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Der Bahnsteig war überdacht und zog sich in beide Richtungen scheinbar endlos hin. Das musste mindestens ein Kilometer sein. Den verschwundenen Zug im Rücken, blickte Hans auf eine Böschung hinter den Gleisen, der Bahnsteig war so lang, dass der andere Zug weit weg stand, Hans blickte auf den letzten Wagen, dann wieder auf die Böschung, sah die blaue Brücke mit dem geschwungenen blauen Bogen, der sich hoch über die Gleise wölbte, der Bahnsteig schien unter dieser Brücke erst zu enden. In die eine Richtung. In der anderen Richtung, aus der er gekommen war …, er hatte immer gewusst, dass er langsam eine Brille benötigte.

«Herr Pieszek?«

«Ja?«

Vor ihm stand ein Mann, der trug einen grauen Armeeparka und unter dem Parka einen Anzug, ohne Schlips. Und eine Brille, randlos.

«Entschuldigen Sie, Sie sind doch Herr Pieszek?«

«Ja, das bin ich, entschuldigen Sie.«

«Sie müssen nichts entschuldigen. Wohl überwältigt von der Aussicht.«

«Das kann man so sagen. Willkommen auf dem längsten Bahnsteig Deutschlands.«

Der Mann lächelte kurz, schaute sich um, und dann gaben sie sich die Hand. Sie hielten beide ihre Lederhandschuhe in der Linken.

«Respekt vor der Wahl des Opernhauses, Herr Pieszek.«

«Wie …«

«Nur ein kleiner Scherz. «Sie schüttelten sich noch immer die Hände, musterten sich. Der Mann musste um die sechzig sein. Graue, fast schon weiße Haare, er setzte eine Wollmütze auf.

«Ein frischer Wind im Osten.«

«Obwohl das hier eher südlich ist«, sagte Hans. Er ließ die Hand los und zog sich seine Handschuhe über.»Frisch ans Werk?«, sagte der andere.

«In aller Ruhe«, sagte Hans,»in aller Ruhe. «Der Zug, aus dem der Mann wahrscheinlich gestiegen war, fuhr jetzt ab.

«Entschuldigen Sie«, sagte der Mann,»Fischer mein Name.«

«Freut mich, Herr Fischer. Wir sollten uns für nichts mehr entschuldigen heute. Direkt aus Berlin?«

«Via Göttingen. «Er wies dem abfahrenden Zug hinterher.

«War eine lange Fahrt?«Sie gingen ein paar Schritte, der Bahnsteig war jetzt menschenleer. Hans strich sich mit dem ledernen Handschuh über den Kopf und wusste nicht, was er weiter noch sagen sollte im Moment.

«Ach«, sagte der Mann, der Herr Fischer hieß,»Zeit zum Nachdenken. Hatten Sie denn eine gute Fahrt?«

«Im Vergleich war’s doch ’n Katzensprung«, sagte Hans.

«Ja«, sagte Herr Fischer,»wir machen ja auch, wenn ich das so sagen darf, den größeren Sprung. Hierher. Zu Ihnen. In diese kleine Stadt …«

«Die keine Rolle spielt«, sagte Hans. Sie standen neben einem hölzernen braunen Flachbau. Die Fenster vernagelt mit Brettern. Das Holz verwittert. Treppen hinab zur Unterführung, in den Untergrund. Auf der anderen Seite dieses Loches im Bahnsteig, denn mehr war es nicht, in das die Treppen führten, ein weiterer, fast identischer hellbrauner Flachbau, wie der erste mit Brettern vernagelt. Sie standen direkt vor dem Loch und den Treppen, zwischen den beiden hölzernen Bauten. Auf dem Bahnsteig. Auf dem Tausende Menschen Platz gefunden hätten.

«Möchten Sie, dass wir hier reden?«, fragte Herr Fischer und zeigte mit seiner immer noch nackten rechten Hand auf eine Gruppe von Bänken, weit hinter dem zweiten Holzgebäude. Vor den Bänken war eine Scheibe, auf der flatterten unbeweglich schwarze Vögel.

«Wir möchten doch stilvoll über all die Dinge reden«, sagte Hans und wies auf die Treppen, die vor ihnen in die Tiefe führten.

«Nun, das möchten wir«, sagte Herr Fischer, nahm seine randlose Brille ab, hielt sie ein Stück von sich weg und blickte durch die Gläser auf das Willkommensschild,»mit einem hatten Sie ja recht, wir sind hier so ungestört wie nirgends.«

«Und alles andere«, sagte Hans und ging die ersten Treppenstufen runter,»alles andere wird sich finden, da bin ich guter Dinge. «Und er hörte, wie Herr Fischer hinter ihm die steinernen Treppen hinabstieg.

