In diesem Augenblick erscholl ein Schrei aus der Menge. »Los, schneller, bring es hinter dich!«
»Was war das?« flüsterte I-kucheng. »Ein Glaubensgenosse?«
»Nichts, gar nichts«, erwiderte Skrang. »Jemand - hm - jemand hörte dich sagen, der Tod sei ein Triumph, und hat dich ermutigt.«
I-kucheng runzelte die Stirn. »Kein banaler Triumph - eine feierliche Handlung ...«
»Stimmt. Ich werde weitere Anfeuerungsrufe verbieten.«
Doch das war nicht mehr nötig, da I-kucheng die Schwelle zur Anderwelt überschritten hatte. Der letzte wahre Totenkopf lebte nicht mehr.
Als Skrang die Menge davon in Kenntnis setzte, zogen die Mäuse rasch an der Leiche vorüber. Nur wenige wirkten betroffen; sie erkannten, daß mit ihm eine Ära zu Ende gegangen war.
Skrang selbst tröstete sich mit dem Gedanken, daß der Tote in anderen weiterlebte, die er durch seine Lehren beeinflußt hatte. Sie glaubte, daß ein wenig von unserem Selbst in jeden übergeht, mit dem wir in Berührung kommen, auch wenn wir ihn nur nach einem Stückchen Käse fragen. Jenes undefinierbare Etwas, das unsere Persönlichkeit ausmacht, bleibt da, wenn wir in die Anderwelt hinübergehen. Manchmal ist dieses Etwas groß und stark, etwa wenn die verstorbene Maus ein guter Freund oder Verwandter war, manchmal auch winzig klein. Die Toten leben in den Lebenden weiter und bilden noch immer einen Teil des großen Mäusevolkes, das die Welt bevölkert.
Vestgötaöst
Im Haus herrschte eine schreckliche Hungersnot. Die Stämme durchlitten die schlimmsten Stunden ihres Lebens. Es gab kein Zusammengehörigkeitsgefühl mehr, keine Bruder- oder Schwesternschaft, kein Empfinden, daß man zur selben Gruppe gehörte.
Einige Paare blieben noch zusammen, doch in den meisten Fällen kämpfte jede Maus für sich allein gegen den Hungertod.
Niemand konnte sich erinnern, daß je eine ähnliche Verzweiflung geherrscht hatte. Käse war nicht nur rationiert, sondern überhaupt nicht vorhanden. Fast alle Mäuse standen kurz vor dem Verhungern und verfielen beinahe dem Wahnsinn.
Das Haus hatte seinen harmonischen Rhythmus, den Einklang mit seinen Bewohnern verloren. Da es stets unabhängig von den Einflüssen der Natur bestanden hatte, entwickelte sich die Disharmonie zu einem Strudel, aus dem es anscheinend kein Entrinnen gab.
Astrids Prophezeiung hatte sich erfüllt, doch niemand dachte daran, ihr zu gratulieren. Sie aber ließ niemals ein »Ich habe es euch ja gesagt« über ihre Lippen kommen.
Selbst die Speisekammer hatte ihre überirdischen Eigenschaften verloren. Sie galt nicht mehr als göttlich oder himmlisch, quoll auch nicht mehr über, sondern hatte sich zu einem verlassenen Ort entwickelt. Er enthielt keine geheiligten Fleischplatten mehr, keine Kuchenteller mit herrlichen Krusten, keine vollen Servierbretter aus Marmor. Der Raum war so leer, daß die Stimme darin widerhallte. Selbst die Ameisen hatten sich verzogen. In diesem Tempel geschahen keine Wunder mehr.
Die Mäuse erlebten eine Zeit des Unglücks. Sie kämpften um jeden Krümel. Manche wagten sich in den Garten und suchten dort, zu Stones Freude, nach Futter. Doch sie konnten im Konkurrenzkampf mit Feldmäusen, Wühlmäusen, Spitzmäusen und anderen Wildtieren kaum bestehen. Ihnen erging es nicht viel besser als ihren Artgenossen, die im Haus geblieben waren.
Jago, der sein Leben lang für den Verzehr von Büchern geworben hatte, kaute nun an Stromkabeln. Natürlich ging es dabei nicht mehr um Sabotage, sondern ums nackte Überleben.
»Du bringst dich noch um«, bemerkte Wisperer. »Dieses Gummizeug verklebt deine Därme, und du erleidest einen qualvollen Tod.«
»Ich bin süchtig danach«, gestand Jago. »Ich habe während der Vertreibung der Nacktlinge so lange Kabel beknabbert, daß ich Geschmack daran gefunden habe. Die Nacktlinge haben alle Bücher mitgenommen. Wenn es in der Speisekammer Futter gäbe, könnte ich vielleicht davon loskommen, aber so .«
Zwei Stunden später befand sich Jago in einem fürchterlichen Zustand. Von Schmerzen gepeinigt wälzte er sich am Boden. Wie durch ein Wunder überlebte er die nächsten vierundzwanzig Stunden. Danach schwor er, nie wieder Stromkabel zu fressen. Kurz darauf holte ihn die Sucht ein, und er knabberte winzige Gummibröckchen, die ihm kurz nach dem Verzehr schwere Übelkeit bescherten.
