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Trödler schaute seine Gefährtin fragend an. Sie war eine großartige Maus, und er konnte sich ein Leben ohne sie nicht mehr vorstellen. Manchmal wunderte er sich jedoch über ihren Mangel an Ernst. Seiner Ansicht nach sollten sie über Banalitäten stehen. In der Hecke hatte es keine Zeit für Klatsch gegeben, und er konnte die Neigung der Hausmäuse dazu ganz und gar nicht gutheißen.

»Sag's mir, sag's mir, sag's mir!« flehte sie ihn an.

Trödler begriff, daß er die Information unter keinen Umständen für sich behalten konnte. »Na ja, weißt du, Astrid und Iban treffen sich seit geraumer Zeit, hinter Gorms Rücken natürlich .«

»Weiter, weiter«, drängte Leichtfuß.

Trödler seufzte. »Einige Bibliotheksmäuse sind ihnen auf die Schliche gekommen. Sie drohten, Iban zu verraten, wenn er nicht .«

»Wenn er nicht was?«

»Wenn er nicht dasselbe mit ihnen täte.«

Leichtfuß riß die Augen auf. »Du meinst, Iban war mit all diesen frustrierten, vertrockneten Jungfern aus den staubigen Regalen zusammen?«

Trödler antwortete steif: »Wenn du es so ausdrücken willst, ja.«

»Du lieber Himmel!« rief Leichtfuß. »Der bedauernswerte Kerl! Und die arme Astrid! Weiß sie davon?«

»Hm, ich glaube nicht. Sie hat einen leisen Verdacht, weiß aber nichts Genaues - und ich denke, wir sollten ihr nichts sagen.«

»Er ist ein Trottel!« schnaubte Leichtfuß. »Wenn er ein bißchen Verstand hätte, würde er seinem Junggesellenstatus abschwören und mit Astrid ein Nest beziehen. Das würde doch jedes vernünftige Männchen tun, nicht wahr?«

»Die beiden sind aber keine durchschnittlichen Mäuse«, erklärte Trödler. »Ich meine, die eine redet mit Schatten und hat Visionen. Der andere ist ein Anhänger des Gottes der Finsternis und bricht alle zwei Sekunden dessen Gebote. Sie sind keine normalen Nager wie du und ich.«

Leichtfuß kuschelte sich an Trödler und leckte seine Schnurrhaare. »Du bist nicht durchschnittlich. Du bist ein ganz außergewöhnlicher Mäuserich«, flüsterte sie ihm ins Ohr.

Trödler genoß ihre Zärtlichkeiten und sagte bescheiden: »Eigentlich bin ich sogar ziemlich durchschnittlich.«

Sie drängte sich noch enger an sein warmes Fell. »Ganz und gar überdurchschnittlich«, flüsterte sie und knabberte an seinem Ohr.

Leicester

Während Trödler und Leichtfuß im Nest kuschelten, trat die Hauptheldin der Vertreibung der Nacktlinge in Aktion. Lauscherin entdeckte rein zufällig das Mittel, mit dem die Mäuse die Nacktlinge endgültig aus dem Haus jagen würden. Sie saß in der Standuhr und wartete auf die Schläge, bei denen ihr Körper so herrlich vibrierte. Es schlug drei. Sie streckte sich und schlüpfte aus dem Rosenholzgehäuse in die Eingangshalle. Hier blieb sie stehen und nahm die Atmosphäre der frühen Morgenstunden in sich auf. Alle Nacktlinge schliefen in ihren Betten, die meisten Mäuse hingegen waren hellwach und aktiv.

Lauscherin gehörte zu den Unsichtbaren. Sie lief zum Gwenllian-Loch, um von dort aus den Weg zum Dachboden zu nehmen. Bevor sie jedoch den sicheren Hafen erreicht hatte, erschien Spuck auf der Treppe. Er bemerkte sie und jagte los.

Lauscherin schoß quer durch die Halle zur Tür des Salons, die nur angelehnt war, glitt durch den Spalt und sah sich verzweifelt nach einem Versteck um. Alle Schränke waren verschlossen. Spuck kam herein. Sein Blick verhieß nichts Gutes. Lauscherin sauste über den Teppich und verbarg sich unter dem Klavierhocker. Spuck sprang dagegen, so daß der Hocker umfiel und über den Boden rutschte. Lauscherin hüpfte über die Klavierpedale und quetschte sich zwischen dem linken Pedal und dem Gehäuse ins Innere des Klaviers.

