Gnadenvoll schwebte über ihm, stieß herab und schlug noch einmal zu. Diesmal riß sie Kellog die Kehle auf. Das Denken der Ratte vermischte sich mit dem Schmerz, bis beides im Nichts davonschwamm.
Von seinem Versteck aus konnte Nichtschwimmer sehen, daß die Ratte diese Welt verlassen hatte. Ihre Augen starrten glasig ins Leere. Gnadenvoll arbeitete schnell mit ihrem Schnabel, um an die Weichteile zu gelangen. Diese Ratte war eine ungewöhnlich große Beute für sie. Sie schlemmte eine Weile, und warmer Blutgeruch erfüllte die Luft. Nichtschwimmer hielt sich die ganze Zeit im Schatten. Als die Eule satt war, ließ sie den zerrissenen, blutigen Körper für die Maden liegen und flog durch ihr Loch in den Abend hinein.
Nichtschwimmer und Zaghaft liefen aufeinander zu. Die beiden Mäuse begegneten einander höflich, aber kühl. Freunde waren sie nicht und würden es auch niemals sein. Dazu waren sie zu unterschiedlich. Außerdem hätte Zaghaft gerne Töricht als Gefährtin gehabt. So etwas reichte schon aus, um Mäuse zu Feinden zu machen.
Allerdings hatte Kellog einen Fehler begangen, als er dachte, Mäuse würden einander betrügen. Sicher, eine Maus konnte eine andere hassen, doch würde sie sich niemals mit einer Ratte gegen ihresgleichen verbünden. Eine Maus blieb eine Maus und eine Ratte ein Außenseiter.
Nun brach der Pakt auseinander. Von der Leiche der Ratte aus gingen sie getrennte Wege. Bevor Nichtschwimmer zu seinem Nest lief, holte er das rote Seidenband und drapierte es über Kellogs totem Körper. Das Rot des Bandes war kaum vom Blut zu unterscheiden. Er kehrte zu seinem Weibchen zurück.
Voller Sorge erwartete sie ihn im Nest, das sich nun im Schlafzimmer eines Puppenhauses befand. Sie lief ihm entgegen. »Und?« fragte sie erleichtert.
»Geschafft«, antwortete ihr Gefährte.
Sie entdeckte das Blut an seiner Flanke. »Du bist verletzt«, sagte sie. »Laß es mich ablecken.«
»Es ist nicht schlimm«, meinte Nichtschwimmer, wehrte sich aber nicht gegen ihre Zunge. »Du solltest mal Kellog sehen.«
»Er ist also tot?«
»Ratzetot, sozusagen.«
Danach verloren sie kein Wort mehr über die Sache.
Frische Kaas
Sieben Nächte später fuhren Nacktlinge mit einem riesigen Fahrzeug vor und kamen den Weg zum Haus herauf. Sie wirkten groß und muskulös. Die Mäuse schauten zu, wie sie das Haus betraten und die Möbel aus den Zimmern räumten. Aus dem Salon und dem Wohnzimmer verschwanden die Dschungel der hölzernen Beine. Die Teppiche wurden aufgerollt, die Lampen hinausgetragen. Der Dachboden leerte sich. Die Sammlung des Kopfjägers mit den Glasbehältern, in denen Mäuse schwammen, wurde auf dem Gartenweg zerschmettert. Die Überreste verrotteten in der Sonne.
Mit der Standuhr in der Halle verschwand ein vertrautes Wahrzeichen. Nun verloren die Mäuse jegliches Zeitgefühl. Ihr ganzer Lebensrhythmus geriet durcheinander. Sie rannten zum Fenster, um nachzusehen, ob Tag oder Nacht war, ob Sonne oder Mond am Himmel standen. Ihre Verwirrung machte sie launisch, ja gereizt. Oftmals veränderte sich ihre Persönlichkeit über Nacht.
Man hatte nicht nur die Möbel, sondern auch die Reste der Nahrungsmittel mitgenommen. Manches davon warfen die Nacktlinge in den Mülleimer, doch das meiste verschwand in dem großen Wagen. Als sie schließlich abfuhren, glich das Haus wieder dem riesigen Schneckenhaus, das es einmal gewesen war.
Die Mäuse waren verblüfft, rissen sich aber zusammen, denn die Speisekammer war bisher niemals lange leer geblieben.
