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Elisedd schluckte und schaute hoch. »Ich verstehe. Ich verspreche, es niemandem zu sagen.«

»Gut. Wir wissen deine Verschwiegenheit zu schätzen. Wenn du jemals mit einer Maus über die Sache sprechen möchtest, wenn du dir Sorgen machst, dann komm einfach zu mir. Einverstanden?«

»In Ordnung«, erwiderte Elisedd. »Ich muß jetzt gehen.«

»Denk dran«, erinnerte Leichtfuß ihn, »kein Wort über die Sache.«

Elisedd verschwand.

Trödler wandte sich zum Kleinen Prinzen. »Was machen wir nun mit dieser weißen Maus? Sollen wir ihn in den Garten schmuggeln und laufen lassen? Ein Falke oder ein Wiesel würde ihn eine Meile weit erspähen. Er könnte sich ebenso gut auf einen Hügel stellen, die Vorderpfoten ausstrecken und >Holt mich!< rufen.«

»Gärten sind wunderschön«, erzählte der Kleine Prinz den Gitterstäben. »Voll leckerer Blumen und zarter, weicher Blätter, die sich gut kauen lassen. Kommt mit mir in den Garten, meine Freunde, und ich zeige euch das grüne, grüne Gras ...«

Sie beachteten ihn nicht.

Leichtfuß sagte: »Du hast recht. Wenn wir ihn im Garten freilassen, ist er so gut wie tot. Er kann in der Wildnis nicht überleben. Falls er nicht gleich am ersten Tag etwas Giftiges frißt, wird ihn etwas fressen. Da könnten wir ihn genauso gut in die Jauchegrube werfen und ertrinken lassen.«

»Welche Wahl bleibt uns denn?«

»Er könnte eine Weile in unserem Nest wohnen«, sagte Leichtfuß. »Bis wir beschlossen haben, was zu tun ist.«

»In unserem Nest?« schrie Trödler fassungslos. »Das ist doch nicht dein Ernst.«

»Ich halte es für eine ausgezeichnete Idee«, warf Grimmig ein.

»Natürlich, um dein Nest geht es ja auch nicht«, fuhr ihn Trödler an. »Da fällt mir ein, du lebst doch allein.«

»Vergiß es«, antwortete Grimmig. »Ich bin weg. Haltet mich auf dem laufenden.« Und schon war er zur Tür hinaus und die Treppe hinuntergelaufen.

»Na gut«, seufzte Trödler. »Wir müssen das Beste daraus machen. Los, Leichtfuß, schmuggeln wir ihn nach oben, bevor die Orgie in der Speisekammer vorbei ist. Du kommst doch mit?« wandte er sich an den Kleinen Prinzen. »Wir zwingen dich zu nichts. Wenn du jedoch hier bleibst, wird dich früher oder später eine andere Maus entdecken. Wir können dann nur noch deine Überreste aufsammeln.«

Der Kleine Prinz trippelte durch seinen Käfig, blieb kurz an der Tür stehen und sprang hinaus. Seine rotgeränderten Augen blickten ängstlich. Mit zitternden Beinen huschte er in seine Behausung zurück.

»Was ist mit ihm los?« fragte Trödler.

»Ich fürchte, er war so lange im Käfig, daß er Angst vor weiten Räumen hat«, meinte Leichtfuß.

»Weite Räume!« rief Trödler, dem das Haus immer sehr eng erschienen war. »Da sollte er mal in die Felder hinausgehen. Ich zeige ihm, was ein weiter Raum ist.«

»Das gefällt dem Kleinen Prinzen nicht«, flüsterte die weiße Maus. »Der Kleine Prinz möchte hier bleiben.«

Trödler betrat den Käfig und kniff die weiße Maus so lange, bis sie zur Tür hinausrannte. Er trieb sie aus dem Zimmer und durch das Skelldulgan-Loch am Ende des Treppenabsatzes. In dem schmalen Tunnel, der zum Dachboden führte, wehrte sich der Kleine Prinz nicht mehr und trabte brav zwischen Trödler und Leichtfuß dahin.

Kurz vor dem Wassertank blieb Trödler stehen, um die Lage zu prüfen. »Er ist so auffällig wie ein Nacktling«, grollte er und wies auf das weiße Fell. »Dieses ist das Land der Unsichtbaren, und wir stehen hier mit einer Maus, die man zehn Felder weit erkennen kann. Was nun? Kellog wird ihn entdecken und alles ausplaudern.«

»Paß auf, wir wälzen ihn einfach in Dreck und Spinnweben«, schlug Leichtfuß vor. »Wenn wir vorher auf sein Fell spucken, klebt der Schmutz noch besser.«

Der Kleine Prinz sah sie entsetzt an. »Schmutz? Lieber sterbe ich.«

»In Ordnung«, erwiderte Trödler und entfernte sich. »Dann stirb. Gnadenvoll kann jeden Augenblick hereinkommen. Sie wird kurzen Prozeß mit dir machen. Für sie bist du nur ein weißer, flauschiger Klumpen, den sie kaum in der Kehle spürt.«

»Ich wälze mich ja schon!« schrie der Kleine Prinz.

