Und nun war der Gelbhals in irgendeine Intrige verwickelt, eine Verschwörung, an der sich alle Hausmäuse beteiligten.
»Ich hasse diesen Gelbhals mit dem zuckersüßen Gesicht«, sagte der Kleine Prinz genüßlich. »Seine Augen werden mir auf der Zunge zergehen. Ich möchte an seiner Leber lutschen, seine Hoden mit den Zähnen zerknacken. Er wird meine Praline, mein Nachtisch sein .«
Wieder wurde der Käfig geschüttelt. Er hatte wohl zu laut gesprochen. Der Gelbhals war an allem schuld. Seit er Trödler begegnet war, geriet der Kleine Prinz ständig in Schwierigkeiten. Der Gelbhals war der Dorn in seiner Pfote. Er ließ ihn nachts nicht mehr schlafen und zwang ihn zu nutzlosem Ränkeschmieden. »Seine Tränen schmecken wie Nektar. Sein Blut ist geschmolzener Honig. Er wird vor mir weinen. Er soll für mich bluten.«
Der Kleine Prinz fuhr mit dieser Litanei fort, bis ihm der Kopfjäger einen Blick zuwarf, der ihn endgültig verstummen ließ.
Cambozola
»Wir müssen Geister beschwören, Lemuren, Chimären und Schemen aus den entferntesten Regionen der übernatürlichen Sphäre«, schrie Frych die Gefleckte. Diese Geisterge schichte war genau das Richtige für sie. »Ich höchstselbst werde es unternehmen, jeden Folianten in der Bibliothek zu verschlingen, der sich den Anschein eines Werks über ektoplasmische Strahlung oder phantasmische Strömungen gibt. Die Mauern dieses Hauses werden ein geradezu spukhaftes Miasma verströmen.« Sie wurde bei dem Gedanken an die Beschwörung der Geister der Nacht so aufgeregt, daß sie aufsprang und zu einem Buch eilte, während ihre Jungen noch an ihren Zitzen hingen.
Gorms Truppe betrachtete das Geschehen eher vom praktischen Standpunkt aus: Mäuse machten unheimliche Geräusche, ohne daß man sie sah, Schluß, aus. Eine Maus rannte etwa über das oberste Regal des Geschirrschranks und stieß nacheinander alle Teller hinunter. Da sie senkrecht auf dem Rand im Regal lehnten, erzielte die Maus mit wenig Arbeit die größtmögliche Wirkung. Um den verdatterten Küchennacktling herum zerschellten die kostbaren Teller.
Die verborgenen Zuschauer beobachteten, wie sich der Nacktling am Kopf kratzte und die Verwüstung betrachtete. Offensichtlich suchte er nach der Ursache des Geschehnisses. Andere Nacktlinge kamen dazu, brabbelten, rangen die Hände und liefen zwischen den Scherben umher. Während der Tumult noch andauerte, kippte eine Pfanne aus einem anderen Regal und fiel scheppernd zu Boden. Erneutes Gebrabbel und Herumrennen. Danach stürzte ein Besen wie ein gefällter Baum um. Die Nacktlinge waren fassungslos.
Danach zogen sich die Mäuse zurück, da sie kein Risiko eingehen wollten. Nacktlinge waren zwar dumm, aber ein bißchen Gehirn hatten sie doch.
In der Bibliothek erzielten die Buchfresser berauschende Erfolge bei Hirnlos, dem Spaniel. Sie schossen hervor, zwickten ihn in den Schwanz und verkrochen sich wieder. Hirnlos brüllte obszöne Beschimpfungen in die Ecke, wo unsichtbare Mäuse kicherten. Der alte Nacktling starrte verwundert in die scheinbar leere Ecke, die sein Hund anbellte. Ein paarmal klappte der Nacktling auseinander, ging im Zimmer umher und entdeckte - gar nichts.
Schließlich entfaltete sich die weißhaarige Kreatur zum letzten Mal, um die Bibliothek zu verlassen - allerdings nicht ohne einen verwirrten Blick in die Runde zu werfen. In diesem Augenblick schoben einige Mäuse ein Buch vom Regal, das krachend zu Boden polterte. Vom Einband grinste ein Nacktlingsskelett. Hirnlos packte das Buch mit den Zähnen und präsentierte es schwanzwedelnd seinem Herrn. Dessen Augen traten hervor, als er das Buch in die Hand nahm. Er klemmte es unter den Arm und verließ schnellstens die Bibliothek.
Lauscherin wurde bei den Unsichtbaren zur Heldin der Stunde.
Sie kam auf die Idee, die Uhr könne einfach mal zur falschen Zeit schlagen. Daher drehte sie kurz vor drei ein Zahnrad, und die Uhr schlug fünf.