Den Möbeln trauerten sie nicht weiter nach, obwohl sie gern auf und unter ihnen herumgelaufen waren. Auf dem Dachboden waren mit dem Gerumpel auch zahlreiche Nester verschwunden, doch man konnte woanders neue einrichten. Die Dachbodenlandschaft, die in wenigen Tagen vom Gebirge zur Ebene geschrumpft war, erschreckte die Mäuse mit ihrer unendlichen Weite. Doch auch darüber würden sie mit der Zeit hinwegkommen, ebenso wie über den Verlust der Standuhr. Das Verschwinden der Nahrung hätte als Katastrophe gelten müssen, wäre da nicht die hundertprozentige Gewißheit gewesen, daß sich die Speisekammer wie von Zauberhand wieder füllen würde.
Manche zweifelten insgeheim an einem sofortigen Nachschub an Köstlichkeiten und glaubten an eine längere Wartezeit. »Möglicherweise«, so flüsterten sie einander zu, »werden den sieben fetten Tagen sieben magere Tage folgen.«
Astrid teilte jedem, der es wissen wollte, mit, daß die Zeit des
Überflusses für immer vorüber sei und die Tage des Darbens bevorstünden.
»Wartet nur ab«, meinte Gorm optimistisch, »bald sind die Regale wieder voll.«
Sie lungerten in der Küche herum und hofften auf das Erscheinen des Futters. An der Tür zur Speisekammer bildeten sich Schlangen. Mäuse umringten die leeren Regale und beteten um ein Wunder. Es gab einzelne, die zu dem Schöpfer beteten, die Speisekammer möge sich auf wundersame Weise wieder füllen.
Glux
Die Gelbhälse waren die größten Mäuse im Haus und benötigten daher mehr Futter als die anderen. Allerdings erwiesen sie sich meist auch als genügsamer, da sie von Natur aus bescheiden waren. Ihre Art hatte gelernt, mit dem Leben und seinen Schwierigkeiten klarzukommen. Wenn das Schicksal eine unerfreuliche Wendung nahm, zuckten sie mit den Schnurrhaaren, wackelten mit dem Schwanz und machten das Beste daraus. Vermutlich eigneten sich die Gelbhälse daher so gut für das Leben als Totenkopf. Auf ihrer soliden Lebensphilosophie konnten sie während ihrer Zeit als Wanderpriester ausgezeichnet aufbauen.
I-kucheng wurde von einigen wenigen Mäusen hochgeschätzt. Skrang war darunter und noch einige andere, die er mit seinem Urteil zufriedengestellt hatte.
Unter den Totenköpfen genoß er hingegen allgemeine Verehrung. Er hatte die Kampfkunst Ik-to, die reine Selbstverteidigung, vervollkommnet. Wenn sich Totenköpfe an seine Technik hielten, trugen sie keine schweren Verletzungen davon. Auch war er Anhänger der Selbstauslöschung, der Tilgung des Selbsts. Sein größter Schmerz bestand darin, daß sein Schüler Iban Yo, dem Gott der Finsternis und Unwissenheit, folgen und sein Gedächtnis anstatt des Selbsts auslöschen wollte.
In diesem Augenblick lag I-kucheng im Rajang-Loch auf dem Sterbebett. Bei ihm saß seine treue Kriegerpriesterin Skrang und beobachtete voller Trauer sein Dahinschwinden. Draußen vor dem Loch hielten zahlreiche Mäuse Wache. Die meisten von ihnen wollten sich jedoch lediglich versichern, daß er auch tatsächlich starb.
»Skrang«, krächzte I-kucheng und starrte dabei an die Decke, »verstehst du, dies ist ein Triumph. Der Tod bedeutet nicht Versagen, sondern Triumph.«
»Ja«, flüsterte sie. »Ich weiß. Willst du etwas beichten? Vielleicht eine Sünde aus deiner Jugend? Du solltest das tun, bevor du die Reise antrittst.«
Ihr selbst fiel nichts ein. Seit sie ihn kannte und ihm als Wächterin gedient hatte, war er ohne Sünde gewesen.
»Ich hasse diese Tapete.«
»Wie bitte?« fragte Skrang überrascht.
»Die Tapete - diese lächerlichen kleinen Rosen. Ich hasse sie«, gestand I-kucheng. »So, das war meine Beichte auf dem Sterbebett.«
»War das alles?«
»Ist das nicht schlimm genug? Etwas zu hassen, das Nacktlinge als Kunst betrachten? Ich habe damals miterlebt, wie sie das Zeug mit Bürsten und Kleber angebracht haben - der Kleber schmeckte grauenhaft. Das darf ich sagen, da ich zu dieser Zeit noch kein Totenkopf war. Ich habe die Tapete seither gehaßt, es aber bis heute verdrängt.«
»Unn wird dir deinen Fehltritt vergeben«, murmelte Skrang.