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»Ja«, knurrte Gorm, ohne zu zögern.

Limburger

Die Mäuse rückten mit grimmig entschlossenen Mienen näher. Viele von ihnen hatten schon lange darauf gewartet, sich an dem verhaßten Haustier des Kopfjägers zu rächen, dessen Kannibalismus die Stämme seit Generationen im Empörung versetzte. Es schien einfach nicht gerecht, daß es so viel länger lebte als anständige Mäuse. Sie wollten sein Leben hier und jetzt beenden.

»Eine herrliche Nacht, ihr Süßen«, rief der Kleine Prinz mit schriller, nervöser Stimme, während sie ihn immer enger umkreisten. »Stellt euch einfach vor, ihr wärt in eurer hübschen Küche oder auf dem Dachboden mit dem wunderbaren Gerumpel oder zwischen den Büchern eurer Bibliothek ... Vorsicht, kommt mir nicht zu nahe; ihr solltet mich nicht unterschätzen.«

»Halt!« schrie Trödler und stellte sich schützend vor den Kleinen Prinzen. »Ich will nicht, daß unsere Expedition mit dem Blut eines Artgenossen besudelt wird.«

»Eines Artgenossen?« ereiferte sich Furz. »Er ist bloß eine Nacktlingspuppe, nicht wahr?«

»Er ist eine Maus«, antwortete Trödler fest.

»Dann ist er bald eine tote Maus«, knurrte Thorkils Dreibein.

»Dann nehmt mich zuerst«, erwiderte Trödler. »Ich werde keinen Widerstand leisten.« Er machte eine Gebärde der Unterwerfung. »Tötet mich. Laßt die weiße Maus leben und nehmt mich statt ihrer.«

»Nein!« schrie Leichtfuß.

»Du bist total bekloppt«, meinte Furz.

»Bescheuert«, fügte Nichtschwimmer hinzu.

»Vollkommen durchgedreht«, bestätigte Marredud.

Gorm der Alte wandte sich überraschend mit einer Rede an die Mäuse. »Schaut euch um«, grollte er, »seht euch nur um.«

Die Mäuse gehorchten. Sie blickten zur großen, dunklen Himmelsglocke empor, die sich unermeßlich und unerreichbar über ihnen wölbte. Sie richteten sich auf den Hinterbeinen auf, so daß ihre Köpfe gerade über das Gras schauten. Die Felder dehnten sich unendlich weit aus. Über ihnen ein schwarzer Ozean, um sie herum ein Meer von Gras. Der Anblick ließ sie erschauern.

»Ganz schön furchterregend«, meinte Gorm. »Ich gebe es gerne zu. Nicht ein Haus in Sicht - gar nichts. Ich habe keine Ahnung, wo wir sind. Ich würde auch den Rückweg nicht mehr finden . Tut mir leid, wir können Trödler nicht töten. Er ist zu wichtig. Folglich können wir auch den Kleinen Prinzen nicht töten, da Trödler ihn um jeden Preis beschützen will.«

»Ich will einfach keine unnötigen Verluste auf diesem Marsch«, erklärte Trödler. »Wir werden auch so genügend Mäuse verlieren. Fusel hat es bereits erwischt.«

Bei diesen Worten schluchzte Furz leise.

»Der Kleine Prinz hat seinen Wert bewiesen«, fuhr Trödler fort. »Ich vermute, wir werden ihn noch öfter brauchen. Versucht, seine furchtbare Vergangenheit zu vergessen, die auch ich zutiefst bedaure. Er ist klüger als einer von uns - und er hat Mut. Solche Eigenschaften werden wir brauchen, um zu überleben. Wir sind nicht Genies, das müßt ihr zugeben. Vielleicht schlau und trickreich, aber nicht wirklich klug . Der Kleine Prinz hat mir versichert, daß er ein neues Leben angefangen hat. Ich glaube ihm. Aber da ist noch etwas. Die Stimmen meiner Vorfahren sagen mir, daß eine weiße Maus Großes vollbringen und von uns verehrt werden wird. Der Kleine Prinz ist die einzige weiße Maus, die ich kenne.«

Der Kleine Prinz ergriff die Gelegenheit und wandte sich an die Menge. »Ja, wahrlich, ich sage euch, wenn ich jemals wieder einer Maus ein Leid zufüge, werde ich mich züchtigen und strafen, bis ich nicht mehr unter den Lebenden weile, und das ist die reine Wahrheit. Sollte eine Maus in Bedrängnis geraten, werde ich ihr zu Hilfe eilen. Sollte eine Maus schwer geprüft werden, werde ich ihr Trost spenden. Sollte eine Maus hungrig sein, werde ich selbst nicht essen, um ihren Magen zu füllen. Ich opfere mich für die Mausheit.«

»Was sagt er?« fragte Gorm.