Einmal waren die Nacktlinge um Mitternacht noch wach. Lauscherin nutzte die Gelegenheit, um die Geisterstunde durch dreizehn Schläge anzukündigen, indem sie nach den üblichen zwölf Tönen auf den Klöppel sprang und damit ein besonders lautes »Dong!« erzeugte. Die Nacktlinge stürmten aus dem Wohnzimmer und starrten angsterfüllt die Uhr an. Lauscherin trat auf ein Zahnrad, und die Zeiger sausten nur so im Kreis herum. Dann betätigte sie den Anker des Glockenspiels. Weitere fünf Schläge hallten durchs Haus. Zu guter Letzt hüpfte sie auf den Mechanismus, der die Uhr mit einem Stöhnen zum Stillstand brachte.
Danach fühlten sich die Nacktlinge gar nicht mehr wohl. Sie ließen in der Halle und auf dem Treppenabsatz das Licht brennen. Das Zimmer des Kopfjägers blieb die ganze Nacht hellerleuchtet. Zu ihrer besonderen Freude stellten die Mäuse fest, daß der junge Nacktling große Angst vor Gespenstern hatte. So ermutigt, schaukelte Tolpatsch in dieser Nacht ausgiebig an der Kette des Wasserkastens in der Toilette. Das geräuschvolle Klirren der Kette hielt mindestens eine Stunde an.
Bezeichnenderweise tauchte nicht ein einziger Nacktling auf, um dem Lärm auf den Grund zu gehen.
Shropshire Blue
Im Lauf der nächsten Stunden entwickelten die Mäuse immer mehr Phantasie bei der Erzeugung seltsamer Geräusche. Da die meisten Nacktlinge im Haus schwerhörig waren, war eine gewisse Lautstärke nötig. Kratzen und Schaben hinter der Holztäfelung erwies sich beispielsweise als nutzlos. Es bedurfte schon eines herzhaften Knalls oder Krachs oder auch einer ganzen Serie von ungewohnten Tönen, um die Aufmerksamkeit der Nacktlinge zu erregen. Der Kopfjäger hörte selbstverständlich alles, besaß aber wenig Macht im Haus. So schrecklich er den Mäusen auch erschien, wurde er doch von seinen eigenen Artgenossen kaum beachtet.
Hywel der Böse machte eine interessante Entdeckung. Wenn er sich am Knopf des Radios festhielt und daran schaukelte, schaltete sich der Apparat an. Zu seiner großen Freude rannten die Nacktlinge herbei, sobald das Radio im leeren Zimmer losplärrte. Sie blieben davor stehen und schauten das Gerät an, als sei es lebendig. Besonders lohnend war es, den Apparat unmittelbar, nachdem sie ihn abgestellt hatten, wieder einzuschalten. Mit bleichem Gesicht wichen die Nacktlinge zurück und wimmerten einander unverständliche Laute zu.
In seinem ganzen Leben hatte Thorkils Dreibein keine intellektuellen Ruhmestaten vollbracht, doch er entdeckte schließlich, daß visuelle Tricks ebenso wirksam sein konnten wie die seltsamen Geräusche. Eines Morgens warf der Postbote vier Briefe in die Halle. Bevor die Nacktlinge die Sendungen fanden, hatte Thorkils sie fein säuberlich in einer Reihe angeordnet, indem er sie mit den Zähnen in die richtige Position schob. Ein Nacktling kam herbei, starrte auf die Briefe, auf den Schlitz in der Tür, erneut auf die Briefe und stieß einen gellenden Schrei aus. Anscheinend liebten die Nacktlinge nur ihre eigene Ordnung.
»Sieht aus, als würden wir gewinnen«, sagte Trödler zu Leichtfuß, als sie in ihrem Nest auf dem Dachboden lagen. »Die Nacktlinge sind nervös. Sie fahren bei jedem Geräusch zusammen. Besorgnis und Angst liegen in der Luft. Bald haben wir das Haus für uns allein.«
»Manchmal frage ich mich, ob das wirklich so gut ist«, meinte Leichtfuß stirnrunzelnd.
Trödler hatte noch nie etwas so Aufregendes wie die Vertreibung der Nacktlinge erlebt und wünschte sich, daß seine Nestgefährtin seine Begeisterung teilte. »Was meinst du damit?«
»Ich denke an Astrids Warnung.«
Trödler nickte. »Niemand bringt Astrid größere Achtung entgegen als ich, trotz allem, was über sie und Iban geredet wird, doch selbst Orakel sind nicht unfehlbar ...«
»Was?« schrie Leichtfuß, plötzlich hellwach. »Was ist mit Astrid und Iban?« Sie richtete sich ruckartig auf und prallte mit dem Kopf gegen den Balken, der die Nestdecke bildete. Es schien ihr nichts auszumachen. Sollte sie tatsächlich mehr an Klatsch als an Gesprächen über die Vertreibung der Nacktlinge interessiert sein?