Bald gehörte er zu jenen Mäusen, die sich in dunklen Ecken herumdrückten, war ständig gereizt und wies alle Versuche zurück, aus ihm wieder den vertrauten freundlichen Zeitgenossen zu machen.
Grimmig, der immer gerecht und überaus ehrlich gewesen war, stieß beim Eingang zu Tunnelgräberins Labyrinth auf einen Nußvorrat. Irgendein Eichhörnchen hatte das Futter dort versteckt und anscheinend vergessen. Er erzählte niemand von seiner Entdeckung. Erst Tunnelgräberin berichtete den anderen Mäusen von ihrem Verdacht, nachdem sie ihren Tribut in Nüssen erhalten hatte. Alle rannten hin und bedienten sich. Die Neuigkeit drang bis zu den Feldmäusen im Garten vor, so daß schließlich der gesamte Vorrat geplündert wurde. Grimmig selbst bezog im Gedränge schwere Prügel.
Derartige Zwischenfälle zeugten von der Anarchie, die nach der Vertreibung der Nacktlinge Einzug gehalten hatte.
Das Haus glich einem riesigen Grab, die Speisekammer einer leeren Gruft, in der die Schreie hungernder Mäuse widerhallten. Sie nagten an den Bodendielen, fraßen ihre Nester - und wenn sie schnelle Esser waren, fielen sie auch über die Nester der anderen her. Es gab Gerüchte von unaussprechlichen Greueltaten, die mit den zerschmetterten Flaschen des Kopfjägers und deren konservierten Insassen zu tun hatten. Sie waren zu schrecklich, als daß sie in die Annalen der Mäusehistorie eingehen dürften. Die Mitglieder der Stämme verwandelten sich in umherstreifende Gespenster, mager und ausgemergelt, unter deren Fell sich die Rippen abzeichneten. Das Haus kümmerte sich nicht um ihr Leid. Es war nur ein totes, kaltes Gebilde.
Überraschend und verdächtig zugleich erschien die Tatsache, daß Furz und Fusel noch immer runde Bäuche aufwiesen. Allerdings erregte nicht nur ihre Körperfülle Argwohn, sie beklagten sich auch nie über den Nahrungsmangel. Als Thorkils Dreibein sie deswegen zur Rede stellte, rief Fuseclass="underline" »Wir haben doch aufgetriebene Bäuche, oder nicht? Ich meine, wir haben genau so Hunger wie alle andern. Sogar schlimmer. Nur haben wir ein bißchen Haltung, Fusel und ich. Jammern nicht so herum. Wir sind halt Stoiker ...«
»Stoiker?« brüllte Thorkils. »Was zum Teufel ist das denn?«
»Wir sind stoisch«, erklärte Fusel. »Noch nie gehört? Heißt, daß wir vieles einstecken, kapiert?«
»Wirklich? Na ja, da ihr anscheinend kein Krümelchen besitzt, werden wir euch im Keller einen Besuch abstatten und sehen, wie wir euch unter die Arme greifen können. Der Gedanke, ihr könntet kurz vor dem Verhungern stehen, bereitet mir schlaflose Nächte.«
»Ist nicht nötig«, meinte Furz rasch. »Wir tragen unsre Last stoisch mit uns herum. Braucht euch keine Sorgen zu machen.«
Die Wilden und die 13-K suchten den Keller systematisch ab und entdeckten in einem leeren Weinfaß einen Sack Kartoffeln. Gorm und seine Truppe stellten die Kellermäuse zur Rede, die energisch abstritten, davon gewußt zu haben.
»Wir sind am Verhungern und haben Kartoffeln in unserem eigenen Keller!«
Trödler betrachtete bekümmert das Auseinanderbrechen der Mäusegesellschaft. Er spielte mit dem Gedanken, das Haus zu verlassen, und sprach mit Leichtfuß darüber. Sie fand die Idee zwar verlockend, doch der Winter stand vor der Tür.
»Ich habe noch nie im Winter draußen gelebt«, sagte sie. »Ich kenne keinen Winter, da ich im Frühling geboren wurde, aber ich spüre die Kälte in der Luft. Obwohl die Heizung nicht mehr läuft, ist es im Haus wärmer als draußen. Tut mir leid, du hältst mich bestimmt für verweichlicht.«
Trödler beschwichtigte sie und log ihr vor, er bleibe ohnehin lieber im Haus. In Wirklichkeit sehnte er sich nach der Hecke. Inzwischen war er zweihundertneunzig Nächte alt - eine Maus mittleren Alters - und wollte zu seinen Wurzeln zurückkehren. Nachdem er beinahe einen ganzen Winter in der Hecke überlebt hatte, würde er auch einen zweiten durchstehen. Schließlich verfügte er über ganz neue Erfahrungen. Doch der Gedanke, sich von Leichtfuß zu trennen und sie einem Ungewissen Schicksal zu überlassen, war unerträglich. Viele Mäuse hätten ihn dafür ausgelacht, da sie keiner Gefährtin sonderlich treu waren, doch einige wenige Männchen blieben bei einem einzigen Weibchen. Es handelte sich nicht um eine lebenslange Partnerschaft, wie Tauben sie eingingen, die ihrem Partner treu bis zum Tod waren, doch manche Mäuse wünschten sich einfach ein wenig Beständigkeit.