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Für einen Mordanschlag war jetzt der ideale Zeitpunkt: Es gab keine Zeugen.

Zaghaft hatte Nichtschwimmer um eine Unterredung gebeten und mußte nun dem gefürchteten Kellog Bescheid sagen. Er fragte sich, ob der Schuh nicht eine Nummer zu groß für ihn sei. Jedenfalls bebte er vor lauter Angst. Schließlich erreichte er den Wassertank und glitt hinein. Er schwamm nicht so gut wie sein potentielles Opfer, konnte sich aber wie alle Mäuse lange genug über Wasser halten, um ans andere Ufer zu gelangen. Schon unterwegs nahm er Kellogs muffigen Geruch auf, der zu ihm herüberwehte. Die große Dachratte saß erwartungsvoll in ihrem Nest, da sie das Geplätscher gehört hatte.

Zaghaft krabbelte aus dem Wasser und schüttelte sich. »Bist du da, Kellog?« fragte er leise.

In dem finsteren Nest bewegte sich etwas.

Wieder überkam Zaghaft das Zittern. Den Mäusen erschien Kellogs Nest, das wie eine Festung über dem Wasser emporragte, überaus angsteinflößend. Es war das Heim eines Giganten - eines Despoten, der Mäusekinder stahl und aus Spaß Morde beging. Kellog hatte eine Rabenfeder in die Außenwand seines Nestes gewoben, die für die Unsichtbaren das schwarze Herz des Bewohners symbolisierte.

Als Kellog am Eingang erschien, überflutete Zaghaft eine strenge Geruchswolke. Die harten Augen starrten ihn an. Die langen Schnurrhaare vibrierten. Der dicke, nackte Schwanz zuckte.

Zaghaft betrachtete die spitzen gelben Schneidezähne.

»Und?« fragte das Rattenungeheuer. »Was ist?«

Zaghaft verließ der Mut. »Es ist soweit - du erinnerst dich doch? Ich habe versprochen, dir Nichtschwimmer zu liefern.«

»Natürlich erinnere ich mich. Erstaunlich, daß du erbärmlicher Wurm daran gedacht hast, wo ihr doch so schön in der Speisekammer feiert. Ich muß ihr noch einmal einen Besuch abstatten, sobald wir Nichtschwimmer los sind. Es ist an der Zeit, meine Position zu festigen. Langsam solltet ihr Jammergestalten mir die Achtung entgegenbringen, die ich verdiene. Ich werde mein Nest in der Speisekammer aufschlagen. Was hältst du davon? Dann müßtet ihr um jeden Krümel betteln. So viel Futter - aber Kellog wacht darüber. Dann würdet ihr mich doch vergöttern, nicht wahr? Ihr müßtet vor mir auf dem Bauch kriechen, um Futter flehen und meinen Namen rufen. Ich werde als Gott unter den Nagern herrschen, als lebende Legende, von ihnen verehrt und geliebt.«

»Ich - ich bin sicher, daß dir alle zustimmen werden«, murmelte Zaghaft.

»Ihnen bleibt auch gar nichts anderes übrig«, fauchte Kellog. »Sonst beiße ich ihnen die verdammten Köpfe ab, klar?«

»Klar würdest du das.«

»Der Herr des Hauses, was? Da unten gibt es keine Eule, die mir diesen Titel streitig macht. Nur Mäuse, die >Ja, Herr, nein, Herr, bitte nicht beißen< wimmern.« Kellog nickte langsam und bedächtig mit seinem großen Kopf. »Da ich gerade von Gnadenvoll spreche - ist jetzt wirklich der richtige Zeitpunkt, um dieses Dreckstück Nichtschwimmer zu beseitigen? Es wird dunkel.«

»Eben deshalb habe ich diesen Zeitpunkt gewählt«, erklärte Zaghaft. »Niemand ist unterwegs. Es dauert ja nicht lange. Ein paar schnelle Bisse, und schon bist du wieder in deinem Nest. Hauptsache, es läuft leise ab, damit Gnadenvoll nichts merkt. Geht das?«

»Zeige mir die Maus, und ich töte sie binnen einer Sekunde«, entgegnete Kellog. »Sie wird nicht mehr erfahren, wer ihr die Kehle zerfetzt hat.«

Zaghaft erschauerte, riß sich aber zusammen. »Dann los, bevor Nichtschwimmer die Lust am Warten vergeht. Ich habe mich mit ihm verabredet, um unsere Differenzen beizulegen. Jedenfalls glaubt er das. Ich sagte, ich wolle mit ihm allein sein, weil es mir peinlich sei, mich in aller Öffentlichkeit bei ihm zu entschuldigen. Daher hat er mir auch den ungewöhnlichen Zeitpunkt abgekauft.«

»Und er ist wirklich da?«

»Ganz bestimmt. Töricht hat ihn gedrängt, sich mit mir zu treffen. Sie sorgt schon dafür, daß er kommt.«

»Das hoffe ich - für dich«, drohte Kellog und glitt ins Wasser. »Ich werde heute nacht eine Maus töten. Vorzugsweise sollte es sich dabei um Nichtschwimmer handeln, im Notfall nehme ich aber auch jemand anders. Verstanden?«

»Verstanden«, flüsterte Zaghaft. Dann glitt auch er in den Tank und schwamm neben der Dachratte zum anderen Ufer hinüber.