Trödler und Leichtfuß befeuchteten sein Fell, während er sich im Staub wälzte. Schließlich saß ein dunkles Etwas mit rotgeränderten Augen vor ihnen. Vielleicht würden sie auf die-se Weise mit ihm durchkommen.

»Ich stinke«, wimmerte die weiße Maus.

Trödler sagte: »Gott sei Dank. Sonst hätte Kellog dich schon von weitem gewittert. Unsere Gerüche kennt er und wird nicht weiter darauf achten.«

»Du wirst niemals ein Unsichtbarer. Aber mehr können wir nicht tun«, meinte Leichtfuß. Sie führte den Kleinen Prinzen in das Gewirr der Balken hinauf und befahl ihm, sich nur gemeinsam mit ihr zu bewegen.

Auf dem ganzen Weg zum Nest fürchteten sie, entdeckt zu werden, da einige Unsichtbare ebenfalls aus der Küche zurückgekehrt waren. Weder Trödler noch Leichtfuß mochten sich vorstellen, was Wisperer mit dem Kleinen Prinzen anfangen würde. Sein Ruf war ihm vorausgeeilt, und die Unsichtbaren haßten ihn noch mehr als die Wilden oder die Bibliotheksmäuse. Wisperer galt als guter Anführer, doch würde er nicht davor zurückschrecken, die weiße Maus zu opfern, um dem Zorn seines Stammes Einhalt zu gebieten. Der Kleine Prinz hatte einige ihrer nächsten Verwandten gefressen. Sie würden nicht zögern, der weißen Maus die Kehle aufzureißen.

Schließlich erreichten sie ihr Nest. Trödler ließ sich erleichtert auf das kuschelige Lager aus Hobelspänen und Pappstük-ken fallen.

Leichtfuß legte sich neben ihn. Der Kleine Prinz mußte sich einen Platz im hinteren Bereich des Nestes suchen.

»Warum tust du das?« wollte Trödler von seiner Gefährtin wissen. »Ich weiß, der Kleine Prinz hätte mich gefressen, wenn mich der Kopfjäger gekocht hätte. Er hat mich lächerlich gemacht und gequält, aber mir ist nichts wirklich Schlimmes zugestoßen. Doch wie steht es mit dir? Er hat sicher einige deiner Familienangehörigen verschlungen.«

»Über so etwas denke ich nicht gerne nach«, antwortete Leichtfuß. »Außerdem glaube ich nicht, daß es allein seine Schuld ist. Der Kopfjäger hat ihn in ein Monster verwandelt.«

Sie schaute Trödler ernst an. »Das Schlimme war, daß es ihm Spaß machte, daß er es richtig genossen hat. Aber was würdest du tun, wenn du ständig im Käfig säßest? Dabei muß eine Maus ja durchdrehen.«

»Ich weiß, ich weiß«, seufzte Trödler. »Das habe ich mir auch schon gesagt. Na ja, wir müssen ihn wohl hier behalten, bis uns eine bessere Lösung einfällt. Wir müssen ihm Futter aus der Speisekammer besorgen. Die gehört ja nun glücklicherweise uns Mäusen .«

Münster

Zitternd lief Zaghaft zu Kellogs Nest. Er glitt durch Licht und Schatten, duckte sich hinter den Balken und nutzte die Schleichwege des Gerümpelurwalds: hier über einen Haufen Lumpen, dort durch ein paar rostige Fahrradspeichen, dann unter der Brücke einer Spielzeugeisenbahn hindurch. Er wußte nicht mehr so genau, warum er sich auf diese Sache eingelassen hatte; beinahe tat es ihm leid, ein anderes Lebewesen ans Messer zu liefern.

Das Komplott war sehr gefährlich. Zaghaft gaukelte der Welt zwar einen rücksichtslosen, gewalttätigen Charakter vor, doch im Inneren fühlte er sich ebenso verletzlich wie andere Mäuse auch. Nun hatte er an sich selbst etwas entdeckt, das er bei anderen verachtete: Angst.

Der Dachboden lag im Zwielicht. Zu dieser Tageszeit, wenn die Sonne untergegangen war, herrschte hier oben eine besondere Stille. Nichts rührte sich. Bald jedoch würde Gnadenvoll erwachen und auf die Jagd gehen. Obwohl ihr die Unsichtbaren mit größtem Geschick aus dem Weg gingen, war es ratsam, sich zu verkriechen, wenn die Eule wachsam, hungrig und ungeduldig losflog. Ihre brennenden gelben Augen glichen Fak-keln.