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Alles wird syndikalisiert, dachte er, blätterte weiter in der Tageszeitung, schaute aus dem Fenster, die Strecke verlief in einem weiten Bogen um den See herum, er sah die Häuser und Villen der Vororte der Stadt, dabei schien es ihm, dass sie schon mindestens eine halbe Stunde fuhren, aber als er auf seine Glashütte blickte, sah er, dass es erst zwölf Minuten waren, er schaute dann nochmal auf sein Handy, da seine Glashütte angefangen hatte nachzugehen, erst ein, zwei Minuten, jetzt musste er jeden Morgen die Zeit korrigieren, er sah den See hinter den Bäumen, hinter den Häusern, irgendwo dort wohnte AK, und in der Nähe der berühmte Maler, dessen Bilder so viel wert waren und dessen Ausstellung im großen Museum er zusammen mit AK besucht hatte, wann war das gewesen, vor zwei Jahren? Er hatte oft überlegt, auch in diesen Vorort zu ziehen, wo die Reichen und Berühmten und die Bürger und die Politik wohnten, der ehemalige Oberbulle ja auch, ganz in der Nähe von AK. Aber Hans hatte andere Optionen. Und während der See aus seinem Blickfeld verschwand und das flache Land immer hügeliger wurde, versuchte er, sich an die Kartelltheorie zu erinnern, die ihm AK einmal erklärt hatte, oder war das der olle Graf? weil doch, und das war das Einzige, an das er sich jetzt erinnerte, während er langsam wegdämmerte, die Zeitung auf den Knien, weil es doch gar nicht so sehr die negative Bedeutung verdient, das Wort» Kartell«, weil es doch eine Übereinkunft von Regeln war, im Mittelalter, die alten Ritter, the last of the independents, die negativen Auswirkungen der Konkurrenzlosigkeit auf den Markt …

Er blickte aus dem Fenster, sah weite Felder, noch kahl im beginnenden Frühjahr, grüne Flecken dazwischen, Wälder, kleine Häuser und Gehöfte, wie in Brandenburg, dachte er, die Gegend um die Stahlstadt, entlang der Grenze, der Himmel wolkenbedeckt und ein Dämmerlicht über dem Land, als würde ein Regen aufziehen, und dann sah er auch den dunkelblauen Horizont im anderen Fenster gegenüber. Ein junges Mädchen saß dort, einen Kopfhörer über den blonden Haaren, sie bewegte die Lippen und beachtete ihn gar nicht, als er sie musterte. Der Schaffner musste ihn schon kontrolliert haben, denn er lief an ihm vorbei, blickte kurz zu ihm runter und nickte. Der Mann aus Berlin wusste nicht, dass er seinen Führerschein verloren hatte, wegen einer kleinen Delle und null Komma neun. Es war doch für beide am unauffälligsten, mit dem Zug zu reisen, keine Schatten, keine Kennzeichen, und kein Mensch würde vermuten, dass Verhandlungen auf dem Bahnhof der kleinen Stadt G. und in der kleinen Stadt G. am Arsch der Welt geführt wurden, wo es den längsten Bahnsteig Deutschlands gab, was aber nur Eisenbahnfreaks und Dauerpendler wussten, und wo Hans seit einiger Zeit eine Immobilie im Auge hatte, eine alte Villa, die Schlüssel hatte er einstecken, ein uralter Groß- oder Urgroßcousin von ihm wollte die Hütte verkaufen. Das erste Mal war er mit dem Auto nach G. gefahren, um sich mit dem Alten zu treffen, von dem er sich gar nicht sicher war, ob er wirklich mit ihm verwandt war, aber der kannte seinen Vater und war mit ihm verstritten und erzählte allerlei Geschichten über seine Urgroßmutter, an die konnte er sich erinnern; als er Kind war, in der Stahlstadt, haben sie sie ein paarmal in einem Nachbardorf besucht; auf dem Rückweg aus G. ist er in diesen Penner und seinen Skoda reingerutscht, ein sehr glatter Dezember, keine Chance, das mal eben unter der Hand zu regeln, Dann ruf eben die Bullen, Arschloch!, er hätte ihn wegdreschen und abhauen sollen, die Karre sofort nach Polen verkaufen …, aber er hatte keinen Bock mehr auf diesen ganzen Stress. Nun saß er also in der Eisenbahn, trank seinen Kaffee, schaute aus dem Fenster oder blätterte in seinen Zeitungen. Weit konnte es nicht mehr sein. Zeugin erhebt schwere Vorwürfe.

