Weitergehen, nicht stehen bleiben - ich sagte, wo hast du Leichtfuß kennengelernt? Bist du ihr sofort verfallen - äh, ich meine, war es Liebe auf den ersten Blick?«

»Nein - nein, doch, ich glaube schon. Sie war bei dir ...«

Die Wäscheleine hing in der Mitte durch und schwankte dramatisch, als die Mäuse diese Stelle erreichten.

»Weiterlaufen!« befahl Tolpatsch streng. »Meinst du, Leichtfuß hat sich an dich herangemacht?«

»Natürlich nicht«, meinte Trödler beleidigt. Er merkte kaum, wie sich seine Füße bewegten. »Sicher, sie fand mich attraktiv - nein, so meine ich es nicht«, berichtigte er sich, denn seine Worte klangen prahlerisch, »ich will sagen, wir paßten einfach gut zueinander. Das Interesse war gegenseitig. Ich habe es aber erst bemerkt, als wir allein waren.«

Der Mond hing wie ein großer, runder Ball in den Zweigen des Baumes. Früher in der Hecke hatte Trödler die runde gelbe Form oft betrachtet und sich gefragt, wie und warum sie die Gestalt wechselte. Der Mond erschien ihm wie ein alter Freund. Auch der Wind, der durch die herbstkahlen Zweige strich, konnte ihn nicht von den Ästen losreißen. Um ihn herum summte die Nacht von Geräuschen - denen der Füchse, Vögel und Igel, der Hermeline und Wiesel, der Mäuse und Nacktlinge.

»Wir sind da!« rief Tolpatsch. »Gut gemacht!«

Trödler schaute nach unten und entdeckte, daß er am Rand einer Holzplatte stand, der Plattform, auf der das Baumhaus ruhte. Der Baum roch nach vermodertem Holz, war aber sicher stark genug, eine Maus zu tragen.

Aus der Nähe betrachtet wirkte das Baumhaus nicht gerade vertrauenerweckend. Es war düster und strahlte eine gewisse Bosheit aus. Normalerweise hätte er sich einem solchen Ort nicht um allen Käse der Welt genähert.

Tolpatsch war durch eines der Löcher in der Bretterwand hineingeschlüpft. Trödler folgte ihr.

Kaum zu glauben, aber innen sah das Gebäude noch schlimmer aus. Große Haufen Herbstlaub türmten sich auf den vermoderten Bodenbrettern. Überall hingen Spinnweben wie Schleier in der Luft. Käfer krabbelten und huschten über die Blätter und den anderen Unrat, der durch die Löcher im Dach gefallen war.