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«Nehmen Sie’s mir nicht übel, Herr Pieczek …«

«Sie erzählen die Scheiße, nicht ich. Was soll’n das plötzlich? Sie können den ganzen lieben langen Tag lang Scheiße erzählen, wenn Sie das so gewohnt sind, aus Ihren Kreisen. Ich kann warten, bis Sie zur Sache kommen. «Er schnippte die Zigarette, die er immer noch in der ausgestreckten Hand gehalten hatte, am Kopf des Anwalts vorbei. Und der Anwalt lächelte wirklich. Er öffnete den Mund und lachte kurz.»Vulgär, vulgär. Sind Sie unser Mann?«

«Nein. Ich habe nur die Passage nach Japan. Sicher und diskret und mit sauberen Kohlen. Vulgär, vulgär.«

Da standen sie schon wieder auf einer Brücke, einer weitaus kleineren diesmal, und schauten auf das schäumende Wasser eines Flüsschens.»Zu einem heißen Kaffee komme ich wohl heute gar nicht mehr«, sagte der Anwalt.

«Kaffee«, sagte Hans, blickte aufs Wasser und fragte sich, wie AK wohl mit der Situation umgegangen wäre. In den Fluss geschmissen und geschaut, wie er zappelt.»Ach, hör doch auf …«

«Was?«

«Nichts. Ich glaube, ich brauche auch dringend einen Kaffee.«

Und Hans schaute auf das schäumende Wasser des kleinen Flüsschens P., das sich zurück durch die Hügel und Berge schlängelte, Dörfer und kleine Städte querte, in eine Talsperre floss, in der das Wasser schwarz lag, auf der anderen Seite die Talsperre wieder verließ, an den großen Seen der großen Stadt vorbeifloss; lange Jahre war der Fluss unter dem Stein verschwunden, in den Katakomben unter der Stadt, floss durch Röhren und unterirdische Kanäle, in denen die Ratten lebten, dunkler, stinkender Schlamm, brach erst im Norden der Stadt zwischen den Häusern wieder hervor aus dem Untergrund; jetzt zeigt er sich, wie ein Kanal, unter Brücken, an Freisitzen von Restaurants, vorm großen alten Gericht im Zentrum, versinkt dann wieder und verliert sich irgendwo zwischen den Sümpfen, auf denen die Stadt vor fast achthundert Jahren gebaut wurde, bevor der Rest des kleinen Stroms, schmal wie ein Bach, in einen anderen Fluss mündet, die Wasserläufe sind ober- und unterirdisch dicht miteinander verwoben, die Tropfen dringen durch den Stein, der Tunnel, den sie für die U-Bahn unters Zentrum der Stadt graben, läuft voll, Mini-U-Boote sondieren die Schäden, Rohrleitungen werden auf Masten in wirren Mustern in Richtung der großen Seen verlegt, aus denen das Wasser wieder in den Grund sickert, in die Flüsschen und Kanäle und Röhren schwemmt, AK überlegt, sich eine Jacht zu kaufen, aber keine Zeit, die Stimmen dringen durch seine Geschäfte, und er ahnt und weiß, dass die Zeiten schlecht werden, dass es Zeit wird, wieder die Rüstung anzulegen, während die ersten Fremden schon durch die Nacht streifen, Kann ich auf dich zählen, Hans? Aber immer, das weißt du doch!, die Geschichten kreisen um den Zentralbahnhof und weiter und weiter durch die ganze Stadt, AKs Makarow liegt in der Villa im Tresor, Die Engel kommen in die Stadt? Wollen wir wirklich, dass sie kommen?, noch ist ja Ruhe, aber die ersten Fremden streifen schon durch die Nacht, im Striplokal der Brüder W. versucht eine Gruppierung den Frieden am Tresen zu stören, Wir sind nur die Vorhut, aus der Hauptstadt dringen Stimmen, aus der Hauptstadt kommen Truppen, verstärken die Fremden in den beiden Städten, die fast schon zu einer zusammengewachsen sind, die Sümpfe sind so gut wie ausgetrocknet im Lauf der Jahrhunderte, verstärken die Terroristen (denn das sind Terroristen, die mit den Mitteln des Terrors uns den Markt nehmen wollen …), die um den Armenier Pierre (Wieso heißt dieser Kanackenarsch Pierre?) seit einigen Jahren in Heroin und Koks und Kristall investieren, obwohl Koks immer noch Marschall Tito und den Albanern das große Geld zufließen lässt (Wieso haben die Jugos sich nicht gegenseitig weggemacht wie damals auf dem Balkan?), die Gerüchte umkreisen den Zentralbahnhof wie eine Windhose, Einfach mal die Hosen runter, damit ich sehe, was Sache ist!, die Securities an den Türen der Clubs und Diskotheken rüsten auf, Freitagnacht bis Sonntagmorgen, AK fährt durch die Stadt und schaut nach seinen Objekten, besucht alte Freunde und alte Feinde, Knie dich hin, du Stück Scheiße, und guck mich an, damit ich in deinen Augen sehen kann, ob du lügst, der Graf sitzt in der Burg und sieht in den Büchern, durch die er blättert, dass die Lichter verlöschen, so oder so, Zeit für ein paar Schachzüge, Zeit, die Rückkehr vorzubereiten, es ist Zeit …, und die Straßen glitzern regennass, Eliot Ness lehnt sich zurück und telefoniert mit der Hauptstadt und spürt, dass die silbernen Fäden schwingen, vibrieren, und wartet auf das Dominoprinzip und wartet auf das große Fallen, während der Mann hinter den Spiegeln über die kühlen Flügel einer grün verwitternden Engelsfigur aus Metall streicht, die Mädels nach der Arbeit nach Hause fahren oder am Wochenende mal in die Disko fahren …, es ist Zeit …, oder ins Kino gehen, wo die richtigen, großen Gangster wohnen, still und dunkel und fast schwarz, bevor das Licht durch den Raum dringt, Eine Invasion wird stattfinden, sagt die alte Wahrsagerin in ihrem Wohnwagen auf dem Rummelplatz, die Schreie wehen von der großen Achterbahn mit den olympischen Ringen, die ist zum ersten und letzten Mal in der Stadt, Warum sagst’n das so einfach und nicht in deinen üblichen Hieroglyphen? — Und dann sehe ich noch ein großes Leuchten in der Dunkelheit, Diamantenaugen, und Hans schaut ins Schäumen des Wassers, wirft eine Zigarette hinein, an deren Filter ein Bonbon klebt,»Malz, das wurde überall hingekarrt von hier aus.«

