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»Das Regenrohr«, erwiderte die Haselmaus. »Leb wohl.«

Trödler rannte zur Hauswand, suchte nach dem Regenrohr und verschwand in der finsteren Öffnung. Die Innenwände waren von Moos und Flechten überzogen, an denen er sich festhalten konnte. So kam er gut voran.

Der Aufstieg dauerte lange, doch endlich hatte er die Regenrinne erreicht. Er lief sie entlang, warf noch einen Blick zum Himmel und schlüpfte durch Gnadenvolls Loch ins Reich der Unsichtbaren. Er seufzte erleichtert und lief auf das Gewirr der Dachbalken zu. Plötzlich verstellte ihm jemand den Weg.

»Wer da?« fragte er. »Wer ist da?«

»Astrid«, antwortete die Gestalt.

Er schaute sie erstaunt an. Astrid stand in dramatischer Pose vor ihm, halb von den Schatten verdeckt. Sie schien sich mit jemand zu unterhalten.

»Wer ist bei dir?«

»Niemand«, sagte Astrid. »Ich habe mit meinen Freunden und Informanten, den Schatten, gesprochen. Bringst du Neuigkeiten für die Versammlung? Tolpatsch erzählte, du habest auf der Leine das Gleichgewicht verloren. Alle suchen nach dir. Bist du verletzt?«

»Nein, mir ist nichts passiert. Ich glaube, Ulug Beg hat mir die Lösung des Problems verraten.«

»Die Lösung eines Problems kann eine Vielzahl neuer Probleme mit sich bringen.«

»Was soll das heißen?«

»Ich meine, die Antworten könnten sich bald wieder in Fragen verwandeln. Wenn wir die Nacktlinge vertreiben, wird es uns noch leid tun. So viel habe ich den verschlüsselten Warnungen meiner Schatten entnehmen können. Ich sage dir, verlasse dieses Haus und nimm die Neuigkeiten mit dir in die Hecke.«

Trödler sah im Geist seine alte Heimat vor sich. Plötzlich roch er Knoblauchsrauke und Braunwurz und hörte die Stimmen zahlreicher Vögel, die durch die Hecke schwirrten. Doch dies war eine Welt aus einer anderen Zeit. Nun hielt ihn seine Aufgabe in diesen Mauern fest. Er schüttelte den Kopf. »Das kann ich nicht«, erklärte er feierlich.

»Dann bring der Versammlung deine Nachrichten. Doch eines solltest du nicht vergessen: Ich habe dich gewarnt.« Astrid hob dramatisch die Pfoten, als flehe sie die Götter an. »Ich habe mein Bestes getan, die Welt vor der Zerstörung zu bewahren.«

Trödler sagte freundlich: »Das weiß ich, Astrid. Tut mir leid, aber ich kann jetzt nicht davonlaufen. Wir sind dem Ziel so nahe. Außerdem könntest du dich irren. Vielleicht wollen uns die Schatten nur unter ihre Herrschaft bringen.«

Mit diesen Worten rannte er davon, um weiteren Prophezeiungen aus dem Weg zu gehen. Die Unsichtbaren drangen aus allen Ecken des Dachbodens hervor, doch dank ihrer perfekten Tarnung entdeckte Trödler sie erst, als sich alle versammelt hatten. »Beruft die Versammlung ein«, rief er. »Es gibt Neuigkeiten von Ulug Beg!« Er entdeckte Leichtfuß und versetzte seiner Gefährtin im Vorbeilaufen einen liebevollen Biß.

Sie folgte ihm und flüsterte, sie freue sich, daß er wohlbehalten zurückgekehrt sei. Seine Geschichte könne er ihr später erzählen.

Trödler war in diesem Augenblick die wichtigste Maus, der Botschafter Ulug Begs, und alle erwarteten seine Rede.

Gorm der Alte wurde aus seinem Nickerchen gerissen. Die Versammlung kam in aller Eile zustande. Und dann konnte Trödler endlich berichten.

»Wir müssen geräuschvolle Geister erschaffen«, erklärte er der Menge. »Wir müssen die Nacktlinge aus dem Haus gruseln.«

»Geister!« erscholl es in der Runde. »Wir müssen den Nacktlingen mit Phantomen Angst einjagen! Das ist die Lösung! Ulug Beg hat es wieder einmal geschafft!«

Es folgte eine rasche, erregte Diskussion der Anführer. Sie stimmten darin überein, daß der Vorschlag brillant sei, vor allem, als Trödler erklärte, daß sie auf sichtbare Gespenster verzichten und einfach nur Geräusche erzeugen könnten. Auf einmal hörte sich alles ganz einfach an.

»Gut gemacht«, brummte Gorm widerwillig. »Gute Arbeit, Soundso.«

»Ich heiße Trödler.«

»Wie du willst. Jetzt müssen wir uns um diesen Geisterkram kümmern. Teller von der Anrichte werfen - so in der Art, was? Mitten in der Nacht an den Bettpfosten kratzen. Schön, schön. Die Sache läuft schon ...«

Emmentaler

Der Kopfjäger hockte grinsend in seinem Zimmer und polierte die Sammlung von Mäuseschädeln. Der Kleine Prinz rannte ruhelos im Käfig umher, da er verzweifelt versuchte, seinem Herrn etwas mitzuteilen.