Dann standen sie auf der blauen Brücke, mit dem großen blauen, geschwungenen Bogen hoch über dem Geländer, und blickten auf den Bahnsteig, auf dem sie eben noch gestanden und sich begrüßt hatten.

«’ne kleine, ruhige Stadt«, sagte Hans.»Da drüben«, er zeigte auf die Gebäude einer verfallenen Fabrik, die vor einem kleinen Berghang standen,»das war mal ’n florierender Betrieb. Alte Tradition. «Eins der Gebäude ähnelte einer Kuppelhalle, aus der Kuppel ragten zwei kleine Schornsteine, auf einem hohen ziegelroten und schwarz verwitterten Rechteck ruhte ein grünes dreieckiges Spitzdach, das in die tiefhängenden Wolken zu stechen schien, Systeme aus verrosteten Rohrleitungen verbanden die Ansammlung von Trümmern, zerfallenen Türmchen.

Hans dachte daran, wie er sich am Morgen noch vorgestellt hatte, sie würden das Geschäft gleich auf dem Bahnsteig abwickeln, auf und ab laufen dabei, verstummen, wenn Menschen aus Zügen stiegen, oder an einen anderen Ort dieses endlosen Bahnsteigs gehen, wenn Menschen zu penetrant auf Züge warten würden … Aber weder er noch dieser Fischer würden etwas überstürzen. Zu viel stand auf dem Spiel. Aber eigentlich war alles ganz einfach.

«Und was haben die da gemacht, ich meine: hergestellt?«Herr Fischer nestelte eine zerknüllte Tüte Krügerol-Halsbonbons aus der Brusttasche seiner Militärjacke. Er nahm eins raus, schob es sich in den Mund hielt Hans die Tüte hin.»Aber gerne doch, gute alte Ostware. «Er nahm ein Bonbon, lutschte eine Weile, bevor er sagte:»Malz.«

«Malz? Eine Malzfabrik. Florierendes Geschäft, was?«

«Malz wurde früher überall gebraucht. Von hier fuhren die Güterwaggons ins ganze Land. Planwirtschaft, Herr Anwalt.«

«Herr Anwalt?«

«Der linke Anwalt, der mal die Welt verbessern …«

«Für die Utopien sind Sie doch zuständig.«

«Utopien. Habe ich als Kind gerne gelesen.«

«Wichtig ist, dass wir die neue Geschichte schreiben. «Der Anwalt spuckte sein halbgelutschtes Bonbon auf den Fußweg, drehte sich zu Hans und lächelte.»Der Weg nach Japan

«Der Weg nach Japan«, Hans nickte.»Wir sollten irgendwo in Ruhe einen Kaffee trinken, bevor wir über Fahrpläne und Tarife diskutieren.«

Und während sie die Brücke verließen, Richtung Innenstadt gingen, vorbei an der Villa, zu der Hans den Schlüssel besaß, vorbei an einem kleinen Laden für Modelleisenbahnzubehör, begann der Anwalt, Hans zu nerven, ernsthaft zu nerven, so dass er sich mehrfach zu ihm drehte,»Ja, ja, der berühmte Hans …«, ihn musterte und zu verstehen versuchte, was, verdammt nochmal, vor sich ging, hier in der Stadt des längsten Bahnsteigs des Landes, der sie immer weiter Richtung Zentrum führte, zum Herzen, zum Ursprung, zum Ziel, und Hans rauchte zwei Zigaretten, um sich zu beruhigen, auf dem Weg zum Marktplatz, wo es eine Bäckerei mit Café gab. Vielleicht ’ne Art Test, dachte er. Wolkenfetzen trieben grau über ihnen.

«Und Sie sind also ein ganzer, harter Kerl?«

«Was soll ’n der Scheiß?«

«Früher in Berlin aktiv gewesen, Brigade Fußball, Brigade Knochenbrecher …«

«Und Sie, immer schön die Hand aufgehalten?«

«Geschäfte, lieber Hans, Geschäfte …«

«Ich wusste nicht, dass wir uns duzen.«

«Ich dachte, das sei in Ihren Kreisen so üblich. Und früher sowieso. Das Du der Nacht und das Du der Genossen …«

«Verdammte Spielchen!«Hans blieb stehen, zeigte mit seiner Zigarette auf das Gesicht des Anwalts, brachte die Glut so dicht an dessen Mund, an dessen Nase, dass ein dünner Rauchfaden sich zwischen die grauen Haare des Anwalts zog. Schweigend blickten sie sich an, Hans öffnete mehrmals den Mund, holte Luft, setzte an, schüttelte den Kopf und glaubte dann zu sehen, wie ein kurzes Lächeln die Mundwinkel des Anwalts bewegte, er sah das Lächeln auch in den Augen des Anwalts Fischer, wenn das wirklich sein richtiger Name war, aber auch das spielte keine Rolle.