«Also ein florierender Betrieb?«

«Ja, lange her. Sagte ich doch schon. «Sie blickten auf das grüne spitze Dach des Turmes der alten Malzfabrik, der hinter den Häusern zu sehen war.

«Ja, sagten Sie schon. Sie kennen sich wirklich aus mit gutgehenden Geschäften.«

«Gefällt mir nicht, wie Sie das sagen.«

«Nein, im Ernst. Was denken Sie, warum wir Ihnen vertrauen?«

«Ich bin mir nicht sicher, ob Sie mir wirklich vertrauen …«

Sie waren weitergegangen und standen jetzt vor dem Café auf dem Marktplatz der kleinen Stadt G.

«Sonst wäre ich jetzt nicht hier«, sagte der Anwalt und zog seine Lederhandschuhe aus und setzte seine bunte Wollmütze ab. Er steckte seine Handschuhe und die Mütze in die Taschen seiner Militärjacke und öffnete die Tür der Bäckerei. Eine Glocke läutete, Hans war hinter ihm, und während der Anwalt schon mit der Dame an der Verkaufstheke sprach, schloss er die Tür mit einem letzten Blick auf den leeren Marktplatz. Das Backsteingebäude mit dem kleinen Portal war wohl das Rathaus. Das runde Becken eines wasserlosen Brunnens davor. Der Winter war ja erst seit knapp zwei Wochen vorbei.

«Was genau ist denn Schmand?«, hörte er den Anwalt fragen und trat zu ihm an die Verkaufstheke.

Die Verkäuferin, eine kleine blonde, etwas dralle Dame Mitte vierzig, die perfekte Bäckerin, dachte Hans, wollte etwas sagen, aber der Anwalt redete schon wieder weiter. Nerven kann er, dachte Hans.

«Also«, sagte die Verkäuferin und holte Luft,»unser Schmand-Kuchen ist aus Mürbeteig, mit einer Mischung aus Pudding und eben Schmand gefüllt.«

«Nach traditioneller Rezeptur«, fügte sie hinzu.

«Klingt gut. Nehmen wir jeder ein Stück zum Kaffee, nicht wahr, Herr Pieczek?«

«Sehr gerne«, sagte die Verkäuferin,»Sie können schonmal Platz nehmen.«

Sie gingen in den hinteren Teil des Ladens, während die Verkäuferin mit Geschirr klapperte.