Sie kletterte nach oben, bis sie auf den filzbezogenen Hämmern angelangt war. Voller Panik rannte sie eine Weile auf und ab, so daß die Hämmer gegen die Drähte schlugen. Allmählich entfalteten die entstehenden Schwingungen ihre beruhigende Wirkung, und Lauscherin verlangsamte ihr Tempo. Natürlich hörte sie die Töne nicht, konnte aber die Schwingungen spüren und empfand sie als beinahe so angenehm wie die des Glok-kenspiels in der Standuhr.

Als sie sich wieder gesammelt hatte, spähte sie durch den geöffneten Deckel nach draußen. Ob Spuck noch auf sie wartete? Wie alle Mäuse konnte sie nicht allzu gut sehen, hoffte aber, im Mondlicht eine verräterische Bewegung zu erkennen. Zu ihrem Erstaunen bot sich ihr ein völlig anderes Bild.

Der Raum war taghell erleuchtet. Die Nacktlinge standen mit offenen Mündern und aufgerissenen Augen im Halbkreis um das Klavier und klammerten sich entsetzt aneinander. Sie starrten das Klavier an wie ein Ungeheuer, das sie jeden Augenblick angreifen und verschlingen konnte. Erst jetzt begriff Lauscherin, was geschehen war.

Sie hatte Töne erzeugt, obwohl kein Nacktling die Tasten berührt hatte. Alle Mäuse im Haus wußten, daß das Klavier Geräusche von sich gab. Manchmal waren sie fürchterlich, vor allem wenn der Kopfjäger auf dem Hocker saß und mit den Stummelfingern in die Tasten hieb; doch immer brauchte man einen Nacktling, um dem Instrument einen Klang zu entlocken.

Lauscherin hatte nun zufällig eine Möglichkeit entdeckt, die Töne ohne Nacktlinge zu erzeugen. Kein Wunder, daß diese sich fürchteten. Vielleicht dachten sie, das Klavier spiele auf sich selbst? Oder ein Gespenst betätige die Tasten? Lauscherin war begeistert. Sie rannte wieder zu den Hämmern und tobte ausgelassen darauf herum, sprang von den hohen Tönen auf die tiefen Noten, trippelte auf den glockenhellen Tönen umher.

Auf den mittleren Hämmern ahmte sie Leichtfußens schweren Schritt nach. Die Schwingungen durchfluteten ihren Körper und verursachten ihr wohlige Gefühle. Dies war Lauscherins großer Beitrag zur Vertreibung - noch bedeutender als die dreizehn Schläge der Standuhr.

Die Mäuse im Haus hörten ebenfalls, wie das Klavier von selbst spielte. Es klang gar nicht so übel, und die Töne flossen beinahe melodisch dahin. Es kam ihnen vor, als suche jemand ein Lied, könne es aber nicht finden. Als sie erfuhren, daß eine Maus die Geräusche verursacht hatte, waren sie tief beeindruckt. Gorm gestand, daß Lauscherin auf diesem Gebiet sogar ihm überlegen sei. Einige Zuhörer zuckten bei seinen Worten erstaunt mit den Schnurrhaaren. Noch nie hatte Gorm einer anderen Maus größeres Lob als sich selbst gezollt.

Die ganze Woche über spielte Lauscherin zu den unterschiedlichsten Zeiten Klavier. Am zweiten Tag tauchte im Garten ein Schild mit dicken roten Zeichen auf. Am fünften Tag wurde fieberhaft gepackt. Am siebten Tag verließen die Nacktlinge mit ihren Koffern das Haus und stiegen in ihr Auto. Sie fuhren für immer davon. Den Kopfjäger nahmen sie mit, ebenso die Katzen und den Hund.

Die Vertreibung der Nacktlinge war gelungen.

Das Haus gehörte den Mäusen!

Jarlsberg

Rufe schallten durchs Haus. »Das Ungeziefer ist vertrieben! Die Speisekammer gehört uns!«

Ein Sturm auf die himmlische Speisekammer brach los. Die Mäuse wimmelten über die Treppe, quollen aus Löchern in den Fußleisten und strömten hinter der Wandvertäfelung hervor. Sie quetschten sich durch die geheimen Gänge, die die Kü-chenmäuse angelegt hatten, als dies noch ihr alleiniges Territorium gewesen war. Von überall her drängten sich die Mäuse in die Küche und die herrliche Speisekammer. Sie jubelten ausgelassen, gratulierten sich und ihren Nachbarn, vor allem Gorm und Lauscherin, und stopften sich hemmungslos voll.

Furz und Fusel waren so mit Honig abgefüllt, daß sie sich danach mit Essig statt mit Wein betranken.

Gorm der Alte schaufelte Unmengen von kaltem Kartoffelpüree in sich hinein, bis er die Augen verdrehte, umkippte und in der Schüssel einschlief.