»Es gibt keinen Megator-Megator.«
»Woher willst du das wissen?«
»Weil ich ihn erfunden habe. Ich erfinde ständig Geschichten, die andere Leute für das Evangelium halten. Megator-Megator ist ein Gebilde meiner Phantasie.«
Falls Trödler über den Verlust einer Legende enttäuscht war, verbarg er es geschickt. Es gab wichtigere Dinge. »Wie sollen wir einen Geist erschaffen? Ich wüßte nicht, wie wir die Nacktlinge überzeugen könnten, daß einer von uns ein Gespenst ist. Dafür sind wir viel zu klein.«
Ulug Beg stieß einen ungeduldigen Seufzer aus. Es klang, als stöhne der Wind in den Zweigen. »Ihr Mäuse von heute - ich dachte, du wärst der, auf den ich gewartet habe, Trödler. Warum denkst du immer nur an das Nächstliegende? Visuelle Tricks! Es gibt auch noch andere Sinne. Eines kannst du mir glauben - wenn du ihnen den Geist zeigst, haben sie keine Angst mehr vor ihm. Sie müssen an einen Geist glauben, ohne ihn je zu Gesicht zu bekommen.«
»Geräusche!« erwiderte Trödler rasch.
»Genau - und Berührungen, falls ihr es schafft.«
»Geräusche und Berührungen. Keine Gerüche?«
Ulug Beg schüttelte den Kopf. »Wonach soll ein Geist denn riechen? Nach verfaultem Kohl? Dann suchen sie bloß nach einem verfaulten Kohlkopf. Nein, Geräusche sind am besten. Liefert ihnen einige unerklärliche Töne, das schlägt sie garantiert in die Flucht.«
Trödler begriff, daß er endlich die Lösung des Problems in Händen hielt. »Vielen Dank, Ulug Beg. Es war mir eine große
Ehre, dich zu treffen. Ich hätte mir niemals träumen lassen, mit dem Schöpfer von Megator-Megator zu sprechen.«
Der triefäugige Weise richtete sich ein wenig in seinem faltigen Hausmantel auf. »Du bist ein bißchen langsam, hast aber die Anlagen zu einem wirklich brauchbaren Gelbhals.«
Trödler betrachtete die seltsame Gestalt aus zottigem Fell mit den blinzelnden Augen und wunderte sich. Gelbhals, Hausmaus, weiße Maus, Feldmaus, Waldmaus? Schließlich nahm er allen Mut zusammen und stellte die Frage. »Hm - was für eine - hm - Art Maus warst du eigentlich früher?«
»Dieselbe wie heute - weißt du das nicht?«
Trödler wagte nicht zu raten und schüttelte den Kopf.
»Ein Mond-Stern-Mäuserich natürlich«, erwiderte Ulug Beg sachlich.
»Natürlich! Wie dumm von mir. Na ja, wir müssen uns auf den Weg machen ...« Trödler stieß Tolpatsch mit dem Schwanz an, um sie zu wecken.
»Was?« schrie sie und kauerte sich mit weit aufgerissenen Augen in Angriffsposition hin.
»Wir gehen«, sagte Trödler.
»Ja, gut - aber was ist mit unserer Aufgabe?«
»Erfüllt«, antwortete Trödler zufrieden.
»Ehrlich? Ausgezeichnet! Gut gemacht. Auf Wiedersehen, Ulug Beg.«
»Ja, auf Wiedersehen«, schloß sich Trödler an.
»Lieber nicht«, grollte der Weise. »Dann bin ich schon tot.«
»Du siehst jetzt schon tot aus«, platzte Tolpatsch heraus.
»Stimmt«, murmelte Ulug Beg. »Erzählt ihnen doch, ich sei gestorben und ihr hättet mit meinem Geist gesprochen, ha, ha, ha.« Er blinzelte ihnen noch einmal zu.
Die beiden Mäuse sausten über die vermoderten Bretter und das feuchte Laub. Sie schlüpften auf die mondbeschienene Plattform hinaus, an der die Wäscheleine festgebunden war, und sahen sich aufmerksam um, denn sie teilten die unausge-sprochene Furcht vor Eulen, die zuschlugen, bevor man sie entdeckt hatte.
»Wovon hat er geredet?« wollte Tolpatsch wissen. »Ist er bekloppt?«
»Nein, ich glaube, es war ein Scherz«, meinte Trödler. »Bringen wir es hinter uns. Ich freue mich nicht gerade auf die Wäscheleine.«
Im nächtlichen Garten herrschte geschäftiges Treiben. Es wurde getötet und gefressen. Igel mampften Würmer; ein Fuchs schlich ums Gartenklo und fragte sich, ob sich in den Kloakengeruch nicht auch ein wenig Haselmaus mischte. Hoch oben am Himmel hielten die Eulen mit den unfehlbar scharfen Augen lautlos nach Beute Ausschau. Außerhalb des Hauses ging das Leben weiter, als gebe es hinter den Mauern keinen Kampf auf Leben und Tod, als werde dort keine Mäusegeschichte geschrieben.