Er hatte erst den Sportteil gelesen, Red Bull, Bundesliga, ein sehr interessanter Artikel über Snooker, diesen Billardsport, in dem er sich immer schonmal versuchen wollte, schließlich war er ja mal ein ganz guter Pool-Spieler gewesen, und als er den vorderen Teil mit Politik und den neuesten Nachrichten aus dem großen Sachsenland durchblätterte und überflog, blieb er bei dem kleinen Artikel hängen. In Klammern stand» dpa «unter der Überschrift.»Die Hauptzeugin in der sogenannten Akten-Affäre hat gestern schwere Vorwürfe gegen Vorgesetzte aus dem Landesamt für Verfassungsschutz erhoben. So seien nach Bekanntwerden der Anschuldigungen wesentliche Akten über den Fall verschwunden.«

Er hatte von dieser Sache gehört. Üble Geschichte. Die jetzt hochkochte, während in der Stadt sich die Dinge zuspitzten, die Invasoren rückten langsam vor, April zweitausendneun. Ein paar Bekannte hatten ihn gefragt, was er denn davon wisse. Nichts! Was habe ich mit diesem Dreck zu tun? Er wusste, dass AK einmal ein paar Russinnen hatte hochgehen lassen, weil die miese Geschäfte mit jungen Mädchen und Minderjährigen aus Russland machten, nicht weit von einigen Objekten, die AK vermietete. Eine Dreckversicherung gab es leider nicht. Aber das, was er las, war ein ganz anderer Dreck. Die Sümpfe sind unergründlich.»Konkret listete die Juristin XXX Berichte über Treffen mit Quellen des Geheimdienstes sowie Aussagen von sieben verschiedenen Auskunftspersonen auf. Sie hätten unter anderem Hinweise darauf erhalten, dass Kinder aus Osteuropa zum sexuellen Missbrauch nach XXX gebracht werden sollten. Auch Informationen über korrupte Polizisten und sexuelle Neigungen von Justizbeamten hätten sich in den Quellenberichten befunden.«

Manchmal konnte er diesen ganzen Scheiß nicht wirklich glauben. Als wär’s ein übler Film, Verschwörungen, 8 Millimeter. Aber er wusste, dass vor fünfzehn Jahren, er war damals gerade in die Stadt gekommen, ein ähnlicher Dreck durch den Untergrund schwappte. Richter, Staatsanwälte, Bullen, die geil auf junges Fleisch waren. Die Geschäftsmänner, die an die Aktie Rot glaubten, hatten wohl dazu beigetragen, dass diese Schweine verschwanden. Und die Legende flüsterte, dass AK irgendwie an Fotos der Drecksäue gekommen war … Er schüttelte sich. Shut up, alter Mann. Er kannte genug Leute von der Straßenbrigade, die trugen hin und wieder T-Shirts» Todesstrafe für Kinderschänder«, und die hätten alles gegeben, um solche Menschen, das war ja das Problem, mit den Menschen, in die Finger zu bekommen.

Er fuhr durch eine schöne Landschaft. Wäre er in seinem alten BMW angereist (da machten sie sich schon lustig, dass er immer noch diese Karre fuhr, die fast ein Oldtimer war), hätte er den Blick auf die sächsischen Wälder, die jetzt schon thüringische Wälder sein mussten, den Blick auf die Felder, auf denen der Nebel stand am Horizont, vom Licht durchdrungen, hätte den Blick auf die kleinen Seen, die plötzlich auf Waldlichtungen auftauchten, die Flüsse, die Hänge, die sich auf beiden Seiten der Strecke erhoben und wieder abflachten …, hätte all das nicht in aller Ruhe genießen können. Was für eine Ruhe. Er war schon immer gerne Zug gefahren, knüllte die Zeitung zusammen und erinnerte sich, wie er einmal, vor wenigen Jahren erst, die Idee gehabt hatte, das Land, also das ganze Land, mit dem Zug kennenzulernen.

Er stand schon seit fünf Minuten mit zugeknöpftem Mantel an der Tür, als der Zug endlich und quietschend hielt. Nein, er hatte still und langsam gestoppt. Das langgezogene Quietschen war nur in seiner Erinnerung, Züge in der Zone, schmutzige Züge auf dem Bahnhof der Grenzstadt, grüne Kunstlederbezüge bei der Einfahrt in den Ostbahnhof, wir hielten uns die Ohren zu …

«Willkommen auf dem längsten Bahnsteig Deutschlands«. Er blickte auf das Schild, diesen Satz, diesen Gruß unterhalb des Namens des Städtchens G., hörte, wie sich die Türen hinter ihm mit mehreren Pieptönen und dann einem Knall schlossen, hörte, wie der Zug wieder Fahrt aufnahm, spürte den Wind im Rücken, am Mantel, blickte sich dann um. Mit ihm waren nur drei oder vier Reisende ausgestiegen, die jetzt schon ein ganzes Stück weit gelaufen waren, dort musste also die Unterführung sein, Richtung Stadt. Auf dem Gleis gegenüber stand ein anderer Zug. Verdammt nochmal, der Bahnsteig war wirklich lang. Er war ja vorher immer mit dem Auto angereist, also das eine Mal, als er die alte Villa besichtigen wollte.