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»Was ist denn los?« brummte Gorm der Alte friedfertig.

»Kommt mit!« schrie der junge Mäuserich. Er war viel zu aufgeregt, um die schlechte Verfassung der Honoratioren zu bemerken.

»Ich gehe mit«, erklärte Trödler.

»Ich auch«, schloß sich Leichtfuß an.

Grimmig war ebenfalls dabei.

Als sich keiner mehr meldete, trabten die drei hinter dem Mäuserich her, der sie aus der Küche und die Treppe hinauf führte.

Trödler fand es seltsam, ohne Furcht vor einem Angriff durchs Haus zu wandern. Er bildete sich ein, daß Augapfel irgendwo in den Schatten lauerte, wo ihre grau-blaue Gestalt mit der Dämmerung verschmolzen sei. Es würde eine Weile dauern, bis sich die Mäuse bei ihren Spaziergängen nicht mehr zwanghaft umdrehten.

Natürlich gab es noch immer Gefahren. Gnadenvoll beherrschte nach wie vor den Speicher und war nicht zu unterschätzen. Erst vor einer Stunde war ein junger Unsichtbarer, betäubt von zu viel Futter, auf dem Weg zum Nest verschwunden. Wisperer vermutete, daß die Eule dahintersteckte.

Auch gab es Anzeichen dafür, daß sich der mächtige Kellog als Herr des Hauses empfand. Er trieb sich überall herum, schikanierte Mäuse und hatte bereits die Bewunderung einiger 13-K-Mitglieder erregt. Sie betrachteten Kellog als den neuen Herrn der Welt. Einerseits hatten sie Angst vor ihm, andererseits sahen sie in ihm auch eine Chance, als seine Anhänger zu allseits gefürchteten Mäusen zu werden. Eine oder zwei kleinere Banden trieben ihr Unwesen. Sie umschmeichelten Kellog schamlos und verhöhnten die Alten und Schwachen, um ihn zu beeindrucken.

Das Haus stand leer und würde Wildkatzen anlocken. Sicher, im Augenblick war alles fest verriegelt, doch irgendwann würden die Fensterscheiben zerbrechen, die Türen verrotten und Eindringlingen Einlaß gewähren. Schon jetzt war es feucht und kalt, da es ohne Nacktlinge auch keine Heizung mehr gab.

All diese Gedanken gingen Trödler durch den Kopf, als er hinter dem Mäuserich zum Treppenabsatz lief.

Vor dem Zimmer des Kopfjägers blieben sie kurz stehen. Dieser Ort hatte so lange als Folterkammer gedient, daß ihn die Atmosphäre eines Schlachthofs umwehte. Hier waren Mäuse gequält, verstümmelt und mißbraucht worden, bevor man sie tötete und an den Kleinen Prinzen verfütterte. Noch immer schmückten ihre gähnenden Totenschädel die Regale. Ihre gebleichten Knochen lagen auf der Kommode verstreut. An der Pinwand aus Kork steckten aufgespießte Felle. Es war nicht einfach, in diesen Raum zu gehen, der noch immer den Hauch des Todes verströmte.

Ihr Führer war zu jung, um so zu empfinden, und trat ohne Zögern ein. Trödler unterdrückte seine Angst vor diesem Raum und folgte mit Leichtfuß und Grimmig.

Dann entdeckten sie, was der Mäuserich gefunden hatte.

Auf dem Boden stand der Käfig des Kleinen Prinzen. Die Tür war offen, doch die weiße Maus saß noch darin. Anscheinend hatte der Kopfjäger sein Lieblingstier zurückgelassen und es den Stämmen ausgeliefert. Die Chance zur Flucht hatte die Maus nicht genutzt.

»Sie haben dich also zurückgelassen«, sagte Trödler und ging auf die Käfigtür zu. »Sie haben dich deinem Schicksal überlassen.«

Der Kleine Prinz kauerte in einer Ecke. Er schaute seine Besucher nicht an, sondern sprach mit den Gitterstäben.

»Nein, wißt ihr, es ist am besten, nicht hinauszugehen. Meine Nägel sind nicht geschnitten, außerdem bin ich so fett geworden. Seht euch bloß meinen dicken Bauch an. Ich bekomme nicht genügend Schlaf, seit mich mein Herr mit diesen schrecklichen Dingen gefüttert hat. Was für ein fürchterlicher Zustand ...«

Bei diesem mitleiderregenden Anblick erwachte Trödlers an-geborenes Mitgefühl und verdrängte alle Rachegelüste. »Kleiner Prinz!«

»Wenn mein Herr mit der Zahnbürste mein reines, wunderschönes Fell gebürstet hätte, wäre ich doch hübsch, nicht wahr, und alle Mäuse würden sagen: >Hallo, Kleiner Prinz, schön siehst du heute aus. So weiß und makellos wie eine Kirschpflaumenblüte, so unberührt wie der erste Schnee.< Aber er hat mich nicht gebürstet.«

Der Kleine Prinz hatte furchtbare Dinge getan, das konnte Trödler nicht abstreiten, doch irgend etwas an der weißen Maus weckte Trödlers tiefes Mitgefühl für alle Lebewesen. Er konnte es selbst nicht genau erklären, doch spürte er, daß in dieser erbarmungswürdigen Kreatur mehr als bloße Grausamkeit und eine barbarische Gier nach Mäusefleisch steckte. Der Kleine Prinz war nicht nur Täter, sondern auch Opfer.