»Er sagt, er wird so gut sein, wie sein Fell weiß ist«, erläuterte Frych.

»Das will ich ihm auch geraten haben«, knurrte Gorm.

Trödler übernahm wieder die Führung. »So, wir wandern jetzt zu der Hecke. Wenn wir sie nicht vor Einbruch der Dämmerung erreichen, haben wir ein Problem. Los!«

Und wieder setzten sie sich in Marsch. Jarl Gabelbart stieß den Kleinen Prinzen zwar in den Rücken und sagte: »Dich kriegen wir noch«, doch die weiße Maus durfte weiterleben. Ihr Leben verdankte sie Trödler.

Kurz vor der Dämmerung hatten sie die Hecke erreicht. Dort gebar Leichtfuß fünf Junge. Nicht einmal Trödler hatte sie von ihrer Schwangerschaft erzählt; der war in den vergangenen Nächten viel zu beschäftigt gewesen, um ihren schwellenden Bauch zu bemerken.

»Warum hast du mir nichts davon gesagt?« fragte er vorwurfsvoll.

»Weil es dich abgelenkt hätte«, sagte sie leise. »Im Haus herrschte Anarchie, dann mußtest du die Expedition planen. Es waren hektische Zeiten. Du solltest nicht nur an mich denken, da doch das Schicksal der Nation auf dem Spiel stand.«

»Aber - wieso hast du jetzt geworfen? Ausgerechnet im Winter.«

»Mäuse, die in Häusern leben, achten nicht weiter auf die Jahreszeiten.«

»Das solltet ihr aber.«

Vermutlich hatte er recht damit, denn alle Jungen bis auf eines starben in dieser Nacht. Schließlich hatte dessen Mutter während der Schwangerschaft gehungert und war dann wie eine Wilde marschiert. Doch Trödler und Leichtfuß waren dankbar, daß wenigstens dieses eine Junge überlebte.

Es war ein Weibchen und erhielt den Namen Gypsy. Leichtfuß erklärte, nach ein paar Stunden Rast könne sie Gypsy in der Schnauze tragen.

Der Rest der Nation war so müde, daß die Mäuse mehrere Stunden schliefen. Leichtfuß konnte während dieser Zeit neue Kraft sammeln. Frych die Gefleckte kam als erfahrene Mutter zu ihr und kümmerte sich um das Junge. Sie half Leichtfuß voller Freude, das Kleine abzulecken. Danach lief sie zu Hywel dem Bösen und schlug ihm vor, im ersten besten Haus ein gemeinsames Nest zu beziehen.

Insgeheim war Trödler froh, daß Gypsy ausgerechnet in einer Hecke zur Welt gekommen war, da er ja selbst von einem solchen Ort stammte. Auch wenn seine Tochter später in einem Haus lebte, hatte sie zumindest diese eine Verbindung zur Welt ihres Vaters. Trödler war glücklich, wieder in einer Hecke zu sein, auch wenn es sich nicht um seine handelte.

Hier kannte er niemand, doch vertraute Gerüche drangen ihm in die Nase, Gerüche von Geflecktem Aronstab, großen schwärzen Schnecken, Totengräberkäfern, Primeln, Kaninchendung, Schneckenspuren und einer Vielzahl anderer wacher und ruhender Pflanzen und Tiere. Als er die Augen schloß, saß er wieder mit Tinker und Diddycoy - ob letzterer wohl noch lebte? - in der Astgabel unter dem Nest der Drossel und fühlte sich eins mit Zweig und Blatt.

Und doch wußte er, daß er bald die Augen öffnen und seine Mäuse weiter durch die Wildnis führen mußte auf der entbehrungsreichen Suche nach einem neuen Haus, in dem die Stämme eine neue Gesellschaft aufbauen konnten.

Troo

Sie wanderten viele, viele Stunden, und die Pausen wurden immer kürzer. Es ging über Stock und Stein, über kahle, hartgefrorene Felder, durch vereiste Gebiete, in denen es kaum etwas zu fressen gab. Trödler mied die Straßen der Nacktlinge und folgte seinem eigenen Weg. Jedenfalls kam es den anderen Mäusen so vor, da sie die Stimmen der Vorfahren, die ihren Anführer leiteten, nicht hören konnten.

Die Reise wurde immer beschwerlicher. In der dritten Nacht stießen sie auf eine riesige Grasfläche, die von einem hohen Zaun umgeben war. Der Zaun bildete kein Problem, da die Mäuse einfach hindurchschlüpfen konnten. Hinter dem Gras ragte ein ungeheures Bauwerk empor, wie es nicht einmal die Buchfresser kannten. Es erstreckte sich beinahe bis zum Himmel hinauf, und seine Größe flößte den Mäusen Angst ein.