Die beiden huschten gemeinsam durch den Dschungel aus Gerumpel. Schließlich blieb Zaghaft stehen und deutete mit der Nase auf einen entfernten Schatten unter einem Balken. »Er wartet dort drüben auf mich. Wenn du dich an der anderen Seite des Balkens entlangschleichst, wird er dich weder sehen noch riechen. Du mußt nur ganz leise sein.«

»Kein Problem«, murmelte Kellog und schaute sich nach der Eule um. »Ich bin still wie der Tod.«

Mit diesen Worten sprang die Ratte auf den Balken und kroch darauf entlang, wobei sie Nichtschwimmers Position stets im Auge behielt. Als Kellog ganz nah herangekommen war, verlangsamte er sein Tempo und bewegte sich nur noch in Zeitlupe vorwärts.

Das Licht schwand rasch. Draußen war die Sonne beinahe untergegangen. Auch die Schatten wandelten ihre Gestalt und würden bald mit der allgemeinen Dunkelheit verschmelzen. Schließlich blieb Kellog stehen. Auf der anderen Seite des Balkens wartete Nichtschwimmer, sein Feind. Kellog konnte ihn jetzt riechen. Sollte Nichtschwimmer Kellog ebenfalls bemerken und fliehen, würde Kellog Nichtschwimmer mit wenigen Sätzen einholen. Vermutlich bebte dieser vor Angst, da er ihn gewittert hatte und seine ausweglose Situation begriff.

Nun liegt er zitternd da, dachte Kellog bei sich. Er fragt sich, weshalb er sich auf dieses Treffen eingelassen hat.

Die Stille auf dem Dachboden war vollkommen. Nichts rührte sich, als warte die ganze Welt auf den Angriff der Ratte, als lausche jedes Ohr auf die erstickten Schreie, als rieche jede Nase schon den Tod. Die Zeit verging.

Plötzlich bewegte sich etwas!

»Hallo, Eule, hier bin ich. Komm und hol mich! Komm und schnapp mich! Ich warte auf dich, Eule ...« Nichtschwimmer war tatsächlich auf den Balken geklettert und brüllte, was das Zeug hielt.

War der vollkommen übergeschnappt? dachte Kellog. Wollte er in den Krallen einer Eule Selbstmord begehen?

Kellog spürte, wie ihn Panik überkam. Er war verwirrt, hin-und hergerissen zwischen Flucht und Mord. Da bleiben war gefährlich - doch Nichtschwimmer saß vor seiner Nase. Eine schnelle, verzweifelte Entscheidung - Kellog mußte Nichtschwimmer selbst töten! Kellog kauerte sich zusammen, spannte alle Muskeln an, bereitete sich auf den Sprung vor. Nichtschwimmer tanzte weiter und stieß dabei schrille Schreie aus. Kellog warf einen raschen Blick über die Schulter und stürzte los.

Die Lichter! Schon schossen die gelben Lampen durch die Dämmerung, Augen, die hundertmal stärker waren als die der Ratte. Krallen und Schnabel kamen näher. Wie ein Blitz sauste die Eule durch die Luft.

Kellogs Zähne ritzten gerade die Haut Nichtschwimmers, ein paar Blutstropfen flossen. Doch Nichtschwimmer warf sich blitzschnell hinter den Balken, und die Zähne der Ratte glitten ab.

Nichtschwimmer tauchte im Schatten unter. Kellog stürzte ihm nach. Die schwere Ratte plumpste vom Balken und gab in der Luft ein ideales Angriffsziel ab. Weiche Flügel zischten über ihren Kopf hinweg. Kellog spürte, wie die Krallen zuschlugen und seinen Rücken so tief aufrissen, daß die Wirbelsäule freilag.

Plötzlich begriff Kellog, daß er in eine Falle geraten war. »Betrogen!« kreischte er, während er blutend umhertaumelte. Er blieb auf der Seite liegen, während das Leben aus seinem Körper rann. Er wußte, er würde sterben, wußte, daß er einem ausgeklügelten Komplott zum Opfer gefallen war. Diese verdammten Waldmäuse hatten ihn der Eule als Beute ausgeliefert. Sie kannten seinen abgrundtiefen Haß, wußten, daß er jedes Risiko eingehen würde, um seinen Todfeind zu ermorden. Kellogs Augen verschleierten sich, sein Herz klopfte noch heftig, Haß brannte in ihm. Er würgte Galle hervor und wartete auf den tödlichen Schlag.