»Du hast einige schlimme Dinge getan, Kleiner Prinz. Sehr schlimme Dinge. Du siehst zwar tugendhaft und unschuldig aus, hast dich aber wie ein Ungeheuer in diesem Haus aufgeführt.«

Die weiße Maus starrte ihn lange mit ausdruckslosem Gesicht an. »Passiert ist passiert«, meinte sie schließlich. »Mehr gibt es nicht zu sagen, oder?«

Trödler konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, daß das Schicksal der weißen Maus von seiner Entscheidung abhing. Also wandte er sich an die anderen. »Was sollen wir mit ihm machen? Wir können ihn unmöglich den Stämmen ausliefern. Sie würden ihn in Stücke reißen. Es läuft ohnehin genug aus dem Ruder, da müssen wir nicht auch noch ihren Blutdurst anstacheln. So etwas könnte zu einer richtigen Vendetta ausarten. Mäuse würden alte Fehden ausgraben und Taten begehen, die ihnen später leid tun.«

»Wir sollten mit Gorm darüber sprechen«, meinte der Mäuserich, der den Kleinen Prinzen entdeckt hatte. »Gorm wird schon wissen, was zu tun ist.« »O nein!« schrie die weiße Maus. »Meine Schnurrhaare liegen nicht richtig.«

»Die wird man dir vermutlich mit der Wurzel ausreißen«, bemerkte der Mäuserich unbekümmert.

Leichtfuß schloß sich Trödlers Ansicht an und sagte: »Ich denke, wir sollten Gorm nichts von ihm sagen.«

»Wieso nicht?« fragte der Mäuserich.

»Möchtest du etwa zusehen, wie eine Maus in Stücke gerissen wird?«

»Ist mir egal. Er hat doch auch viele Mäuse getötet. Er hat sie sogar aufgefressen. Also verdient er es nicht besser!«

»Zunächst einmal vermute ich, daß der Kleine Prinz nicht eine einzige Maus getötet hat. Allerdings hat er ihr Fleisch gefressen, weil er es nicht anders kannte. Sein Herr hat die Mäuse getötet und an ihn verfüttert. Möglicherweise hat der Kopfjäger den Kleinen Prinzen anfangs hungern lassen, damit er einfach fressen mußte, was man ihm gab.«

Leichtfuß deutete auf den Kleinen Prinzen, der noch immer mit seinen Gitterstäben plauderte. »Ich frage dich noch einmaclass="underline" Willst du zusehen, wie eine Maus in Stücke gerissen wird?«

Der Mäuserich scharrte unbehaglich mit den Füßen.

Grimmig ergriff nun das Wort. »Und genau das wird geschehen. Sie kommen herauf und töten ihn. Du wirst es mitansehen müssen - es wird deine Schuld sein. Ich hoffe, du kannst Blut sehen. Innerhalb weniger Sekunden wird der Käfig von Blut nur so triefen. Herausgerissene Eingeweide, herumrollende Augäpfel, ausgerenkte Gliedmaßen - das möchtest du dir sicher ansehen, nicht wahr? Willst du die Verantwortung für ein derartiges Massaker übernehmen?«

Der Mäuserich wurde grün im Gesicht. »Hm, nein«, murmelte er. »Aber was sollen wir mit ihm anfangen?«

»Was werdet ihr mit dem armen Mäuschen anfangen?« erklang das Echo aus dem Käfig. »Die Käfigtür schließen? Oder es zum Spielen in den Garten schicken? Was machen wir nur mit dem Kleinen Prinzen? So ein zartes Mäuschen, ein zerbrechlicher kleiner Bursche. Hat er noch ein Zuhause? Besitzt er auch nur einen einzigen Freund auf dieser Welt? Armer kleiner Kerl!«

»Halt den Mund, ich muß nachdenken«, sagte Trödler. »Wie heißt du?« fragte er den Mäuserich.

»Elisedd.«

»Ein Buchfresser, was? Nun, Elisedd, ich denke, wir müssen das hier sehr, sehr geheim halten. Du siehst mir wie ein vernünftiger Mäuserich aus, sehr reif für dein Alter. Wir kümmern uns um den Kleinen Prinzen. Wenn wir erwischt werden, halten wir dich aus der Sache heraus. Es hat in diesem Haus genug Blutvergießen gegeben. Was uns betrifft, waren wir niemals hier, einverstanden? Unsere Lippen sind versiegelt«, er fuhr sich mit der Pfote über die Schnauze, »und zwar bis zum Tod. Ich meine, daß wir dir vertrauen können. Denn ich sehe, daß du in deinem Inneren anders bist, daß du an höhere Gerechtigkeit glaubst, die von einer anderen Macht als der unseren geübt wird.«