Diesmal wagte sich Trödler als erster auf die Leine. Sein Selbstvertrauen war seit der erfolgreichen Überquerung gewachsen. In diesem Augenblick verschwand der Mond hinter einer Wolke. Dunkelheit breitete sich aus. »Ab durch die Mitte. Ich will schnell hinüberkommen«, sagte Tolpatsch.
Trödler wußte, was sie meinte. Das Dunkel barg Gefahr. Tolpatsch wollte sich ihr nicht länger als unbedingt nötig aussetzen. Bei diesem Gedanken bewegte sich Trödler zu hastig und versuchte zu laufen. Plötzlich tauchte der Mond wieder auf, Schatten bewegten sich vor seinen Augen. Eine Eule? Er lief noch schneller, stolperte und rutschte ab. Einen Augenblick baumelte er mit den Beinen von der Leine, dann konnte er sich nicht länger festhalten und stürzte hinunter.
Obwohl er auf Gras und altem Laub landete, verschlug es ihm den Atem. Er drehte sich um, blieb auf dem Bauch liegen und japste nach Luft. Sein Herz klopfte wild. Hoch über ihm huschte Tolpatsch über die Leine und erreichte das Haus so rasch, daß er sich fragte, ob für sie dieselben Zeitgesetze gal-ten. Ihm war es vorgekommen, als habe er Stunden auf der Leine verbracht.
Die Gerüche des Gartens drangen von allen Seiten auf ihn ein. Die Nacht war erfüllt von den Spuren zahlloser Geschöpfe. Ein Garten ist ein dichtbevölkertes Land, das viel zu bieten hat. Was sollte er nun machen? Er mußte ins Haus zurück und den anderen Mäusen die Botschaft überbringen. Tunnelgräberins Eingang befand sich auf der anderen Seite des Hauses. Der beschwerliche Weg dorthin, mitten durch nächtliche Räuber, konnte tödlich enden. Er würde den Katzen aus dem Haus und der Nachbarschaft ausgesetzt sein, den Füchsen, Hermelinen, Wieseln und Eulen. Vielleicht trieben sich sogar Dachse hier herum, die auch keine Mäuseverächter waren.
Dort drüben raschelte es im Gras!
Trödler erstarrte. »Abwarten und losrennen«, lautete die goldene Regel.
Ein vertrauter Geruch stieg ihm in die Nase. Es roch nach Haselmaus. Eine Nase und ein Augenpaar tauchten zwischen den Gräsern auf, und Trödler sah sich einem Wesen mit sandfarbenem Fell und buschigem Schwanz gegenüber.
»Ach, eine neue Maus im Garten«, bemerkte die Haselmaus. »Wohl auf Fuchsjagd, was?«
»Fuchsjagd?« fragte Trödler.
»Kleiner Scherz«, kicherte die Haselmaus. »Trotzdem wärst du in einem Nest besser aufgehoben. Hier treiben sich tatsächlich Füchse herum. Du mußt ein sicheres Versteck suchen.«
»Und was ist mit dir?«
»Ich bin auf dem Nachhauseweg. Das Klo schützt mein Nest vor Raubtieren. Der Geruch verwirrt sie. Gut, was?«
»Dann mußt du Stone sein! Ich habe von dir gehört. Mein Name ist Trödler. Ich lebe jetzt im Haus.«
»Ach, der berühmte Trödler. Auch ich habe von dir gehört. Warum um Himmels willen hast du die herrlichen Hecken und Felder verlassen, um in dieser Scheußlichkeit zu wohnen?«
»Scheußlichkeit? «
»Das Haus. Mäuse haben solche Behausungen nicht nötig. Wir sind eins mit der Natur und gedeihen in natürlicher Umgebung am besten. Du mußt in der frischen Luft, zwischen den Gräsern und Pilzen leben! Denk an diese wunderbare Vegetation. Gänseblümchen, Löwenzahn, Lichtnelken, Braunwurz -Hunderte von Pflanzen. Zur Zeit wächst nicht so viel, aber wenn der Frühling kommt . Du mußt das Haus für immer verlassen. Irgendwann wird die Natur es nämlich zurückerobern.«
Trödler erklärte seine Situation. »Das Schicksal hat mich hergeführt. Daher muß ich wieder ins Haus hinein. Welches ist der beste Weg?«
»Durchs Labyrinth oder durch das Regenrohr. Du hast die Wahl.«
In der Nähe erklang ein Laut, der an den Ruf eines Pfaus erinnerte. Die Mäuse wußten aber beide, daß es sich um einen Fuchs handelte.
»Welcher Eingang ist am nächsten?« fragte Trödler rasch.