»Sie haben etwas vor. Ich weiß es genau. Ich höre sie flüstern. Sie planen etwas ganz, ganz Böses - o ja - mein zartes Fell sagt es mir. Diese ungezogenen, kleinen Hausmäuse, diese zuckersüßen Schlingel. Sie schmieden ein Komplott, verschwören sich. Ich weiß es genau ...«

Der Kopfjäger ergriff den Käfig mit seinen schmutzigen Stummelfingern und schüttelte ihn wild. Der Kleine Prinz geriet ins Taumeln und fiel zu Boden. Auf diese Art befahl ihm sein Herr, den Mund zu halten.

»Du blödes Geschöpf!« rief der Kleine Prinz. »Ich will dich doch nur vor diesen schrecklichen Mäusen warnen!«

Diesmal fiel das Schütteln noch wesentlich unsanfter aus, und der Kleine Prinz verstummte. Sein Herr wollte bei der Reinigung seiner Sammlung nicht gestört werden. Er besaß ungefähr drei Dutzend unversehrter Schädel und einige, die Risse oder Löcher aufwiesen. Letztere waren vermutlich entstanden, als die Drähte der Schnappfallen auf die Köpfe der unglücklichen Opfer niedersausten. Dem Kopfjäger gefiel es ganz und gar nicht, wenn die Mäuseschädel beschädigt waren. Er wünschte sich perfekte Skelette, bei denen nur die Wirbelsäule gebrochen war.

Der Kleine Prinz konnte vom Käfig aus zum Fenster hinausschauen. Er sah in den Garten und beobachtete das geschäftige Treiben der Wesen dort unten. Letzte Nacht hatte er zwei Mäusen beim Seiltanz auf der Wäscheleine zugesehen. Sie suchten das verlassene Baumhaus auf. Der Kleine Prinz wußte, daß dort ein uralter Mäuserich namens Ulug Beg lebte, ein Weiser, der das Buch des Wissens gefressen hatte und seither alles wußte. Erstaunlich, was Mäuse unter der Folter alles preisgaben.

Für den Kleinen Prinzen hatte Ulug Beg eine ganz besondere Bedeutung, über die keine andere Maus im Haus Bescheid wußte. Es war ein Geheimnis zwischen dem Kleinen Prinzen und den Göttern, und selbst sie erinnerten sich vermutlich nicht mehr daran.

»Was wir jetzt brauchen«, murmelte der Kleine Prinz, »ist eine Maus, die wir foltern können.«

Gewöhnlich machte sich sein Herr mit Nadeln, kochendem Wasser und der Flamme des Bunsenbrenners an dem Opfer zu schaffen. Es erbrach sich zunächst vor Entsetzen und spuckte dann alle Informationen aus, die es in seinem Leben gesammelt hatte. In ihrer Qual nahmen viele Opfer irrtümlich an, der Kleine Prinz könne die Tortur beenden, sobald sie geredet hatten. Er bestärkte sie in dieser Vorstellung und erfuhr auf diese Weise all ihre Geheimnisse.

»Es gibt nur ein Problem. Wie soll ich diesem blöden Nacktling meine Neuigkeiten mitteilen?« sagte der Kleine Prinz zu sich selbst. »Er hat ja das Gehirn einer Kuh.«

Wie die meisten Mäuse glaubte auch er an die Regeclass="underline" Je größer das Lebewesen, desto kleiner dessen Hirn. Ameisen gehörten demnach zu den intelligentesten Geschöpfen auf dem Planeten, obwohl sie aufgrund ihres übertriebenen Arbeitseifers verachtet wurden. Mäuse waren mit ihrer Gehirnzuteilung ganz zufrieden und betrachteten alle größeren Wesen als Dummköpfe unterschiedlichen Grades.

»Und dann kamen die Süßen wieder zurück«, sinnierte die weiße Maus und blickte auf die Wäscheleine. »Sie kamen zurück, aber ohne Ulug Beg mit seinem stinkenden, faltigen Hautmantel. Vielleicht ist er schon tot? Irgendwann müssen alle Mäuse sterben. Möglicherweise ist diese Kreatur nur noch ein Haufen Knochen.«

Der Kleine Prinz hatte Ulug Beg früher gesehen, wenn dieser mit einem Botschafter die Wäscheleine überquerte. Bis letzte Nacht hatte ihn jedoch immer nur eine Maus abgeholt und ihm als Führer gedient. Diesmal waren zwei Mäuse ins Baumhaus gegangen. Eine von ihnen hatte der Kleine Prinz wiedererkannt. Die Maus, die ihm entwischt war! Vor diesem Gelbhals Trödler war noch keine Maus ihrem Geschick in der Gefangenschaft des Kopfjägers entronnen. Der Herr hatte richtig getobt. Er hätte beinahe den Kleinen Prinzen in der dampfenden Brühe gekocht.